This world is not enough. Die anarchosyndikalistische Antwort auf die Globalisierung

Vor kurzem verteilten die Industrial Workers of the World (IWW) ein Flugblatt mit dem Slogan: „Globalisierung der Arbeiterselbstverwaltung statt Globalisierung der Konzerne!“. Kurz gesagt: das ist exakt die Antwort des Anarchosyndikalismus auf Konzernglobalisierung.

Die Internationalisierung des westlichen kapitalistischen Wirtschaftsmodells ist nichts neues. Der Kolonialismus - wie ein sozialistischer Autor bemerkte, der Cousin der Börse - war ein „Globaliserungsproblem“ seiner Zeit. In einem Umfeld untergeordneter Staaten, die als gigantische Versorgungsdepots für Naturressourcen und Arbeitskräfte ihrer Kolonialherrenstaaten dienten, konnte der Kapitalismus prächtig gedeihen.

Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkten Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“, daß „das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel“ jagt. Die Bourgeoisie „muß sich überall einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“ Weiter behauptet das „Manifest“, die moderne Industrie hat den Weltmarkt etabliert, und daß dieser globale Markt „alle Nationen“ zwingt, „die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; die zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h., Bourgeois zu werden“. Bedauerlicherweise „schafft (sie) sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde“.

In „Die Morallosigkeit des Staates“ führt Michail Bakunin dieselbe Problematik auf die Natur des Staates zurück. „Jeder Staat, gleich ob föderativen oder nicht föderativen Charakters, muß einer der mächtigsten Staaten werden, will er nicht zugrunde gehen. Er muß andere verschlingen, um nicht selbst verschlungen zu werden. Er muß erobern, um nicht erobert zu werden. Er muß versklaven, um nicht versklavt zu werden. Zwei ähnliche, aber fremde Mächte können nicht koexistieren, ohne einander zu zerstören.“

In einem Interview äußerte sich auch Noam Chomsky zu dieser Problematik. „Das Staatssystem ist ausgesprochen künstlich. Seine moderne Form entwickelte sich in Europa, und man kann sehen, wie künstlich es ist, wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte betrachtet: eine Geschichte von Massakern, Gewalt, Terror und Zerstörung, was meistens vom Versuch herrührte, ein System einer Gesellschaft überzustülpen, mit der es kaum etwas gemein hat.“

Er führt fort: „Als Europa sich auf den Rest der Welt ausdehnte, geschah fast immer dasselbe - ob man Afrika, Indien, Asien nimmt, egal wo man hinfährt, gibt es jene Grenzen, die ein Resultat vom Herumkritzeln auf der Landkarte sind, meistens infolge der europäischen Kolonialisierung. Sie durchtrennen alle möglichen Arten von Gemeinschaften und Interessen, und bringen Leute zusammen, die nichts miteinander zu tun haben. Das Ergebnis sind permanenter Krieg und Kampf und Unterdrückung, usw. Darüber hinaus ist innerhalb jedes dieser - normalerweise durch Zwang auferlegten - künstlichen Systeme, die Macht auf irgendeine Weise ungleich verteilt. Für gewöhnlich nutzt diese Konzentration der Macht den Staat zu ihrem eigenen Vorteil. Sie unterdrückt andere, unterdrückt Menschen außerhalb, usw.“

Dieses System der Staaten durchtrennt „alle möglichen Arten von Gemeinschaften und Interessen, und (bringt) Leute zusammen, die nichts miteinander zu tun haben“, was die perfekte Voraussetzung für die globale Herrschaft der Konzerne schafft. Der Markt kann unterschiedliche Kulturen und Traditionen unter einem einheitlichen System von Gesetzen und Regulierungen zusammenfügen. Die Globalisierung der Staaten hat die Voraussetzung für die Globalisierung der Konzerne geschaffen.

Frühe Formen internationalen Widerstands

Die expandierende Natur der kapitalistischen Ausbeutung führte zur Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation, einer Organisation, der Marx, Engels und Bakunin angehörten. Der ausdrückliche Zweck der Internationalen war, den Widerstand der internationalen Arbeiterklasse gegen ein System zu koordinieren, das sich auf dem gesamten Planeten mit erschreckender Geschwindigkeit ausgebreitet hatte. Das Marktsystem drohte ganze Kontinente wie ein exponentiell wachsendes Krebsgeschwür zu verschlingen, bevor die Arbeiter und Gemeinschaften sich auf den bevorstehenden Angriff vorbereiten konnten. Auch nach der berühmten Spaltung der Internationalen - mit dem Ergebnis, daß Marx Bakunin rauswarf, wodurch sich die Rivalität zwischen Anarchisten und Staatssozialisten zuspitzte - versuchten Anarchisten immer noch, sich international zu organisieren.

