Klassenkampf im Weltmaßstab

Internationale Perspektiven des Syndikalismus. Eine Antwort auf die Artikelserie „Syndikalismus nach 1945“

Als dreiteiliger Artikel erschien in den letzten Ausgaben der Direkten Aktion ein Beitrag zur Geschichte des Syndikalismus nach 1945. Während der dritte Teil sich die Frage nach seinen Zukunftsperspektiven stellte, brachte der zweite bereits zum Ausdruck, dass sich die Entwicklungsmöglichkeiten, die Marcel van der Linden und Wayne Thorpe dem revolutionären Syndikalismus nach seiner Hochphase diagnostizierten und als Diskussionsgrundlage des Artikels dienten, sehr wohl aufheben ließen – auch wenn „diese Dreiteilung der Entwicklungsmöglichkeiten syndikalistischer Bewegungen bis heute (noch) uneingeschränkte Gültigkeit besitzt“, so die Autoren im ersten Teil des Artikels.

Bei den drei diagnostizierten Entwicklungsmöglichkeiten für eine syndikalistische Bewegung handelt es sich um folgende: „1. an ihren Prinzipien festhalten – in diesem Fall würde sie unweigerlich vollkommen marginalisiert werden; 2. ihren Kurs völlig verändern und sich den neuen Bedingungen anpassen – in diesem Fall würde sie ihre syndikalistischen Prinzipien aufgeben müssen; oder 3. wenn diese beiden Alternativen ausschieden, sich auflösen, oder, was dem gleichkommt, in einer nicht-syndikalistischen Gewerkschaft aufgehen.“

Bedauerlich ist, dass van der Linden und Thorpe, zumindest im Zusammenhang der Entwicklungsvarianten, nicht versuchen, auf die genauere Beschaffenheit des Konzeptes der Industrial Workers of the World (IWW) einzugehen, könnte doch gerade dieses ein paar klärende Aspekte in die Fragestellung einbringen.

Weiterentwicklung des Syndikalismus: das Konzept der IWW

Die IWW ging zwar damit konform, in das syndikalistische Spektrum eingeordnet zu werden, betonte jedoch vehement, dass es sich bei ihrem „Unionismus“ um eine weiterentwickelte Variante des bisher gebräuchlichen Syndikalismus handele. Dem Konzept des Unionismus lag zugrunde, dass durch spezifische ökonomische Entwicklungen in den USA, wie z.B. die früher einsetzende Taylorisierung in der Industrie, die Antagonismen innerhalb der Arbeiterklasse einen höheren Grad als in anderen Ländern erreicht haben. Diese Antagonismen äußerten sich auf verschiedenen, sich überschneidenden Ebenen: zum einen zwischen qualifizierten Facharbeitern und dem unqualifizierten Massenproletariat; zum anderen zwischen denen, die einen Arbeitsplatz besaßen, und den strukturellen Arbeitslosen oder Prekarisierten, der sogenannten „Reservearmee“; und weiterhin zwischen den verschiedenen „Ethnien“ wie auch Einheimischen und Immigrierten. Diese Verhältnisse ließen sich von den Industrieunternehmern perfekt instrumentalisieren, um die ArbeiterInnenschaft gegeneinander auszuspielen und somit wesentliche Lebensverbesserungen zu verhindern, was die IWW dazu veranlasste, dem Problem mit einer effektiven, industrieübergreifenden Organisierung der bisher nicht Organisierten – in der Regel unqualifizierte Arbeiter, Wanderarbeiter, Tagelöhner und Arbeitslose, viele davon Migranten – zu begegnen.

Trotz der Tatsache, dass die Organisierung marginalisierter Gruppen etwas war, das auch andere syndikalistische Bewegungen stark gemacht hatte und auch die IWW um 1920 einen wesentlichen Niedergang erleben mussten – auch stark durch innere Widersprüche und Repression bedingt –, wohnt dem Konzept der IWW etwas sehr bedeutsames inne: Das besonders ausgeprägte Verständnis des Gesamtgefüges der Arbeiterklasse, der sogenannten „realen Klassenzusammensetzung“; ihre akribische Analyse der vorherrschenden kapitalistischen Struktur und Operationsweise, sowie ihre daraus abgeleitete Antwort, den syndikalistischen Kampf von der Ebene der Betriebe oder einzelner Wirtschaftszweige auf eine gesamtgesellschaftliche, industrieübergreifende Ebene zu hieven, um damit den durch die Analyse transparent gemachten Spaltungsmechanismen entgegenzuwirken.

Spaltungsmechanismen heute

Überprüft man nun die heutigen sozio-ökonomischen Verhältnisse in ihrer Totalität, insbesondere auf instrumentelle Spaltungsmechanismen, und versucht, wie im oben skizzierten Sinne die notwendige „Anpassung“ an die Bedingungen – also kein Fallenlassen der syndikalistischen Prinzipien und revolutionären Inhalte, sondern eine Weiterentwicklung dieser – zu bestimmen, so finden sich sehr wohl Ansätze im nationalen Rahmen, doch die Hauptaspekte scheinen auf internationaler Ebene zu liegen.

