Die Geschichte des Anarchismus in den Niederlanden

Protestanten, Antimilitarist*innen und Provos - Historische Voraussetzungen

Ein Blick in die vergangenen hundert Jahre zeigt, dass die Anarchist*innen in den Niederlanden vergleichsweise mehr Einfluss auf soziale Entwicklungen hatten als diejenigen in den benachbarten Ländern. Sieht sich die durchschnittliche Holländer*in stärker zum Anarchismus hingezogen als der durchschnittliche Deutsche oder Engländer*in? Zur Erklärung dieses Phänomen sind drei geschichtliche Entwicklungen von besonderer Bedeutung.

An erster Stelle ist die herausragende Stellung der niederländischen Pazifist*innen zu nennen, die sich ihre Autonomie jahrzehntelang in der internationalen Bewegung bewahrten. Im letzten Jahrhundert bildete die tief verwurzelte Abneigung gegenüber zentralistischen Autoritäten eine fruchtbare Basis für den Anarchismus und so zogen schon in den ersten Jahrzehnten der niederländischen Arbeiterbewegung (1845-80) die Führer der holländischen Sektion der Ersten Internationale Bakunins föderalistische Prinzipien dem zentralistischen Standpunkt von Marx vor.

Von gleicher Bedeutung scheint die tolerante Tradition des Protestantismus zu sein, die auch religiösen Dissident*innen wie den Lutheranern und den Baptisten einen großen Freiraum einräumte.

In gleicher Weise steht der Anarchismus mit seiner Betonung der individuellen Souveränität in enger Beziehung zur modernen theologischen Entwicklung nach 1870. Vor allem in der Mentalität gab es beträchtliche Ähnlichkeiten, so dass es kaum verwunderlich ist, dass ehemalige protestantische Geistliche eine wichtige Rolle in der Bewegung spielten.

Zu den bekanntesten zählt Ferdinand Domela Nieuwenhuis (1846 – 1919), der in seinen Memoiren schrieb, dass individueller Protestantismus fast direkt zum Anarchismus führt. Aber auch weiter protestantische Geistliche, wie Bart de Ligt, übten beträchtlichen Einfluss aus.

Das dritte Element ist die sozioökonomische Struktur der Niederlande, die im 19.Jahrhundert in weiten Teilen eine agrarische Gesellschaft war. Es gab zwar schon einige Fabriken, aber in der Hauptsache wiesen die industriellen Aktivitäten einen handwerklichen Charakter auf. Ohne eigene Bodenschätze konnte kein industrielles Zentrum wie in anderen europäischen Ländern entstehen. So waren industrielle Unternehmungen nur in den Städten im Westen und in einigen isolierten Regionen im Süden, Osten und Norden möglich. Folglich wiesen die ersten Arbeiterorganisationen rein lokalen oder regionalen Charakter auf, was sich ja mit dem anarchistischen Standpunkt in Bezug auf Autonomie deckte.

Diese Wirtschaftsstruktur bewirkte auch, dass sich der Anarchismus von Anfang an auf gewisse Regionen konzentrierte; eine Situation, die sich erst in den 1960ern änderte.

Freiheitliche Strömungen

Schon in den frühen 1890ern erschienen anarchistische Zeitungen und Broschüren, aber es dauerte noch bis 1898, bis sich der charismatische F.D.Nieuwenhuis endgültig dem Anarchismus zuwandte und die erste Ausgabe seines „ De Vrije Socialist“ veröffentlichte. Diese Zeitung förderte die Gründung lokaler Propagandagruppen, so genannten „Freien Gruppen“. Sein libertärer Sozialismus war jedoch nicht frei von Sektiererei und durch Nieuwenhuis Hang zum Vergangenen erwies sich sein anarchistischer Standpunkt gerade in kultureller Hinsicht als wenig fruchtbar. Aber als Kritiker der sozialen Demokratie erwarb er sich einen hervorragenden Ruf.

1893 gründete Christiaan Cornelissen, N.engster Mitarbeiter, das syndikalistisch orientierte „Nationale Arbeitersekretariat“ (NAS) als zentrale Organisation für die mittlerweile entstandenen verschiedenen Arbeiter*innenföderationen und – gewerkschaften.

