Erich Mühsam - Die Lehren von Boston (1927)

Sacco und Vanzetti sind für das Proletariat gefallen. Ihre Namen leben. Die Saat, die sie gestreut haben, wird aufgehen. Wehe den Mördern!...

Der weltrevolutionäre Zustand, der vor 13 Jahren mit dem Wiener Ultimatum an die Belgrader Regierung akut wurde, hat in dem rasenden Wechsel seiner Erscheinungsformen gegenwärtig eine Phase erreicht, die die Kampfenergie der Reaktion in ihrer höchsten Steigerung zeigt, zugleich aber schon das erneute Hochfluten der revolutionären Umsturzkräfte sichtbar andeutet. Wir Zeitgenossen der ungeheuren Ereignisse, von denen die Geschichte der nächsten Jahrhunderte ihren gesamten Inhalt nehmen wird, neigen beim Abebben jeder Welle ringender Anstrengung der einen oder andern Seite zu der resignierten Auffassung, als ob jetzt für lange Zeit Sieg und Niederlage entschieden sei. 

Wir sind mit den Erlebnissen der Stunden und Tage zu aufgeregt beschäftigt, als daß wir das rasende Tempo des schicksalhaften Verlaufes der Zeit im Maßstabe der historischen Betrachtung zu erkennen vermöchten. Wie unberechtigt, ja lächerlich aber beispielsweise die skeptische Beweisführung ist: Mussolinis Schandwirtschaft in Italien herrscht jetzt schon über fünf Jahre, das beweise die dauerhafte Befestigung des fascistischen Terrors, - leuchtet sofort ein, wenn man den zeitlichen Ablauf bekannter Geschichtsvorgänge aus entfernterer Vergangenheit zum Vergleich heranzieht. Die Ereignisse der großen französischen Revolution erscheinen uns aus der Rückschau wie ein Katarakt überstürzter Plötzlichkeiten, und doch dauerte es vom Sturm auf die Bastille (14. Juli 1789) über drei Jahre, bis auch nur die Republik proklamiert wurde (21. September 1792). Dabei galt es hier bloß das Wegräumen dies Symbols, das die bereits in Schutt zusammengebrochene Feudalherrschaft kennzeichnete, während der Fascismus der neue, groß angelegte Versuch ist, die noch nicht zerschmetterte, aber ins Wanken geratene und vielfach geborstene kapitalistische Wirtschaftsordnung mit den primitiven, nur im technischen Verfahren modernisierten Mitteln der antiken Tyrannis aufrecht zu halten.

7 Jahre hindurch folterten die amerikanischen Justizknechte die beiden als Raubmörder verleumdeten Anarchisten im Gefängnis, über 6 Jahre lang hing über ihren Köpfen das Damoklesschwert des rechtskräftigen Todesurteils, bis es vollstreckt wurde. Aber selbst in dem Lande, das bis jetzt von den Erschütterungen der Gesellschaftsfundamente durch die in Bewegung geratene Weltrevolution unmittelbar nur sehr wenig berührt ist, wich die traditionelle Brutalität, Gewissenlosigkeit und protzenhafte Überhebung der demokratischen Milliardärfunktionäre jahrelang immer wieder vor dem Protest der gesamten arbeitenden Menschheit zurück. Zeigen diese 7 Jahre nicht vollkommen klar, daß nichts, was uns bewegt, erregt, verzagen oder hoffen läßt, nichts, was heute Geschichte ist, als abgeschlossen und stabilisiert angesehen werden kann? Der Fall Sacco und Vanzetti ist älter als der ganze Fascismus.

Seit der Tod der beiden Männer beschlossen war, die sich bei Streikbewegungen das Vertrauen der Arbeiter von Massachusetts erworben hatten, die die Schandtaten im Gerichtsgefängnis der Stadt New York, die körperliche Folterung und Ermordung ihres Kameraden Salsedo, aufgedeckt und zum Gegenstand revolutionärer Kundgebungen gemacht hatten; seit die ungeheuerliche Ruchlosigkeit gewagt war, diese Kämpfer um ihrer Gesinnung willen als Straßenräuber für den elektrischen Stuhl zu bestimmen, hat sich das soziale Weltbild in allen Erdteilen und Ländern hundertmal verändert. Kriege sind geführt worden in Rußland und am Balkan, in Polen, Syrien und Marokko, Revolutionen haben sich vollzogen, Kolonialvölker haben sich erhoben; die Wirkungen des Weltkrieges nahmen ungeahnte Formen an: die Geldwährungen verkrachten, ganze Völker, das deutsche vor allen, ließen sich von einzelnen Großschiebern bis auf die Knochen ausplündern, Wucherkonzerne von wahnwitzigen Dimensionen wuchsen auf, brachen wieder zusammen, Korruption, Meuchelmord, Entfesselung aller Roheit und Tollheit illustrierten allüberall die soziale und politische Situation. 