Was die nationalen Verhältnisse betrifft, so benötigt es keine große Sprungweite von Intellekt, um zu erkennen, dass instrumentelle Spaltungsmechanismen am wirken sind. Um nur ein paar wenige Aspekte zu nennen: Eine strukturelle Arbeitslosigkeit hoher Quantität ermöglicht es, relativ niedrige Löhne zu garantieren, insbesondere bei gleichzeitig einhergehendem Sozialabbau. Dies bedeutet letztendlich, dass die momentan Erwerbstätigen vor allzu wilden Arbeitskämpfen – die nicht die Versicherung durch die etablierten Gewerkschaften beinhalten – zurückschrecken, aus Furcht ihren Arbeitsplatz an „Reservearmisten“ zu verlieren. Gleichzeitig geht eine Ausweitung der Niedriglohn-, Teilzeitarbeits- und Zwangsarbeitssektoren einher, in denen die Erlangung besonderer tariflicher Absicherungen quasi unmöglich ist und geltende Standards regelmäßig unterlaufen werden.

Klassenkampf auf der Weltbühne

Dennoch befinden sich die wesentlichen strukturellen Veränderungen des Kapitalismus, auf die eine Antwort zu finden ist, auf der Bühne der Weltökonomie, wie man unschwer an der Debatte um „Globalisierung“ und z.B. auch um den sogenannten „Standort“ erkennen kann. Ein Kapitalismus, der den Weg aus den nationalen Ökonomien heraus beschritten hat und zum Global Player avancierte, vermag es nun, Antagonismen in der ArbeiterInnenschaft weltweit zu erzeugen und auszuspielen. Seinen Niederschlag findet dies dann in Erpressungen der diversen „Standorte“ durch „Abwanderungsdrohungen“, die wiederum staatliche Eliten und Bosse der etablierten Gewerkschaften zum Appell an die Rücksicht der Arbeitenden auf das „nationale Projekt“ veranlassen. So wieder mal die Karte des Korporatismus, die Heuchelei von der angeblich notwendigen „Sozialpartnerschaft“, ausgespielt habend, treten die arbeitenden Massen aller Nationen immer mehr in Konkurrenz, während „Verhandlungsmacht“ von ArbeiterInnen – zumindest zeitweilig – regional geschwächt und die sich abwärts drehende Lohnspirale stetig angekurbelt wird.

Um an dieser Stelle die ollen Marx und Engels zu zitieren, behaupteten diese zu ihrer Zeit: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgoisie zunächst ein nationaler ... Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgoisie fertig werden.“ Interessanterweise widersprechen Marx und Engels in gewisser Weise ihrer eigenen Revolutionsstrategie, wenn sie feststellen: „Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse.“ Dies ist bisher zwar nicht nach Maßgabe eingetroffen, doch wird sich manche/r langsam darüber bewusst, dass diesen Prozessen notwendigerweise eine adäquate Antwort zu entgegnen ist. „Unser Widerstand muss so global sein wie der Kapitalismus“, lautet eine Losung, die in der globalisierungskritischen Bewegung aufkam. Umso mehr sollte sie Gültigkeit für den revolutionären Syndikalismus haben, wenn dieser nicht in seiner Sackgasse verharren, ein ewig Anachronistisches bleiben und seiner eigenen Orthodoxie zum Opfer fallen, den Weg von der Agonie zur Auferstehung begehen will.

Notwendigkeit eines globalen Syndikalismus

Sicherlich ist es leicht daherschwadroniert, Forderungen nach Arbeitskämpfen zu stellen, die über die verschiedenen nationalen Rahmen hinausgehen und die ArbeiterInnenschaften praktisch verbinden, stellen sich doch die jetzigen Ressourcen des revolutionären Syndikalismus, gelinde gesagt, mager dar. Doch wie die Autoren des Artikels zur Geschichte des Syndikalismus in ihrem zweiten Teil schließen, „gewinnt die FAU (zurzeit zumindest auf nationaler Ebene) an syndikalistischem Profil“, und das trotz des geringen Organisationsgrads. Dieses Profil gilt es in skizzierter Weise ebenso praktikabel auf internationaler Ebene abzustecken.

Es muss begriffen werden, dass es sich hier nicht um realitätsferne Floskeln, sondern um eine Notwendigkeit handelt, wenn dem gegenwärtig anschwellenden System elitärer Plünderung, die Überzahl der Bevölkerungen zu jeder Zeit des fortwährenden Kurses ausbeutend und unterdrückend, ernsthaft etwas entgegengesetzt werden soll. Abgesehen vom Aspekt der Notwendigkeit, stellt dies eine große Chance für den revolutionären Syndikalismus dar, der auf erpresserische Auswüchse wie Standortargumentation eine Antwort geben kann, während die etablierten Gewerkschaften sich lieber im Dreck des „nationalen Interesses“ suhlen wollen bzw. zwangsläufig müssen. Dass sogar Gewerkschaftspolitik und Nationalismus in summa synthetisiert werden können (sic!), hatte spätestens der DGB-Vorläufer, der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), bewiesen. Es gilt nun umso mehr, der traditionellen Reduktion im Selbstverständnis der hiesigen ArbeiterInnen, sich lediglich als „deutsche Arbeiterklasse“ zu begreifen – was hier zu Lande stets einem genuinen Internationalismus im Wege stand –, die internationale Perspektive entgegenzusetzen.

Wie es bereits vor ein paar Jahrzehnten, zwar mit einem ganz anderen – und falschen? – Internationalismusverständnis, aber dennoch treffend, formuliert wurde, muss „jede radikale Opposition gegen das bestehende System ... heute notwendigerweise global sein.“ In diesem Sinne: Der Syndikalismus ist tot, es lebe der Syndikalismus!

H. Marcks (Bildungssyndikat, FAU Berlin)

Aus: "Direkte Aktion" Nr. 162 (März/April 2004)

Originaltext:
www.fau.org/fau_medien/da/DA_162/art_040325-093843


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