Karl Peter - Die Zersetzung des Weltkapitalismus (1920)

Eine Äußerung des berühmten deutschen Nationalökonomen, Professor der Volkswirtschaftslehre an der Berliner Universität, des Geheimrat Schmoller, fällt mir ein. Diese Säule deutscher Nationalökonomie schrieb im Jahre 1916 einen kleinen Artikel über die Kriegsschadenerstattung der Beteiligten. Er sah natürlich schon im Geiste die Gegner Deutschlands als die Besiegten an. Und er führte in dem Artikel aus, dass er als notwendig betrachte, dass die Kriegsentschädigung oder ein möglichst bedeutender Teil in Gold von der besiegten, von den Regierungen der Entente, an Deutschland gezahlt werden müsste. Welch ein weiter Weg von der Einfalt dieses großen Schmoller bis zu den erschiedenen bitteren Erkenntnissen, die die Kapitalisten sowohl der Besiegten als auch der Sieger machen mussten. Die militärische Auffassung über den Krieg hat vollständig versagt Niemand, selbst der meist fachkundige Soldat, konnte die Einzelheiten der Kriegführung voraussehen. Wir meinen unter „Voraussehen" gar nicht irgendeine auf okkulter Grundlage spekulierende Prophezeiung. Wir meinen nur die Ergebnisse reeller Kalkulation auf Grund gegebener und sichtbarer Dinge.

Wenn Soldaten so ganz fremd in ihrem blutig-schändlichen Handwerk waren, dem sie ja früher in ihrem ganzen Sein und Tun ergeben waren, wundern wir uns nicht, dass die übrigen Fachleute der mannigfachen Lebensbetätigungen der Menschen noch mehr in Finsternis lebten. Sie wussten nicht, was sie tun, nicht, wofür sie lebten, nicht, wozu ihre Arbeiten und ihr Schaffen dienen konnten.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, zu welchen der Revolutionär gelangen muss, ist, dass er für sich die Beweise liefern kann, dass sämtliche geistigen und materiellen Faktoren der Führung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft unbewusst ihres Tuns waren und sind.

Dies klingt metaphysisch, es mag auch so beurteilt werden von der Kritik, und dennoch wird keiner die Beweise liefern können, dass die Beherrscher von Welt, Menschen und Ökonomie wussten und wissen, wofür, warum und womit sie handeln. Wenn man in der Propaganda einen schlagenden Beweis für diese Behauptung notwendig hat, so glauben wir am besten nur vorzuführen, dass sämtliche schicksalsschweren Wendungen der Weltpolitik seit dem Ausbruch des Weltkrieges 1914 durch die Revolutionen 1917/18 bis zu unseren Tagen der europäisch-amerikanischen Konterrevolutionsperiode 1920 alle Teilnehmer dieser Ereignisse buchstäblich und immer überrascht hatten. Diese Behauptung ist uns kein literarischer Offenbarungswunsch. Wir sprechen zu Arbeitern oder richtiger ausgedrückt zu allen Arbeitenden, zu jenem Teil der augenblicklichen sozialen Ordnung, der am dringendsten Interesse daran hat, diese „Ordnung" mit einer anderen wirklichen Ordnung zu vertauschen.

Welche soll nun jene Ordnung sein, die die heutige kapitalistische, bereits in vollster Auflösung begriffene „Ordnung" ersetzen kann? Das ist die große Frage. Auf diese Frage die klare Antwort zu erteilen, wird nur jenen gelingen, die auf Grund fester sozialistischer Grundsätze zu bestimmen vermögen, was in ihrem Leben fortan geschehen soll. Wir sprechen nicht von Dingen des höheren geistigen Lebens, auch nicht von mutmaßlichen Entwicklungen im Weltall, auch nicht von den komplizierten Erscheinungen in der physiologischen Existenz des menschlichen Geschlechtes, nein, wir sprechen nur von einem ganz einfachen, fast tierisch simplen Ding, von der untersten Basis unseres Lebens: von der Einrichtung der Ökonomie, der Wirtschaft.

Was wir produzieren sollen und wie, unter welchen Bedingungen und Erfordernissen. Was wir verbrauchen sollen, wie wir unseren Bedarf decken, wodurch wir die glatte Abwicklung der Wechsel der Stoffe und der Materialien sichern können. Wie man sieht, beschränkt sich das, was wichtigtuerische Volkswirtschaftsgelehrte und Soziologen breit und kompliziert unter verschiedenen Titeln darstellen, im Wesentlichen auf Nahrung, Kleidung und Behausung der Menschen. Und man wird einsehen, dass man mit einer - sagen wir Diktatur der Vernunft im eigenen Leben sofort den natürlichen Weg zur Errichtung der neuen Wirtschaftsordnung erreichen kann. Auf Grund dieser einfachen Erkenntnis können wir schon jetzt festlegen:

1. Die bisherigen Machthaber erlitten Schiffbruch mit ihrem ökonomischen System hauptsächlich deshalb, weil sie dieses Bestehen nicht beherrschen konnten, und sie konnten dieses System nicht beherrschen, weil sie es gar nicht recht kannten. Denn den Kapitalismus in seiner Tiefe, in seinen Wurzeln entdeckte erst der Sozialismus.
2. Jeder Versuch auf Erneuerung des menschlichen Wirtschaftslebens muss auf die klare Vernunft bauen, die einesteils Teile des Auflösungsprozesses des alten Wirtschaftssystems erkennt und diese Erkenntnis mit dem vollkommenen Bewusstsein ausdehnt, was das neue Wirtschaftssystem in ihrem Aufbau, in der Wirkung und Entwicklung darstellen soll.
3. Im weiteren Verlauf dieser kleinen Arbeit wollen wir uns also nur mit dem Auflösungsprozess des Privatkapitalimus und speziell mit seinen verschiedenen Erscheinungen befassen, die andeuten, dass der letzte Akt in diesem Prozess bereits erreicht ist.


Der Privatkapitalismus gelangte in der Krisenperiode der Jahre 1912/13 bereits bei der ersten Etappe seiner Auflösung an. Wie die damaligen Sozialisten es ansahen, war eine industrielle und auch eine landwirtschaftliche Überproduktion die Ursache einer sich langsam auf den ganzen europäischen Kontinent sich ausdehnenden Krise des Marktes. Man hat damals, offenbar in Unkenntnis der wirtschaftlichen Wechselwirkungen und deren gesetzmäßige Existenz, sich sehr lapidarisch, aber oft auch sehr einfältig ausgedrückt. Ob damals wirklich „Überproduktion" war? Nein, soll die bestimmte Antwort lauten. Auch damals, im tiefsten Frieden gab es keine Überproduktion. Noch nie gab es eine Überproduktion auf der Erde. Es war nur eine Unterbilanz im Verbrauch der Konsumenten und ein grenzenloses Chaos in der Produktion der einzelnen Länder, der einzelnen Industrien und in den einzelnen Erzeugnissen und Produkten. Eine Unterernährung gab es, wenn wir uns so ausdrücken wollen, eine Unterernährung nicht gerade der Körper der einzelnen (was Nahrungsmittelmangel der Magen betrifft), sondern eine vollständige Unterernährung der ganzen ökonomischen Kultur. Wenn man von Produktion und Überproduktion spricht, so muss man gleichzeitig auch vom Verbrauch und Überverbrauch sprechen. Die Krise des vorkriegerischen Kapitalismus wurde durch diese beiden verursacht, also durch die falsche Betrachtung von Produktion und Verbrauch, durch die Trennung der beiden zusammengehörigen Begriffe des materiellen Lebens.