Im Jahre 1907 erklärte der internationale anarchistische Kongreß in Frankreich Gewerkschaften als „Kampfeinheiten im Klassenkampf für bessere Arbeitsbedingungen, und als Assoziationen der Produzenten, die dazu dienen können, die kapitalistische in eine anarchokommunistische Gesellschaft zu transformieren“. Der französische Syndikalist Fernand Pelloutier fragte sich, ob eine Föderation von nicht hierarchisch organisierten Gewerkschaften „nicht eine fast libertäre Organisation wäre, fähig, der existierenden Ordnung nachzufolgen und dadurch im Endeffekt alle politische Autorität abzuschaffen; jeder seiner Teile kontrolliert die Produktionsmittel, verwaltet seine Angelegenheiten selbst, selbstbestimmt durch freien Konsens seiner Mitglieder.“

Dem Anarchismushistoriker Daniel Guerin zufolge hatte Bakunin vorausgesehen, daß „Selbstverwaltung die Perspektive für (wirtschaftliche) Planung auf der ganzen Welt eröffnet“. Um genauer zu sein, Bakunin und andere Anarchisten glaubten, daß die kapitalistische Ausbeutung global so unerträglich werden würde, daß eine internationale Klasse von Arbeitern entstünde, die die Form einer neuen globalen Gesellschaft, die auf Bedürfnissen und Praktikabilität basiert, gestaltet. Die neue internationale Arbeiterklasse besäße nicht das Privileg, Unterschiede zwischen Nationalitäten und Kulturen zu machen, stattdessen fänden sich durch die Tyrannei des Kapitals alle im selben Boot wieder. Die Arbeiter würden ein Kollektiv organisieren, um die Bosse aus den Fabriken zu verjagen, Strukturen von Bedarf und Produktion über Grenzen hinweg organisieren, und die Autorität von Führern, Politikern und Firmenbesitzern überflüssig machen.

Bakunin schrieb: „kooperative Assoziationen sind ein neues historisches Phänomen; heute, als Zeugen ihrer Geburt, können wir ihre Zukunft nicht voraussehen. Wir können nur erraten, welch gewaltige Entwicklung sie erwartet und welche soziale Strukturen sie schaffen werden. Es ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, daß sie im Laufe der Zeit über die Grenzen der heutigen Länder, Provinzen und sogar Staaten hinauswachsen werden, um die gesamte Struktur der menschlichen Gesellschaft neu zu gestalten, die sich in Zukunft nicht mehr in Nationen gliedert, sondern in industrielle Einheiten“.

Es war schon gegeben, daß der Kapitalismus dahin tendierte, sich global auszubreiten. Andererseits mußte sich Widerstand auch globalisieren. Angesichts dieser Tatsache war es logisch, daß Anarchisten und Syndikalisten eine postrevolutionäre Gesellschaft als eine globale Gesellschaft sahen, die die Beschränkung des Staates und die Hemmnisse des Wettbewerbs überwindet.

Die Globalisierung der Konzerne heute

Der heutige Drang in Richtung „Globalisierung“ ist nur die neueste Phase dieses vorangehenden Phänomens. Im Gegensatz zu der ungeplanten Globalisierung der Vergangenheit wird die moderne Ära der Globalisierung jedoch bewußt geplant und durchgeführt. Die von Noam Chomsky „de facto Weltregierung“ genannten Institutionen, wie z.B. WHO, G8, OECD und die Weltbankgruppe, setzen eine Globalisierung der westlichen wirtschaftlichen Macht mittels eines gesetzlichen, rationalen Prozesses um, der Verheerung für die gesamte arbeitende Bevölkerung mit sich bringt. Bakunin, Pelloutier und andere Anarchisten hätten sich wahrscheinlich nie eine Welt vorstellen können, in der Firmen finanziell einflußreicher sind als ganze Staaten. Diese großen wirtschaftlichen Institutionen, intern so strukturiert, daß man es als faschistisch bezeichnen könnte, sind von unerschöpflicher Arbeitskraft abhängig, um Reichtum zu produzieren - ein Reichtum, der immer wieder investiert wird, um zu expandieren, am besten da, wo Arbeiter noch schlechter bezahlt werden können, um genau dieselbe Arbeit zu leisten. Diese Firmen schlagen die Versuche ihrer eigenen Arbeiter, sich zu organisieren, gnadenlos nieder. Wenn Arbeiter zu aufmüpfig werden, werden die Fabriktore einfach geschlossen und dort wieder geöffnet, wo Arbeiter nicht soviel Ärger machen können - wo Arbeiter solche unmenschlichen Verhältnisse akzeptieren würden, selbst wenn das bedeutet, daß sie nur für ein paar Tage was zu essen haben!

