Der anarcho-syndikalistische Widerstand in Deutschland

Die politische Ausgangslage

Wie wir schon sagten, wurde die faschistische Bewegung in ihrer Bedeutung von der außerparlamentarischen Linken in Deutschland zunächst unterschätzt. Dies galt auch für die Anarchisten und Syndikalisten, die in ihrer Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen neben ökonomischen gerade auch den kulturellen Faktoren eine besondere Bedeutung beimaßen. Unter diesem Gesichtspunkt schien ihnen der Faschismus "ein Sammelsurium aller möglichen Ideen" zu sein, "eine Art politischer Futurismus, der nie imstande sein wird, Gleichgewicht und Stabilität zu gewinnen".

Diese Beurteilung des Faschismus, vorgetragen auf einem internationalen Kongreß der Syndikalisten in Amsterdam (1925), war lange Zeit gerade unter den deutschen Anarchisten und Syndikalisten weit verbreitet.

Doch die zunehmende Steigerung des Terrors in den faschistisch regierten Ländern Italien und - ab 1926 - Portugal änderte auch ihre Analyse des Faschismus und seiner Gefahren: Zum einen erkannten die deutschen Syndikalisten, daß der Faschismus, hat er einmal den Staat in seiner Hand, dessen Apparat zu einem gefährlichen Machtinstrument ausbauen werde, - seine Zerschlagung wäre dann nahezu unmöglich. Auch die Kraft der nationalistischen Losungen und deren Einfluß auf breite Teile des Bürgertums wußten sie richtig zu deuten: In den Resolutionen der FAUD wurde immer wieder die Gefahr eines Krieges hervorgehoben, der den Faschisten zur Überdeckung der unüberwindbaren wirtschaftlichen Schwierigkeiten dienen könne. Schließlich ließ auch die zunehmende finanzielle Unterstützung der NSDAP durch deutsche Großindustrielle und Großgrundbesitzer den Faschismus zu einer ernstzunehmenden Gefahr werden.

Eine intensive antifaschistische Propaganda begannen die Syndikalisten etwa 1930: Auf fast allen Kundgebungen und in der Presse der FAUD wurde die faschistische Gefahr beschworen. Gegen den Nationalsozialismus, dessen Gedankengut sich allmählich in breiten Schichten der Bevölkerung festzusetzen schien, gab es nach Meinung der Syndikalisten nur eine wirksame Waffe - die Ausrufung des Generalstreiks in Deutschland:

Dokument 1: Deutschland. Der Faschismus im Anmarsch. Artikel von Augustin Souchy, 24. Oktober 1930

Die durch die neuen Reichtagswahlen geschaffene Lage im politischen und sozialen Leben Deutschlands ist zweifellos sehr ernst. Die Reaktion ist auf der ganzen Linie im Vormarsch: die politischen Freiheiten und die wenigen sozialen Errungenschaften der Arbeiterschaft sind in Gefahr. Es ist schwer, vorher zu sagen, was uns die Zukunft bringen wird. Absolut sicher ist jedenfalls ein Eindringen von Nationalsozialisten in hohe Staatsämter. Sozialdemokraten und Linksrepublikaner dürften aus ihren Stellungen herausgedrängt werden.

Das ist zunächst ein politischer Verlust der Linksparteien. Doch das ist nicht alles. Die monarchistisch und diktatorisch eingestellten Elemente werden natürlich einen neuen Kurs einzuschlagen suchen. Sie werden, wenn es ihnen gelungen sein wird, Machtpositionen zu erlangen, noch mehr gegen die Arbeiterschaft regieren als die jetzige Regierung. Das ist ein sozialer Rückschritt der Gesamtentwicklung.

In den kommenden Monaten werden die Nationalsozialisten ihre neugewonnene Position dazu benutzen, sich immer tiefer in den heutigen Staat einzunisten. Sie sind bestrebt, die Republik von innen zu durchlöchern und ihre Herrschaft des "dritten Reiches" vorzubereiten.

Inzwischen führen die Unternehmerverbände wirtschaftliche Verschlechterungen für die Arbeiterschaft durch. Mit Hilfe bestehender Gesetze werden durch staatliche Schlichter die Löhne herabgesetzt. Traditionell und politisch unfähig, diesen gesetzlichen Maßnahmen außerparlamentarischen Widerstand entgegenzusetzen, werden die Sozialdemokraten und reformistischen Gewerkschaften diese Verschlechterungen mit den üblichen Protesten und Hinweis auf die Notwendigkeit, sozialdemokratisch zu wählen, hinnehmen. Das Elend wird umfassender und die Unzufriedenheit tiefer. Daraus entsteht dann unter den Massen die Stimmung, die für die dunklen und reaktionären Machenschaften der Faschisten günstig ist.

Die Nationalsozialisten haben einen offenen Putsch nicht mehr nötig. Sie haben es bequemen. Sie können gesetzliche Kanäle benutzen, um das Staatsschiff zu erobern. Alle Wege stehen ihnen hierzu offen. Das gesamte Bürgertum macht vor den anstürmenden Wogen des Nationalismus Kotau.

Die Sozialdemokratie ist auch nicht frei vom nationalistischen Geiste. Das Paktieren mit den bürgerlichen Parteien, das am eindeutigsten durch den Panzerkreuzer- und Zörgiebelkurs gekennzeichnet ist, hat ihr das proletarische Rückgrat genommen.