Der Mittelpunkt und überhaupt der Tummelplatz des kapitalistischen Wirtschaftssystems war der Markt. Ob man einen wirklichen Markt sich vorstellt, wo die Erzeuger mit ihren Erzeugnissen erscheinen, und wo die Verbraucher hinkommen, um die Bedürfnisse decken zu können, oder aber, ob man eine Börse sich vorstellt, wo weder Erzeuger noch Erzeugnisse oder Verbraucher hinkommen, wo nur die Makler der Erzeugung und des Verbrauchs sich versammeln, bleibt sich gleich. Gleich nämlich deshalb, weil beide Märkte eben Märkte sind. Dort verkauft man Güter, an der Börse verkauft man Rechte (Eigentums- und Verfügungsrechte über Güter). Die Börse und ein wirklicher Markt bleibt aber gar nicht gleich. Im Gegenteil. Grundverschiedenes, ja, dramatisch verschiedene Dinge sind sie. Die Börse ist die Stätte der Illusion, der Markt die Stätte der Wirklichkeit. In der Börse kämpfte das System des Kapitalismus eine unsichtbare und nur fühlbare Kraft, am Markt spielten Erzeuger, Erzeugnisse, Verbraucher und Verbrauchsnotwendigkeit ihr merkwürdiges Theater.

Am wirklichen Markt sah man, dass Erzeugung und Verbrauch zusammen gehören, man konnte auch übersehen, was notwendig und was möglich ist. Dieser wirkliche Markt war also der Platz, wo das ökonomische Leben zur Abwicklung gelangte und hierbei müssen wir erkennen, dass nicht nur der Kapitalismus, sondern auch jedes andere Wirtschaftssystem, das auf eine sogenannte Marktwirtschaft gebaut ist, diesen Markt unbedingt benötigt. Ein ganz primitives und ein technisch und geistig auf das höchste entwickeltes Wirtschaftsleben benötigten keinen Markt, weshalb diese auch keine Marktwirtschaft bedeuten.

Das ganz primitive Wirtschaftsleben deshalb nicht, weil die Menschen hierbei völlig besetzt waren mit dem Erkämpfen der Lebensnotwendigkeiten nur für sich. Sie rechneten gar nicht auf Überfluss; wenn sie etwas übrig hatten, behielten sie es für sich für schlechtere Zeiten. Das hochvollendete Wirtschaftsleben, unserer Zukunftsgenerationen wird gerade deshalb keine Marktwirtschaft haben, wie jene Menschen in grauen vorgeschichtlichen Perioden; sie werden technisch und administrativ derartig vollkommene Arten der Lebenskunst besitzen, dass einesteils die Erzeugung sich auf die bekannt gewordenen Verbrauchsnotwendigkeiten konzentrieren wird, andererseits sämtliche Elemente der Zusammengehörigkeit aller Länder und Menschen vollständig entdeckt und nicht notwendig wird, wegen Unkenntnis dieses Zusammenhanges, dumm ins Blaue hinein zu produzieren oder barbarisch Produktionsmöglichkeiten einschränken und Abnehmer oder Erzeuger in der Welt herumzusuchen. Über diese beiden Zustände brauchen wir augenblicklich nicht zu diskutieren. Wir befassen uns jetzt mit der Auflösung des Kapitalismus und wollen von Märkten und Marktwirtschaft dieses kapitalistischen Wirtschaftssystems sprechen. Der Kapitalismus hatte also notwendig die Trennung des Produzenten vom Konsumenten. Schon beim Auftreten des ökonomischen Zentralismus des Kapitalismus waren die Zeichen da, dass jede Wirtschaft der Märkte die beiden trennen möchte. Wohl vergessen wir nicht, dass auf den wirklichen Märkten die enge Zusammengehörigkeit der Erzeugung mit dem Verbrauch da war, aber der Kapitalismus wollte nicht nur die Produzenten vom Konsumenten trennen, er wollte auch die Teile: Produktion und Verbrauch scharf und absolut von einander trennen. Das war der majestätische Gedanke, durch welchen er selbst erschlagen wurde. Dort auf dem Markt konnte man nicht die Wahrheit über Produktion, Verbrauch, Übererzeuger und Verbraucher verheimlichen. Dort musste man alles sehen. Und es waren viele Märkte, tausende, aber tausende Märkte rund in der Welt. Man konnte ja nicht überall Universitätsprofessoren und mobile Aufklärungsdetachements [1] versenden, um den Leuten zu beweisen, dass weiß schwarz und schwarz weiß ist. Also fort mit den primitiven Märkten, fort mit dem schändlichen und jede Kultur beschimpfenden Wirtschaftssystem. Die in Riesenschritten vorstürmende technische Entwicklung kann die vielen kleinen Märkte nicht brauchen, sie benötigt den Weltmarkt.

Weltmarkt! Ebenfalls ein Wort, wovor der einfache Mensch - nichts Schlechtes ahnend - Respekt bekommt. Weltmarkt heißt ein Markt. Ein Markt, statt der vielen örtlichen Märkte. Doch am „Weltmarkt" erscheinen nicht die Produzenten mit den Gütern, dort erscheinen nicht die Verbraucher mit ihren Erfordernissen. Sie, diese Menschen lebten weiter dort, wo sie früher auf den Märkten ihre Güter miteinander ausgetauscht hatten. Am „Weltmarkt" erschien bloß, sagen wir nochmals so die Diktatur des Blödsinns. Am „Weltmarkt" erschien der Privatkapitalismus mit einer ungeheuren Masse von papiernen Einbildungen und Lügen, womit er die hohe Mauer zwischen Erzeugern und Verbrauchern aller Welten errichtet hat. Der Kapitalismus wollte den Erzeuger durch Vorspiegelung, dass sein Erzeugerleben weniger Wert hat als es benötigt, betrügen und den Verbraucher ebenso, dass nämlich seine Notwendigkeitsbedingungen teurer zu erfüllen sind als er vertragen kann. Aus dem Resultat dieser künstlichen Einstellung ernährte sich der Privatkapitalismus, aus der höchsten Unmoral. „Weltmarkt" heißt also einfach Weltbetrug. Noch ist es keinem Zentralismus gelungen, das Leben zu zentralisieren. Den verschiedenen Zentralismen ist am Ende bloß immer die Absperrung des Lebens gelungen. Der „Weltmarkt" geriet durch die unnatürliche Art und Weise der Welterzeugung, durch die künstlich hervorgerufene Aufhäufung der Produkte und durch die Stockung des Weltverbrauches in die Krise. Der Teil der Erträgnisse der Produktion, den der Kapitalismus von allen Produzenten für sich beschlagnahmt hat, gehörte zu jenem wirtschaftlichen Element, wodurch die Produzenten aller Werte gleichzeitig die Verbraucher hätten werden können.

Der Privatkapitalismus jagte sich zum erlösenden Weltkrieg, „um den aufgehäuften Produkten der Überproduktion" Luft und Weg zu schaffen. Er log das sich und anderen vor, und sein Unglück war, dass er daran selbst glaubte. In Wirklichkeit trieb er zum Weltkrieg, weil sein System schon damals beim Zusammensturz angekommen war, nicht zwar wegen „Überproduktion", sondern wegen Produktionschaos und Verbrauchsstockung.

Die Krise des Privatkapitalismus drückte sich in wahrem Überfluss aus. Wir betonen es ganz scharf, dass die Krise der vorkriegerischen Weltökonomie nicht durch den Güterüberfluss verursacht oder gegeben war, sondern dass die Krise sich nur hierdurch gekennzeichnet hat. Es war damals nicht „zuviel Ware", sondern zu wenig und der Verbrauch war zu primitiv.