Wahrheitsfremd und wirklichkeitsblind feiert man die papiernen Zusicherungen einer in bleicher Revolutionsangst auf Paragraphen gezogenen Verfassung, die herhalten muß, um die wüstesten Vergewaltigungen des Proletariats durch das Kapital zu decken. Vormärzliche Zustände sollen durch Beseitigung der Schwurgerichte, Wiedereinführung der Zensur, Entrechtung der Jugend, Auslieferung der Schule an die Kirche, Beschränkung und Gefährdung des Streik- und Koalitionsrechtes, Oktroyierung militärischer Einflüsse auf die Bildungsinstitute der Allgemeinheit und jede Art verwegenster Reaktion und Angstsuggestion neu befestigt werden, und da das nun schon eine Weile so andauert, - immerhin einen Teil der Zeit, die Sacco und Vanzetti auf die Vollstreckung ihres Urteils warten mußten -, glaubt alle Welt, der Streit sei entschieden, der Völkerbund sei das Fundament ewiger Beziehungen zwischen den Staaten, der Sturm habe sich beruhigt und Gott habe verfügt, daß übermorgen wieder vorgestern sein solle. Selbst Bucharin hat schon vor 2 Jahren fatalistisch resigniert und den Kommunistischen Parteien aufgegeben, den Kapitalismus bis auf weiteres als stabilisiert anzusehen und danach ihr Verhalten einzurichten, was sie wahrhaftig getreulich ausführen. Tatsächlich hat dieser an Wahnsinn grenzende Irrtum nur dazu geführt, daß das einsturzreife Gebäude des Kapitalismus von Rußland her neu gestützt wird, während sich die von dort dirigierten Kommunisten in den ändern Ländern das frische Auftapezieren der Innenwände des Hauses mit modernen Mustern angelegen sein lassen.

Die Tragödie von Boston ist, betrachtet im Zusammenhang der weltrevolutionären Gärung, von unermeßlicher Bedeutung. Die amerikanischen Machthaber sind, das haben sie, seit sie nur je Regungen der Abwehr im Proletariat gespürt haben, unzählige Male bewiesen, ohne die geringste moralische Hemmung. In Upton Sinclairs "Sumpf", "Jimmy Higgins", "100 Prozent"; in Jack Londons "Die Eiserne Ferse" lernt man die Herrschaften gut kennen. Die Ermordung der 5 Anarchisten in Chikago am 11. November 1887 trotz aller Weltproteste, die Anwendung der Folter bei gerichtlichen Untersuchungen, die krassen Gewaltsamkeiten selbst gegen ausländische Bevölkerungen, die sich der Ausschröpfung durch das Dollarkapital widersetzten - der Massenmord mit Fliegerbomben in Nikaragua gab ja erst in den letzten Wochen ein Beispiel - und die infame Peinigung Saccos und Vanzettis, die 7 Jahre lang nicht erfuhren, ob man sie die nächste Woche noch erleben lassen würde, erweisen das Land der höchsten technischen Zivilisation zugleich als das Land der niedrigsten ethischen Kultur der Welt. 