Auch die kommunistische Presse machte der nationalistischen Massenpsychose Konzessionen. Sie nahm rein nationalsoziatistische Phrasen von der "Zerschlagung des Young-P1anes" und der "nationalen Befreiung des deutschen Proletariats" in ihr Wohlprogramm auf.

Der Geist breiter Massen ist in Deutschland heute in erschreckender Weise mit nationalsozialistischem Ideengehalt erfüllt. Hitlers Geist beschränkt sich nicht auf seine nationalsozialistische Partei, er spukt in allen parlamentarischen Parteien der deutschen Republik. Der nationalistische Bazillus ist tief in die Nachkriegsgeneration der deutschen Nation eingedrungen. Der Ausgang der Wahlen hat es uns gezeigt.

Der Sieg des "Nationalsozialismus", wie der deutsche Faschismus sich nennt, wäre für die revolutionäre Arbeiterbewegung eine Katastrophe. Einmal im Besitze der Macht, würden die Nazis vor keinem Mittel brutalster Gewaltanwendung zurückschrecken, um die sozialistische Propaganda, in der sie ihren Feind und ihre Konkurrenz erblicken, zu unterdrücken. Italien gibt uns ein abschreckendes Beispiel.

Wirtschaftliche Organisationen, soziale und kulturelle Einrichtungen, die sich die Arbeiterbewegung in einem halben Jahrhundert unter schwerem Ringen geschaffen hat, würden roh zerstört werden. In Thüringen, wo der Nationalsozialist Frick Innenminister ist, hat er heute schon den Staatsbeamten die Zugehörigkeit zu den "freien", d.h. sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften verboten. Halbsozialistischen Lehranstalten und Gewerkschaftsschulen hat er die staatlichen Unterstützungen entzogen.

Das nächste Ziel der Nazis scheint die Eroberung des Reichsinnenministeriums und des Reichswehrministeriums zu sein. Gelänge ihnen dies, dann würden sie unter Umgehung des Versailler Vertrages auf dem Umwege über die allgemeine nationale Arbeitspflicht eine Form der allgemeinen Wehrpflicht einführen, um die jungen Proletarier kasernenmäßig zu drillen, zum Kadavergehorsam zu erziehen und um den "Geist von Potsdam" noch stärker unter der Jugend zu verankern.

Die vielgerühmte Ankurbelung der Wirtschaft würde natürlich ausbleiben, denn die wirtschaftliche Prosperität ist von ganz andern Faktoren als von einem politischen Systemwechsel abhängig. Die Verelendung der Massen würde fortschreiten, wie sie auch in Italien unter dem Faschismus fortgeschritten ist. Die heute "freien" Gewerkschaften würden, wahrscheinlich unter Zustimmung der Führergarnituren, in offizielle Arbeitsgemeinschaften zwischen Unternehmern und Arbeitern, nach italienischem Beispiel umgewandelt werden.

Dabei braucht keine große Änderung mehr vor sich zu gehen, denn schon jetzt werden bei Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern die Arbeiter auf gesetzlichem Wege zur Anerkennun des Schiedsspruches durch staatliche Schlichter gezwungen. Die sozialdemokratischen Gewerkschaften können sich dazu beglückwünschen, dem Faschismus den Weg zur wirtschaftlichen Versklavung der Massen geebnet zu haben.

Durch Aufhebung der Versammlungs-, Koalitions- und Pressefreiheit würde den wirtschaftlich verelendeten Massen die Möglichkeit genommen werden, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.

Vor 5 Jahren hätte der Faschismus in Deutschland im Keime erstickt werden können. Heute hat er schon zu tiefe Wurzeln gefaßt. Er läßt sich einfach nicht mehr wegfegen. Der Demokratie sitzt er im Nacken, die staatsbejahende Arbeiterbewegung ist von seinen Ideen infiziert. Die antistaatlich eingestellte Richtung ist in der deutschen Arbeiterbewegung nicht stark genug, den Siegeszug des Faschismus einzudämmen. Würde die deutsche Sektion der Internationalen Arbeiter-Association, die Freie Arbeiter-Union, einen Generalstreik proklumieren, dann hätte die Aktion
nicht den gewünschten Erfolg.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß die Idee des Generalstreiks nicht nach wie vor aufs intensivste propagiert werden soll. Um aber im gegebenen Augenblick erfolgreich zu sein, muß ein Generalstreik in Deutschland von den großen Arbeiterorganisationen proklamiert werden. 

Wenn es der Freien Arbeiter-Union gelänge, den Vorstand des ADGB zu einem 24stündigen Proteststreik gegen die faschistische Gefahr zu bewegen, dann wäre schon viel gewonnen. Ein solcher Versuch wird wohl auch unternommen werden.

Das wäre die erste praktische Maßnahme, die gegen die faschistische Gefahr in Deutschland zu ergreifen wäre, ehe der Faschismus an der Macht ist, auf die dann andere Maßnahmen folgen müßten. Doch die Aussicht, die Spitzenkörperschaften der deutschen proletarischen Arbeiterorganisationen für eine solche Aktion zu gewinnen, scheint, wenn uns nicht alles täuscht, gering zu sein.

Sitzt die Nazipartei erst in der Reichsregierung oder ist es ihr gelungen, ein noch weiter nach rechts eingestelltes Kabinett als das Brüningsche ans Ruder zu bringen, dann wird die Lage für das Proletariat kritischer. Die Zensur würde verschärft werden und die revolutionären proletarischen Organisationen könnten der Auflösung verfallen.