Kurz nach Eröffnung der Feindseligkeiten zwischen den beiden Parteien des Weltkrieges ergab sich einwandfrei, dass kein Warenüberfluss da ist, denn trotz höchster Systematisierung des Verbrauches konnte Mitteleuropa keine 12 Monate von den Beständen des Güterreichtums leben. Es ergab sich, dass selbst die durch die Zufuhren von neutralen Ländern und Übersee reichlicher versehene westliche Kriegspartei mit wirtschaftlichen Sorgen zu schaffen hatte. Durch und im Krieg gelangte der Auflösungsprozess des Privatkapitalismus in seiner effektvollsten Abteilung wo die Menschen der Weltmarkt und die Lügen über Produktion und Verbrauch zum ersten Male unwidersprechlich überzeugen müssten, dass das Leben und die Wirklichkeit mit Betrug und Lüge sich auch nicht in der geringsten Weise beeinflussen lässt. Die Kriegsökonomie, wenn man das Schalten und Morden des Lebens und der Güter überhaupt mit dem ernsten und ehrbaren Worte Ökonomie benennen darf, bezeugte, dass


1. kein Überfluss an Waren da ist, dass
2. kein Wirtschaftsleben ohne Einstellung der Produktion auf den Lebensverbrauch existieren kann, dass also
3. trotzdem, dass man nie vorher so exakt und quantitativ wie qualitativ gearbeitet hat wie im Kriege, der Kapitalismus und mit ihm die Wirtschaft rettungslos untergehen muss. Denn der Kapitalismus kann nur leben, wenn Profit da ist und der Krieg, wenn die Güter nicht zum Lebensverbrauch, sondern zur Lebenserwürgung erzeugt und auf gewendet werden.


Den Privatkapitalismus begann die zunehmende Übergewalt des Staates noch während des Krieges zu vernichten. Das ist auch fast vollständig gelungen. Die Kapitalisten und ihre Nebeninteressenten sahen sich plötzlich demselben Faktor, von dem sie bis dahin alle ihre Lebensberechtigung erhielten, gegenüberstehen. Der Staat unterminierte den Privatkapitalismus. Allein an der Tatsache, dass der Staat im Kriege dem Privatkapitalismus das Bestimmungsrecht über Sein oder Nichtsein der Wirtschaft abgenommen hat, das wäre an sich noch kein Grund, dass man in dieser Tatsache etwas vom Ende der privatkapitalistischen Wirtschaft ersehen soll. Aber der Grund, warum der Staat die Führung vom Privatkapitalismus mit einem Machtwort an sich riss, das ist der Grund auch für den Zusammensturz des Privatkapitalismus. Der Staat hat entgegen der Natur und Mission des Privatkapitalismus sämtliche Stoffe, Güter, Waren und Mittel der Ökonomie dem Kriege opfern wollen, und er opferte diese auch. Der Zusammenbruch nahm in der Kriegswirtschaft, sowohl was Ausdehnung, wie auch, was Tempo der Entwickelung anbelangt, katastrophale Formen an. Im Frieden war das Erkennungszeichen der privatkapitalistischen Krise die Aufhäufung der Güter, die „keinen Markt" finden konnten. Im Kriege äußerte sich die privatkapitalistische Krise gerade umgekehrt. Die Märkte litten an immer zunehmendem Mangel an Stoffen, an Gütern, an sonstigen Mitteln der Produktion. Wenn es im Frieden nicht leicht war, die Diagnose der Krise festzustellen und beinahe überall (selbst in gelehrten Fachkreisen) einfach die „Überproduktion" als Grund und auch als Ursache der Krise des Kapitalismus angenommen wurde, so war im Kriege es nicht schwer, Gründe und Ursachen der katastrophalen Krise anzudeuten. Aber im Kriege musste von Amts wegen fortwährend gelogen werden. Man kann nach Montecuccolis geflügeltem Wort ruhig die Behauptung riskieren, dass die wichtigste Notwendigkeit im Kriege neben Menschen und Geld die Lüge ist. Wer am besten lügen kann, hat immerhin etwas Aussicht auf Sieg. Ohne Krieg und ohne den langdauernden ökonomischen Krieg, der mit dem letzten europäischen Krieg direkt verbunden war, hätte eine ganze Reihe von Krisen entstehen müssen. Die mannigfaltigsten Formen und verschiedensten Arten von Sanierungsmöglichkeiten hätten immer neue und neue Enttäuschungen dem Menschentum gebracht. Nicht eine einzige mit Furcht beschützte Grundregel des Kapitalismus hat die Kriegsökonomie respektiert. Keine profitbringende Anlage hatten sie gesucht, denn der Sieg war die einzige Aussicht für die Profitierungs- und Verarbeitungsmöglichkeit, keine Beschränkung der Auslagen der Betriebe auf die Tragfähigkeit des Betriebes, denn bezahlt haben sie, was man verlangt hat. Kein Bedenken, wie weit die Ausdehnung der Ausbeutung an Stoffen und Betriebsmitteln, denn man hat alle Rücksichten und alle Ansprüche niedergetrampelt, um der einen Rücksicht freie Bahn zu verschaffen: Alles für die Front. Die Kriegswirtschaft wurde zur Auflösungsetappe des Privatkapitalismus durch die sogenannte Zwangswirtschaft der staatlichen Zentralstellen. Das lebengebende Element des Privatkapitalismus, der freie Verkehr oder wie man ihn heute nennt, der Freihandel, wurde durch die Kriegswirtschaft zur Strecke gebracht. Die Kriegswirtschaft hätte noch einen Rest, vielleicht einen Rest, womit man die Regeneration des Privatkapitalismus vornehmen konnte, belassen, wenn man die Zwangswirtschaft rechtzeitig unterlassen hätte. Doch die Gründe, warum der kriegführende Staat den Freihandel verboten und die Zwangsbewirtschaftung eingeführt hat, waren mit der Verlängerung des Krieges immer schwerwiegender geworden. Je länger eben der Krieg andauerte, um so schwieriger wurde die Rohstoffbesorgung, die Transportkrise, die Verarbeitungsmöglichkeiten, der Verkehr mit den Lebensmitteln für Armee, Arbeiter und für die übrige Bevölkerung.

Schon Ende 1917 sah man deutlich, dass neben der Kriegsermüdung der Frontsoldaten die herannahende Revolution hauptsächlich von den Ernährungsschwierigkeiten der Bevölkerung droht. Unter diesen Umständen war im Kriege gar nicht daran zu denken, dass man durch eine teilweise Freigabe des Wirtschaftslebens für den freien Handel dem Privatkapitalismus die Möglichkeit gibt, sich von den tödlichen Wunden irgend wie zu erholen. Die verzweifelten Staaten verfolgten weiterhin die Politik der Staatswirtschaft, und endlich begrub der Krieg den halb verwesenen Körper des kapitalistischen Systems gänzlich unter den eigenen Trümmern. Wir erinnern uns noch lebhaft an die am Schluss des Jahres 1916 einsetzenden Friedensmanöver der verschiedenen Staaten. Wir kennen ja die Geschichte der russisch-deutschen geheimen Verhandlungen, das Angebot Wilhelms vom 12. Dezember 1916, die vorsichtigen Regungen in England und das nervöse Zucken der italienischen Politik zu dieser Zeit.