Der Syndikalismus war die Tendenz in der Arbeiterbewegung, die dem Anarchismus am nächsten stand und vor allem in Frankreich und Spanien viele Anhänger*innen fand. Für die Syndikalisten spielten die lokalen Arbeiter*innenorganisationen und – syndikate eine zweifache Rolle: zum einen dienten sie den Arbeiter*innen in ihren täglichen Arbeitskämpfen und zum anderen erachteten sie sie als die organisatorische Basis für die von ihnen erstrebte Gesellschaft. In ihren Augen waren spontane Streiks das geeignete Mittel, um die Kampfkraft und Solidarität der Arbeiter*innen zu stärken. Zugleich könnte jeder Streik einen Generalstreik auslösen, in dem die ganze kapitalistische Maschinerie zum Stillstand käme.

Das NAS unterstützte zahlreiche Streiks und erwarb sich dank seiner Unabhängigkeit von den politischen Parteien damit starke Sympathien bei den libertären Sozialisten.

Daneben prägte den holländischen Anarchismus noch eine kleine Gruppe christlicher Anarchist*innen, die sich aus Anhänger*innen des russischen Schriftstellers Leo Tolstoj zusammensetzte. Sie lehnten sowohl die Kirche als auch den Staat ab und versuchten, wie die Urchristen zu leben. Vor der Jahrhundertwende wurden sie besonders durch ihre Propaganda für die Kriegsdienstverweigerung bekannt. Als Verfechter*innen des „Prinzips der Liebe“ lehnten die Tolstoijaner jegliche Form der Gewalt ab und unterschieden sich damit grundsätzlich von den libertären Sozialisten und Syndikalisten. Auch die ethischen Ideale des „Rein Leven“ im Sinne eines einfachen Lebens (gesunde, vegetarische Ernährung, alkoholische Abstinenz und sexuelle Selbstkontrolle) waren vielleicht mit Ausnahme des Antialkoholismus von der täglichen Lebenserfahrung der Arbeiter*innenklasse zu weit entfernt, um in weiteren Kreisen auf Interesse zu stoßen.

Trotz einer nur geringen Anzahl von Anhänger*innen, zu denen vor allem Menschen mit „höherer Bildung“ zählten, förderten die Tolstoijaner die ethische Orientierung des Anarchismus und spielten eine wichtige Rolle bei der Gründung von „Kolonien“, wie in den frühen Tagen dieses Jahrhunderts im allgemeinen Kommunen genannt wurden, und im Widerstand gegen den Kriegsdienst.

Diese drei Strömungen – libertärer Sozialismus, Syndikalismus und der Anarchismus der Tolstoijaner – fanden ursprünglich in den Niederlanden eine beachtliche Resonanz.

Was zeichnete den holländischen Anarchismus kurz nach der Jahrhundertwende aus?

In Anbetracht der sozialen Lage jener Tage zog die anarchistische Bewegung ähnliche Bevölkerungsgruppen an wie die Sozialdemokratie dieser Zeit: vor allem Hilfs-, Land- und Fabrikarbeiter*innen, weiterhin angestellte und selbständige Handwerker und schließlich kleine Gewerbetreibende und auch Intellektuelle.

Viele Anarchisten waren selbständige Arbeiter aus Handwerk und Handel, was die damalige sozioökonomische Situation widerspiegelt, in der Arbeit zumeist auf der Grundlage von freien Verträgen verrichtet wurde. Darüber hinaus war es Arbeitern, die nach einem Streik ihre Anstellung verloren hatten, kaum möglich, eine neue zu finden, so dass sie sich gezwungen sahen, sich einem Produktionskollektiv anzuschließen oder sich selbständig zu machen. Dabei darf ein wichtiges psychologisches Element nicht außer Acht gelassen werden: die anarchistische Theorie regte viele Anarchist*innen dazu an, sich selbständig zu machen, um so ein höheres Maß an Freiheit und Unabhängigkeit zu erlangen.

Sowohl der sozialdemokratische Gewerkschaftskongress NVV als auch das syndikalistische Arbeitersekretariat NAS fanden die meisten ihrer Anhängerinnen unter den gelernten Arbeiter*innen. Der NVV schloss hauptsächlich Verbände der Bergarbeiter, Zigarrendreher*innen und Typographen zusammen.

Das NAS wurde in erster Linie von Dockern, Seeleuten, Fischern, Landarbeitern sowie Bau-und Metallarbeitern unterstützt. Im Gegensatz zur NVV hatte das NAS und der 1923 gegründete Niederländische Syndikalistische Verband (NSV) nur sehr beschränkten Einfluss auf die Fabrikarbeiterschaft, die ständig an Stärke und Bedeutung angesichts der Industrialisierung der Niederlande seit dem 1. Weltkrieg gewann. Dieser Umstand erklärt weitgehend den fortlaufenden Verfall des Syndikalismus seit 1940 nach einem zeitweisen Aufschwung um 1920. Auch die libertären Sozialisten fanden nach dem Tod F.D. Nieuwenhuis 1919 außerhalb ihres traditionellen Arbeitskreises keine neuen Anhänger*innen.