Auf diese Eventualität müssen sich die deutschen Syndikalisten vorbereiten, wenn sie nicht dem Faschismus zum Opfer fallen wollen. Die FAUD wird heute schon Maßnahmen ergreifen müssen, um ihre Organisation trotz polizeilicher Auflösung erhalten zu können. Ein Stamm erprobter Kämpfer gibt uns Gewähr dafür, daß dies möglich sein wird. Die alten Kämpen und eine Schar junger enthusiastischer Genossen werden dafür sorgen, daß die Ideen des freiheitlichen Sozialismus und die Methoden der direkten Aktion im Klassenkampfe des deutschen Proletariats nicht verloren gehen.

Antifaschistische Aktionseinheit?

Die FAUD umfaßte Anfang der dreißiger Jahre nur noch einen verschwindend geringen Teil der deutschen Arbeiterschaft (1932: ca 7.000 zahlende Mitglieder). Von daher war eine einseitige Proklamation des Generalstreiks illusorisch. Es mußten deshalb Verhandlungen mit anderen Arbeiterorganisationen geführt werden.

Vergleichsweise unproblematisch gestaltete sich die Zusammenarbeit mit einigen linksrevolutionären Gruppen, die eine ähnliche Strategie außerhalb der parlamentarischen Ebene propagierten wie die Syndikalisten selbst. Unter anderem beteiligte sich die FAUD an der - auf den Berliner Raum beschränkten - "Kampfgemeinschaft gegen Reaktion und Faschismus", einer losen Arbeitsgemeinschaft linksrevolutionärer Organisationen.

Weitaus schwieriger und letztlich ohne Erfolg waren einige wenige Gespräche mit den großen Arbeiterorganisationen: Die Sozialdemokratische Partei und die von ihr beeinflußten Gewerkschaftsorganisationen sahen in ihrer politischen Strategie keinen Platz für einen Generalstreik. Sie versuchten durch eine vorsichtig taktierende Politik der "Unterstützung des kleineren Übels" eine Machtergreifung der Nationalsozialisten auf parlamentarischer Ebene zu verhindern. Andere Aktionsformen - wie z.B. die Ausrufung des Generalstreiks - schienen der SPD-Führung in der gegebenen politischen Situation zu gewagt und wurden von ihr bekämpft.

Dies wurde den Syndikalisten im Juli 1932 drastisch vor Augen geführt, als in Preußen auf Veranlassung Hindenburgs und Von Papens die von dem Sozialdemokraten Braun geleitete Regierung durch Reichswehreinheiten aufgelöst wurde: "Wir hatten (...) gleich nach dem Staatsstreich von Papens eine geheime Versammlung der Vertrauensmänner unserer Organisation in Berlin und Umgebung einberufen, um zu den letzten Geschehnissen Stellung zu nehmen. ... In jener Versammlung wurden alle Vorbereitungen zum Kampfe getroffen, sobald das erste Signal dazu gegeben würde. Es wurde beschlossen, sofort einen kurzen Aufruf an die deutsche Arbeiterschaft herauszugeben, der ihr den ganzen Ernst der Lage vor Augen führen und zeigen sollte, daß nur ein Generalstreik wie zur Zeit des Kapp—Putsches noch Rettung bringen konnte. Erich Mühsam unterzog sich sofort der Aufgabe, den Aufruf zu schreiben. ... Doch schon am nächsten Tag erschien im "Vorwärts" eine Erklärung, in welcher die Herausgeber jenes Manifestes als "Agenten des Faschismus" gebrandmarkt wurden und den Arbeitern dringend geraten wurde, sich nicht in die Falle locken zu lassen und ruhig zu warten, bis ihre bewährten Führer beschlossen hätten, was zu tun sei." (R. Rocker: Memoiren, Band II - Manuskript S.454-455)

An dieser Stelle soll betont werden, daß die Syndikalisten in ihren Gesprächen mit anderen Arbeiterorganisationen weniger eine antifaschistische Aktionseinheit in Form einer Volksfront linker Organisationen anstrebten, vielmehr ging es ihnen um einen "gemeinsamen Kampf aller Arbeiter" gegen den Faschismus. Die FAUD sprach demgemäß in ihren Aufrufen zumeist nicht die Organisationen an, sondern "die kommunistisch oder sozialdemokratisch organisierte Arbeiterschaft".

Diese Unterscheidung war nicht willkürlich, sondern findet ihre Erklärung darin, daß nach Meinung der Syndikalisten die "selbstbestimmte Aktion der Massen" (deren Ziel die soziale Revolution sei) auch im Kampf gegen den Faschismus einer "politischen Täuschung und Gängelung durch die Partei" vorgezogen werden müsse.

Es wird von daher auch verständlich, daß die Kommunistische Partei als Bündnispartner ausschied: Die kommunistischen Führer waren nach Ansicht der Syndikalisten nur an einem politischen Putsch, d.h. der bloßen Erlangung der Staatsgewalt, interessiert. Die von der KPD zuletzt propagierte "Antifaschistische Aktionseinheit" war in den Augen vieler Syndikalisten nichts anderes als der Versuch der Kommunisten, auch in den anderen Arbeiterorganisationen an Einfluß zu gewinnen. Die KPD ihrerseits bekundete allerdings ohnehin kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit den "Ultralinken". Hinsichtlich der Syndikalisten machte die KPD-Führung ihren Standpunkt in der Weise klar, daß sie per Rundschreiben vor der Zusammenarbeit mit den "Trotzkisten und Anarchisten" warnte.