Diese Manöver waren die letzten „Vibrationen" des Kapitalismus, die letzten Verzweiflungsversuche, durch irgend ein Wunder sich von dem Lenken des Krieges und der Staatswirtschaft befreien zu können. Vergebens. Der Krieg war ein unbarmherziger Scharfrichter. Er konnte nur volle Arbeit leisten. Die kapitalistische Welt sah ein, dass, so wenig es ihr gelungen war, nur einmal logisch und rationell in die Entwickelung einzugreifen, dass alle ihre Wünsche auf Verjüngung des kapitalistischen Wesens kein Wille, keine Tat, nur ohnmächtige Sehnsucht bleiben musste, und seine Hoffnung legte der Privatkapitalismus nun auf die Zeiten nach erfolgtem Abschluss des Krieges.

Nach Abschluss des Krieges

Die letzte Möglichkeit hatte das kapitalistische Wirtschaftssystem sich für die Zeit des Überganges von der Kriegswirtschaft in die Friedensökonomie erträumt. Die Voraussetzungen dieses Überganges waren entgegengesetzt den Tatsachen, die den Zusammenbruch, die Revolution und die Niederlage gebracht hatten. Der Übergang erforderte eine stabile Stellung, sowohl politisch wie sozial und wirtschaftlich, erduldete keine Erschütterung. Der Übergang wäre also möglich gewesen, wenn nicht Revolution und Niederlage, sondern die Regierungen Frieden geschlossen hätten. Wir bezweifeln, dass so ein ruhiger oder verhältnismäßig ruhiger Übergang am Schicksal des Privatkapitalismus wesentlich hätte etwas ändern können. Sowohl Wirtschaftschaos, Krieg wie Revolution lag im Wesen des Kapitalismus, und als Resultat von diesen drei Faktoren lag die Zersetzung und Auflösung des Kapitalismus auch in seinem Wesen.

Aber ohne weiteres wollen wir zugeben, dass so ein Übergang mindertragisch die Welt des Kapitalismus berührt hätte, doch die Entwicklung in der Richtung zum Sozialismus erschwert und auf lange Zeiten hinaus illusorisch gemacht hätte. Europas arbeitende Menschen ahnen nicht, wie viel mal schwerer und härter die Sklaverei für sie gemacht wurde bei solchem „Übergang" im Falle des Ausbleibens der Revolution. Dies mag grausam klingen in einer Zeit, wo wir wissen, mit welchen furchtbaren Kämpfen der weitaus größere Teil Europas und insbesondere die Revolutionsländer Russland und Mitteleuropa zu streiten hat. Aber vergessen wir nicht: Bei einem „glatten Übergang" und ohne die Revolution wäre eine geistige und wirtschaftliche Sklaverei auf lange Dauer errichtet worden, ein Ruhezustand für die Befestigung des kapitalistischen Systems in allen Ländern, und lange und harte Kämpfe hätten geführt werden müssen, bis die Arbeitenden der ganzen Welt sich hätten sammeln können, um nur eine Bresche in dem sich wieder aufrichtenden Kapitalismus schlagen zu können. Heute, durch die Macht der Revolutionen und durch den unaufhaltbaren Zersetzungsprozess ist keine Bresche im Leibe des Kapitalismus, sondern eine unausfüllbare Öffnung geschlagen, durch welche ohne Halt der Gedanke der revolutionierenden Ökonomie der Schaffenden vorwärts schreitet. Denken wir nur daran, dass das zaristische Russland und die beiden mitteleuropäischen Monarchien lebend aus dem Kampfe herausgekommen wären, und diese in eine Weltallianz mit dem heute siegreichen Westen zur Herauspressung der Kriegskosten von allen Arbeitenden für den Weltkapitalismus eingegangen wären. Aber wenn auch der Privatkapitalismus, dieser Machtfaktor einer politischen Weltallianz, fehlt, geschieht alles, was nur geschehen kann, dass eine Form oder eine nur eingeschränkte Art des Kapitalismus am Leben bleibt; am Leben bleibt wodurch? Durch das Aufpacken der Kriegskosten oder eines Teil der Kriegskosten auf die Schultern der Arbeiter, also auf die Masse der Produzierenden und Verbraucher.

Könnt ihr euch noch an die berühmte englische Marke „War after the War" erinnern? Die war kein so stark ausgelachter Couplet-Refrain wie das deutsche Schlagwort: „Gott strafe England". Diese englische Devise wollte damals im Kriege Deutschland durch den ökonomischen Krieg einschüchtern, der dann einsetzen würde, wenn es Deutschland gelingen würde, den Krieg militärisch siegreich abzuschließen. Sie, die Engländer, ahnten es nicht, dass ein Wirtschaftskrieg nach dem Kriege de facto fortsetzen wird, aber nicht jener „War after the War", den sie für Mitteleuropa in Aussicht gestellt hatten, den sie gewollt und geleitet hätten, sondern ein Krieg, der ohne Rücksicht darauf, ob er England oder sonst welcher politischen Macht gefällt, einsetzen wird. Ein Wirtschaftskrieg, der nicht von der Macht der Mächte des Kapitalismus, sondern von der Ohnmacht entsteht. Dieser heute tobende Krieg in der Weltökonomie ist der Krieg, der parallel mit der letzten Phase der Auflösung des Privatkapitalismus geht, ja, wir können behaupten, dass dieser Wirtschaftskrieg identisch ist mit dem Auflösungsprozess überhaupt.

Wir erwähnten oben, dass die kämpfenden Parteien während des Krieges ersahen, dass die Rentierung des Krieges, d.h. die Rettung sämtlicher Kapitalien der in die Kriegsführung geworfenen Nationalvermögen und ein Gewinn aus dieser riesigsten Kapitalinvestition nur durch den militärischen Sieg über die Gegner möglich wird. Mit anderen Worten: Der Privatkapitalismus in den besiegten Ländern wird untergehen und die nationalen Vermögen, oder richtiger gesagt, die Überreste der nationalen Vermögen in den besiegten Ländern, zusammen mit dem Stock des Nationalvermögens die Kriegskosten der Sieger bezahlen werden, womit der Privatkapitalismus in den siegenden Ländern kurzerhand gerettet und am Leben bleibt. Beim Beginn meinten die klugen Leute des Merkantilismus [2], dass der Kriegsbetrieb allein genügen kann, um das „Land" reich zu machen (unter Land meinte man notorisch das eigene Geschäft), später sah man ein, dass es gar nicht genug ist, wenn es immer „weniger Menschen" gibt (es war vor dem Kriege ein verbreiteter Volksglaube, dass es auf der Erde zuviel Menschen gibt, die von einander nicht leben können, weshalb ein Krieg notwendig ist), man muss im Gegenteil zusehen, dass man mit allen Kräften den Sieg herbeiholt, wodurch man von den Besiegten Kapital und Renten einkassieren kann.

