Anarchosyndikalistischer Widerstand - Aachen

Der anarchosyndikalistische Widerstand in und um die Genzstadt Aachen wurde vor allem von den Aktiven der FAUD geführt, die als Gruppe keine Verbindung zu anderen Ortsbörsen im Rheinland hatten und deswegen auch dem Schicksal dieser Gruppen entgingen. Die folgende Schilderung basiert auf Aufzeichnungen von - und Gesprächen mit Curt Moeller aus Aachen.

Das "Antifaschistische Komitee"

Im Frühjahr 1932 bildete sich in Aachen angesichts des offensiven Nationalsozialismus das "Antifaschistische Komitee" (solche Komitees existierten auch in vielen anderen Städten). Dieses Komitee sollte einerseits eine Zusammenfassung aller links von der SPD stehenden Kräfte gegen die Nazis sein, andererseits aber auch den Schutz der Aachener Arbeiterviertel gegen die Übergriffe der Faschisten organisieren.

Es fanden sich in diesem Komitee Organisationen mit einer großen Spannweite zusammen: Sie reichte von der KPD (mit ihren Nebenorganisationen) über die SAP (Sozialistische Arbeiter-Partei, SPD-Linksabspaltung), den "Leninbund" (Oppositionsgruppe gegen die KPD), die "Korschgruppe" (Linksmarxisten), die AAUE (Allgemeine Arbeiter-Union/Einheitsorganisation, föderalistische Marxisten) bis hin zu den Anarchosyndikalisten und Anarchisten. Als stärkste Gruppe bei den Anarchosyndikalisten/Anarchisten war die FAUD aktiv in diesem Komitee. Neben dieser beteiligten sich noch andere Gruppen eigenständig mit Vertretern im Antifaschistischen Komitee, die stark anarchosyndikalistisch oder anarchistisch beeinflußt waren. Hier sind vor allem zu nennen:

  • Die Gemeinschaft Proletarischer Freidenker (eine atheistische Gruppe, die auf Initiative von Anarchosyndikalisten Ende der Zwanziger Jahre gegründet wurde. Mit ihr wollten die Libertären größere Kreise ansprechen und erlangten wohl auch als Organisation einen sehr hohen Bekanntheitsgrad, besonders durch große Kundgebungen und Vortragsveranstaltungen. Für 1933 war z.B. von ihr in Aachen ein großes westeuropäisches Kulturtreffen u.a. mit Erich Mühsam geplant, zu dem es aber nicht mehr kam. Eine Reihe
  • von Marxisten fanden über die Gemeinschaft Proletarischer Freidenker zur anarchistischen Bewegung.)
  • Die Gilde Freiheitlicher Bücherfreunde (ein anarchosyndikalistisch-anarchistischer Buchverlag und -Buchklub).
  • Die Anarchosyndikalistische Jugend
  • sowie verschiedene Kulturorganisationen, vor allem Arbeitersportgruppen, Liederkreise und der Verein für Sexualreform (der in Differenzen zwischen den antiautoritären und autoritären sozialistischen Gruppen eher eine neutrale Stellung bezog, in dem aber auch Libertäre mitarbeiteten).


Die theoretischen Differenzen, vor allem zwischen den Libertären (Anarchisten und Anarchosyndikalisten) und den marxistischen Kommunisten (besonders aus der KPD und den von ihr beeinflußten Organisationen), wurden in diesem Komitee ungeachtet der konkreten Tagesarbeit nicht begraben, sondern in häufigen Debatten immerwieder diskutiert. Die Libertären warfen den autoritären Kommunisten besonders ihre rücksichtslose Ausrichtung des antifaschistischen Kampfes vor und warfen damit die Frage der "Moral" auch im Widerstand auf. Die Libertären befürchteten, daß mit der Aufgabe (oder Ablehnung) humanistischer Grundsätze - auch im Kampf gegen die Faschisten - der Widerstand an Wirksamkeit und Bedeutung verlieren würde. Diese Einwände wurden von der KPD mit dem Hinweis auf die immer häufiger auftretenden bewaffneten Überfälle der Faschisten und der Notwendigkeit des Zurückschlagens beantwortet. Im Spannungsfeld dieser Auseinandersetzung nahmen die anderen Gruppen eine eher neutrale Haltung ein.