Auch wenn der Syndikalismus und der libertäre Sozialismus weiter an Einfluss verloren, gab es doch auch in diesen Tagen Versuche der Wiederbelebung. Besonders Jugendliche aus der Arbeiterklasse und aus dem Mittelstand fühlten sich von den anarchistischen Ideen angesprochen; Zeitschriften wie „Alarm“ und „De Moker“ führten zur Gründung einer autonomen Bewegung, die dem Anarchismus neue Impulse verlieh.

Zur gleichen Zeit entwickelte sich der Tolstoijanismus zu einer Art ethischem, religiös gefärbtem Anarchismus, im dem Bart de Ligt als Kulturphilosoph eine wichtige Rolle spielte.

Ethische Orientierung

Nach dem verlorenen Eisenbahnerstreik 1903 wandten sich viele Anarchist*innen vom ökonomischen Kampffeld ab und der Arbeit an sozialkulturellen Reformen zu. Als sich 1920 herausstellte, das das Establishment doch stärker war, als lange Zeit vermutet, begannen die Anarchist*innen sich darauf zu konzentrieren, einen geistigen Wandel herbeizuführen. Dieser strategische Umschwung hing zweifellos zusammen mit der Änderung des sozialen Status der Anarchist*innen. Im gleichen Maße wie sich immer mehr intellektuell gebildete Leute aus dem Mittelstand zum Anarchismus hingezogen fühlten, verstärkten sich seine sozialen und kulturellen Aktivitäten.

Nebenbei spielten die Anarchist*innen seit der Jahrhundertwende als treibende Kraft der Freidenker-Bewegung eine wichtige Rolle im Widerstand gegen konfessionelle Zwänge. Bedeutender war jedoch ihr Einfluss auf die antimilitaristische Bewegung.

Die 1904 ins Leben gerufene und nach dem 2. Weltkrieg reaktivierte „Internationale Antimilitaristische Vereinigung“ (IAMV) war eine fast rein anarchistische Organisation. Während mehrerer Jahrzehnte trieb sie den antimilitaristischen Kampf voran und entfaltete unter dem Motto“ Kein Mann und kein Cent für den Militarismus“ eine Vielfalt anarchistischer Aktivitäten.

Auch beschäftigten sich vor allem die Anarchistinnen mit Fragen der Sexualität und der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Eher wie fortschrittliche Liberale und Sozialdemokrat*innen akzeptierten sie Geburtenkontrolle durch Empfängnisverhütung aber auch Homosexualität.

Aber ihre Propaganda der „Freien Liebe“ resultierte nicht aus der Kritik monogamischer Beziehungen und der bürgerlichen Familie. Sie lehnten die standesgemäße Heirat ab, weil der Staat ihrer Meinung nach nichts im Schlafzimmer zu sagen habe.

Nach dem 1.Weltkrieg begann sich die anarchistische Einstellung zur Sexualität zu wandeln. Mitte der 1930ern wurden Wilhelm Reichs Ideen zur „Sexualpolitik“ in der anarchistischen Presse heftig diskutiert und sexuelle Freiheit nun auch für die Jugend gefordert.

Bemerkenswerter war aber das wachsende Interesse der Anarchist*innen in diesen Jahren für die Aktivitäten jener „bürgerlichen“ Organisationen auf dem Gebiet der Sexualreform wie dem „Neu-Malthusianistischem Bund“(NMB), der nach dem 2.Weltkrieg als „Niederländische Vereinigung für sexuelle Gleichheit“ seine Tätigkeit fortsetzte.

Schließlich zogen auch Fragen der Erziehung die besondere Aufmerksamkeit der Anarchist*innen an. Die Ideen fortschrittlicher Erzieher*innen wie E.Key und M.Montessori wurden eingehend studiert und zuweilen in die Praxis umgesetzt. Sie gründeten freiheitliche Schulen wie die anarcho-pazifistische Kinderkommune in Bilthoven, eine Einrichtung, die sich weltweitem Ansehen erfreute. Des Weiteren gab es um 1920 noch verschiedene andere Initiativen, wie die von Clara Meijer-Wichmann zur Abschaffung der Gefängnisse.