Dieses Übermaß sittlicher Verkommenheit aber bewirkte endlich mit der äußersten Scheußlichkeit ihres Raffinements einen moralischen Triumph der Menschheit, der in der modernen Geschichte ohne Beispiel ist. Die Arbeiterschaft aller Länder der Welt, ohne Unterschied der politischen Anschauungen, und in ihrem Gefolge weite Kreise des Bürgertums und der Intellektualität fanden sich zu einem wilden Aufschrei der Empörung gegen eine Barbarei zusammen, die Menschen, die nicht nur materiell denken, sondern dem Gefühl und dem Gewissen ein Mitbestimmungsrecht an ihrem Verhalten einräumen, schlechterdings nicht ertragen können. Dieser Akt der Weltsolidarität mit zwei revolutionären Proletariern ist ein unaussprechlich tröstlicher Vorgang in einer Zeit, die nur darum den natürlichen Weg zur Befreiung der Arbeiter nicht finden kann, weil die Freiheitsbewegung in sich fast hoffnungslos zersplittert ist und die weitaus größte Mehrheit der aktiven Revolutionäre von einer falschen und verhängnisvollen Theorie umfangen ist, die an die Stelle der Solidarität die Disziplin, an die Stelle der Initiative das Kommando der Zentralgewalt, an die Stelle der Freiwilligkeit den Zwang setzt. Zum ersten Male haben wir eine wirkliche Einheit erlebt zwischen denen, die gemeinhin in ihrer Uneinigkeit sogar noch einen Wert erblicken; die Einheit aber kam daher, woher sie allein kommen kann: nicht aus Wissenschaft und materialistischer Erkenntnis, die bei verschiedenen Temperamenten immer Gegenstand des Streites sind, sondern aus dem natürlichen menschlichen Empfinden in Not und Empörung verbundener Menschen.

Gleichwohl haben die amerikanischen Regierer der vereinten Stimme der Menschheit kein Gehör gegeben. Sicher ist, daß die feste Absicht bestand, den Justizmord schon am 10. August zu vollziehen. Aber wäre der Aufschub die Kapitulation der Barbarei vor der Humanität gewesen, dann hätte sich das in andern Formen geäußert als darin, daß man 40 Minuten vor der festgesetzten Zeit die schon für den Henker hergerichteten Opfer aus der Todeszelle in ihr Kerkerloch zurückführt, ohne auch nur den Todesspruch aufzuheben, einfach mit einer neuen Terminbestimmung 12 Tage später. Nein, die Schergen des Landes der Edlen und Freien lassen sich von Bitten und Protesten nicht bestimmen, von Verbrechen abzustehen. Ich habe die zweifelsfreie Überzeugung, daß der Aufschub, dem sie noch einmal zustimmten, durch kein andres Gefühl veranlaßt war als das der Angst. Und zwar war es die Angst der amerikanischen reichen Bourgeoisie, die dem Scharfrichter in den Arm fiel, die Angst um ihr Leben und ihre Sicherheit. Die Genossen Saccos und Vanzettis wandten, als das Schicksal ihrer Freunde endgültig besiegelt schien, das letzte Mittel an, das des organisierten Schreckens. Bomben in Untergrundbahnhöfen, Bomben in Kirchen, Bomben in Justizpläste - und das Platzen dieser Bomben, vermischt mit dem entrüsteten Protestschrei der ganzen menschlich fühlenden Welt - das verlängerte das Leben der Anarchisten um ein paar Tage.

Es ist alte sozialdemokratische Gepflogenheit, jeden Akt individuellen Terrors als Spitzelarbeit hinzustellen. Die Parteikommunisten scheinen auch hierin den sozialdemokratischen Lehrmeistern Gefolgschaft leisten zu wollen. In ihren Blättern las man auf der einen Seite, daß die Polizei Bombenattentate inszeniere, um Stimmung gegen Sacco und Vanzetti zu machen, auf der andern Seite, daß das besitzende Publikum in ganz Amerika schreckensbleich herumlaufe und überall Dynamit rieche. Der Sinn der Attentate ist so klar, daß man sich fast schämen muß, noch Erklärungen zu geben. Es kam den Genossen, die das Mittel anwendeten, selbstverständlich darauf an, die Behörden und das Publikum einzuschüchtern. Eine Bombe, im Augenblick dieser aufgeregten Situation geworfen, spricht eine so deutliche Sprache, daß sie eines Dolmetschers nicht bedarf. Sie spricht: noch leben die Kameraden Sacco und Vanzetti, noch können sie gerettet werden; hört, wie ich dröhne, seht, wie ich zerstöre - hütet euch! Mordet ihr die Anarchisten trotzdem, so werdet ihr erkennen, daß es noch schrecklichere Waffen gibt, noch verheerendere Mittel, um eure faule Ordnung auseinander zu sprengen. Was jetzt geschieht, ist revolutionäre Warnung - hütet euch, Taten zu begehen, die zu revolutionärer Rache zwingen! ... Der Mord ist geschehen! Wehe den Mördern!