Überall auf der Erde sind Menschen auf Jobs angewiesen, in denen sie die Ressourcen ihrer Heimatländer ausbeuten, um sie auf ausländischen Märkten jenseits des Ozeans zu verkaufen. Im Allgemeinen fließen sie vom Globalen Süden in den reicheren globalen Norden. Wie Juliette Majot in „Brave New World - 50 Years Is Enough“ schreibt, betrug die Schuldentilgung zwischen 1980 und 1990 von armen an reiche Länder 1.345 Milliarden Dollar, während gleichzeitig nur 927 Milliarden Dollar für Rohstoffe, die in reiche Länder verkauft wurden, in die armen Länder zurückflossen.

Während ihre Rohstoffe ausgebeutet werden, verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Arbeiter. Aber immerhin können sie sagen, daß sie bezahlt werden. Das geht so lange gut, bis ihr Lebensstandard über das hinaus steigt, was die Firmen zu zahlen bereit sind. Die Regierung verspricht, den gesetzlichen Mindestlohn zu senken, überträgt den Firmen sogar Schulen und Krankenhäuser, alles was sie wollen, solange sie bleiben, um Arbeitsplätze zu schaffen. Dieser Prozeß, der heute überall auf der Erde stattfindet, garantiert, daß Arbeiter für ihre eigene Unterwerfung und ihren eigenen Ruin schuften. Die Konzerne waren erfolgreich, indem sie Weltbank und IWF nutzen konnten, fremde Regierungen zu zwingen, ihnen Zugang zu billigen Arbeitskräften und Ressourcen zu gewähren. Diese Regierungen können korrupt oder demokratisch sein; wenn die Eliten sich entscheiden, Kredite aufzunehmen oder Gesetze zugunsten der Konzerne zu ändern, muß die gesamte Bevölkerung die Last tragen und die Konsequenzen akzeptieren. Wenn die Menschen versuchen, dieses Schicksal abzuwenden, erfahren sie entweder die Intervention einer ausländischen Armee, oder Unterdrückung durch ihre eigenen Streitkräfte. Oft kommt es vor, daß die Eliten eines Landes Kredite bei der Weltbankgruppe aufnehmen, und damit schlecht investieren, oder dieses Geld dafür verwenden, den landwirtschaftlichen und industriellen Sektor auf die Inbesitznahme durch ausländische Firmen vorzubereiten. Wird ein Land aufgefordert, die Schulden zurückzuzahlen, muß die Bevölkerung in Form von Steuererhöhungen dafür bürgen. Während die Zinsen ins Unerträgliche steigen, werden öffentliche Einrichtungen an ausländische Investoren verkauft, um die jährlichen Zahlungen an die westlichen Financiers einzuhalten. Sozialdienste, Gesundheitswesen usw., alles geht in den privaten Sektor über, wie von westlichen Geldgebern geraten. Bald wird das Land instabil, ohne ein garantiertes Lebensminimum, weitreichende Jobunsicherheit, massive Inflation und permanent verarmte Einwohner. Permanent verarmte Einwohner bedeuten permanent billige Arbeitskräfte, genau das, was die Konzerne bevorzugen.