Tatsächlich war die FAUD - ebenso wie alle anderen linken Organisationen - zur Zeit der Machtergreifung durch die Faschisten völlig auf sich selbst gestellt. Hilfe konnten die Syndikalisten nur von ihren Schwesterorganisationen im Ausland erhoffen, insbesondere von Seiten der syndikalistischen Internationale, der IAA (Internationale Arbeiter-Assoziation).

Dokument 2: Rundbrief der Bezirksleitung Ruhrgebiet der KPD (1932)

"... Ein typisches Beispiel einer ernsten opportunistischen Entgleisung haben wir in Lüttgendortmund, wo die KPD, die SAP und die Anarchisten zu einer gemeinsamen öffentlichen Versammlung aufgerufen haben, mit dem Thema "Kampf gegen den Faschismus und seine Lakaien". (...) Die gedruckte Einladung zu dieser Versammlung ist unterzeichnet mit "Arbeitsgemeinschaft revolutionärer Arbeiter". KPD, SAP und Anarchisten bilden in Lüttgendortmund also eine Arbeitsgemeinschaft revolutionärer Arbeiter. Das bedeutet eine völlige Aufgabe der führenden Rolle der Kommunistischen Partei, eine Anerkennung der SAP und der Anarchisten als revolutionäre Organisationen..."

Die Machtergreifung - Übergang in die Illegalität

Schon 1931 war die FAUD einer verstärkten Unterdrückung durch die Staatsorgane ausgesetzt. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Repression mit dem dreimonatigen Verbot der Wochenzeitung "Der Syndikalist" im Dezember des Jahres. Vorangegangen waren wiederholte Beschlagnahmungen.

Auf dem letzten legalen nationalen Kongreß der FAUD zu Ostern 1932 in Erfurt, wurden daher angesichts der sich zuspitzenden politischen Situation inoffiziell Pläne für eine mögliche Illegalität der Organisation entworfen. Insbesondere ein Fluchtweg ins Ausland und die Aufrechterhaltung eines Informationsnetzes waren Gegenstand geheimer Beratungen.

Über die weitere Entwicklung er FAUD bis zur Machtergreifung gibt uns ein illegaler Jahresbericht Auskunft, der im Juni 1933 erschien: "Der Kongress Ostern 1932 in Erfurt nahm zwar einen guten Verlauf, aber nach dem Kongreß zeigte es sich, daß die Bewegung infolge der wirtschaftlichen Krise und der allgemeinen Entmutigung sehr zu leiden hatte. Die Mittel, die der Geschäftskommission und den anderen Institutionen der Bewegung zuflossen, waren so gering, daß gerade die laufenden Arbeiten notdürftig erledigt werden konnten. Die Zeitung "Der Syndikalist" mußte von 8 auf 6 Seiten heruntergehen. Trotzdem gelang es im Frühjahr 1932 noch, eine Broschüre von Seiten gegen den Faschismus in einer Auflage von ca. 9.000 herauszugeben, die restlos innerhalb kurzer Zeit abgesetzt wurden. Im September 1932 wurde die Zeitung "Der Syndikalist" verboten, und zwar bis Ende Oktober. Nachdem einige Nummern erschienen waren, erfolgte ein neues Verbot bis zum Jahresende. Auch die theoretische Monatszeitschrift "Die Internationale" wurde bis zum Jahresende verboten. Mehrmals erfolgten Beschlagnahmungen und Anklagen gegen die verantwortlichen Redakteure. Im Dezember 1932 erschien eine vom Sekretariat der IAA herausgegebene Broschüre zum 10-jährigen Bestehen der IAA."

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Fünf Tage später hob eine "Notverordnung" die ohnehin schon kaum mehr vorhandene Presse- und Versammlungsfreiheit auf. Am Abend des 27. Februars brannte der Reichstag. Noch in der Nacht rollte eine gut vorbereitete Verhaftungswelle über Deutschland hinweg. Tausende von Linksoppositionellen wurden von der Polizei, SA und SS verhaftet; die Gewerkschaftshäuser und Parteizentralen gestürmt.

Anfang März durchsuchte politische Polizei die Räume der Berliner FAUD-Geschäftskommission. Die dort Anwesenden wurden verhaftet; das gesamte Sortimentslager des syndikalistischen ASY-Verlages sowie die Bücherbestände der "Gilde freiheitlicher Bücherfreunde" beschlagnahmt. — Was jedoch schwerer wog: Das Gesamtarchiv der IAA, d.h. nahezu alle Schriftstücke der libertären Bewegung aller Länder, fiel in die Hände der Nazis. Die führenden Syndikalisten wurden - soweit sie nicht untertauchen konnten - in "Schutzhaft" genommen.

In der gleichgeschalteten Presse konnte man am folgenden Tage unter der Überschrift "Marxistischer Zersetzungsherd aufgedeckt" lesen, daß es der Polizei erneut gelungen sei, ein "Lager von Hetzschriften auszuheben".

Die untergetauchten Syndikalisten arbeiteten indes fieberhaft: Das IAA-Sekretariat, dessen Sitz bisher Berlin war, wurde nach Amsterdam, Holland, verlegt. Dem Schriftleiter der FAUD, Dr. Wartenberg, gelang es noch, die Geschäftskommission nach Erfurt zu verlegen. Dann mußte er selbst nach Holland fliehen. In Erfurt übernahm zunächst der Schlosser Emil Zehner die Geschäfte der Organisation. Er versuchte in der Folgezeit, von Erfurt aus die Kontakte zu den noch bestehenden syndikalistischen Gruppen im Reich aufrechtzuerhalten.

