Andreas Essl - Nelken für den Anarchismus. Warum ist der 1. Mai ein roter Tag im Kalender?

Über die Bombe vom Chicagoer Haymarket, deutsche Flüchtlinge vor der 1848er-Restauration, einen Justizmord und die amerikanische Angst vor der "roten Gefahr"

Im Juli 1889 macht sich ein Delegierter der Amerikanischen Arbeiterbewegung auf den Weg nach Paris. Geld ist gesammelt worden, um ihn auf die Reise zu schicken. Die II. Internationale hat geladen, und die Beschlüsse vom letzten Kongress in St. Louis sind dringlich. Hat doch die "Eight Hours League" ihren Kampf um Arbeitszeitverkürzung, Rede- und Versammlungsfreiheit wieder aufgenommen; der 1. Mai 1890 gilt den Initiatoren dabei als Stichtag ihrer Forderungen. Danach sollen Streiks, Boykott und notfalls Gewalt die Geschicke entscheiden. Eine weitere wichtige Angelegenheit erleichtert die Kollekte. Die Forderung nach Rehabilitierung von vier gehängten Anarchisten in der so genannten Chicagoer Haymarket Affäre, deren Wurzeln sich in den ersten Maitagen des Jahres 1886 finden lassen, und die Begnadigung der beiden zu lebenslanger Haft Verurteilten. Beide Anträge finden breite Unterstützung. Der größte Justizskandal Amerikas im 19. Jahrhundert wird zum elementaren Impuls des "Kampftages der Arbeiter."

Massenhysterien sind wiederkehrende Phänomene oft ähnlicher Ursächlichkeit. Überwiegend ökonomisch bedingt, breiten sie sich tintenfischarmig in die benachbarten Gebiete der Politik und Psychologie aus. So war es - um einige amerikanische Beispiele zu nehmen - bei McCarthys Kommunistenhetze, so war es bei den Hexenprozessen in Salem, Massachusetts 1692 und so war es auch in den letzten Dekaden des ausgehenden Jahrhunderts. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) ist zwar verkraftet, der rapide Industrialisierungsschub, die zunehmende Verstädterung und die fortlaufenden Einwanderungswellen verursachen jedoch grundlegende Differenzen. Optimaler Nährboden also für radikale Gruppen und offen ausgetragene Klassenkämpfe.

Chicago hat seine führende ökonomische Rolle dem Standort als Eisenbahnknotenpunkt und Verbindungsstation zwischen Ost und West zu verdanken. Mit der Errichtung riesiger Schlachthöfe steigert sich die Zuwanderung weiter. 1873 hat die Stadt eine halbe Million Einwohner, ein Fünftel davon Deutsche.

Die deutsche Immigration wiederum ist oftmals politisch bestimmt. Verfolgte und Flüchtlinge der 48er Revolution suchen ihr Heil in Übersee, bzw. sie verbreiten es dort. Eine sozialistisch geprägte Gedankenwelt breitet sich in den Fabriken aus; Gewerkschaften, Vereine und Parteien werden gegründet. Zu Jefferson und Paine gesellen sich Marx und Lasalle. Die Integration verläuft schleppend. Bei einem Ausländeranteil von 80 Prozent verwundert das wenig. Die amerikanische Unternehmerschicht setzt dabei auf selbstregulative Prozesse: "Öffnet das Tor für jedermann und lasst jeden, der kommen will, herein, ...bis genügend Einwanderer da sind, dass ihr Lohn so niedrig wird, dass keiner mehr folgen will." Die Deutschen kommen, viele bleiben. In Chicago bilden sie bald die größte städtische community. Sie publizieren muttersprachliche Zeitungen, gründen Liedertafeln und Turnvereine, brauen Bier und trinken es in den vielen deutschen Saloons. Sie protestieren auch, mit gutem Grund. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in deklassierenden Zuständen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die prophetischen Worte der Unternehmer werden wahr. Die Streiks der 70er Jahre werden von Polizei und schwer bewaffneten Zivilmilizen mit großer Brutalität unterdrückt: Der Staat hat sich auf die Seite des Kapitals geschlagen.

In dieser Atmosphäre nimmt die anarchistische Bewegung Chicagos langsam Gestalt an. Das Vertrauen in demokratische Werte ist verloren. Der Ton wird militant: "Leben durch Arbeit oder Tod durch den Kampf." Handbücher zur Herstellung von Dynamit erscheinen, Pamphlete werden verteilt, martialische Demonstrationen organisiert. Der Terrorismus der Sprache manifestiert sich jedoch nur selten in der Tat.

Bis in die ersten Maitage 1886. Arbeitgeber und Gewerkschaften stehen sich in Chicago in heftigen Auseinandersetzungen um den Achtstundentag gegenüber. Die Anarchisten halten sich anfangs heraus. Keine Kompromisse mit einem System, das man abschaffen will. Die Kampagne um die acht Stunden beflügelt jedoch die Imagination der betroffenen Schichten. Führende Anarchisten wie Albert Parsons, August Spies, der Herausgeber der Arbeiter-Zeitung, und sein Mitarbeiter Michael Schwab klinken sich ein und werden zum Sprachrohr der Bewegung.

