Gustav Habermann - Wiener Proletariat (1880-90)

Am Sonntag wurde gewöhnlich vormittag gearbeitet. Dann war Auszahlung oder besser gesagt: Nachzahlung. Man bekam eine weitere Abschlagszahlung auf den Wochenlohn. Der Rest wurde während der Woche bezahlt. Nachmittag wurden Wirtshäuser besucht, wo sich die Unterhaltungen wie am Samstag wiederholten, ähnlich war’s Sonntag abend. Wer noch etwas übrig hatte, lebte auch am Montag so weiter. So lange ein Groschen in der Tasche war, wurde nicht gespart. Dafür wurde an den Wochentagen geradezu knauserig gelebt.

Die ganze Woche über schwelgte man bei der Arbeit in Erinnerungen an den Samstag und Sonntag. Man durchkostete in Gedanken noch einmal alle Genüsse und Ereignisse. Während man in schwerer Mühe und Not, in heldenmütigem Entbehren und Hungern hinlebte, schwirrten rosige Gedanken und lockende Bilder durch den Kopf: wie herrlich und fröhlich es wieder am Samstag und Sonntag sein, wo man zum Nachtmahl einkehren, wie hoch es da hergehen und wie man sich wieder unter lustigen Gesprächen und den weichen Klängen der Musik wohlfühlen würde. Inmitten der Woche wurden Tage, Stunden gezählt, und mit wahrer Leidenschaftlichkeit wurden in leuchtenden Farben die ersehnten Stunden des Vergnügens ausgemalt, Stunden des Glücks und der Seligkeit am Samstag nach der Auszahlung und am Sonntag ...

Die Woche über war’s traurig, recht traurig. Beim Nachtmahl waren trockene Grammeln und Speck die einzigen Leckerbissen. Zum Mittagessen ins Gasthaus gingen wenige, nur die Glücklichsten, und wer sich ein Gulasch mit Bier und Brot bestellte, wurde als reicher Mann und Prasser angesehen. Ein großer Teil der Arbeiter ging in eine Auskocherei, wo man für ein paar Kreuzer ein Mittagessen bekam, allerdings war es so knapp, daß man nach dem Essen erst rechten Hunger spürte. In den Werkstätten ließen sich die meisten das Essen durch den Lehrbuben holen. Es bestand gewöhnlich aus zwei paar Würstchen mit Gulaschsauce, einem Laibl Brot um vier Kreuzer und einem halben Liter Abzugbier. Und mancher brave Arbeiter, den ich kannte, aß hinter der Verzehrungssteuerlinie ein Laibl um vier Kreuzer und zapfte sich zum Nachtrinken ein Krügel aus der Wasserleitung ...

Gearbeitet wurde von sieben Uhr früh bis sieben Uhr abends. Freitag machten wir «Durchmarsch», d.h. wir arbeiteten die Nacht durch, damit die Arbeit dem Besteller oder in die Niederlage abgeliefert werden könnte. So kam Geld ins Haus. Wurde nicht geliefert, hatte der Meister kein Geld, weder für sich, noch für seine Leute. Der Lohn war sehr knapp. Gut qualifizierte Arbeiter verdienten neun oder zehn Gulden; ein Wochenverdienst von elf oder zwölf Gulden galt schon für sehr ansehnlich und war eine vereinzelte Ausnahme. Diese Verdienste waren übrigens nicht ständig. Nur ein Teil der Arbeiter arbeitete das ganze Jahr. Ein großer Teil war wochenund monatelang ohne Arbeit, besonders dann, wenn eine schlechte Saison war. Hungerten die Arbeiter schon zur Zeit, wo sie Arbeit hatten, so traf sie in der Zeit der Arbeitslosigkeit um so härter das Schicksal des damaligen Wiener Proletariats.

So standen die Dinge bei den Kleingewerhetreibenden. Nicht besser erging es freilich dem Arbeiter in Fabriken und größeren Unternehmungen ...

Damals trug Wien noch an den Nachwirkungen des großen wirtschaftlichen Krachs, des Bankrotts von 1873 und der darauf folgenden Jahre. Handel und Gewerbe hatten sich noch nicht erholt. Es herrschte Mißtrauen und finanzielle und wirtschaftliche Beengtheit. Nach einer kurzen Zeit des Aufschwunges in Wien kam nach dem Krach die Entmutigung. Der Unternehmungsgeist stockte und die Arbeiterschaft war allen Konsequenzen der Krise preisgegeben.

Löhne und Verdienst sanken um 100 bis 200% im Vergleich zu jenen vor dem Krach. Ältere Arbeiter erzählten ihren jüngeren Kameraden, daß sie wöchentlich dreißig bis vierzig Gulden verdient hatten, und da wurde nicht einmal die ganze Woche gearbeitet. Montag wurde blau gemacht. Am Dienstag ging’s auch noch nicht recht. Erst Mittwoch kam man in Zug und arbeitete fleißig bis Samstag. Da bekam man sein Geld auf die Hand und dann wurde gelebt. Und wie wurde gelebt!

Nach dem Krach gab’s überhaupt keine Arbeit und Anstellung und die Löhne sanken zu einem Bettelgeld herab. Die Arbeiter und Gewerbetreibenden trugen die neuen schrecklichen Verhältnisse sehr schwer, sie litten und entbehrten.

Zu dieser Verelendung der wirtschaftlichen Zustände gesellten sich noch andere Einflüsse, welche die triste Lage des Wiener Arbeiterproletariats noch drückender machten.

Es kam die Aera Taaffe-Dunajewski in den achtziger Jahren und mit ihr die Überwälzung der indirekten Steuern auf die Bevölkerung. Der damalige Finanzminister, der Pole Dunajewski, faßte nach dem Beispiel anderer Staaten den Plan, die Steuerlast des Staates den breitesten Schichten, den Arbeitern und dem ganzen Proletariat aufzubürden. Bei den furchtbaren Wirtschafts- und Arbeitsverhältnissen und der nun einsetzenden Verteuerung der Lebensmittel verschlechterte sich unter dem Einfluß der indirekten Steuern die elende Lage aller produzierenden Schichten noch mehr.

Aus diesen Verhältnissen, aus diesem wirtschaftlichen und sozialen Milieu begann sich die Arbeiter- und Sozialistenbewegung vorzubereiten und zu entwickeln, aber auch die antisemitische und christlichsoziale Strömung zu Anfang der achtziger Jahre.

So war der Boden in Wien gelockert und empfänglich gemacht für den Sozialismus und die Arbeiterbewegung, die zu einem großen und wichtigen Teil von der tschechischen Arbeiterschaft getragen wurde, einer Arbeiterschaft, die, wirtschaftlich und sozial an die Wand gedrückt, am schwersten entbehrte und litt und nach den landläufigen Wiener Anschauungen auch noch national verketzert, ja verachtet war.

Aus: Aus meinem Leben. Erinnerungen aus den Jahren 1876-1896. Wien: F. Tempsky Vlg. 1919, S. 57-60

Originaltext: Emmerich, Wolfgang (Hg.): Proletarische Lebensläufe. Autobiographische Dokumente zur Entstehung der Zweiten Kultur in Deutschland. Band 1. Anfänge bis 1914, rowohlt 1974. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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