E. Pouget - Patriotismus und Demokratie, Hemmnisse im wirtschaftlichen Kampf

In der Verherrlichung der staatlichen Zusammengehörigkeit fand die patriotische Sentimentalität der Bourgeoisie ihren stärksten Ausdruck. Die Bande, ideologischer, nicht materieller Natur, welche die Menschen verbinden, die durch Zufall innerhalb der veränderlichen Grenzen eines bestimmten Gebietes geboren werden, wurden als die heiligsten gepriesen. Man lehrte ernsthaften Antlitzes, dass der schönste Tag eines Patrioten der wäre, an dem er für das Vaterland sterben durfte.

Diese schönen Worte waren zur dazu da, um das Volk zu täuschen und es zu verhindern, über den philosophischen Wert der politischen Moral nachzudenken, welche man ihm einflösste. Dank dem Trompetengeschmetter, Trommelwirbeln, Kriegergesängen und chauvinistischen Aufschneidereien begeisterte man das Volk, etwas zu verteidigen, was es nicht besass: einen Anteil am Erbe der Väter, am Vaterland. Die Vaterlandsliebe ist für alle Vaterlande-Verehrer — ohne Ausnahme — zu erklärlich durch einen Anteil an dem gesellschaftlichen Gesamtbesitz, und nichts ist unsinniger, als ein Vaterlandsverehrer ohne Anteil am Erbe der Väter, dem Vaterland. Und gerade in dieser Rolle befindet sich der Proletarier, welcher nicht eine einzige Scholle vom nationalen Boden besitzt; es zeigt sich, dass sein Patriotismus eine Wirkung ohne Ursache — also ein pathologischer Fall ist.

Unter dem alten Regime war die militärische Laufbahn ein Handwerk wie jedes andere — höchstens dass es barbarischer als ein anderes war. Und die Armee, die sich noch wenig der patriotischen Verhimmlungsharfe bediente, war ein Mischmasch von Söldnern, die für Baargeld gegen den Feind marschierten. Nach der Revolution erfand man in Frankreich die allgemeine Wehrpflicht für das Volk. Es war dies eine Deduktion von der Hypothese, dass künftig das Vaterland "das Eigentum Aller" sein sollte. In Wirklichkeit blieb es beim Alten, es blieb "das Eigentum Weniger". Und diese Wenigen lösten dank dem neuen System das Problem, ihre eigenen Vorrechte durch andere — durch diejenigen, welche allen Anteils am Vaterland beraubt waren — schützen zu lassen. Hierin zeigt sich der ungeheuere Widerspruch.

Die Bande der Nationalität, die im Militarismus ihre fühlbare Verkörperung erhalten und die der Verteidigung der gemeinsamen Interessen dienen sollen, schlagen in ihr direktes Gegenteil um, — in die Unterdrückung aller Bestrebungen des Volkes nach Besserstellung, nach Gewinn an einem Anteil am Erbe der Väter, am Vaterland.

Die Grenzen, welche die Armee bewacht und welche die Völker in englische, französische und deutsche Völker trennten, sind meist ideologisch und weniger scharf und einschneidend als die Grenzen des Reichtums, welche sich vor den Armen und Elenden aller Völker aufrichten.

Es folgt daraus, dass die Verherrlichung der staatlichen Zusammengehörigkeit im höchsten Grade antisozial ist. Sie als Grundlage des Gesellschaftslebens annehmen, hiess sich der Barbarei überantworten.

In ihrer Begeisterung für die Demokratie hat sich die Bourgeoisie nicht weniger machiavellistisch gezeigt. Nachdem sie die politische Macht erobert hatte, welche ihr die ökonomische Herrschaft sicherte, hütete sie sich sehr wohl, den Unterdrückungsmechanismus zu zerstören, welcher bis dahin zum Nutzen der Aristokratie funktioniert hatte. Sie beschränkte sich wohlweislich darauf, der Staatsfassade einen neuen Aufputz angedeihen zu lassen, der den äusseren Anblick änderte und genügte, um den Staat in den Augen des Volkes als ein neues Organ erscheinen zu lassen.

Doch im Gesellschaftsleben sind das einzig Reale zur die ökonomischen Funktionen, die den Individuen und den nützlichen Gruppenbildungen unter diesen entspringen. Daraus folgt, dass jede äussere Kristallisation, jeder politische Überbau ein parasitärer, hinderlicher oder schädlicher Auswuchs ist. Doch all dessen war sich das Volk noch nicht bewusst. Und daher war es auch sehr leicht zu täuschen.