In den 1940ern hörte der holländische Anarchismus auf, als Arbeiter*innen bewegung fortzubestehen. Nur einige wenige kleine Gruppen ohne jeglichen Einfluss bestanden noch, so dass er in den 1950ern rein zahlenmäßig seinen Tiefpunkt erreichte. Natürlich trug die politische Situation des „Kalten Krieges“ zu diesem Niedergang bei, aber wichtiger erscheint die, den sozialen Wandel beschleunigende, industrielle Restauration der Niederlande gewesen zu sein. So verloren die Gewerkschaften, in denen viele dem historischen Anarchismus anhingen, überaus schnell an Bedeutung und Stärke.

Erst in den 1960ern kam der Anarchismus wieder in „Mode“: zuerst in der „Ban de Bom“- und der Provo-Bewegung. Der neue Anarchismus wurde fast ausschließlich von gebildeten Jugendlichen aus dem Mittelstand getragen. Ungeachtet des tief greifenden sozialen Wandels zeichnete diesen modernen Anarchismus eine ethische und individualistische Orientierung aus.

Einen geistigen Wandel herbeizuführen proklamierten sie jetzt als vorrangiges Ziel.

Anarchistischer Lebensstil

Um eine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des historischen Anarchismus für die Gegenwart zu finden, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass er früher eine Bewegung von nur wenigen Tausend war, die sich immer wieder in kurzlebigen Organisationen zusammenschlossen. Diese Zergliederung bedingte sicherlich der ausgeprägte Individualismus vieler holländischer Anarchist*innen, den Bart de Ligt sicher zu Recht als „bourgeoise Marotte“ beklagte.

Trotz einer sozialen Verschiedenheiten und organisatorischen Unzulänglichkeiten muss jedoch die bemerkenswerte Tatsache festgehalten werden, dass sich der holländische Anarchismus fast immer als Bewegung mit einer ausgeprägten Identität darstellte. So verfügten die Anarchist*innen seit der Jahrhundertwende über eine eigene (Sub)-Kultur, die sich zwar oft wandelte, aber nie verloren ging. Es ist diese besondere Identität, die den schwarz/roten Faden des holländischen Anarchismus spinnt und die Frage nach seiner historischen Bedeutung beantwortet.

Von Anfang an wandte sich der Anarchismus gegen alle Formen der („schönen“) bürgerlichen Kultur. Am treffendsten ist der anarchistische Lebensstil wohl als „Streben nach Reinheit“ zu beschreiben: eine strenge ethische Orientierung mit der strikten Ablehnung des Dekadenten, der Heuchelei und der materiellen Gewinnsucht der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Einfachheit, Mäßigkeit, Offenheit und Geschwisterlichkeit sind demnach hier die höchsten Werte für Anarchist*innen. Es ist nicht schwierig, in dieser Ethik die Weiterentwicklung des früheren utopischen und romantischen Antikapitalismus zu sehen.

Diese Tradition schloss sowohl die Ablehnung industrieller Technologie als auch die Bevorzugung landwirtschaftlicher und handwerklicher Produktionskommunen ein. Damit einher ging ein starkes Verlangen nach einer Rückkehr zur Natur und nach einem Lebensstil in natürlicher Harmonie.

Anarchist*innen sympathisierten schon immer mit Bauern und Handwerkern, weil sie weit weniger gekünstelt und viel natürlicher leben als die Bourgeoisie. Diese Einstellung zum Leben war besonders verbreitet in der Kommune-Bewegung, die, von den Anarchist*innen vorangetrieben, um 1900, 1920 und nach 1970 ihren Höhepunkt erreichte. Die Provos, Kabouters und die aktuelle Ökologie-Bewegung stehen in dieser Tradition.

Aber die ethische Orientierung der Anarchist*innen ging über die Naturverbundenheit hinaus. Sie erstrebten eine Gesellschaft auf der Basis gerechter, gleicher und gegenseitiger Beziehungen zwischen den Menschen und demzufolge widersetzten sie sich einer Gesellschaft der Ausbeutung der Vielen durch Wenige. Dieses Streben nach sozialem Wandel spiegelte sich auch im anarchistischen Lebensstil wider.

Wie manifestierte sich nun jener Lebensstil in der Realität?

Natürlich sind am leichtesten äußerliche Merkmale feststellbar: nicht solche anarchistischen Symbole wie die schwarze oder rot/schwarze Fahne und das A im Kreis, sondern die Art und Weise, wie sich Anarchist*innen in der Öffentlichkeit darzustellen pflegen. Dazu bevorzugen sie stets eine besondere Kleider-und Haarmode, um ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu demonstrieren.