Die FAUD in der Illegalität

Die Presse der IAA erweckte in ihren Berichten zur Lage in Deutschland den Eindruck, als sei die FAUD trotz stärkster Repression durch die Nazis in ihren Grundstrukturen intakt geblieben. Dies entsprach jedoch nur zum Teil den tatsächlichen Verhältnissen. Wir erwähnten schon die Verhaftungswelle in Berlin anläßlich des Reichstagsbrandes. Ähnliches geschah im ganzen Reich, so daß neben der Berliner Geschäftskommission auch die meisten anderen Ortsbörsen der FAUD von den Nazis zerschlagen wurden oder - um einem Zugriff zu entgehen - sich selbst auflösten. Diejenigen, die in der Öffentlichkeit als Syndikalisten bekannt waren, wurden auch hier in "Schutzhaft" genommen, jedoch größtenteils nach einigen Wochen oder Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt, da ihnen konkret nichts nachgewiesen werden konnte.

Trotz des massiven und brutalen Vorgehens der Nazis gelang es den Syndikalisten überraschend schnell, sich wieder zu sammeln und zu koordinieren. Dabei kamen ihnen sicherlich die schon 1932 getroffenen Vorkehrungen zugute. Insbesondere der für diesen Fall eingerichtete Fluchtweg verhalf vielen der bekannteren Syndikalisten zur Flucht nach Holland. Aber auch die ohnehin föderative Struktur der FAUD machte sich in der Illegalität bezahlt. Während die Geschäftskommission sich noch im Aufbau befand, trafen die autonomen Ortsgruppen im Reich erste Maßnahmen: So wurden die übriggebliebenen Besitze der FAUD (Bücher, Kassenbestände u.ä.) auf die noch verbliebenen, aktiven Mitglieder verteilt; geheime Zusammenkünfte fanden statt zur Beratung der politischen Lage und des weiteren Vorgehens. Schon zum 1. Mai 1933 wurden verschiedentlich illegale Zeitungen verbreitet. Im Juni begann dann mit Hilfe der Geschäftskommission eine allmähliche Koordinierung der Arbeit.

Dokument 3: Illegale 1. Mai-Zeitung der FAUD Dresden 1933

Illegale 1. Mai-Zeitung 1933 FAUD

Das Netz der illegalen FAUD basierte bis 1935 auf folgenden drei organisatorischen Ebenen:

1. Die illegale Geschäftskommission

Die im Mai 1933 von Berlin nach Erfurt verlegte Geschäftskommission mußte schon im Herbst nach Leipzig ausweichen. Dort übernahm insbesondere der frühere Obmann der Provinzialarbeiterbörse Sachsen, Ferdinand Götze, die Koordinierung des Widerstandes. Mitglieder der illegalen Geschäftskommission unternahmen verschiedentlich Reisen innerhalb Reiches, um den Ortsbörsen Informationen zu geben über die vorhandene Fluchtroute ins Ausland und die Möglichkeiten, illegales Material zu beschaffen.

Auch den Kontakt zum Ausland hielt die Geschäftskommission aufrecht. So nahmen 1934 Sekretäre der Geschäftskommission an internationalen Konferenzen in Venlo (Jahreswende 1933/34) und Amsterdam (Pfingsten 1934) teil, auf denen die Richtlinien für den Widerstand präzisiert wurden.

Die Geschäftskommission verblieb in den folgenden Jahren in Leipzig, wo sie hauptsächlich von Arbeitern des Metallbereiches konspirativ weitergeführt wurde. Über den Zeitpunkt ihrer Auflösung liegen uns keine genauen Angaben vor - wahrscheinlich erfolgte diese Mitte 1935.

2. Die Emigrantenstelle der FAUD in Amsterdam

Die meisten Syndikalisten, die zur Flucht ins Ausland gezwungen wurden, gelangten zunächst nach Amsterdam-Haarlem, dem provisorischen Sitz der IAA. Als dieser nach Madrid verlegt wurde, entschlossen sich viele der deutschen Syndikalisten, ebenfalls nach Spanien überzusiedeln. Diejenigen, die in Holland verblieben waren, begannen in Zusammenarbeit mit dem "Internationalen Antimilitaristischen Büro" eine Emigrantenstelle der FAUD in Amsterdam einzurichten.

Auf Initiative des im November 1933 emigrierten Gustav Doster aus Darmstadt und des ehemaligen Funktionärs der Ortsbörse Kassel, Schröder, entfaltete diese Auslandsstelle eine rege Propagandatätigkeit gegen den Nationalsozialismus. Ihr Ziel war es, dem Bild, das Hitler im Ausland zu erzeugen suchte, entgegenzuwirken.

Die Hauptaufgabe der Emigrantenstelle lag aber in der Versorgung der deutschen Flüchtlinge. Zu diesem Zweck war ein Hilfsfond in Zusammenarbeit mit der IAA erstellt worden.

In Absprache mit der Geschäftskommission im Reich wurden ferner 1934 Pläne erarbeitet zur Herstellung und Einschleusung illegaler Literatur. Insbesondere wurde die Fortsetzung der in Deutschland verbotenen Zeitung "Die Internationale" in Form einer getarnten Ausgabe beschlossen. Diese, wie auch andere Schriften, wurden noch im gleichen Jahr in Holland gedruckt und mit Hilfe von Kurieren nach Deutschland eingeschmuggelt.

3. Die autonomen Gruppen im Reich

Die Hauptarbeit des Widerstandes übernahmen die kleinen örtlichen Gruppen. Diese bildeten sich 1933 nach einer kurzen Phase der Passivität erneut in fast allen früheren Hochburgen der syndikalistischen Bewegung.

