Diskussionsbeitrag Anarchosyndikalismus

„Die Syndikalisten sind der Überzeugung, dass die Organisation einer sozialistischen Wirtschaftsordnung nicht durch Regierungsbeschlüsse und Dekrete geregelt werden kann  (…). Die Syndikalisten sind der Meinung, dass politische Parteien, welchem Ideenkreise sie auch angehören, niemals im imstand sind, den sozialistischen Aufbau durchführen zu können, sondern dass diese Arbeit nur von den wirtschaftlichen Kampforganisationen der Arbeiter geleistet werden kann.“
(Rudolf Rocker; Prinzipienerklärung des Syndikalismus)

Der (Anarcho-)Syndikalismus (von frz. Syndicat = Gewerkschaft) entstand Anfang des vorigen Jahrhunderts aus der Unzufriedenheit eines radikalen Teiles der ArbeiterInnenschaft mit dem zunehmenden Reformismus und Zentralismus der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. In der Tradition der Arbeiterbildungsvereine und Arbeiterbörsen des 19. Jahrhunderts, organisierten sich die SyndikalistInnen dezentral und ihre Ausrichtung war antistaatlich. In der ArbeiterInnenklasse sahen die SyndikalistInnen die verändernde, revolutionäre Kraft. Die Gewerkschaften sollten nicht nur Werkzeug des täglichen Klassenkampfes, sondern auch die Keimzelle der zukünftigen Gesellschaft darstellen. Ihre Waffe war und ist die DIREKTE AKTION (im Gegensatz zum indirekten StellvertreterInnen Prinzip) und ihr „Schlachtfeld“ ist die Ökonomie.

Ihren Höhepunkt erreichte die syndikalistische Bewegung in den Jahren vor und nach dem 1. Weltkrieg. In Spanien, wo die anarchosyndikalistische CNT große Teile der ArbeiterInnenschaft organisieren konnte, gelang es während der Revolution (1936-1939) die freiheitlich-kommunistische Umgestaltung der Gesellschaft erstmals in größerem Rahmen durch zu führen.

Faschismus, Bolschewismus, aber auch, wie etwa in den USA, Verfolgung durch Justiz und Polizei, ließen die syndikalistische Bewegung nach 1945 auf ein Minimum ihrer einstigen Größe schrumpfen.

Auch wenn die (anarcho-)syndikalistische Idee bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht an ihren einstigen Einfluss anknüpfen konnte, ist eine gewisse Renaissance radikaldemokratischer, basisgewerkschaftlicher Prinzipien feststellbar. So verbucht die „traditionelle“ IWW in den USA seit einiger Zeit regen Zulauf.

Warum ich den Syndikalismus aus der „Mottenkiste“ hole

Die Gesellschaft gleicht einer Fabrik: Alles und JedeR muss sich dem Profit, dem „Standort“ und der Verwertungslogik unterordnen.  Federführend im Appellieren an die Arbeitsmoral und die Unterwerfung der Individuen unter das Kapital sind auch und gerade selbsternannte ArbeiterInnenvertreter von den linken Parteien bis zu den etablierten Gewerkschaften.

Es scheint, als haben wir keine Kontrolle über unsere eigenen Lebensverhältnisse. Im Kapitalismus ist das Verhältnis von Menschen nur als das Verhältnis zwischen Käuferinnen und VerkäuferInnen denkbar ( auch Arbeitskraft ist eine Ware). Im Hinblick auf die internationale Konkurrenz wird den Lohnabhängigen nahe gelegt, im besten Falle, die eigenen Interessen gegenüber dem Kapital nicht durch zu setzen. Im ungünstigsten Falle (wie momentan in Deutschland) verlangen die KapitalistInnen Lohnverzicht und längere Arbeitszeiten. Dabei ist (soziale) Veränderung nur im Hinblick auf den Klassenkampf denkbar. Derzeit sind wir aber fast ausschließlich mit einem Klassenkampf von oben konfrontiert.

Um diesen unhaltbaren Zustand zu verändern bzw. zu beenden müssen wir zur Wurzel vordringen, das soziale Verhältnis dort verändern, gestalten, angreifen, wo es sich begründet. In der Form der direkten und indirekten Lohnarbeit, im Betrieb, am Arbeitsamt, auf der Uni etc. Es muss uns bewusst werden, dass nur eine kämpferische internationale Klasse der Lohnabhängigen das Kapital bekämpfen und schließlich bezwingen kann.

Was ist brauchbar und was nicht?

