Die schwarze Flagge in der anarchistischen Geschichte

Anarchisten benutzen spezielle Symbole, nicht nur die schwarze Fahne, sondern z.B. auch das umkreiste A, in ihrer Revolte gegen den Staat und das Kapital. Jene 'A's finden sich gesprüht an Wände, Brücken oder andere Gebäude überall auf der Welt; Punks zeigen sie auf ihren Jacken und ritzen sie in halbgetrockneten Zement. Schwarze Flaggen tauchten unlängst auch in Russland auf und wehen heute in vielen Teilen der Erde.

Es gibt zahlreiche Beispiele für die Nutzung jener schwarzen Flaggen durch Anarchisten. Die womöglich populärsten waren Nestor Machno´s Partisanen während der Russischen Revolution. Unter dem schwarzen Banner gelang es seiner Miliz, ein Dutzend Truppen abzuwehren und die Ukraine für mehrere Jahre frei von Machtausübung von oben zu halten. In der jüngeren Vergangenheit trugen die Pariser Studenten schwarze (wie auch rote) Fahnen während des massiven Generalstreiks von 1968.

Doch die Flagge der Anarchisten entstand noch viel eher. Der erste Gebrauch jener Farbe für eine Fahne lässt sich nur schwer zurückverfolgen. Erstmals darüber berichtet wurde allerdings im Zusammenhang mit Louise Michel, einem recht bekannten Mitglied der Pariser Kommune von 1871. Den Berichten des anarchistischen Historikers George Woodcock flatterte Michel´s schwarze Fahne auf einer Demonstration von Arbeitslosen in Paris am 9. März 1883. Mit 500 MitstreiterInnen - Michel an der Spitze - zog man durch die Stadt unter dem Leitspruch "Brot, Arbeit oder Blei" [gemeint sind Gewehrkugeln; das englische 'lead' steht allerdings auch für 'die Führung übernehmen'; der Übersetzer], wobei drei Bäckereien geplündert wurden, bevor die Polizei die DemonstrantInnen festnahm (Woodcock, S. 284-285). Berichte über eine frühere Verwendung der schwarzen Flagge durch AnarchistInnen sind nicht bekannt.

Nicht lang danach fanden jene Symbole ihren Weg nach Amerika. Paul Avrich berichtet, dass die schwarze Flagge auf einer anarchistischen Demonstration in Chicago am 27. November 1884 auftauchte. Glaubt man Avrich, so notierte damals August Spies, einer der bekannten Märtyrer der Haymarket-Tragödie, dass "dies der erste Anlass war, an dem die schwarze Flagge auf amerikanischem Boden ausgerollt wurde" (Avrich, The Haymarket Tragedy, S. 144-145).

Der 13. Februar 1921 war das Datum, welches das vorläufige Ende der schwarzen Flaggen in Sowjetrussland markierte. An jenem Tag wurde Peter Kropotkin in Moskau beerdigt. Menschenmassen, die einen kilometerweiten Marsch zurücklegten, trugen schwarze Banner auf denen zu lesen war "Wo Autorität ist, ist keine Freiheit". (Avrich, The Anarchists in the Russian Revolution, S. 26). Es scheint, als ob die schwarzen Flaggen in Russland erst mit der Gründung der Bewegung "Tschernok Sania" ("Schwarzes Banner") im Jahr 1905 auftauchten. Nur zwei Wochen nach der Beerdigung Kropotkins brach die Rebellion von Kronstadt aus und der Anarchismus in der Sowjetunion wurde für lange Zeit ausradiert.

Während die oben genannten Ereignisse relativ bekannt sind, ist der exakte Ursprung der schwarzen Fahne nicht mehr zurückzuverfolgen. Bekannt ist, dass eine große Zahl von anarchistischen Gruppen in den frühen 80'ern des 19. Jahrhunderts ihre Namen konsequent mit der schwarzen Flagge assoziierten. Im Juli 1881 trat in London die Black International (Schwarze Internationale) zusammen. Dies war ein Versuch der Reorganisation des anarchistischen Flügels nach der Auflösung der Ersten Internationale. Ähnlich dazu Organisationen wie das Schwarze Band in Frankreich (1882) und die Mano Negra Andalusian (Schwarze Hand) in Spanien (1883). Es ergibt sich also eine genaue Zeitlinie mit dem Auftauchen der Farbe Schwarz im anarchistischen Lager und der erstmaligen Verwendung schwarzer Flaggen in Paris 1883 und Chicago 1884.

Die Ansicht jenes Jahrzehnts als Geburtsstunden anarchistischer Symbolik erhärtet sich durch eine Publikation eines jung gestorbenen französischen Anarchisten unter dem Titel "Le Drapeau Noir" (Die Schwarze Flagge). Roderick Kedward folgend muss jenes Schriftstück schon einige Zeit vor dem Oktober 1882 existiert haben, als eine Bombe in ein Lyoner Café geworfen wurde (Kedward, S. 35). Daran anknüpfend vermerkt Avrich, dass die Schwarze Flagge 1884 "das neue anarchistische Emblem" wurde (Avrich, The Haymarket Tragedy, S. 144). Damit übereinstimmend bemerkt Murray Bookchin, dass "die Anarchisten in späteren Jahren die schwarze Fahne adoptierten", "als von der spanischen anarchistischen Bewegung im Juni 1870 gesprochen wurde". Zu jener Zeit nutzen AnarchistInnen gemeinhin die rote Flagge. Es erscheint offensichtlich, wenn auch historisch nicht exakt darlegbar, dass in jener Periode die schwarze Flagge mit dem Anarchismus verbunden wurde.