Ein Teil dieser Gruppen arbeitete im Widerstand völlig "autonom", d.h., unabhängig von jeder anderen Gruppe, was teilweise dazu führte, daß sie nie von der Gestapo aufgerollt werden konnten. Andere Gruppen suchten die Zusammenarbeit mit Syndikalisten in anderen Städten, so daß überregionale, lockere Verbindungen entstanden, die zumeist auch zur Auslandsstelle in Amsterdam und zur FAUD-Geschäftskommission in Leipzig Kontakt hielten.

Die räumliche Ausdehnung dieser Widerstandsnetze entsprach häufig den Gebieten der früheren Provinzialarbeiterbörsen der FAUD. So existierten insbesondere im Rhein-Main-Gebiet, in Sachsen und Thüringen, im Rheinland, Hamburg und im Großraum Berlin solche Verbindungen. Nach Angaben der Gestapo wurden gerade in diesen Gebieten zwischen 1935 und Mitte 1937 immer wieder syndikalistische Widerstandsgruppen bekämpft.

Das syndikalistische Widerstandsnetz stützte sich also auf die Zusammenarbeit zwischen Emigrantenstelle und illegaler Geschäftskommission, insbesondere aber auf die Aktivitäten der örtlichen oder regionalen Gruppen. Letztere waren für ihre Arbeit größtenteils auf die Belieferung mit illegalem Schriftenmaterial aus dem Ausland angewiesen.

Internationale Solidarität

Die Organisierung der Hilfe für die vom Faschismus bedrohten syndikalistischen Gewerkschaften Italiens und Portugals trug bis 1933 hauptsächlich das Sekretariat der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA). Dessen Sitz war jedoch Berlin-Wilmersdorf, so daß mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten auch die Verlegung des IAA-Sekretariats ins Ausland notwendig wurde. Zurückgelassen werden mußte das gesamte Archiv und alle Korrespondenzen der IAA. Dem neuen Sekretariat stand daher kein einziges Dokument und kein einziger Brief aus seiner zehnjährigen Tätigkeit zur Verfügung. Somit bestanden auch von Seiten der IAA zunächst große Schwierigkeiten, mit den im deutschen Widerstand noch aktiven Genossen in Kontakt zu treten.

Erst im August 1933 wurde die Verbindung zwischen dem IAA-Sekretariat und der FAUD in Deutschland endgültig wiederhergestellt. Zur gleichen Zeit bildete sich - wie schon erwähnt - unter Mithilfe der holländischen Syndikalisten eine Auslandsgruppe der FAUD in Amsterdam, die von nun an die Verbindung nach Deutschland aufrechterhalten sollte.

Mit der steigenden Zahl deutscher Flüchtlinge, die sich an die FAUD-Auslandsstelle sowie an das "Internationale Antimilitaristische Büro" in Amsterdam wandten, wurden in zunehmenden Maße finanzielle Mittel für ihre Unterstützung notwendig. Die IAA rief daraufhin die ihr angeschlossenen Landessektionen auf, moralische, besonders aber finanzielle Hilfe für die deutschen Genossen zu leisten. Die Emigranten wurden in der Folgezeit vorwiegend mit Geldern des "Internationalen Solidaritäts-Fonds" der holländischen Sektion der IAA (dem "Nederlandsch Syndikalistisch Vakverbond" - NSV) unterstützt.

Auchvon der schwedischen Sektion (Sverges Arbetares Centralorganisation - SAC) wurden umfangreiche Geldsammlungen veranstaltet. In den USA und Kanada wurden größere Summen durch die Initiative von Rudolf Rocker und Emma Goldmann auf deren Rundreisen durch diese Länder gesammelt. Die Gelder aus Schweden, den USA und Kanada wurden größtenteils für die Herausgabe von Zeitungen und anderen Publikationen in deutscher Sprache verwendet.

Weiterhin rief das Sekretariat der IAA mehrmals zu Boykottaktionen gegen Hitler—Deutschland auf. Der erste Boykottaufruf erfolgte 1934, ein zweiter 1938 angesichts des drohenden Krieges.

Beide Male wurden die Vorschläge des Sekretariats in den verschiedenen Landessektionen heftig diskutiert. Dem ersten Boykottaufruf stimmt beispielsweise die französische Sektion, die CGTSR, nicht zu mit der Begründung, daß ein solcher Boykott für Hitler eine Möglichkeit sei, seinen eigenen Bankrott zu maskieren. Außerdem könne er den Nazis einen Vowand zum Krieggeben. Dennoch entschieden sich die meisten Sektionen der IAA für einen Boykott Deutschlands und starteten eine entsprechende Kampagne, die besonders intensiv in Holland, Schweden und Spanien geführt wurde.

Der 1938 ausgearbeitete Boykottaufruf gegen die Aggressorstaaten Deutschland, Italien und Japan wurde auch dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) vorgelegt. Dieser Aufruf enthielt Pläne zur Verhinderung solcher Rohstoffexporte in die genannten Staaten, die ihrer Rüstungsindustrie und Brennstoffversorgung dienten; die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sollte indes gesichert bleiben. Der Internationale Gewerkschaftsbund lehnte jedoch ab. Ebenso zeigte sich die - allerdings kaum mehr existente - Rote Gewerkschaftsinternationale (RGI) nicht an Boykottplänen interessiert.