Dem französischen Beispiel folgend waren um die Jahrhundertwende unter den holländischen Anarchist*innen Künstlerkleider sehr beliebt, so Nieuwenhuis Aufzug mit Schlapphut, losem Halstuch und weitem Umhang. Lodenjacken und Holzschuhe wurden vor allem von Anarchist*innen getragen, die in Kolonien oder Kommunen lebten.

In den 1920ern und 1930ern brachten besonders die jüngeren Aktivistinnen ihre widerständlerische Haltung durch das Tragen von Baumwollhemden und Ledersandalen zum Ausdruck. Äußerliche Symbole blieben auch nach dem Kriege wichtig, wie es die Provos, Kabouters und Punks zeigten.

Darüber hinaus war für die Anarchist*innen die Gestaltung ihrer Freizeit typisch. Sie lehnten die Freizeitgestaltung der Arbeiter*innen und Angestellten ab. Statt in Kneipen, ins Kino oder zum Tanzen zu gehen, zogen sie es vor, Ausflüge aufs Land zu unternehmen. So war nach dem 1.Weltkrieg vor allem unter jungen Anarchist*innen gemischtes Camping sehr beliebt.

Des Weiteren verspürten viele das Verlangen, sich durch private Studien weiterzubilden: von großem Interesse waren zeitgenössische philosophische Schriften, die eingehend diskutiert wurden, sowie die „neue Welt-Sprache Esperanto.

Strenge ethische Motive veranlassten viele Anarchist*innen, vor allem die Tolstoijaner, sich vegetarisch zu ernähren. Seit den 1960ern übernahmen diesen Lebensstil ja auch viele Leute außerhalb der anarchistischen Zirkel. Der Widerstand der Provos gegen die gängigen Konsumgewohnheiten führte zu einer alternativen „Ess-Kultur“, die zwar nicht mehr das Tabus des Alkohols aufrechterhielt, aber vegetarische Ernährung im Alltag zum ökologischen Prinzip erhob.

Ein weiteres auffallendes Merkmal des anarchistischen Lebensstils bestand in dem Bedürfnis nach praktischer Konsequenz. Während sie in ihrer Kleidung nur die Abneigung bürgerlicher Normen und Werte zum Ausdruck brachten, wollten sie ihren Standpunkt gegenüber Ausbeutern und Herrschenden in eindeutigen Aktionen unter Beweis stellen: sie weigerten sich Kriegsdienst zu leisten, zu wählen und zuweilen auch Steuern zu zahlen.

Dies verwickelte sie nicht selten in direkte Konflikte mit den Herrschenden, die gelegentlich schwere Sanktionen wie Inhaftierungen nach sich zogen, was sie jedoch von der Einhaltung ihrer prinzipiellen Standpunkte nicht abschreckte.

Neben der praktischen Konsequenz spielte das Prinzip der Solidarität im anarchistischen politischen Leben eine tragende Rolle. So galt es für sie bei Streiks, Hilfsfonds und S olidaritätskomitees für Genoss*innen, ihr Verständnis von „Gegenseitiger Hilfe“ unter Beweis zu stellen.

Aufrufe zur Unterstützung von Streikenden, Kriegsdienstverweigerern und anderen „Opfer ihrer Prinzipien“ nahmen in der anarchistischen Propaganda stets einen zentralen Platz ein.

Besonders Kriegsdienstverweigerer konnten sich jederzeit eines hohen Maßes an Solidarität sicher sein. Die anarchistische Presse forderte zum einen ihre Leser*innen auf, Verweigerer sowohl ideell als auch materiell zu unterstützen, zum anderen wurden Demonstrationen organisiert, um den antimilitaristischen Widerstand in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Diese Solidaritätsaktionen stärkten einerseits die Einigkeit der anarchistischen Bewegung und prägten andererseits ihre Identität.

Es scheint die Feststellung durchaus keine Übertreibung zu sein, wenn sich die Identität des historischen Anarchismus im Lebensstil der heutigen, jungen Anarchist*innen widerspiegelt. Ethische Orientierung und Individualismus formen die zeitgenössische anarchistische Bewegung im gleichen Maße wie früher die freiheitliche Arbeiter*innenbewegung.

Dies lässt den Anarchismus zu einer sozialen Bewegung werden, aus der heute die meisten Impulse für den Widerstand gegen das herrschende Gesellschaftssystem kommen.

(Hans Ramaer - diesen Artikel entnahmen wir TRAFIK Nr.17 - bearbeitet und ergänzt von Radio Chiflado)

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2012/09/24/protestanten-antimilitaristinnen-und-provos/


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