Anton Markreiter

„Was er geschaffen, ist ein Edelstein,
Drin blitzen Strahlen für die Ewigkeit;
Doch hätt' er uns ein Leitstern sollen sein
In dieser hellen, irrgewordnen Zeit,
In dieser Zeit so wetterschwül und bang ...
Er hätte — aber gönnt ihm seine Ruh! ...
Die Augen fielen ... zu;
Doch hat er, funkelnd in Begeisterung,
Vom Himmelslichte trunken, sie geschlossen ...
Und eine Braut nahm ihn der andern ab;
Vor der verhaucht er friedlich sanft sein Leben,
Die Freiheit trug den Jünger in das Grab ...
(Aus Georg Herwegh's „Zum Andenken an Georg Büchner.")

Ein Stern ist erloschen, ein Kampfesschwert entzwei gebrochen — »Quidam« ist nicht mehr. Er war es, den sie zu Grabe trugen am 25. Oktober und die lange Schar derer, die seiner Bahre folgte, wußte, daß nun eine klaffende Lücke gähnte in all jenen Gemeinschaften idealen Strebens und Ringens gegen die Tyrannei, die dem bornierten und engherzigen Egoismus und Strebertum unserer Zeit noch nicht verfallen sind. Darin ist uns Anton Markreiter ein Unvergeßlicher: er ging durch einen Sumpf, ohne in ihm zu versinken, und Wenigen ist es gegeben, in einem relativ so hohem Alter, wie er es erreichte, sich bis zuletzt jene goldige Zuversicht, den Charaktermut des unbeugsamen, rechtlichen Kämpfers für Wahrheit und Freiheit zu bewahren, wie es ihm gelang. Diese, trotz Krankheit und materieller Elendsmisere und grauer, trüber Sorge ums Alltagsauskommen immerdar kernige, sonnige Natur war ein Symbol ewiger Geistesjugend und eherner Geisteskonsequenz.

Anton Markreiter entstammte einer Bourgeoisfamilie, er sollte die militärische Karriere einschlagen, besuchte die Kadettenschule und war also auf dem Wege, um »Karriere« zu machen. Aber der dumpfe und die Vernunft eines jeden natürlich denkenden Menschen gefährdende Drill des Militarismus konnte seinen Geist nicht lähmen. Leben und Schicksal und gewollte Absicht entrissen ihn dem Organismus der mordenden Gewalt, und es begann für ihn nun die Zeit des Volksmenschen, dessen Schweiß und Arbeit dazu dienen, den Staatsmenschen, also den Militarismus, der durchaus unproduktiv ist, zu erhalten, ihm sein Parasitendasein zu ermöglichen. Und Markreiter lernte die furchtbarste Strenge des Daseinskampfes in der kapitalistischen Gesellschaft kennen; diese Erfahrung ist ihm sein ganzes Leben lang treu geblieben, obwohl er es wohl anders hätte haben können ... Er versuchte sich als alles, war Taglöhner, Erdarbeiter, kurz, hatte die ganze Grausamkeit einer aus den Geleisen vorgeschriebener Pflichtpfade geschleuderten Existenz auszukosten, die sich nicht beugen und ducken wollte, stets ihrem inneren Ich treu blieb. Bis er zuletzt auf den Beruf des materiell sehr vogelfreien, weil unabhängigen Schriftstellers stieß, den er allerdings, um überhaupt leben zu können, mit jenem des Photographien verbinden mußte.

Markreiter war einer der ältesten Pioniere der österreichischen Arbeiterbewegung; er war ein Sozialist im besten Sinne des Wortes. Seinem weitschauenden Geiste genügten die schablonenhaften Phrasen des Parteigetriebes nicht, er gestaltete und errang sich seine sozialistische Weltanschauung. Der Sozialismus muß, um Weltanschauung in einem wirklich neu kulturellen Sinne zu sein, stets im Atheismus wurzeln. Es gibt keinen Sozialisten, der nicht Atheist ist, denn die Aufnahme Feuerbachscher Gedanken muß, ebenso wie für Marx, die Grundlage der Geistesphilosophie eines jeden sein, der den Herrscher und dadurch Ausbeuter auf ökonomischem Gebiete verwirft. Diese klare Erkenntnis über das Wesensziel des Sozialismus besaß Anton Markreiter, dessen geistige Entwicklung aber damit nicht abschloß. Der Menschengeist, der das uralte Mysterium des Überirdischen mit dem Forscherblicke des suchenden, wissenschaftlich spürenden Geistes durchdringt und, dank seiner endlich gewonnenen Gewissensüberzeugung, es laut bekennt: »Es gibt keinen übersinnlichen Gott!« — der kann nicht Halt machen vor all den Göttern und Götzenbildern des irdischen Lebens dieser heutigen Welt.