Das Antifaschistische Komitee in Aachen bestand nur ein Jahr, nämlich vom Frühjahr 1932 bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung im Frühjahr 1933, nach der in der Illegalität jede Gruppe mehr oder weniger ihren eigenen Weg ging oder zerfiel.

Die Aktivitäten des Komitees - das als aktives Rückgrat auch ca. 100 Verbindungsleute zu den beteiligten Gruppen besaß - bestanden in der gemeinsamen Organisierung von Versammlungen, dem Herstellen und Verbreiten von Flugblättern und der Einrichtung von Selbstschutzeinheiten, deren Aufgabe die Bewachung der Arbeiterviertel in den Nächten war. Dieser Selbstschutz wurde so eingerichtet, daß sich Gruppen von 5 - 10 Leuten (aus den verschiedenen politischen Richtungen, Frauen und Männer aller Altersstufen) in einer bestimmten strategisch günstig gelegenen Wohnung des Nachts versammelten und dort unter Beobachtung der Straße Wache hielten, um eventuellen Ausschreitungen der Faschisten zuvorzukommen. Sie waren mit Pistolen und Prügeln bewaffnet und hielten unauffällig Kontakt zu Wohnungen in anderen Straßen. So gab es zum Beispiel im Aachener Westviertel 7 - 8 solcher Wohnungen, die über das ganze Viertel verstreut lagen.

Zu schweren Zwischenfällen kam es in Aachen nur einmal (ein Toter ), abgesehen von kleineren Reibereien. Die Ausschreitungen der Nazis waren vor 1933 nicht so massiv in Aachen wie vergleichsweise in anderen Städten.

Die syndikalistische Tätigkeit im Aachener Raum nach 1933

Nachdem 1933 die FAUD - ebenso wie alle anderen radikalen linken Organisationen - verboten wurde, ergab sich bei ihr ein Rückgang der bisher vorhandenen Mitgliederzahl bis auf einen internen Kreis, mit einem bestimmten Verhältnis untereinander. Die Aachener Anarchosyndikalisten waren sich über die Gefahren im klaren und hielten sich streng an konspirative Grundsätze:

So ist es verständlich, wenn die übriggebliebene Aachener Gruppe (etwa 10 - 15 Leute) keine feste Zusammenarbeit mit anderen anarchosyndikalistischen Widerstandskreisen suchte oder einrichtete, weil sie davon eine unnötig große Mitwisserschaft ihrer Aktivitäten befürchtete, die um so verhängnisvoller werden mußte, je mehr Genossen verhaftet, verhört und gefoltert wurden. Lediglich mit kleinen Gruppen in der näheren Umgebung wurde zusammengearbeitet (mit Anarchosyndikalisten in Calamine/Belgien und Vaals und Heerlen in Holland sowie deutschen Anarchosyndikalisten in Merkstein und Palenberg), um das "0perationsgebiet " etwas größer zu halten. Ein Kontaktversuch nach Dülken blieb erfolglos. Daß es trotzdem zu Rückschlägen kam, schildert eine Darstellung von Curt Moeller, einem damaligen Aktiven im Grenzraum:

"Kurt Berkner (geb. 27..3. 1905) war der Sohn unserer altbewährten Kameraden Ernst und Olga Berkner, die aus Sachsen stammend, aktiv in den Ruhrkämpfen 1919/1920 in Hamborn waren. Sie siedelten sich (wie andere) wegen der Verfolgungen im Aachener Revier in Merkstein an, wodurch die hiesige Bewegung wesentlich belebt wurde. Die wohnörtliche Eigenart der Berkners ließ hier bald ein Treffpunkt der Aufgeschlossenen der Bewegung entstehen. Durch die vielseitige Betätigung, auch auf dem Kultur- und Sportgebiete, war die Familie in weiten Kreisen bekannt und geachtet. So ergab sich über die FAUD im Kreis Aachen eine fruchtbare Arbeit in Verbindung mit dem föderalistischen "Kultur- und Sportkartell" in Aachen.