Warum die Farbe Schwarz?

Es scheint, dass es wesentlich einfacher ist festzustellen, wann die Anarchisten die Farbe Schwarz wählten, als herauszufinden, warum genau die Farbe Schwarz gewählt wurde. Der Chicagoer "Alarm" bemerkte, dass die schwarze Flagge "das grauenhafte Symbol von Hunger, des Elends und des Todes" sei (Avrich, The Haymarket Tragedy, S. 144). Boockchin behauptet, das die schwarze Flagge das "Symbol der Not der Arbeiter und ein Ausdruck ihrer Wut und Bitterkeit" ist (Bookchin, S. 51).

Vor diesem Hintergrund beteuert Albert Meltzer, dass die Verbindung der schwarzen Flagge und der Revolte der Arbeiterklasse "begründet liegt in Rheims [Frankreich] in einer Areitslosendemonstration von 1831 ("Arbeit oder Tod")" (Meltzer, S. 49). Weiterhin stellt er fest, dass es in der Tat die Aktion von Michel im Jahre 1883 war, welche die Verbindung schuf und festigte. In der Historie wurde die Farbe Schwarz stets verbunden mit Blut - genauer geronnenes Blut - wie auch die rote Fahne. Die Farbe Schwarz wurde adaptiert als ein Symbol für all die von Kapitalisten ermordeten Menschen in ihrem Kampf für die Freiheit.

Zu diesem Thema verfasste Howard Ehrlich eine großartige Passage in seinem Buch "Reinventing Anarchy, again": "Warum ist unsere Fahne schwarz? Schwarz ist der Schatten der Negation; die schwarze Fahne ist die Negation aller Flaggen. Es ist eine Verneinung des Nationalismus, welcher die Menschheit gegen sich selbst ausspielt und die Einheit aller Menschen negiert. Schwarz ist die Stimmung der Wut, der Empörung über all die grauenhaften Verbrechen an der Menschlichkeit im Namen der Treue zu dem einen oder dem anderen Staat. Es ist die Wut und Empörung über die Beleidigung menschlicher Intelligenz durch Scheinheiligkeit, Heuchelei und billige Machenschaften der Regierungen. Schwarz ist auch die Farbe der Trauer; die schwarze Fahne, welche die Nationen zu Nichte macht, betrauert die Opfer, die ungezählten Millionen Ermordeten in Kriegen im Inneren wie Äußeren zum Ziele noch größeren Ansehens oder Macht eines Staates. Sie betrauert jene, deren Arbeit ausgebeutet (besteuert) für das Abschlachten und die Unterdrückung anderer Menschen. Sie betrauert nicht nur den Tod der Körper, sondern auch die Lähmung des Geistes in autoritären und hierarchischen Systemen; sie betrauert die Millionen stillgelegten Hirnzellen ohne Chance, jemals die Welt zu erhellen. Es ist eine Farbe untröstlichen Schmerzes. Aber Schwarz ist auch schön. Es ist eine Farbe der Bestimmung, der Entschlossenheit, der Stärke, eine Farbe, die alle anderen Farben bestimmt und definiert. Schwarz ist die mysteriöse Umrahmung der Keimung, der Fertilität, des Nährbodens für neues Leben, welches sich stets im Dunkeln bildet, erneuert und reproduziert. Die Saat in der Erde, der seltsame Weg von Spermien, die geheimnisvolle Reifung des Embryos in der Gebärmutter, all dies wird umgeben von schützendem Dunkel."

Die schwarze und rote Fahne

Schwarz und Rot sind die Farben der anarchistischen Arbeiterbewegung, bekannt als Anarchosyndikalismus. Das Rot symbolisiert den Syndikalismus (revolutionärer Verbund auf Basis der Ideen der Direkten Aktion), kombiniert mit dem Schwarz für den Anarchismus. Schwarz-rote Fahnen tauchten zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in verschiedenen Varianten auf. Eine diagonal geteilte, aus einem schwarzen bzw. roten Dreieck bestehende Fahne war in Spanien in den 30ern verbreitet und wird noch heute von der anarchistischen Arbeiterbewegung verwendet.

Das umkreiste A

Schwerer zurückzuverfolgen ist der Ursprung des "A"s als anarchistisches Symbol. Vielen glauben, dass es in den 70ern gemeinsam mit der Punk-Bewegung entstand, aber seine Geschichte reicht weit länger zurück. Am 25. November 1956 verwendete die Alliance Ouvriere Anarchiste (AOA) auf ihrer Gründungsveranstaltung in Brüssel dieses Symbol. Geht man noch weiter zurück, so zeigt eine BBC-Reportage über den Spanischen Bürgerkrieg einen anarchistischen Soldaten mit eben jenem umkreisten "A" gut sichtbar auf der Rückseite seines Helmes. Weiter ist kaum etwas bekannt über die Wurzeln des "A".

Quellen:

  • Paul Avrich, The Anarchists in the Russian Revolution, Cornell University Press, 1973
  • Paul Avrich, The Haymarket Tragedy, Princeton University Press, 1984.
  • Murray Bookchin, The Spanish Anarchists: The Heroic Years 1368-1 936, Harper Colophon Books, 1977.
  • Roderick Kedward, The Anarchists: The Men who Shocked an Era, American Heritage Press, 1971.
  • Albert Meltzer, The Anarcho-Quiz Book, Black Flag (organ of the Anarchist Black Cross), 1976.
  • George Woodcock, Anarchism: A History of Libertarian Ideas and Movements, Penguin Books, 1963.


Aus: Red and Black Project, aus dem englischen übersetzt

Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a11.html


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