Die Bourgeoisie verhinderte die Entfaltung der wirtschaftlichen Machtstellung des Volkes, die mittels der Koalitionsfreiheit zur Tat werden konnte, durch eine Unterbindung dieser letzteren und verleitete das Volk zu einem Wunderglauben an die politische Macht, deren ohnmächtige Äusserungen indessen die kapitalistische Ausbeutung nicht stören konnte. Die Nasführung glückte so vollständig, dass das Bewusstsein von der Gleichheit vor dem Gesetz — so trügerisch sie ist — während eines ganzen Jahrhunderts dazu diente, die Volksmassen zn beschwichtigen. Und dabei bedurfte es eigentlich nicht grosser Klarsicht, am zu erkennen, dass der Kapitalist und der Proletarier, der Grossgrundbesitzer und der Bettler nicht gleich stehen. Ihre Gleichheit wurde noch lange zu keiner Wirklichkeit dadurch, dass sie sich einander zur mit dem Stimmzettel bekämpften.

Und die Nasführung hat noch kein Ende gefunden. Sie besteht noch heute in dem Grade, dass viele im Volke — und vielfach gerade die Besten — immer noch an diese Chimären glauben. Sie sind die Opfer einer oberflächlichen Logik: sie haben die Volksmassen auf ihre imponierende numerische Stärke betrachtet und diese mit der numerischen Schwäche der herrschenden Minoritäten verglichen. Das hat sie zu dem Glauben geführt, dass die Massen nur politisch zu erziehen seien und dann der Triumph des Volkes durch die parlamentarische Funktion der Majoritäten gesichert sei.

Sie haben nicht gesehen, dass die demokratische Organisation der Gesellschaft, mit dem allgemeinen Stimmrecht als Grundlage, unmöglich für eine konsequente und erfolgreiche Tätigkeit geeignet zu machen ist. Diese Organisation dient höchstens dazu, vorübergehend Mitbürger einander zu nähern, zwischen welchen, wie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern keine Interessengemeinschaft besteht. Und in den Körperschaften, die sie bedingt, gibt sie ihnen einzig Gelegenheit, sich über Abstraktionen oder Illusionen auszusprechen.

Die wirre Zusammensetzung der Parlamente, ihre Unkenntnis von den Bestrebungen des Volkes und vor allem ihre Ohnmacht — sind so oft wiedergekäute Tatsachen, dass man kein Wort darüber zu verlieren braucht. Und man gelangt zu keinem besseren Resultat, wenn man die Erfolge des allgemeinen Stimmrechts auf dem Gebiet der Gemeindepolitik betrachtet. Einige kurze Beispiele werden es beweisen. Seit beinahe einem Vierteljahrhundert sind die Landgemeinden grösstenteils in den Händen der Bauern. Die Grossgrundbesitzer stehen dieser Eroberung keineswegs im Wege, denn sie wissen, dass dank der ganzen gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage und dank der Beschränkungen von Seiten der Zentralmacht nichts Wirksames in ihrer Mitte unternommen werden kann.

In den Arbeiterdistrikten, wo unter dem Vorstoss des Sozialismus gleichzeitig die Eroberung der Gemeinden erzielt wurde, ist der Vorteil für die Arbeiter ein verschwindender gewesen. Diese Gemeinden haben ihr Programm nicht verwirklichen können. Enttäuschung war die Folge. Und noch eine andere Gefahr trat hervor: das Proletariat dieser Kreise verpaffte seine gesamte Energie auf politischem Gebiet und vernachlässigte die wirtschaftliche Organisation.

So konnte es geschehen, dass die Arbeitgeber aus der Tatsache, dass sie keinem widerstandsfähigen Bollwerk des Gewerkschaftswesens begegneten, Nutzen üben konnten. Im Norden Frankreichs (Roubaix, Armentieres etc., wo die Gemeinden sozialistisch sind oder gewesen sind) sind die Löhne erschreckend niedrige. In den Ardannen stehen wir der gleichen Erscheinung gegenüber. Dort haben sich wohl zahlreiche Gewerkschaften gebildet, aber da sie vollkommen in politischer Tätigkeit aufgegangen sind, haben sie alle Widerstandskraft gegenüber dem Arbeitgeber verloren.

Allen diesen Fehlern fügt die Demokratie noch einen neuen, wo möglich den schlimmsten hinzu: Der Fortschritt — dafür ist unsere gesamte historische Vergangenheit ein Beweis — ist das Ergebnis der energischen Bemühungen zielbewusster Minoritäten. Die Demokratie bedeutet aber eine Unterordnung der Minoritäten unter die Majoritäten, welche stets konservativ sind und eine Herdennatur haben.

Die Demokratie mit ihrem allgemeinen Wahlrecht und der politischen Souveränität lief also zur darauf hinaus, die ökonomische Sklaverei der Arbeiterklasse zu befestigen.