Am 1. Mai befindet sich Chicago in einem Zustand nervöser Gespanntheit. In einer der ersten Maiparaden wehen die schwarzen Fahnen der Anarchisten durch die Michigan Avenue. 300.000 Menschen im ganzen Land haben die Arbeit niedergelegt, 40.000 alleine in der Midwest-Metropole. Trotz aller Vorbehalte nimmt der Tag ein friedliches Ende, erst zwei Tage später ändert sich das Bild. Ein Streik der Arbeiter der McCormick-Mähmaschinenwerke wird von Pinkerton-Detektiven und der Polizei brutal aufgelöst. Zwei Aktivisten werden getötet, viele verletzt.

August Spies leitet die Gegenaktion ein; er lässt seine Druckerpressen rotieren, schreibt sein später fatales Racheflugblatt und ruft für den nächsten Tag zu einer erneuten Demonstration auf.

Nur wenige Menschen folgen Spies' Appell. Zwei- bis Dreitausend vielleicht, darunter Bürgermeister Harrison. Die Reden beginnen spät, nach Spies und Parsons entfernt sich der Bürgermeister. Die Kundgebung scheint friedlich zu verlaufen, bis Polizeikommissar "Black Jack" Bonfield den Platz besetzt. Unruhe kommt auf. Plötzlich detoniert eine Bombe. Der Rest ist Kugelhagel. Polizisten feuern in die Menge. Als sie schließlich aufhören, ist der Haymarket ein Blutbad. Die Zahl der toten Demonstranten konnte nie genau ermittelt werden. Auf Seiten der Polizei war es vorerst ein Toter durch die Explosion, sechs weitere folgten, zudem sechzig Verletzte, die meisten durch den Kugelhagel ihrer Kollegen - ein Umstand, der im nachfolgenden Prozess verschwiegen wurde.

Das erste tödliche Bombenattentat der Geschichte Amerikas reicht der ersten großen "Angst vor der roten Gefahr" die Hand. Wochenlang herrscht panische Hysterie. Gerüchte kommen auf: über neue Subversionen, einen anarchistischer Sturm auf die Polizei, Plünderungen und neuerliche Bomben von Seiten der "Gesetzlosen".

Eine Welle von Verhaftungen, Misshandlungen und Hausdurchsuchungen folgen der Explosion. Ohne Haft-oder Durchsuchungsbefehl, doch ganz im Sinne von Staatsanwalt Grinnell: "Erst mal die Razzien durchführen und dann im Gesetz nachschauen." Acht Wochen herrscht in Chicago der Ausnahmezustand. Anarchistische Blätter werden konfisziert, ihre Herausgeber verhaftet. Öffentliche Versammlungen werden verboten, die rote Farbe der Revolution aus Werbeanschlägen getilgt.

Hunderte Menschen werden oft wochenlang festgehalten, schließlich Anklage gegen acht stadtbekannte Anarchisten erhoben. Vom Bombenwerfer freilich fehlt jede Spur.

Die Festnahme von August Spies, Michael Schwab, Georg Engel, Samuel Fielden, Adolph Fischer und Oskar Neebe verläuft ruhig und problemlos. Keiner ist sich einer Schuld bewusst, niemand denkt an Flucht; tatsächlich werden ihre Alibis niemals widerlegt.

Louis Lingg, 22 Jahre jung und erst vor einem Jahr nach Amerika ausgewandert, widersetzt sich seiner Verhaftung. Er ist der einzige der Angeklagten, der tatsächlich Bomben herstellen kann. Doch auch Lingg war nicht am Haymarket. Albert Parsons ist unauffindbar.

Die Stimmung ist am Siedepunkt, Lynchparolen werden skandiert. Erfahrene Anwälte lehnen die Verteidigung ab. Schlussendlich übernimmt William Perkins Black den Job und bittet umgehend um Verschiebung, bis sich die Gemüter abgekühlt haben. Richter Gary lehnt ab, die Travestie der Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf.

Parsons stellt sich zu Prozeßbeginn freiwillig und beraubt so die Staatsanwaltschaft und die Presse um den Stereotypen des anarchistischen Feiglings. Der juristischen Farce tut das keinen Abbruch. So sagt Gerichtsvollzieher Henry L. Ryce, der für die Auswahl der Geschworenen verantwortlich ist: "Ich betreue diesen Fall und weiß, was ich zu tun habe. Diese Kerle werden gehängt, das ist so sicher wie der Tod. Ich berufe Männer, wie sie die Anklage will."