Der Fall ist eingetreten. Der regelrechte militärisch-politische Sieg zermürbte den Privatkapitalismus in Russland, in Deutschland, in Österreich und in allen Nachkommenstaaten der gewesenen Reiche Russland und Österreich-Ungarn. Ob aber der Privatkapitalismus in den Ländern der westlichen Sieger durch die Zermürbung des östlichen Privatkapitalismus sich gestärkt hatte, das ist die Frage. Und die Antwort wird zu gleicher Zeit eine Antwort auf die zweite Annahme des Kapitalismus sein, dass nämlich der Sieg genügt, um sich zu retten. Beim Zusammenbruch Russlands betätigte sich die deutsche Armee mit der „Erholung" des deutschen Kapitalismus dadurch, dass sie von Russlands erreichbaren Gebieten alles, was transportabel war, nach Deutschland schuf: Brot, Zucker, Textil, Alteisen, Seife, was man nur will. Man hat vieles geraubt von Russland und dennoch konnte sich der Kapitalismus in Deutschland nicht erholen. Es ist wahrscheinlich, dass, wenn Deutschland Frankreich, England, Amerika, Japan und die britischen Dominien besiegt und erobert hätte, jedenfalls alles, was möglich wäre, auch von diesen nahen und fernen Ländern abgeholt und nach dem Mutterlande geschafft hätte. Wäre aber dadurch der deutsche Kapitalismus gerettet worden? Jeder Leser gebe sich zunächst darauf selbst die Antwort. Später werden wir versuchen, darauf Antwort zu geben.

Die Welt ist eine Stadt. Die Welt ist eine kleine Stadt. Die Welt ist eine sehr kleine Stadt. Man muss sich fast überall fortwährend treffen. Die deutschen Kriegs- und politischen Diplomaten mit imponierenden Fachkenntnissen, doch ohne geistigen Überblick einer ganzen Situation hatten sie ausgezeichnet, dennoch müssen wir erkennen, dass die Ausbeutung Russlands im Jahre 1917/18 auch aus der glänzenden Not der deutschen Kriegsökonomie diktiert war. Wäre es zu einer entscheidenden Niederlage der westlichen Länder gekommen, so hätten ja die Deutschen mutmaßlich keine extensive, sondern eine intensive Ausbeutung aller besiegten Gebiete und Länder vorgenommen! Mutmaßlich, sagen wir, denn es ist ja nicht unmöglich, dass wir die Deutschen etwas überschätzen. Was die Deutschen im Kriege aus der wirtschaftlichen und Kriegsnot in Russland praktiziert hatten, das wiederholten Franzosen, Rumänen, Serben, Italiener und auch die übrigen Teile der entente cordiale in Deutschland, Österreich und in Ungarn. Die militärischen Besatzungen spielten Nationalökonomie und holten aus diesen drei Ländern des Unterganges alles, was nur möglich war. Als Prinzip galt bei dieser Ausbeutung nicht ein Nutzen für die eigenen Länder, sondern ein Schaden für die „Fremden" Nun sehen wir, die Generale der Siegenden haben „War after the War" doch richtig interpretiert. In der Heimat der Siegenden war diese Ausbeutung erstens als Entgelt für die grausame Zurichtung von Nordfrankreich und Belgien, Serbien und Rumänien, zweitens aber doch als Entschädigung für die Schäden der eigenen Nationalwirtschaft aufgefasst worden. Jetzt fragt es sich abermals, welche Voraussetzung oder Erwartung der Siegenden durch diese Ausnutzung des Sieges sich erfüllt hat. Schaden hatten ja die Deutschen, Österreicher und Ungarn sicher. Nur Schaden. Die Raubwirtschaft der Besatzungsarmeen hat in ideellen Werten fast soviel geschadet, als die Kriegsökonomie in Zahlenwerten, da durch die Zerstörungen der noch vorhandenen Verkehrs- und Produktionsmittel (Lokomotiven, Waggons, Maschinen) die günstige Zeit zum Wiederaufbau ohne nennenswerte Leistungen verstrichen ist. Das Entgelt ist in vollem Maße gelungen. Doch die alten Lokomotiven, Waggons, Maschinenteile und Materialien, die man auf diese Weise nach Hause geführt hat, konnten keine wesentliche Besserung der durch die eigenen Kriegskosten und Kriegsschäden schwerverletzten Ökonomie bringen. Die Unterführung der Güter aus Deutschland und Österreich-Ungarn nach Frankreich bezahlt die Kriegskosten der Entente nicht. Vielleicht verursachte diese Ausbeutung mit anderen Faktoren zusammen eine senkrecht entgegengesetzte Wirkung als man überhaupt erwartete. Es hat sich doch herausgestellt, dass die Wirkung aller Taten der bürgerlich-staatlichen Politik und der kapitalistischen Wirtschaftspolitik stets das Entgegengesetze der Erwartungen war, und so wollen wir die Sache auch in diesem Fall uns gleich genau besehen.

Der Sieg soll die Kapitalsanlage und deren Renten mit sich bringen, die Besiegten werden also zahlen. Womit sollen die Besiegten zahlen? Mit Geld, d. h. mit Mark, Krone? Nein, Gott bewahre! Mit Gold? Das schon eher, aber nicht lange. Denn in der letzten Zeit (etwa Ende Mai 1920) fiel der Kurs des Goldes mit ca. 35 bis 40 %. Mit was sonst? Mit Kohle, mit Eisen, mit Getreide, mit Holz, mit der reinen Produktion von Rohstoffen, Halbfabrikaten und hauptsächlich und zum Schluss mit den Werten des sogenannten Veredelungsverkehrs. Unter Veredelungsverkehr versteht man folgendes: Rohstoffe werden vom Produktionslande dieser Stoffe nach einem Lande ausgeführt, wo diese Stoffe fehlen, wo aber die industrielle Verarbeitung ihre Möglichkeiten hat (Kohle, Wasserkraft, maschinelle Einrichtungen, intelligente Arbeitskraft, Transportwege usw.). Dieser Veredelungsverkehr kann verschiedene Formen und Ausführungen haben. Die Kriegskosten sollen also nicht in Geld, auch nicht in Gold, sondern in wirklichen Werten der Ökonomie bezahlt werden. Aber wirkliche Werte sind nicht immer Waren oder Herstellung von Waren, wirkliche Werte können auch der Verbrauch von Waren sein. Und jetzt, wo wir sehen, wie Deutschland und Österreich an Westeuropa zahlen sollen (Amerika hat aus der Situation schon den richtigen Schluss gezogen), werden wir zwei Antworten erteilen können:


1. Die Vernichtung der Produktionsmöglichkeiten in Deutschland und Österreich-Ungarn haben dem Kapitalismus der Sieger nicht genützt, sondern geschadet und
2. abermals hat es sich erwiesen, dass der Privatkapitalismus ohne Einsicht der eigenen Lage gegen seine eigenen Interessen gehandelt hat. Deshalb ist er zum Untergang verurteilt. Er hat die Katastrophe der Entwicklung des eigenen Schicksals verursacht, weil er nicht erlernen konnte, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu erkennen.


Der Sieg brachte kein Heil für den Kapitalismus. Der Sieg ist nur ein formengeänderter Ausdruck der Krise, die vor dem Kriege in der kapitalistischen Marktwirtschaft, im Kriege in der staatlichen Zwangswirtschaft und nach dem Kriege in der Vervollkommnung eines Produktions-, Transport und Verbrauchsverwirrung, verbunden mit einem wahnwitzigen und bunten Wirrwarr der Wertfestsetzung der Wirtschaft in einem unlösbaren Knoten des Notwendigen, Möglichen, Überflüssigen und Unmöglichen sich präsentiert.

So charakterisiert der Friedenskapitalismus die Warenaufhäufung (kein Warenüberfluss), Verbrauchschaos des Kriegskapitalismus, Warennot und Verbrauchseinschränkung. Und die Charakterzüge des Vorkriegs- und Revolutionskapitalismus? Wodurch ist diese dritte Gestalt des Kapitalismus erkenntlich? Ja also, hier haben wir: Warenmangel, aber auch „Überproduktion" und Produktionseinschränkung wegen „überfüllter Warenlager" – Überfluss an Geldmitteln und Geldmangel zu gleicher Zeit - Arbeitslosigkeit und Mangel an geübten Facharbeitern - Krise der Valuten, fortwährende Teuerung und katastrophale Preisstürze - Rohstoffmangel und „zuviel Angebot" am Rohstoffmarkte - Transportmittelkrise und Vernichtung von Transportmöglichkeiten. So! Das ist sein Bild, das ist die Photographie des dritten und letzten Stadiums des sich auflösenden Privatkapitalismus, und jetzt werden wir nur einige kleine Versuche riskieren, diese wilde Szenerie zu erläutern.