Kurt Berkner brachte die von ihm entwickelten Rhytmiane- und Gymnastiane - Gruppen auf eine solche kulturelle Höhe, daß die neuen Machthaber in Braun versuchten, ihn auf diesem Gebiet für ihre Zwecke zu gewinnen, was natürlich von ihm entschieden abgelehnt wurde. Er veranlaßte die Sicherstellung der wertvollen Ausrüstung und Utensilien nach Holland, wo man anschließend versuchen wollte, nach Möglichkeit weiter tätig zu bleiben.

Anschließende Hausdurchsuchungen ergaben auch sogleich Rückschlüsse auf Verbindungen nach Aachen. Nachdem die Möglichkeiten des Grenzübergangs in unmittelbarer Stadtnähe Aachens nach Holland und Belgien immer unsicherer wurden, bot der nördliche Streifen (Grubenrevier Herzogenrath - Palenberg) noch bessere Gelegenheiten. Doch fanden wir bald auch dort aufkommende Nachteile und zwar selbst im Verhalten der ansässigen Freunde einerseits, und andererseits der immer intensiveren Spitzeltätigkeit der Nazis im holländischen Südlimbourg, wo deutsche Anarcho-Syndikalisten und andere aus Merkstein und Umgebung sich erlaubten, regelrechtes Gruppenleben zu entwickeln. Wiederholt warnten wir unseren Freund Kurt Berkner, doch vor allem die Sporttätigkeit einzustellen, welche geradezu eine provozierende Wirkung hatte und damit alles andere in höchste Gefahr brachte.

Der holländische Kamerad Jozef Beckerz aus Vaals streifte über einen Fußweg etwas nahe die Grenze; man schleppte ihn auf die deutsche Seite hinüber, um ihn einige Wochen - mit zwischenzeitlichen Verhören - einzusperren. Dies und viele andere Erlebnisse ignorierte man bei unseren Freunden. Dagegen wurden die Beziehungen zu den Linksparteien erweitert.

Erst jetzt wurde mir ein Bericht vorgelegt, wonach im Frühjahr 1938 in Südlimbourg zu einer Konferenz u.a. auch Kurt Berkner eingeladen war. Diese Tagung wurde plötzlich abgesagt, ohne daß hiervon Kurt Kenntnis erhielt! Man fürchtete die Entführung der Teilnehmer! Kurt suchte vergebens den Tagungsort auf und traf Sonntagsabends wieder zu Hause ein. Tagsüber erkundigte sich die Stapo bei den Eltern nach Kurt. Der alte Genosse Kleff riet unserem Kurt eindringlichst, sofort die seiner Meinung noch gegebene Chance zu nutzen und durch den Grenzbach Wurm (die Berkners wohnten an einem Talhang der Wurm) zur anderen Seite zu fliehen. Auch diesen letzten Rat befolgte Kurt nicht.

Montagsmorgens zog er wie üblich nach Herzogenrath zur Baustelle, wo er als Maurer angestellt war. Wenige Zeit später holte ihn die Stapo ab. Nach einer Woche meldete man von der Stapostelle Aachen den Eltern, ihr Sohn habe im Gewahrsam Selbstmord begangen, worauf sich der Vater, Ernst Berkner, sofort zum Aachener Gefängnis am Amtagericht begab. Der höchst erregte Vater, der der dortigen Verwaltung gegenüber von einer vorsätzlichen Ermordung seines Sohnes sprach, wurde darauf verwiesen, daß so etwas im Aachener Gefängnis unmöglich wäre. Man schickte ihn einfach zum Präsidium. Hier führten ihn die Stapoleute auf sein Verlangen, seinen Sohn sehen zu wollen, zu der Leiche. Man hatte allerdings nicht erwartet, daß Ernst Berlmer die Leiche betastend plötzlich die ganze Decke wegriß und so feststellte, daß beide Arme ausgekugelt waren. Damit schrie er den Umstehenden, welche ihn zurückrissen, an: "Ihr habt ihn ermordet!". Mit der Drohung "Ab jetzt und weiterhin keine Äußerungen mehr!" gab man ihm den Weg frei.