Einzelkampagnen initiierte die IAA unter anderem für die Freilassung des in einem Kz internierten Anarchisten Erich Mühsam und anläßlich der Saarabstimmung.

Die Konferenzen der illegalen FAUD waren zumeist auch von Mitgliedern des Sekretariats der IAA besucht und von diesen mit vorbereitet. Bei den Beratungen kam es zu unterschiedlichen Einschätzungen der Möglichkeit, antifaschistische Aktionseinheiten zu bilden. Während die FAUD-Geschäftskommission 1935 eine "Synthese zwischen den marxistischen und anarchistischen Proletariern" und "die Gründung einer neuen Internationalen" forderte, lehnte die IAA diese Vorstellungen ab mit dem Hinweis auf die internationale Lage. Dieser Gedanke hat danach auch, soweit wir feststellen konnten, keine weitere Verbreitung gefunden. Es kam jedenfalls nicht zu einer antifaschistischen Aktionseinheit zwischen Kommunisten und Anarcho-Syndikalisten. Die Unterstützung des syndikalistischen Widerstandes im Deutschen Reich blieb beschränkt auf die Hilfe der ausländischen Schwesterorganisationen und der IAA.

Krise und Niedergang des anarcho-syndikalistischen Widerstandes in Deutschland

Im Jahre 1935 geriet der syndikalistische Widerstand in eine erste Krise: Die Schriftenlieferung aus dem Ausland wurde Ende 1934 / Anfang 1935 eingestellt. Vor allem die westdeutschen Gruppen, für deren organisatorischen Zusammenhalt diese Schriften von großer Bedeutung waren, schrumpften in der Folgezeit beträchtlich. Die Kontakte zwischen den verschiedenen Städten brachen zum Teil ab.

Aber auch im übrigen Reich bröckelte die Organisation auseinander. Ihren Grund fand diese Entwicklung in der forcierten Verfolgung der Linksoppositionellen, aber auch in der relativen Stabilisierung der Wirtschaftslage in Deutschland. Viele Anarcho-Syndikalisten, die schon jahrelang erwerbslos waren, kamen wieder zu Arbeit. Ihnen war bekannt, daß die Gestapo häufig bei ihren Arbeitgebern Informationen über arbeitsbezogenes und politisches Verhalten einholte. Um ihre Arbeitsstelle nicht gleich wieder zu verlieren und stattdessen verhaftet zu werden, verzichteten viele auf jegliche politische Arbeit. Andere zogen sich aus der Widerstandsarbeit aus Angst vor der Gestapo zurück, da sie erlebt hatten, wie durch Denunziation von Nachbarn und Kollegen viele Genossen aus den Widerstandszirkeln verhaftet worden waren.

Doch im Jahre 1936 verhalf ein unerwartetes Ereignis dem syndikalistischen Widerstand in Deutschland zu einem neuen Aufschwung: Der Spanische Bürgerkrieg war ausgebrochen. Dem bewaffneten spanischen Proletariat war es gelungen, den Putsch des Generals Franco in großen Teilen des Landes abzuwehren. Die spanischen Anarchisten, insbesondere die anarcho-syndikalistische CNT mit ihren zu dieser Zeit ca. 2 Mio Mitgliedern, begannen, in den befreiten Gebieten die Ländereien zu kollektivieren und die Fabriken in die Hände der Arbeiter zu überführen. Gleichzeitig organisierten sie in Zusammenarbeit mit der sozialistischen UGT den militärischen Kampf gegen die von italienischen und deutschen Truppen unterstützte Armee Francos, die, von Marokko kommend, in Südspanien eindrang.

In Deutschland verfolgten die Syndikalisten diese Ereignisse voller Spannung. Viele, die resigniert hatten, schöpften wieder Hoffnung. In Spanien sah man die Verwirklichung der eigenen Ideale zum Greifen nahe. Ein Sieg über den spanischen Faschismus hätte auch Auswirkungen auf die Entwicklung in Italien und Deutschland gehabt.

Die spanische CNT begann daraufhin in Zusammenarbeit mit den nach Spanien emigrierten deutschen Genossen eine rege Propagandaarbeit. Diese in Spanien lebenden deutschen Syndikalisten hatten sich zusammengeschlossen zur "Gruppe DAS" (Deutsche Anarcho-Syndikalisten), die u.a. auch eine 14tägig erscheinende Zeitung herausgab, die "Soziale Revolution". Durch Kuriere stellten sie den Kontakt zu den Genossen in Deutschland wieder her. Es gelang in den folgenden Monaten, neue Aktivisten für den Widerstand gegen Hitler zu gewinnen.

Geldsammlungen wurden durchgeführt und Techniker für die spanischen republikanischen Truppen angeworben. Dennoch, auch diese zweite Phase des syndikalistischen Widerstands war nicht von langer Dauer. Das Spitzelsystem in Deutschland war schon zu gut ausgebaut; eine Gruppe nach der anderen wurde von der Gestapo aufgespürt und zerschlagen. Ab 1936 fanden mindestens sieben Prozesse mit durchschnittlich fünf bis ca. vierzig Angeklagten statt. In einem Prozeßkomplex saßen sogar ca. 100 Syndikalisten auf der Anklagebank.