Europa kann heute in wirtschaftlicher Hinsicht generell in zwei Haupteile geteilt werden. Der eine Teil, in dem die Wirtschaft bis zu dem dreifachen des Friedensstandards, und der andere, wo die Wirtschaft bis zu dem fünfzig- und hundertfachen sich verteuert hat. Zum ersteren gehören die Länder der Sieger und der Neutralen, zum zweiten Russland, Österreich, Ungarn, Polen, Deutschland und einige Teile des östlichen und südöstlichen Europa. Was Völkerzahl und Gebietsausdehnung anbetrifft, so ist jener Teil, wo das Leben der Menschen um das fünfzig- bis hundertfache verteuert wurde, der weitaus größere.

Um eine kleine Illustration von diesem phantastischen Wertzuwachs zu geben, wollen wir folgende kleine Tabelle von Preisen aus der Stadt Wien mitteilen:

Weißbrot
1914 0,44 Kr.
1920 65-70 Kr.

Kaffee
1914 70-80 Kr.
1920 10000 - 16000 Kr.

Fleisch
1914 1,80-2,00 Kr.
1920 140-150 Kr.

Milch
1914 -,20 Kr.
1920 -

Wäsche
1914 2-3 Heller
1920 160-220 Heller

Zucker
1914 0,90 Kr.
1920 140 Kr.

Kleider
1914 16-24 Kr.
1920 1400-2500 Kr.

Fett
1914 2,20 Kr.
1920 160 Kr.

Schuhe
1914 2-3 Kr.
1920 400-500 Kr.

Tabak
1914 3-4 Kr.
1920 140-180 Kr.


Diese Tabelle wird wohl im ganzen Gebiet Ost- und Mitteleuropas, was die Bedarfsartikel für das Gros der Bevölkerung anbelangt, zutreffen. Es könnten Schwankungen zugunsten oder zum Nachteil einiger Gebiete und in einigen Artikeln vorkommen, doch würden diese nur örtliche Bedeutung haben. Aus den Berichten des Auslandes und der ganzen Situation lässt sich leicht ersehen, dass hier ein kolossales Plus von Mängeln (wenn man sich so paradox ausdrücken darf) zuungunsten der Besiegten, entstanden ist.

Jedermann wird sich fragen, woher es kommt, dass zwischen den beiden Teilen Europas so ein riesenhafter Unterschied entstehen konnte, wo doch der Lebensstandard in den einzelnen Ländern vor dem Kriege keinen großen Unterschied aufwies. Wie konnte es kommen, dass die Menschen in den Ländern der siegreichen Partei nur mit drei, während die Menschen in den besiegten Ländern mit hundert Teuerlingseinheiten zu kämpfen haben? Wir wissen auch, und das ist besonders wichtig, dass die Entente mehr Kriegskosten und auch mehr Kriegsschäden hatte als Zentraleuropa, und wir wissen, dass Zentraleuropa außer den Kriegsmaterialien und sonstigen von den Besatzungsarmeen erbeuteten Gütermassen ja bisher gar keine Kriegsentschädigung bezahlt hat. Dieser kolossale Unterschied zwischen den beiden Kapitalismen ist dadurch entstanden, dass die Organe des Privatkapitalismus in den Revolutionsländern teils vollständig aufgelöst (Russland), teils aber fast gänzlich funktionsuntüchtig wurden. Diese Organe sind die Teile des Apparates für Warenaustausch, Transportwesen, Handel und die finanziellen Einrichtungen, und man kann auch die permanente Panik auf diesen Märkten als Grund anführen. An der Seite der Entente waren die Organe der Ökonomie auch während des Krieges mehr gepflegt als in Deutschland, sie hatten ständige Ergänzungen, Zufuhren, sie lagen nicht derart still als in. Zentraleuropa. Aber eins soll hier sogleich gesagt werden: Dadurch, dass die Organe des Kapitalismus in den Ländern des Westens beim Kriegsabschluss nicht zerstört wurden, sondern die Ökonomie in ihrer Weise weiter bedienten, brauchte das Wirtschaftsleben nicht stillstehen. Sie arbeiteten sich langsam empor. Jetzt können wir eine kleine, aber ebenfalls sehr wichtige Beobachtung machen: Wenn Deutschland Zeichen einer wirtschaftlichen Wiederbelebung gibt, so erzittert der Markt des Kapitalismus in England und hauptsächlich in Frankreich. Der Standard des Lebens, hauptsächlich aber der Standard der Finanzen, beginnt zu sinken. Die Regungen der deutschen Wirtschaft verursachen eine Bewegung der deutschen Valuta nach aufwärts und eine Bewegung der siegreichen Valuta nach abwärts. Das Beben des siegreichen Kapitalismus ist von der panisches Furcht verursacht, dass durch Emporbewegen der deutschen Wirtschaft der große Coup entlarvt wird, der große Coup ihrer Valuta. Die westlichen Valuten hatten einen Hochstand nicht aus der Kraft des eigenen Wohlstandes, sondern von dem Brachliegen der Wirtschaft der Besiegten.

Ihre Kraft war nur eine negative: die Schwäche der Gegner. Die Tiefbewegung der Valuta der Sieger verrät den eigenen Völkern, dass die Bezahlung der Kriegskosten noch aussteht, und man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Gegner die Kriegskosten bezahlen sollen. Aber wir selbst erwähnten oben, dass die Besiegten die Kriegskosten durch ihre eigene tatsächliche Wirtschaftskraft nur bezahlen können - wenn sie wollen! Mit jeder kleinen Regung des neuen Produktionslebens in Zentraleuropa nähert sich der Zustand zum allgemeineuropäischen Bewusstsein, dass die Kriegskosten nicht von einem Land, auch nicht von einer Gruppe von Ländern, sondern von der ganzen Weltwirtschaft bezahlt werden müssen. Es ist eine bereits überwundene Annahme, dass man die Kriegskosten einfach auf die Preise der Waren drauf rechnet, und die Kriegskosten auf diese Weise bezahlt sind. Das wäre ein zu lustiges Kabarett. Wir benötigen bloß, auf die ca. 90 Prozent Differenz zwischen der Preiserhöhung der Waren und der Lohnerhöhung der Verbrauchermassen hinzuweisen (im allgemeinen ist das Maximum der Erhöhung der Löhne das dreißigfache und das Minimum der Erhöhung der Preise das siebzigfache in Österreich), und wir sind darüber im klaren, dass der Privatkapitalismus mit dieser „Formel der Cretinite" sich bloß eine Einspritzung gibt. Ist es möglich, auf diese Weise der Weltwirtschaft auf die Beine zu helfen? Ja oder nein? Oder ist es möglich, so etwas wie einen neuen Kapitalismus neu zu errichten oder den alten zu retten, ihn zu verjüngen ohne Wiederaufbau der Weltwirtschaft? Ja oder nein?! Vor vernünftigen Menschen brauchten wir diese Fragen kaum zu beantworten, da in den Fragen bereits die Antworten liegen.