Von der Stapo aus war sein Gang zu mir. Daß Ernst als ausgebildeter Vorturner und Arbeitersamariter in der Lage war, augenblicklich eine körperliche Deformation festzustellen, war mir aus Erlebnissen von früher her bekannt und damit auch die objektive Feststellung im vorliegenden Fall gewährleistet.

An einem der folgenden Sonntage wurde die Urnenbestattung vorgenommen. Die Straßen Merksteins füllten sich mit Massen von Menschen, so daß der Trauerzug zu einer einmaligen schweigenden, aber ausdrucksvollen Demonstration gegen den Mord wurde.

Ein Freund, offiziell "aus Hamburg", hielt auf dem Waldfriedhof den Nachruf und wurde durch einen festen Cordon bis zu seinem Untertauchen gesichert. Mühe hatten wir mit dem Vater, den wir nur mit großen Anstrengungen von seinen lauten Haßkundgebungen gegen die Mörder abbringen konnten. Vielleicht trug dies mit zu seiner inneren seelischen Zermürbung bei; - Ernst Berkner verfiel der geistigen Umnachtung.

Schon am folgenden Tage machte die Stapo uns in Aachen zur Auflage: Die Innehaltung der Grenzen unserer zuständigen Wohngemeinde als Bannmeile. Mit bestimmter Vorsorge wurde dies allerdings von uns umgangen. Nach Kurt Berkner wurde nach 1945 in Merkstein eine Straße benannt."

Die Aktivitäten in Aachen standen ganz unter dem Aspekt der nahen Grenze nach Belgien und den Niederlanden. Um nicht die wichtigen Fluchtmöglichkeiten ins Ausland zu verlieren, mußten die Aachener also besonders vorsichtig sein: Sie richteten es ein, daß von heiklen Aktionen nur die unmittelbar Beteiligten (meist nicht mehr als 3 Leute) wußten, ferner daß ihre Treffen mit wichtigen Besprechungen vorzugsweise im Freien (in Gärten, auf Straßen, etc.) stattfanden, die Kontakte zu Leuten, die als unsicher verdächtig waren, vorsichtig abgebrochen wurden und daß alle Aktivitäten sorgfältig getarnt waren.

Eine wichtige Aufgabe war auch die Verbreitung antifaschistischer Literatur und Flugblätter. Neben dem Einschmuggeln von im Ausland (in der ersten Zeit besonders aus Holland, siehe auch die entsprechenden Kapitel über andere Orte) hergestellter Literatur, stellten die Aachener Anarchosyndikalisten auch eigene Flugblätter auf einem Handabzugsrahmen mit Auflagen bis zu 200 Stück her und gaben sie zuverlässigen Personen oder legten sie an geeigneten Orten aus. Die technischen Utensilien dazu waren alle bei mehreren Leuten unauffällig verteilt, der Rahmen war beispielsweise in der Mauernische eines Treppenflurs versteckt. Die Informationen für ihre Flugblätter (die nicht nur zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufriefen, sondern auch als "Gegenpresse" mit unterdrückten Nachrichten - besonders aus dem Ausland - dienten) erhielten sie durch das Abhören ausländischer Sender und dem Studium eingeschmuggelter Literatur. Dabei war schon die Kenntnis von Esperanto den Nazibehörden verdächtig, weil es vorkam, daß - vermutlich aus Belgien - Anleitungen zur Anfertigung subversivem Propagandamaterials in Esperanto nach Aachen geschmuggelt wurden.