Im Februar 2001 besetzten südkoreanische Arbeiter der Firma Daewoo, vertreten von der Koreanischen Konföderation der Gewerkschaften (KCTU), ihre Fabriken, und lieferten sich handgreifliche Auseinandersetzungen mit der Polizei. Unter diesem Globalisierungsdruck wurden viele Arbeiter entlassen; es wäre die gesamte Belegschaft entlassen worden, wäre die Firme nicht an ausländische (US-) Hände verkauft worden. Dan Byung-ho, Präsident der KCTU, behauptete, „zwei Jahre strukturelle Justierungsprogramme, durch die Regierung eingeführt und gesteuert durch den IWF, haben zu einem sinnlosen Ausverkauf des staatlichen Eigentums geführt. Aus dem Verlauf dieses Prozesses haben die Reichen die meisten Vorteile gezogen und sind dadurch noch reicher geworden“.

Ohne Jobs und Ressourcen in öffentlicher Hand, oder wenigstens nicht in der Hand ausländischer Investoren, verfügen die Arbeiter nicht einmal mehr über die nötigen Mittel zum Überleben.

Der Staat dient den Interessen der Konzernglobalisierung

Der Charakter der gegenwärtigen Phase der Globalisierung kann nicht als ein Wettbewerb zwischen privatem und öffentlichem Sektor betrachtet werden, wie es so oft fehlgedeutet wird. Manche behaupten, daß die Macht des Staates zugunsten der Macht der multinationalen Konzerne schrumpft, oder daß diese Firmen den Staat ganz abschaffen wollen, um ihre Macht zu globalisieren. Die Konzerne seien neidisch auf die Macht der Staaten, wie einige Autoren behaupten, und versuchen sie zu ersetzen.

Aber die Staaten haben sich für jene Konzerne als enorm nützlich erwiesen, die versuchen, ihre Märkte zu internationalisieren. Der Staat ist nichts weiter als ein wirtschaftliches Arrangement, das die Integrität eines ausbeuterischen Systems gewährleistet, das die Eliten stützt. Der Staat ist Garant des kapitalistischen Systems, und als solcher kann er nicht von den Konzernen eliminiert werden - er wird mehr denn je zuvor gebraucht. Staaten haben den Konzernen geholfen, enorme Wirtschaftsblöcke, wie NAFTA, Europäische Union, FTAA u.a. zu gestalten. Diese wirtschaftlichen Blöcke usurpieren nicht die Macht des Staates, sondern unterwerfen den Staat der Marktherrschaft.

Die internationalen Wirtschaftsorganisationen, mit denen der Kapitalismus seine Globalisierung gestaltet – WHO, Weltbank – bestehen darauf, den Staat seiner öffentlichen Programme zu entledigen. Diese Programme werden entweder privatisiert, wie z.B. die Ersetzung öffentlicher Rente durch private Rentenversicherungen, oder insgesamt eliminiert, wie z.B. Umweltschutzprogramme. Aber das heißt nicht, daß der Staat an sich abgeschafft wird. Die Armeen dieser Staaten, die Polizeikräfte, die Gefängnisse, die Eigentumsgesetze, die die Konzerne schützen, das hierarchische System, das den Konzernen erlaubt, mit einer Minderheit von „Führern“ zu handeln, die angeblich die gesamte Nation repräsentieren, diese integralen Funktionen des Staates sind immer noch von Nutzen. Die gewalttätigsten Aspekte des Staates werden erhalten, die Aspekte, die im Weg stehen, beseitigt. Viele dieser Firmen, die jetzt globalisierte Märkte suchen, waren einmal selbst Nutznießer von hochprotektionistischen Staaten, wie manche in den USA gegründete Firmen. Die USA haben ein komplexes System von Patenten, Zöllen und Regularien, die die inländische Industrie vor ausländischer Konkurrenz schützen. Sie subventionieren sogar eigene Segmente der Industrie. Auf jeden Fall ein Verstoß gegen die Prinzipien des freien Marktes. Aber es ist ein Verstoß zugunsten der Konzerne, und deshalb akzeptabel.

Dieser protektionistische Luxus kommt für andere Länder jedoch nicht infrage. Protektionistische Gesetze werden als Barriere des freien Handels vom IWF-Minister als unfaire Wettbewerbsvorteile, die verhindern, daß sich das beste Produkt durchsetzt, bekämpft. Die IWF-Minister haben recht: es ist widersprüchlich, freien, ungehemmten Handel für andere zu fordern, aber zur selben Zeit Schutzzölle und andere protektive Maßnahmen zu erheben. Die Wirtschaftseliten wollten jedoch nie einen freien Markt ohne Widersprüche. Sie wollten ein Ensemble von Marktvorteilen und Staatsprotektionismus zugunsten ihrer eigenen Klasse oder der Integrität des Systems im Allgemeinen. Das ist ein Grund, warum Staaten existieren, und es ist wichtig für ihren Globalisierungsprozeß.