Ich meine, es macht keinen Sinn, die anarchosyndikalistischen Grundsätze von 1922 bzw. 1936 auszugraben und wiederzubeleben. Seit dem ist viel Wasser und noch viel mehr Scheiße den Bach hinuntergeflossen. Doch: Es tut sich was! Sehen wir uns die „Bewegung“ von Tokyo bis San Francisco an, so ist festzustellen, dass sich, anders als noch vor wenigen Jahren, wieder Menschen finden, die Selbstorganisierung und Direkte Aktion propagieren, anwenden und leben. (siehe IWW, Argentinien etc.). Dies passiert nicht ausschließlich in (anarcho-)syndikalistischen Zusammenhängen. Das ist aber auch nicht wichtig. Es genügt, sich positiv darauf zu beziehen, ohne zu vereinnahmen.

Educate!

Ich halte Propaganda (nicht zu verwechseln mit Demagogie), sei es jetzt anarchistische oder anarchosyndikalistische, für notwendig, um den Menschen „die Augen zu öffnen“, zu versuchen, Bewusstsein zu erzeugen. Agitation und Aktion bedingen sich gegenseitig. Der Anarchosyndikalismus propagiert die Losung: Weder Staat noch privat! AnarchosyndikalistInnen stehen für die konsequente und kämpferische Durchsetzung der Interessen der ArbeiterInnenklasse gegenüber dem Kapital.  Das mag reformistisch  klingen, aber Revolutionen werden schließlich nicht gemacht, sondern finden statt.

Der traditionellen Losung, „Arbeit für alle!“ stellen die AnarchosyndikalistInnen  die revolutionäre Forderung der Abschaffung der Lohnarbeit und somit des Kapitalismus gegenüber. Es gilt, scheinbar zementierte Verhältnisse zu hinterfragen, Alternativen auf zu zeigen, wo auf den ersten Blick keine vorhanden sind. Der Anarchosyndikalismus soll Menschen dazu befähigen, selbst zu denken, handeln, organisieren…

Organize!

Organisation darf jedoch niemals zum Selbstzweck werden. Das Ziel ist klar: Verbesserungen im Hier und Jetzt (Reform), ohne die antikapitalistische Alternative aus dem Auge zu behalten (Revolution). Der Zusammenschluss im Sinne des Anarchosyndikalismus sieht keine StellvertreterInnen-Politik vor. Die Menschen repräsentieren sich ausschließlich selbst. Es gibt keine Chefs und kein „Fußvolk“. Organisierung kann, wenn notwendig längerfristig sein (z.b.: Gewerkschaft) oder aber auch temporär (direkte Aktionen, wilde Streiks, Fabrikskomitees…). Ob so oder so, entscheiden die direkt Beteiligten. Die unmittelbare Entscheidungsgewalt sollte in einer anarchosyndikalistischen Organisation bei der Basis liegen. Die Ortsgruppen und Betriebsgruppen entscheiden autonom, ohne Führung, Urabstimmung, Zentralkomitee etc.

Hierin liegt der wesentliche Unterschied zu hierarchischen und dadurch bedingten strukturkonservativen Organisationen (wie z.B.: ÖGB und Parteien).

Emancipate!

Dass die Konzeption der Übernahme der Produktion durch die ProduzentInnen sich heute anders gestalten muss, als vor achtzig Jahren, sollte jeder/m klar sein. Aber an diesem Punkt sind wir noch lange nicht angelangt. Die Details einer freien Gesellschaft bestimmen diejenigen, die sie gestalten. Doch die Konturen einer möglichen antikapitalistischen/antistaatlichen Gesellschaft zeichnen sich bereits jetzt ab und finden im radikaldemokratischen Organisationskonzept des Anarchosyndikalismus ihre Entsprechung.  Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen, Revolution kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess.  Was wir heute können, ist,  Freiräume zu schaffen, mit dem Ziel diese auszuweiten. Wir können durch Aktionen (Streik, Sabotage etc.) den aufrechten Gang lernen, Würde und Bewusstsein erlangen und schaffen. – Bewusstsein über die eigene Stärke, über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer radikalen Veränderung. – Die Würde, die durch Erkennen der eigenen Stärke, durch Selbstbewusstsein entsteht.

Um eine neue Welt innerhalb der alten zu schaffen. Eine Welt, in der die Freiheit des/der Einzelnen Grundvoraussetzung für die Freiheit aller ist.

Direkte Aktion

Direkte Aktionen wie etwa Sabotage muss weder mit der Zerstörung von Produktionsmitteln/Produkten, noch mit Gewalt gegen Menschen etwas gemein haben. Schließlich ist es das Kapital welches mit diesen Zuschreibungen eher in Verbindung gebracht werden kann.