Nach dieser großen Verhaftungswelle existierten mit Sicherheit keine umfangreicheren Widerstandsverbindungen mehr. Spätestens im Jahre 1940 waren auch die meisten kleinen Gruppen aufgelöst. Inwieweit sich die Syndikalisten in Deutschland noch nach 1940 illegal betätigten, kann nur sehr schwer eingeschätzt werden. Gerüchteweise sollen in den Häfen von Hamburg und Bremen während des Krieges Schiffssabotageakte verübt worden sein, an denen auch Anarchisten und ehemalige Syndikalisten beteiligt waren. Dies war für uns jedoch nicht genauer nachprüfbar. Hingegen sind Fälle bekannt geworden, daß Syndikalisten an konspirativen Widerstandsaktivitäten innerhalb der Wehrmacht - im "Bewährungsbataillion 999" - teilgenommen haben. So bei einem Einsatz dieses Bataillions auf der Insel Rhodos.

Die meisten deutschen Syndikalisten hatten jedoch, nachdem auch der spanische Bürgerkrieg ein schreckliches Ende genommen hatte, keinen aktiven Widerstand mehr geleistet. Viele von ihnen verbüßten ohnehin noch lange Zuchthausstrafen oder waren in Konzentrationslagern interniert.

Eine letzte deutschsprachige Broschüre, die im Juli 1939 von der IAA herausgegeben wurde, fand daher kaum mehr Verbreitung unter den deutschen Anarchisten und Syndikalisten im Reich; allenfalls noch unter den vielen Emigranten, die - verstreut in aller Welt - ein Leben im Exil führen mußten und von denen nur wenige nach 1945 zurückfanden.

Der Widerstand - Aufgaben und Mittel

Wie sah nun der Widerstand im Einzelnen aus und wo kam er zum Tragen? Ohne wesentlich den in diesem Buch geschilderten Ereignissen vorzugreifen, können einige allgemeine Feststellungen getroffen werden.

Nachdem die Linke weder den Triumph des deutschen Faschismus verhindern noch später aus eigener Kraft einen Umsturz des Naziregimes zu erreichen vermochte, war die Widerstandsarbeit nach 1933 nur noch ein bloßer Kampf gegen die Erscheinungen des faschistischen Systems.

Der Widerstand der Syndikalisten spielte sich im alltäglichen Leben - im Stadtviertel, in der Fabrik - ab, und dies war kein Bruch mit ihrer bis dahin verfolgten politischen Praxis, während sich zum Beispiel die Linksparteien auf eine Arbeit ohne Wahlkämpfe und ohne glänzende Parlamentsreden einrichten mußten.

Die Hauptaufgaben des Widerstands waren Gegenpropaganda, Sicherung des organisatorischen Zusammenhalts zwischen den Gruppen, Fluchthilfe und direkte subversive Aktionen. Die Syndikalisten konnten dabei zunächst noch auf eine vorhandene Anti-Nazi-Haltung in der Arbeiterschaft zurückgreifen und entfalteten deshalb auch unter den Arbeitern ihre Gegenpropaganda. Vor allem antifaschistische Literatur aller Art (Zeitungen, Flugblätter, Klebezettel und Plakate) dienten dem. Dabei waren die Anarchisten und Syndikalisten angesichts der gefährlichen Lage nicht selten erfinderisch: Illegale Minidruckereien gab es eine ganze Reihe - einige als Ergebnis der Zusammenarbeit mehrerer Genossen an einem Ort, andere als "Wanderdruckereien". Am häufigsten aber war die Beschaffung von Literatur aus dem Ausland (und zwar aller erreichbaren linken Literatur), was jedoch das Risiko erhöhte: Zur Gefährlichkeit der Verteilung der illegalen Literatur kam noch die Gefährlichkeit der Beschaffung. Die Menschen im Widerstand mußten erkennen, daß ihre Aktivität von Jahr zu Jahr gefährlicher wurde.

Leute, die festgenommen wurden, waren den Foltermethoden der Gestapo ausgesetzt, deren Ziel es war, mit allen Mitteln die Namen anderer Widerstandskämpfer zu erfahren. Viele wurden schon in den ersten Jahren nach 1933 so mißhandelt, daß sie entweder Angst hatten weiterzumachen oder aber körperlich gar nicht mehr dazu in der Lage waren. Es war also von Anfang an lebenswichtig, im Verborgenen zu arbeiten und die Regeln konspirativen Vorgehens strikt zu beachten. Die meisten Anarchisten und Syndikalisten hielten sich daran, was aber nicht verhinderte, daß ein Großteil der Gruppen aufflog. Der Grund lag darin, daß winzige Kleinigkeiten schon genügten, Verdacht zu erregen oder ein Einschreiten der faschistischen Staatsorgane hervorzurufen.

In den allermeisten Fällen, von denen wir erfahren haben, lag die Ursache für Verhaftungen anarchistischer Widerständler in Zufälligkeiten - und nicht etwa im Erfolg der Verfolgungsbehörden. Über das, was vom Nazi-Terror zu erwarten war, wenn sie erst einmal in seine Folterstuben gezerrt waren, machten sich die Anarchisten keine falschen Vorstellungen, wenn auch die davon ausgehende Abschreckung eine Ausweitung der Untergrundaktionen im Laufe der Zeit unmöglich machte. Es ist daher auch nicht verwunderlich, wenn sich von ihnen viele - und manche in der letzten Minute - ins Ausland absetzten.

Als der 2. Weltkrieg ausbrach, befanden sich die meisten noch in Deutschland verbliebenen syndikalistischen und anarchistischen Widerstandskämpfer in Zuchthäusern und KZ ’s. Manche Frau und mancher Mann war schon ermordet worden - wie nach ihnen noch viele bis zum Zusammenbruch 1945. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war das letzte Lebenszeichen der syndikalistischen und anarchistischen Bewegung in Deutschland.

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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