Der Schmuggel von Literatur selbst aber war auch eine riskante Sache, denn der Grenzverkehr wurde natürlich von den faschistischen Machthabern immer drastischer erschwert. Wenn zwischen 1933 und 1934 der Schmuggel über die nahe Grenze zum holländischen Grenzort Vaals ablief, so wurde er von 1934 bis etwa 1937 nach Norden in die Gegend um Merkstein verlegt. Dort bildete der 5 Meter breite Bach Wurm die deutsch-holländische Grenze. Nach vorheriger Absprache nun kamen holländische Genossen aus Vaals und Heerlen dorthin und tauschten mit den wartenden deutschen Freunden Nachrichten und Material aus. Auf dem gleichen Wege gingen Nachrichten von Deutschland nach Holland, etwa neue Treffabsprachen - und auch Mitteilungen über bevorstehende Fluchtaktionen.

So entwickelten die Aachener Anarchosyndikalisten eine rege Untergrundtätigkeit, obwohl die Gruppe zahlenmäßig eher klein war - viele Genossen zogen die Passivität der gefahrvollen illegalen Arbeit vor, blieben aber oft mit den Militanten in Kontakt.

Zu den Aktiven gehörten neben Curt Moeller (geb. 1905 in Vaalserquartier, Schreiner, Mitglied der FAUD seit 1919), der aus der Tschechoslowakei stammende Johan Parubek (ein in Aachen seit den Zwanziger Jahren lebender ehemaliger Kommunist, von Beruf Schneider), Josefine Pauli (die Lebensgefährtin Curt Moellers), der Metzger Jean Hohn (im 2. Weltkrieg verschollen) und der Ziegelei-Ingenieur Walter Hillbring (Mitglied der FAUD und FKA, verschollen im 2.Weltkrieg zu Beginn der Vierziger Jahre).

Unabhängig von der FAUD-Gruppe in Aachen existierte bis Ende 1936 ein kleiner Kreis der FKA (Föderation Kommunistischer Anarchisten, eine im gesamten Reichsgebiet verbreitete Gruppe um die Zeitung "Der Freie Arbeiter" von Rudolf Oestreich). Dieser Kreis unterhielt im Widerstand zwar keine Kontakte zu Aachener FAUD-Anarchosyndikalisten, jedoch wurde von der FKA-Gruppe häufig Schriftmaterial für die Düsseldorfer FAUD über die belgische Grenze transportiert. Den Kontakt zwischen Aachen und Düsseldorf hielt der Anarchist Simon Wehren.

Wehren war einer der Mitbegründer der Aachener FKA-Gruppe, nachdem er 1929 wegen persönlicher Differenzen aus der FAUD ausgetreten war. Während seiner Widerstandsarbeit schien er jedoch von Aachen aus engere Verbindungen zu FAUD-Mitgliedern im Ausland geknüpft zu haben, denn er entfaltete eine rege Tätigkeit, was die Beschaffung von ausländischen Schriften und Informationen für die Düsseldorfer FAUD anging. Später versuchte er auch, mit Julius Nolden aus Duisburg in Kontakt zu treten. Als aber 1936 die FAUD-Gruppen im Rheinland aufflogen, fand die Gestapo auch die Spur Simon Wehrens in Aachen. Er wurde jedoch noch rechtzeitig gewarnt und floh mit seiner Familie ins Ausland. Nach seiner Flucht spielte die Aachener FKA in der Widerstandsarbeit in Aachen keine Rolle mehr.

Aachen als illegaler Grenzübergangsort

Die bedeutendste Arbeit leisteten die Aachener Anarchosyndikalisten nach 1933 in der Organisierung der Flucht für viele Menschen.

Im illegalen Überschreiten der Grenze nach Belgien hatte die FAUD-Gruppe in Aachen eine lange Tradition und Erfahrung. Es waren eine Reihe von Übergängen über die "Grüne Grenze" (die ungesicherte und unmarkierte Staatsgrenze in der Natur; in Aachen im Stadtwald) bekannt. Im Mai 1924 gelang zum Beispiel die Organisierung der Flucht von Nestor Machno und Peter Arschinoff durch Aachener Anarchosyndikalisten nach Belgien (Machno und Arschinoff waren aktiv im Volksaufstand gegen Zarismus und Bolschewismus in der Ukraine, der sogenannten "Machnotschina" - der grössten anarchistisch beeinflußten Volkserhebung in Rußland von 1917-1922). Machno und Arschinoff waren über Polen nach Berlin geflohen, wo sie einige Zeit bei Anarchosyndikalisten Unterschlupf fanden. Um die Flucht nach Belgien und später nach Paris zu tarnen, wurde in Berlin von der FAUD die Falschmeldung in die Tagespresse lanciert, Machno habe in Schweden Asyl gefunden - was u.a. auch der Aachener "Volksfreund" im April 1924 brav meldete.