Die anarchosyndikalistische Alternative

Das anarchosyndikalistische Programm - insofern man überhaupt von einem solchen sprechen kann - bedient sich aus dem Werkzeugkasten der radikalen Arbeiterbewegung und anarchistischer Organisationsstrategien und wendet diese Werkzeuge gegen die bürgerliche Gesellschaft an. Die Produktionsmittel müssen gnadenlos aus den Händen ihrer Eigentümer, die die herrschende Klasse unserer Zeit bilden, gerissen werden. Es ist dieses Eigentum, sanktioniert und garantiert durch die Gewalt des Staates, das zur Ungleichheit von Reichtum und Lebensstandard auf der ganzen Welt geführt hat.

Anarchosyndikalisten befinden sich an der Schnittstelle zwischen Arbeiterbewegung und anarchistischer Bewegung. Aus Arbeitern, die das System hassen, die erkennen, wie sie ausgebeutet, herumkommandiert und als Objekte betrachtet werden, die man benutzt und wegwirft wie Müll, die ihr ganzes Leben als minderwertig behandelt werden, besteht die Stärke der anarchosyndikalistischen Bewegung. Jene Reichen, die auf eine Globalisierung der Konzernmacht drängen, sind von der permanent fortwährenden Unterwerfung einer globalen Klasse von Lohnsklaven, die den Reichtum für sie produzieren, abhängig. Anarchosyndikalisten sind die, deren Bitterkeit und Verzweiflung sie dazu bringt, mehr zu tun, als nur darüber zu reden, wie schlecht alles ist; Anarchosyndikalismus besteht aus den Ideen von Arbeitern, die bereit sind, eine schnelle, sofortige Lösung der Probleme einer autoritären Gesellschaft und wirtschaftlicher Unterwerfung zu ergreifen. Der Anarchosyndikalist Sam Dolgoff schrieb, „die revolutionären und libertären Konzepte von Klassenkampf, Föderalismus, direkter ökonomischer Aktion, lokaler Autonomie und gegenseitiger Hilfe sind allesamt tief in der amerikanischen Arbeitertraditon verwurzelt“. Historisch betrachtet war die direkte Aktion die einzige Wahl für Arbeiter, die keinen Einfluß auf die Gesellschaft hatten, sei es durch politische oder wirtschaftliche Mittel. Direkte Aktion ist der letzte Zufluchtsort und der demokratischste Ausdruck für machtlose Arbeiter, eine Änderung ihrer materiellen Bedingungen ihres eigenen Lebens herbeizuführen.

Die kapitalistische Klasse kann sich dank der Konzernglobalisierung dort ansiedeln, wo Arbeiter keine politische Stimme haben. Schon jetzt ist die WHO bereit, sich im abgelegenen Wüstenstaat, der durch eine Monarchie beherrscht wird, und wo rivalisierende politische Fraktionen und Meinungsfreiheit illegal sind, zu treffen. In den USA werden Konzerne zunehmend abhängig von der leicht ausbeutbaren Arbeitskraft der illegalen Einwanderer und Häftlinge - zwei Segmente des Arbeitsmarkts, die keine echten Rechte haben. Alles, was ihnen bleibt, ist direkte Aktion. Und was diese direkte Aktion erreichen soll, deutete Rudolf Rocker an, als er schrieb: „Anarchosyndikalisten sind der Überzeugung, daß eine sozialistische Wirtschaftsordnung nicht durch Dekrete oder Beschlüsse einer Regierung, sondern nur durch die solidarische Mitwirkung der Arbeiter mit Hand oder Hirn in jeder einzelnen Produktionsbranche geschaffen werden kann; mit anderen Worten: die Übernahme der Leitung aller Betriebe durch die Produzenten selbst, auf die Weise, daß die einzelnen Gruppen, Fabriken und Industriebranchen unabhängige Mitglieder des allgemeinen Wirtschaftsorganismus sind und systematisch Produktion und Verteilung von Gütern im Interesse der Gemeinschaft auf Grundlage der freien Vereinbarung fortführen.“