Markreiter war Sozialist, weil er Atheist war; aber dies genügte ihm nicht, denn er begriff sehr wohl, daß im Allgemeinbegriff des Sozialismus eigentlich nur ein vages Gemeinschaftsprinzip in ökonomischen Lebensdingen gelegen ist. Dies genügte ihm nicht, wie es keiner Vernunft, die nicht daran gewöhnt ist, mit seichten Oberflächlichkeiten sich über ernste Probleme hinwegzusetzen, jemals genügen kann; er wußte so gut wie irgend ein Beobachter des menschlichen Lebens es wissen muß: auch satte Sklaven sind nicht frei! Und da die Befreiung vom übersinnlichen Gott die Befreiung der menschlichen Vernunft vom Joche der theokratischen Kirche ist, so mußte der Befreiung dieser Vernunft, logischerweise die Befreiung von allen beengenden Fesseln und Herrschaftsinstitutionen unter den Menschen selbst, die doch insgesamt vernunftbegabte Wesen sind, folgen. Markreiters Geist löste sich los von jeder Vorstellung über einen Gott; er löste sich auch los von jeder Vorstellung über einen Gott auf Erden, über die Berechtigung der Herrschaft des Menschen über den Menschen — und so ward er Anarchist, ein Freiheitskämpfer, der da weiß: die Freiheit ist die Hauptsache im sozialen Kampfe, denn nur sie bietet Brot und individuelle Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Entfaltungsmöglichkeit: sich selbst — die Freiheit!

Wer sein Leben als Atheist und atheistischer Kämpfer kennen lernen will, den verweisen wir auf die Publikationen des österreichischen Freidenkerbundes, dem er redaktionell Jahzehnte lang vorstand; wir verweisen ihn auf die soeben erschienene neueste Nummer des «Freien Gedanken», in der die Leser einen gediegenen Nachruf, ihm gewidmet, finden. Auch wir kennen ihn als Kämpfer; Jahrzehnte lang war er in der sozialdemokratischen Bewegung tätig, doch als er fand, daß politische Streberei und warmsatte Altersfürsorge für sich selbst dorten in den führenden Kreisen eingerissen, das sozialistische Prinzip vollständig zurückgedrängt hatten, da gehörte er nicht zu jenen, die nun mit dem Strome schwammen, gegen besseres Wissen mit den Wölfen heulen, nur um sich zu versorgen, sondern Markreiter kehrte dieser Bewegung den Rücken und deklarierte sich offen als Anarchist.

Wer einen kleinen Ausschnitt aus seiner letzten sozialpolitischen Gedankenwelt kennen lernen will, der lese die «Sozialdemokratischen Gedanken über die Anarchie» nochmals nach, die in Nr. 11 unseres Blattes von einem «Ketzer» veröffentlicht wurden; es ist Markreiter, der sie verfaßte. Im übrigen haben sich eine Anzahl seiner Freunde schon zusammengetan, die es als ihre Ehrenpflicht betrachtet, die zahlreichen Gedankenblitze und Perlen seiner publizistischen Tätigkeit auf atheistisch-sozialem Gebiete zu sammeln und in Kürze in einem Bändchen, das wenigstens einen kleinen Teil dessen, was groß an Markreiter war, herausgeben wird; darin soll das enthalten sein, was unsterblich und fortwirkend in ihm war, sein ewiger Rebellentrotz und seine kühnen, alles Menschenschändende verleugnenden Gedanken, sein Geist!

Vor einem ist er verschont geblieben, davor nämlich, daß Männer an seinem offenen Grabe gesprochen, die ihn im Herzen nicht liebten, ihn fürchten gelernt haben, weil sie die Schärfe seines Wahrheitswortes fühlen mußten. Es wäre auch wirklich ein Mißklang sondergleichen gewesen, wenn Männer ihm die letzten Ehren bezeugt hätten, die in ihrem Leben einen so krassen Kontrast von dem bilden, was Markreiter gewesen und wie sein Leben war. Unser Anton hat es nie verstanden, sich durch demagogische Künste die Gunst der gedankenlosen Masse buhlerisch zu erschleichen und damit seine soziale Frage zu lösen. Bis zuletzt hatte er nur das, was seiner Hände oder seines Geistes Fleiß ihm, schwer genug, eintrugen. Viele seiner besten Freunde können es bezeugen, daß er, trotz seines Geistes, seiner Persönlichkeitsanlagen, stets Proletarier blieb, der zuletzt sogar, um sich vor dem Ärgsten zu schützen, zu dem bekannten Mittel aller Geistesproletarier greifen und seine Bibliothek veräußern mußte. Es wäre ein allzu schneidender Hohn auf diesen edlen Lebenswandel gewesen, wenn diejenigen das Wort mündlich oder schriftlich ergriffen hätten, die weder an Wissen noch an Charakter ein Markreiter sind. Dafür gebührt ihnen gewissermaßen Anerkennung, daß sie im Innersten ihres Bewußtseins dies auch sehr wohl begriffen und nur durch achtungsvolles Schweigen die stolze Rebellenleiche ehrten, die da hinausgefahren worden zur ewigen Ruhe; allerdings, in diesem Schweigen liegt auch unsägliche Scham über ihr eigenes Selbst.

Anton Markreiter ist tot. Uns, die wir ihn gekannt, geliebt, manch traute Stunde mit ihm verbracht, seinen Kampfgenossen wird er stets unvergeßlich bleiben. Möge sein Geist oft unter ihnen weilen, sie aufrichten und beleben und zur Ausdauer anspornen. Das ist die Ehre, die wir ihm und seinem Andenken weihen!

Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 22 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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