Die Weltökonomie ist notwendig, resp. der Wiederaufbau der Weltökonomie ist notwendig. Seit anderthalb Jahren hören wir das, seit dieser Zeit wissen das alle Leute, die in der großen Frage dieses Wiederaufbaues etwas zu sagen oder etwas zu tun haben. Die große Mehrzahl dieser Männer muss die erstere Funktion betreiben. Während die vielen autoritären Stellen der Sieger die Erkenntnis von dem notwendigen Wiederaufbau der Weltwirtschaft verkünden, fließt das Leben des Privatkapitalismus, dies Leben einer zerstörten Welt, angestrengt weiter. Es fließt oder es versucht zu fließen, so wie es von früher her gewohnt war zu tun. Die kapitalistische Ökonomie von heute können wir am besten als die Ökonomie des Zusammenbruches bezeichnen.

Diese Zusammenbruchsökonomie macht sich durch Verzweiflungsgriffe erkenntlich. Vor kurzer Zeit ging durch die Weltpresse die Hiobspost, dass eine Welle von Preisstürzen eingesetzt hat, und die Katastrophenbejaher aller Länder des Kapitalismus ersahen in dieser Preissturzbewegung das gewaltigste Hindernis für den Wiederaufbau der Weltökonomie.

Was ist jetzt geschehen? Sagen wir nur kurz, diese Preisstürze können als reellverwertbare Symptome der letzten Phase des Unterganges des Privatkapitalismus betrachtet werden, und wenn die kapitalistischen Verkündigungen von den Hindernissen sprechen, die die Preisabwärtsbewegung dem Wiederaufbau der Weltökonomie bereiten, so müssen wir darunter nicht die Weltökonomie, sondern den Weltkapitalismus verstehen. Vielen wird es noch immer und überhaupt neu sein, dass die Preise sinken, und dass dieses Sinken den Privatkapitalismus endgültig töten wird. Bisher war in Europa ein allgemeiner Warenmangel. Die Agenten und Jobber rasten nach Waren, sie überschwemmten die Städte und das Land, sie zahlten horrende Preise für die aufgetriebenen Waren und schleppten diese mühevoll und unter Gefahren in den Schmuggelverkehr nach hier und dort. Dieser allgemeine Warenmangel war dennoch nicht so ein allgemeiner Warenmangel, wie man annehmen konnte. Im Schreck neigen die Menschen zu schroffen und kategorischen Erläuterungen. Zum Beispiel - man muss sterben. Später, wenn man sich etwas vom Schreck erholt hat, sieht man ein, dass man gar nicht sterben muss, vielmehr klammert man sich ans Leben mit gesteigerter Lust. Keine Ware da. Gar keine. Etwas Erholung - und man hat eingesehen, dass etwas Ware noch da ist. „Da." Aber wo? „In festen Händen konzentriert" heißt die fachgemäße Antwort. Die Waren sind in jenen festen Händen konzentriert, deren feste Köpfe sich im allgemeinen Tumult zuerst erholt hatten.

Lassen wir das Lustigsein, und sagen wir kurz heraus, dass die Kriegswirtschaft wohl einen großen Teil der brauchbaren Stoffe und Güter zum Zwecke des Krieges verbraucht, einen weiteren großen Teil zum selben Zwecke beschlagnahmt, aber einen ziemlich großen Teil jener Güter auch bewahrt hat. Durch die Beschlagnahme, durch Verbrauchseinstellung und durch die Verkehrssperre. Es sind in Europa selbst in der nächsten Nähe von hungernden Großstädten, Ortschaften und Gebieten bedeutende Mengen verschiedener Güter verborgen (oder auch nicht verborgen). Jetzt nicht missverstehen! Wenn wir von „bedeutenden Mengen" sprechen, so dürfen wir nicht an solche Mengen denken, die dazu ausreichen, die Bedürfnisse von allen Menschen zu befriedigen oder auch nur halbwegs zu befriedigen. Doch die Bedürfnisse der meisten Menschen sind ja in letzten Jahren gar nicht oder doch nur äußerst gering befriedigt worden. Die Mengen der Güter, die die Kriegs- und Zusammenbruchsökonomie verschont hat, sind nur deshalb da, weil:


1. schon die Kriegswirtschaft durch ihre Zentralisation den normalen Lauf der freien Zirkulation der Güter unterbunden hat und
2. weil die große Überzahl der Verbraucher kein normales Verbrauchsleben führen durfte.


Mit anderen Worten: Was geblieben ist, das entspricht jener Menge, die der todkranke Organismus der Gesellschaft nicht aufnehmen konnte. Seit sechs Jahren kein Verbrauch, also kein Verbrauch der gewöhnlichen Notwendigkeiten, nur ein Verbrauch von kriegsbrauchbaren Stoffen, und seit nahezu zwei Jahren gar kein Verbrauch, außer den auf das allerniedrigste; eingeschränkten Nahrungsnotwendigkeiten.

Der allgemeine Warenmangel heißt also richtig: eine allgemeine Verbrauchsstockung. In Verbindung mit dieser Feststellung soll bemerkt werden, dass in vielen Zweigen des Wirtschaftslebens, so zum Beispiel in der Landwirtschaft, auch seit dem Zusammenbruch gearbeitet wurde, und wir müssen erkennen, dass die Kriegsökonomie mit raffinierter Findigkeit und oft mit einem Aufwand von besonderer Tüchtigkeit es fertiggebracht hat, dass die landwirtschaftliche Produktion noch im Kriege fortgeführt werden konnte. Der sogenannte allgemeine Warenmangel und die allgemeine Verbrauchsstockung von heute sind keine rein ökonomischen Erscheinungen, so wenig als das Vorhandensein von örtlichen Mengen von Gütern. Diese Erscheinungen gehören der Politik, in ihrer Mehrzahl wenigstens der Politik an. Diesmal glauben wir abermals Grund zu einem kleinen Widerspruch gegeben zu haben, denn Ökonomie ist keine Politik und umgekehrt, meinen ja nicht ohne Berechtigung die Revolutionäre. Doch die Ökonomie hat in all ihren Fäden Verbindung mit der Politik, und wir können uns sogar ein politisches Leben vorstellen, das in seinem überwiegenden Teil aus ökonomischen Dingen besteht. Und wir meinen jetzt nicht diese neue Form der Politik, wir meinen bloß das, dass die beiden Erscheinungen allgemeiner Warenmangel und allgemeine Verbrauchsstockung Ursachen haben, die in engster Verbindung mit der Politik von heute sind.

Die politischen Motive der Zentralisierung des Wirtschaftslebens im Kriege liegen klar auf der Hand, und fast so klar sind die Gründe, warum diese Zentralisierung der Wirtschaft von den Staaten auch nach Abschluss des Krieges beibehalten wurde. Sämtliche Einschränkungen im Verkehr zwischen den Ländern, zwischen den einzelnen Gebieten und Ortschaften sind Erscheinungen der Wirtschaftspolitik der verschiedenen Länder, und diese Einschränkungen des freien Transportes, Güteraustausche und Verkehrs verursachen natürlich, dass „große Mengen" auch fernerhin abseits des großen Weges, der zum allgemeinen Verbrauch führt, bleiben, und dass diese „großen Mengen" nur vom gewohnten Schmuggelverkehr erreichbar und nur von der neuen Plutokratie der Kriegs- und Zusammenbruchsökonomie konsumiert werden können. Das wäre das eine - wenn auch sehr unvollkommene - Bild der Situation. Wie sieht es denn mit den anderen politischen Gründen aus, die die allgemeine Verbrauchsstockung weiterhin verursachen? Wie ließe sich ein neuer Kapitalismus abermals errichten? Damit wir die Antwort mit einer Frage beginnen. Aus einer Menge von Werten, die zwischen der Produktionsleistung der Produzierenden und dem Verbrauchsbedürfnis der Konsumenten liegen. Also aus einem „Überfluss". „Überfluss" schreiben wir deshalb so, weil überflüssig in der Weltökonomie nichts werden kann. Wenn Überfluss entsteht, so kann er nur aus zwei Gründen entstehen: entweder durch eine unregulierte und gedankenlose Produktionsweise, welche die Produzenten überlastet, oder durch eine Unterernährung der Konsumenten, wodurch diesen die Lebensnotwendigkeiten entzogen werden.