Rudolf Rocker meinte, daß dies durch drei Dinge charakterisiert wird: „1. Organisierung der Betriebe durch die Produzenten selbst, und die Aufgaben der von ihnen gewählten Arbeiterräte. 2. Organisierung der Gesamtproduktion des Landes durch die industriellen und landwirtschaftlichen Allianzen. 3. Organisierung des Verbrauchs durch Arbeitsbörsen“. Eine solche Gesellschaft ist deshalb realisierbar, weil ihre Keime bereits existieren. Die Organisationen, die das umsetzen würden, existieren bereits, wenn auch nur im Anfangsstadium: Gewerkschaften, Kollektive und Genossenschaften aller Art. Übrigens sind das genau die Formen von Organisationen, die die Konzerne zu eleminieren versuchen.

In einem Interview beteuerte Noam Chomsky nochmals, daß „mindestens für fortschrittliche Industrienationen eine Organisation nach dem in anarchosyndikalistischen Theorien entwickelten Modell genau das richtige ist; es wäre genau die beste Form der Organisierung für eine industrielle Gesellschaft, und wahrscheinlich für jede Gesellschaft“. Chomsky fährt fort: „eine sehr vernünftige Stellungnahme wäre, daß die hochkonzentrierten Machtzentren der Konzerne zusammen mit der Staatsmacht die zwei hauptsächlich funktionierenden, mit einander verbündeten Machtzentren des westlichen Kapitalismus bilden. Aus meiner Sicht stellt beides einen historischen Anachronismus dar, unvereinbar mit jedem prinzipiellen Anspruch auf Demokratie“. „Das wahre Ziel einer sozialen Revolution“, so Chomsky weiter, „besteht in der Auflösung dieser Machtzentren, die zu einer sozialen Organisation hinführt, die auf Arbeiterkontrolle in der Industrie, lokale Kontrolle der Gemeinden, föderale Interaktion usw. beruht“.

Die harte tägliche Aufgabe der Anarchosyndikalisten ist schlicht folgendes: die Arbeit gemäß radikaldemokratischen, nicht hierarchischen Richtlinien zu organisieren, um die Kontrolle der Industrie ihren Herren zu entreißen. Es kann keine einzelne Tat eines Einzigen die anarchosyndikalistische Gesellschaft verwirklichen. Sie ist von der massiven Koordinierung der arbeitenden Bevölkerung in der ganzen Welt und ihrer Bereitschaft, sich gegen das Kapital international zu verteidigen, um die Expropriateure zu expropriieren, abhängig. Kein ernsthafter Revolutionär hat jemals behauptet, daß so ein monumentales Vorhaben einfach wäre, oder daß die Ziele schnell zu erreichen sind. Die einfachen Bausteine einer Gesellschaft, in der man leben möchte, können nur durch die beharrliche Arbeit von bewußten Aktivisten aufeinandergefügt werden, die bereit sind, sich in ihren Industrien zu organisieren, so daß die Industrie letztendlich übernommen und den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend betrieben werden kann.

Wie Thomas Skidmore über verschiedene neue Erfindungen in den 1830ern schrieb, „kann die Dampfmaschine den Arbeitern nicht schaden, solange sie davon Vorteile haben... Statt als Fluch, kann man sie auch als Segen ansehen... Laßt die Armen sie ergreifen und sie zu ihrer eigenen machen, und laßt sie genauso die Eisengießereien, die Baumwollfabriken, die sich drehenden Mühlen, die Häuser, die Kirchen, die Schiffe, die Güter, die Dampfschiffe, die Landwirtschaft, alles sich aneigenen: wie es ihr Recht ist“.

Und so sollen sich die Armen der Welt Reichtum und Produktionsmittel der Privilegierten aneignen. Laßt die Armen, die Arbeiter und die Machtlosen dieser Welt nicht mehr in ihrer Unterwerfung und in ihrem Leid verweilen, laßt sie stattdessen das beanspruchen, was zurecht ihres ist, und laßt der gesamten Bevölkerung dieses Planeten zuteil werden, was all diese Menschen geschaffen haben.

Übersetzung und Bearbeitung: Mark Willard, Matthias Seiffert

Aus: "Direkte Aktion" Nr.163 (Mai / Juni 2004)

Originaltext: http://www.fau.org/fau_medien/da/DA_163/art_040425-085053


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