Die ganze proletarische Welt hat die Bomben richtig verstanden, nur die deutschen Marxisten bleiben skeptisch, heben pedantisch den Finger und sagen: Spitzel oder Wahnsinnige! Wir lehnen den individuellen Terror ab, dozieren sie weiter, denn nur der rote Massenterror hat seine Berechtigung. Es lohnt kaum, den Unsinn zu widerlegen, der zunächst in der prinzipiellen Unterscheidung zwischen Einzel- und Massenterror liegt. Ist der Greuel, den die amerikanische Klassenjustiz an Sacco und Vanzetti verübt hat, Einzel- oder Massenterror? Einzelne Organe der Klasse führen ihn aus im Namen der Klasse. Nicht anders ist es mit den Bombenwürfen in New York und Philadelphia. Die Wirksamkeit terroristischer Separatakte aber allgemein zu bestreiten, ist nicht weniger absurd, wenn es von Anhängern der russischen Revolution geschieht, die ohne die terroristischen Vorbereitungen seit den 70er Jahren gar nicht gewesen wäre, wie es absurd ist, wenn es in Deutschland geschieht, wo die nationalistische Reaktion niemals auch nur vorübergehend die Machtfülle hätte wiedererlangen können, wenn nicht die O.C. und andre Terrororganisationen durch Individualmorde (die, im Namen ihrer Klasse begangen, natürlich gleichwohl Taten des Massenterrors waren), die gründlichste Einschüchterung erst des Proletariats, dann der Republikaner bewirkt hätten.

Die Vereinigten Staaten von Nordamerika gaben mit ihrem Eintritt in den Weltkrieg den entscheidenden letzten Anstoß zum Ausbruch der Weltrevolution im Sinne des offenen Bürgerkrieges. Der Fall Sacco und Vanzetti hat die Vereinigten Staaten in den Bereich des Bürgerkrieges hineingezogen, und die Bomben der anarchistischen Freunde der Verurteilten waren Ausdruck des Willens, die Initiative in diesem Kriege nicht allein der Konterrevolution zu überlassen. Wie in allen Ländern, benutzte die Yankee-Reaktion die Justiz als erste Bürgerkriegswaffe gegen den Anspruch der Ausgebeuteten auf Lebensrecht und Freiheit. Aber die gänzlich schamlose Übertreibung des Mißbrauchs der Justiz im Falle Sacco und Vanzetti öffnete der ausgebeuteten Menschheit die Augen, und so begann der Gegenangriff mit dem die ganze Erde erfüllenden Aufschrei nach Gerechtigkeit, der begleitet war vom Donnern explodierender Bomben.

Als am 15. Juli in Wien das getretene und betrogene Proletariat, beleidigt in seinem Rechtsgefühl und bedroht in seinen Lebensrechten, auf die Straße ging, da leuchtete die Brandfackel des Justizpalastes warnend über den Thronen der Machthaber der Erde: ihr schändet das Recht, um eure Gewalt als Sklavenhalter zu sichern. Seht denn, daß nicht der Hunger allein Revolutionen bewirkt und veranstaltet. Ihr ruft die Justiz auf gegen uns, so greifen wir zur Gerechtigkeit und gehen in den Kampf unter ihrem Banner. Das österreichische Proletariat geht bitteren Tagen entgegen. Der schimpfliche Verrat, den die deutschen Arbeiter schon 1919 über sich ergehen lassen mußten, drüben ist er erst jetzt vollendet worden. Aber die bitteren Tage werden nicht ewig währen. Das Fanal vom 15. Juli kann nicht mehr verlöschen, und die Geschichte hat ein gewaltiges Tempo eingeschlagen. Die Wiener Kämpfe und der Weltappell nach Boston zeigen - trotz allem - die Revolution des Proletariats in neuem Anmarsch. Ihr Feldgeschrei aber - Bürger, Machthaber, Ausbeuter, Regierer, Richter, begreift das Menetekel -, ihr Feldgeschrei heißt nicht Brot und nicht Geld; ihr Feldgeschrei heißt Gerechtigkeit!

Aus: Fanal, 1. Jahrgang, Nr. 12, September 1927. Digitalisiert von www.anarchismus.at anhand eines PDF der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien (bearbeitet, Ue zu Ü usw.)


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