Dieses Werk der Ablenkung von einer wirtschaftlichen Bewegung, das sich die Bourgeoisie zur Aufgabe machte, konnte indessen notgedrungen nur von vorübergehender Dauer sein. Die Organisation nach Berufen ist nicht ein Resultat künstlicher Kultur. Sie spriesst hervor und entwickelt sich spontan und unvermeidlich in allen Milieus. Man findet sie im Altertum, im Mittelalter und in beutiger Zeit. Und überall beobachtet man, dass ihre Entwicklung durch die Privilegierten gehemmt wurde, welche die Ausdehnungsgewalt dieser Organisationsform fürchteten und sie mit allerlei Massnahmen und Verboten zu unterdrücken suchten.

Dochtrotz des besten Willens gelang ihnen niemals die vollständige Ausrottung. Es ist keineswegs verwunderlich, dass die Organisation nach Berufen eine derartige unbeugsame Lebenskraft besitzt, denn ihre Vernichtung bedeutet nichts, anderes als die Vernichtung der Gesellschaft selbst. In der Tat, die Berufsgruppe hat ihren Ursprung in der Produktionsweise der Gesellschaft und leitet sich aus ihr gesetzmässig ab. Wo einmal der Zusammenschluss zum Zweck der Produktion eine unumgängliche Notwendigkeit ist, wie wäre es da denkbar, dass die Arbeiter, die sich für die Produktion zusammenfinden, ihre Organisationstätigkeit ausschliessich auf Berührungen und Beziehungen beschränken, die einzig im Nutzen des sie gemeinschaftlich ausbeutenden Arbeitgebers liegen? Im Interesse des Kapitalismus hat man sie zu einem festen wirtschaftlichen Bündel zusammengeschnürt! Sie mussten geradezu eine molluskenhafte Geistesverfassung haben, wenn sie nicht in ihren Beziehungen als Ausgebeütete über die Grenzen hinweggehen wollten, die ihnen die Arbeitgeber setzten. Unvermeidlich mussten die Arbeiter, falls sie nur ein Fünkchen Verstand besassen, den unüberbrückbaren Widerspruch erkennen, der sie — die Produzenten — zu unabänderlichen Feinden der Arbeitgeber macht.

Zwischen ihnen besteht also eine so tiefeinschneidende Disharmonie, dass nur Politiker und Soldschreiber des Unternehmertums über die "Verständigung zwischen Kapital und Arbeit" salbadern können.

Ausserdem konnten die Lohnarbeiter nicht lange ohne die Erkenntnis bleiben, dass die Anmassung und Habgier des Unternehmertums um so grösser wurde, je schwächer der Widerstand auf Seiten der Arbeiterklasse war. Hatte der Zusammenschluss zum Zwecke der Produktion die Arbeiter die Wohltaten der Organisation, der Gruppenbildung gelehrt, so bedurfte es nur ein wenig Willen und Initiative,  um die Organisation für die Verteidigung der proletarischen Interessen — die Gewerkschaft — zu schaffen. Und man sollte bald ihren Wert schätzen lernen.

Die Bourgeoisie, welche kaum eine Furcht vor dem Volk als Wähler kennt, wurde durch "das in Gewerkschaften organisierte Volk" gezwungen, das Koalitionsrecht anzuerkennen. Die Folge dieser ersten Erfolge waren wiederholte Versuche, die Arbeiterklasse von der Wertschätzung und Organisation des Gewerkschaftswesens abzulenken. Trotz dieser Machinationen hat sich die Rolle der Gewerkschaft aber nur geklärt und präzisiert, und zwar dahin, dass man heute das folgende Bild von ihren Aufgaben und Zielen gewonnen hat: Unter den heutigen Verhältnissen ist es ihre ständige Mission, die Organisation gegen jede Herabminderung ihrer Lebenskraft, d.h. gegen jede Lohnherabsetzung, gegen eine Erhöhung der Arbeitszeit etc. zu verteidigen. Und von der Abwehr zum Angriff übergehend, hat sie die Aufgabe, eine Erhöhung des Wohlbefindens der Organisation anzustreben, was nur auf Kosten kapitalistischer Privilegien möglich ist und eine Art partieller Expropriation bedeutet.

Ausser dieser Aufgabe unaufhörlicher Plänkeleien ist das Endziel eine vollständige Befreiung der Arbeiterklasse, wofür gerade sie das geeignete Werkzeug ist. Diese Befreiung wird in einer Ablösung der Bourgeoisie im Besitz der gesellschaftlichen Güter und in einem Neuaufbau der Gesellschaft auf kommunistischer Basis bestehen, der bei einem Minimum produktiver Tätigkeit das Maximum des Wohlbefindens sichern soll und kann.

Aus: Der Freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 8 & Nr.9, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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