Nach 1933 ging es nur noch darum, Genossen die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Dabei nahmen die Grenzübergänge um Aachen eine bedeutendere Stellung ein als die Fluchtoperationen im Niederrhein nach Venlo (siehe Kapitel Duisburg), denn die Aachener konnten die Fluchtmöglichkeiten bis zuletzt, d.h. bis zum Mai 1940 (Überfall Hitlers auf Holland und Belgien) offen halten, wenn sie auch die Fluchtrouten mehrmals wechseln mußten. Außerdem verließen über Aachen mindestens ebensoviele Personen Deutschland wie über die "Niederrheinroute", zu deren Mitorganisatoren Julius Nolden gehörte.

Die Aktionen liefen dabei etwa folgendermaßen ab: Der Flüchtling (oft den Aachenern von alten Kontakten persönlich bekannt) lief in Aachen eine Kontaktadresse an. Dort wurde er vorsichtig ausgefragt und überprüft. Eine solche Vorsichtsmaßnahme war unbedingt nötig. Dies verhinderte z.B. Ende 1936, daß Spitzel der Nazis, die sich als "Flüchtlinge" ausgaben, in die Gruppe einbrechen konnten: Die Anarchosyndikalisten stellten sich unwissend, entgingen so der Verhaftung und konnten ihre Tätigkeit fortsetzen. Nachdem der Flüchtling als vertrauenswürdig befunden wurde, bereiteten einige Genossen die Flucht vor und geleiteten ihn über die Grenze.

Entsprechend der wachsenden Schwierigkeiten wurden im Laufe der Zeit verschiedene Fluchtrouten benutzt:

  1. Phase (1933/34) Unmittelbare Grenze nach Holland (um Vaals) und Belgien (Calamine und Lichtenbusch). Über diesen Weg gelangten etwa 30-40 Anarchosyndikalisten und andere Linke ins Ausland. Dabei handelte es sich zumeist um Mitglieder der FAUD und AAU/E, die aufgrund persönlicher Bekanntschaft mit den Aachenern die Kontaktadresse kannten oder erhielten. Es waren fast ausschließlich Genossen aus Süddeutschland (Maingebiet, Baden, Nürnberg) und Mitteldeutschland (Thüringen und Sachsen).
  2. Phase (1934 bis Ende 1936) Grenze nach Holland über Merkstein im nördlich von Aachen gelegenen Bergbaurevier. Über diesen Weg gelangten etwa 20 Leute in Sicherheit, besonders unter Mithilfe der örtlichen Syndikalistengruppen in Merkstein (um die Familie Berkner) und in Palenberg (um den anarchosyndikalistischen Bergarbeiter Goebbels).
  3. Phase (1937 bis 1940) über eine südliche Route (Eifelausläufer) nach Belgien, allerdings wegen der Gefährlichkeit nur noch einzelne Personen.


Es wurden auch einige Juden aus Aachen über die Grenze gebracht (dies organisierte besonders Josefine Pauli) und - zu Beginn des 2. Weltkrieges - französische Kriegsgefangene, die in Aachener Betrieben Zwangsarbeit leisten mußten.

Die Flüchtlinge wurden einzeln (selten bis zu 3 Leute auf einmal) auf bekannten Wegen über die Grenze geführt und auf der anderen Seite von holländischen oder belgischen Genossen in Empfang genommen, oder aber für den weiteren Weg allein ausreichend informiert und ausgerüstet.

Aufgrund der umsichtigen Durchführung rettete dieser "F1üchtlingstransfer" einer Reihe von Menschen, denen der Boden in Deutschland zu heiß geworden war (überwiegend natürlich deutsche Anarchosyndikalisten), das Leben.

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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