20 Männer dürfen die acht Angeklagten jeweils ablehnen. Bei 981 Vorgeschlagenen erübrigt sich jeder Kommentar. Keiner der zwölf Geschworenen ist Industriearbeiter, keiner deutscher Abstammung. Für Richter Gary tut das nichts zur Sache. Genauso wenig die haarsträubenden Beweisführung der Staatsanwaltschaft. Die Anklage ist skrupellos. Als "organisierte und verabscheuungswürdige Mörder und gottlose Schurken" stellt Grinnell die Anarchisten dar. Er lässt außer acht, dass sechs der acht Angeklagten nicht am Ort des Attentats waren. Ein Exempel soll statuiert werden. Zeugenaussagen werden gekauft, in Kreuzverhören aufgedeckt.

Die Anklage wegen Mord wird fallengelassen, man einigt sich auf Verschwörung. Doch Verschwörung mit wem? Einem Anarchisten? Einem Wahnsinnigen? Einem Racheengel? Der Attentäter bleibt unbekannt. Den endgültigen Skandal setzt wieder Richter Gary. Anstatt die Geschworenen über Rechtslage und Verantwortung zu belehren, instruiert er sie, trotz aller Widerlegung, die Angeklagten wegen Mordes zu verurteilen. Er dehnt die Anklage. Hat doch die Gesellschaft das Recht, "das grundlegende Naturgesetz ... der Selbstverteidigung geltend zu machen. Wenn ich deshalb das Gesetz mit besonderer Härte gegen die Angeklagten ausgelegt habe, dann sollte ich dafür Lob verdienen."

Die Geschworenen danken es ihm. Sieben Anarchisten werden zum Tod durch den Strang verurteilt. Oskar Neebe, der am Abend des 4. Mai mit Freunden Karten gespielt hatte, wird zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein Gesuch um Revision wird abgelehnt. Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten sollen Menschen wegen ihres sozialen und politischen Glaubens hingerichtet werden. Der Anarchismus saß auf der Anklagebank, wie die Staatsanwaltschaft zugibt, und wurde für schuldig befunden. Die Berufung wird sofort eingeleitet, der erste Hinrichtungstermin verschoben. Komitees zur Verteidigung der Verurteilten werden gegründet, Petitionen unterschrieben, Solidaritätskundgebungen abgehalten und oftmals aufgelöst. Die Stimmung schwankt, vor allem nach der offenkundig gewordenen Tatsache, dass die Unternehmerschaft das Haymarket Urteil generell gegen die Arbeiterschaft einsetzen will. Auch wird bekannt, dass Polizeiinspektor Bonfield Zuwendungen aus Arbeitgeberquellen erhalten hat. Er nimmt seinen Hut, der mit 100.000 Dollar Rentengeld gefüllt ist.

Der Oberste Gerichtshof des Staates Illinois lässt sich nicht beirren. Die Exekution soll am 11.11. 1887 vollzogen werden. Der Oberste Gerichtshof der USA bestätigt das Urteil. Nun liegt die letzte Entscheidung bei Gouverneur Oglesby. 40.000 Unterschriften aus Chicago, 16.000 aus England, Telegramme von G.B.Shaw, Oscar Wilde oder William Rossetti, Gefängnisbesuche von Wilhelm Liebknecht und Eleanor Marx verändern nur wenig.

Oglesby ist zu sehr Machtpolitiker, sein Interesse zu intensiv mit der Geschäftswelt verbunden. Als auch noch vier Tage vor dem Termin Bomben in Louis Linggs Zelle gefunden werden und sich der junge Mann drei Tage später in die Luft sprengt, spricht niemand mehr von genereller Amnestie. Fieldens und Schwabs Begnadigungsgesuch wird in lebenslange Haft verwandelt. Parsons weigert sich ein solches zu stellen. Ein unschuldiger Mann kann, folgerichtig, nicht um Begnadigung ansuchen.

Am 11.11.1887 werden August Spies, Adolph Fischer, Georg Engel und Albert Parsons hingerichtet. Sie sterben am Galgen, nach siebenminütiger Strangulation. 200.000 Menschen säumen bei einem der größten Begräbniszüge in der Geschichte Chicagos die Straßen.

Sechs Jahre später erfährt die Gerechtigkeit Genugtuung. Einen Tag nach der Enthüllung eines Denkmals für die Märtyrer der ersten Maitage 1886 rehabilitiert der neue Gouverneur John Peter Altgeld die acht Anarchisten: "In all den Jahrhunderten während derer Regierungen von Menschen bestimmt und Verbrechen bestraft werden, hat kein Richter eines zivilisierten Landes jemals ein solches Urteil gefällt."

Altgeld wird nicht wieder gewählt; Oskar Neebe, Samuel Fielden und Michael Schwab aber auf freien Fuß gesetzt.

Aus: DER STANDARD, 29./30. April/ 1. Mai 2000

Originaltext:
www.linksimdialog.de/Texte/Nelken.pdf


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