Es sollte uns klar sein, dass DIREKTE AKTION kein Dogma ist, sondern es sich hierbei oftmals um die einzig mögliche Art der Aktion handelt. Stellvertreterinnen Politik, Parteien und derlei Grafl sollten wir vehement ablehnen. Mit der Überzeugung, dass sich Mittel und Zweck niemals widersprechen dürfen. In dem Wissen, dass Veränderung nur die unmittelbar Betroffenen herbeiführen können. In Anbetracht dessen, dass Arbeitskampf immer auch Kampf gegen die Arbeit ist!

Warum diese Prinzipienreiterei?

Wollen wir Selbstorganisierung propagieren und gestalten, müssen wir authentisch sein. Ich halte nichts von klandestinen, intransparenten Grüppchen, die sich um Bakunins oder Kropotkins Bart streiten. Was wer macht (nicht so sehr warum), sollte jeder/m klar sein und zum mitmachen anregen. Der Schritt an die Öffentlichkeit, sei es durch Propaganda, sei es durch den Versuch am Arbeitsplatz (im Kegelverein etc.), zu organisieren , setzt eine offene, transparente Organisationsform voraus.

Es geht nicht darum ein One Big Union – Konzept entwerfen (zumindest nicht vorerst :-), jedoch sollten wir hinter unseren eigenen Prinzipien stehen und vermitteln wieso wir das tun und wieso wir diese Art des Zusammenhangs wählen.

Die Verbesserung unserer Lebens- und Arbeitsverhältnisse muss mit einer gesellschaftlichen Perspektive verknüpft werden.  Der Traum von einem selbstbestimmten Leben gibt uns die Kraft, zu handeln wenn es notwendig ist. Und das Handeln in einem selbstbestimmten Zusammenhang bietet uns die Möglichkeit die Verwirklichung dieses Traumes im Hier und Jetzt zu erproben.

P.S.: „I’ve been looking for freedom, since I’ve left my hometown!“


Das Anarchsyndikalistische Organisationsprinzip

Charakteristisch für den AS ist die duale Gliederung der Organisation

Basis der Organisation sind die autonomen lokalen Branchen- und Ortsgruppen. Diese sind wiederum Teil regionaler und landesweiter Strukturen. Ziel ist der Aufbau einer hochgradig vernetzten und von unten nach oben aufgebauten Gesellschaft ohne Hierarchien. Der traditionelle AS sah im Falle der Übernahme der Produktion durch die ProduzentInnen vor, dass die Branchensyndikate die Produktion verwalten. Den Ortsgruppen solle die Funktion der Bedarfserhebung und Verteilung zu kommen. Jeder revolutionäre Ansatz solle bereits teile der neuen Gesellschaft in sich tragen. Das heißt, die Mittel zur Erreichung des Ziels einer freien Gesellschaft (libertärer Kommunismus) müssen das Ziel bereits antizipieren.

Die Industrial Workers of the World (IWW)

Da dieser Text teilweiße an die amerikanische syndikalistische Gewerkschaft angelehnt ist, möchte ich kurz erklären worum es sich dabei handelt. Die IWW wurde 1905 in Chicago als Alternative zur AFL (heute AFL-CIO, reformistischer amerikanischer Gewerkschaftsbund) gegründet. Im Unterschied zum nach Berufsgruppen organisierten AFL organisierte sich die IWW nach industriellen Kriterien. Dies entsprach der sich im Zuge der sog. 2. industriellen Revolution etablierenden Monopolisierung und Technisierung. So sollte es im Falle eine Streikes bzw. Generalstreikes (alle Räder stehen still) möglich sein, die gesamte Produktion lahm zu legen. Dennoch wurde das Basisdemokratische Prinzip des Syndikalismus stets eingehalten. Hauptaugenmerk legte und legt die IWW auf die „Organisierung der Unorganisierten“. Dies sind hauptsächlich prekär beschäftigte mit hohem migrantischen Anteil. Dennoch zielte die IWW darauf ab, alle ArbeiterInnen in einer großen Gewerkschaft zu organisieren (One Big Union of all the workers).

Wenn auch noch nicht an die Erfolge vergangener Tage angeknüpft werden kann, entstanden in den letzten Jahren mehrere IWW Branchen- und Betriebsgruppen (z.B.: Starbucks, Trucker, aber auch im öffentlichen Sektor). Dies ist nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass bei der momentanen Neustrukturierung des Kapitalismus erstaunliche Parallelen zu der zeit der Jahrhundertwende feststellbar sind (Monopolisierung, Prekarisierung, Technologisierung etc.)

Die IWW begreift sich nicht ausschließlich als anarchistische/anarchosyndikalistisch viele ihrer MitgliederInnen sind jedoch diesem Spektrum zu zu ordnen. (siehe www.iww.org)

Originaltext: Diskussionsbeitrag aus dem Umfeld der anarchistischen Gruppe "Schwarzwurzeln" (inzwischen aufgelöst) aus Wien, ca. 2005


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