Wir haben in der heutigen Zeit eigentlich mit zwei Kapitalismen zu tun. Nämlich mit dem vorkriegerischen Privatkapitalismus, der, wie wir wohl wissen, nunmehr bloß in seinen Ruinen und zum größeren Teil bloß durch die Ausdrucksform der Werte erkenntlich ist (Geld, Aktien, Anleihepapiere und eine Menge anderer Sorten von Rechten auf die Werte), und mit einem zweiten, der errichtet werden soll, den wir mit dem Sammelnamen Neukapitalismus bezeichnen und bei einer anderen Gelegenheit eingehend besprechen werden. Auch jene Frage lassen wir offen, ob der vorkriegerische Privatkapitalismus einen organischen Zusammenhang mit dem zu errichtenden Neukapitalismus haben wird, und wir befassen uns bloß mit unseren Schlussfolgerungen bezüglich des Auflösungsprozesses des Privatkapitalismus.

Die Kapitalisten der Siegerstaaten haben noch immer nicht begriffen, dass der Kapitalismus ein Weltsystem ist. Das kann man an den Maßnahmen feindlicher und freundlicher Gestalt feststellen, die man gegenüber Deutschland, Russland und Österreich einnimmt. Daraus, dass sie diese Tatsachen nicht erkannten oder nicht erkennen wollen, wird der Prozess der Auflösung nicht aufgehalten. Wir können konstatieren, dass alle drei Phasen der Krise des Kapitalismus gleiche Konsequenzen und zwar Verbrauchsstockung verursachen. Daraus folgt, dass ein normaler Gang des Verbrauches vielleicht diesen Auflösungsprozess in eine Bahn der Gesundung leiten könnte. Eine Rettung des vorkriegerischen Privatkapitalismus ist ja nicht denkbar, eine Errichtung des Neukapitalismus ist aus sittlichen und sozialen Gründen unerlaubt, aber ein Unterbau zur Gesundung und Entwicklung der Weltwirtschaft ist und wäre nur durch die Verjüngung des Verbrauches möglich. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass dem Auflösungsprozess gar kein Damm gestellt werden kann. Wir weisen nur auf die Versuche der politischen Machthaber hin, die Wirtschaft der Länder der Siegenden von den Ländern der Besiegten abzuschließen.

Der kleine und große Jobber, der einfache Bauer und der Großgrundbesitzer, die großen Aktiengesellschaften, die die gewaltigen Rechte auf verschwundene Werte in ihren Tresors aufbewahren, ihre ganze Energie darauf konzentrieren, wie sie ihre Güter und ihre Werte vor dem Gespenst der Kriegskosten - das alle diese Werte mit dem Verschlingen bedroht - verhüten. Dasselbe tun die Staaten. Sie wollen keine Ware, keine Rohstoffe nach den Ländern auszuführen erlauben, die die Kriegskosten zu bezahlen haben, denn sie sollen erst in der Lage sein, einen Preis zu bezahlen, worin ein entsprechender Teil der Kriegskosten einberechnet ist. Auch wollen sie das Aufrichten des Wirtschaftslebens in jenen Ländern, die die Kriegskosten der Welt bezahlen sollen, nur insofern gestatten, als dieses Aufrichten des Wirtschaftslebens (Wiederaufbau) Sicherheiten bietet, dass die Kriegskosten dadurch bezahlt werden.

Wieso denn? Dass das neue Wirtschaftsleben in den besiegten Ländern, sowohl was Produktion als auch was Verbrauch anbelangt, in einer Abhängigkeit vom Kapitalismus der Siegerstaaten verbleibt, dass dieses neue Wirtschaftsleben einesteils bei jeder Tonne Produktion eine Abgabe für Kriegskosten bedeutet, dass die Produktion weiter nicht die Profitierung der Produktion in den Ländern der Sieger gefährdet, dass andererseits der Verbrauch bei jeder Menge der in- oder ausländischen Stoffe schon eine Anzahlung auf die Kriegskosten macht. Das bezweckt die Absperrung der Gebiete, die Verbergung der vorhandenen Ware, und deshalb herrscht das Chaos auf dem ganzen Weltmarkt und die Panik selbst in den intimsten Stätten des Kapitalismus. Zum Ausweg aus diesem Chaos sucht man die Schlüssel. Bald hört man von Riesenanleihen in Amerika, England usw. an Deutschland oder Österreich, bald von einer Verständigung zwischen England, Amerika und Russland, bald schwört man eine neue heilige Allianz gegen die fortschreitende Revolutionierung des Wirtschaftslebens in Zentraleuropa und arrangiert ein militärisches Vorgehen gegen Russland. Einmal erzittern sie vor der Zurückkehr der Habsburger und Hohenzollern, ein anderes Mal zwinkern sie wohlverstehend mit den Augen, wenn sie von einem Desperadocoup hier oder dort in Zentraleuropa hören.

Und das sollen wir als einen Schlüssel benennen? Nein! Die Schlüssel sind gefunden, aber diese Schlüssel öffnen ein ganz anderes Schloss. Der oberste Wirtschaftsrat der Sieger residiert in London. Von dort richtete dieser Rat die verschiedenen Ratschläge, Drohungen und Orakel in die Welt hinaus. Einmal vor ungefähr zwei Monaten, als der Rat hart bedrängt wurde wegen der Lösung der tausendfachen Probleme der Zusammenbruchswirtschaft, erließ er durch eine Erklärung des britischen Premiers Herrn Lloyd George folgende einfache Erklärung: „Europa muss sich selbst helfen, denn Europa ist eine wirtschaftliche Einheit!"

Vor etwa zwanzig Jahren wurden Menschen, die so etwas behauptet hatten, rettungslos als Geisteskranke erklärt. Hätte man aber diese Erklärung in den ersten Jahren des Krieges in einem der kriegführenden Länder losgelassen, so hätte man als Hochverräter büßen müssen. Und wenn man außerhalb Russlands und Zentraleuropas mit dieser offiziösen Erklärung in der Welt mit all ihren Konsequenzen als Politik durchdringen will, so wird man sicher als Rebellen von den Parteien des Kapitalismus bekämpft.

Mit vollem Recht! Denn der Satz: Europa eine Wirtschaftseinheit, ist Rebellion, ist der vornehmste Teil der politischen und wirtschaftlich-sozialen Revolution. Und dass diesen Satz ein Lloyd George und ein oberster Wirtschaftsrat gebrauchen muss, wird nicht um ein Haar weniger revolutionäre Bedeutung haben, ja vielleicht - für die Lage des Augenblicks - noch eine erhöhte Bedeutung.

„Europa eine Wirtschaftseinheit" ist die erste offizielle Kundgebung der Kapitulation des Kapitalismus vor der Revolution, und zwar vor der beginnenden neuen und permanenten Revolution des gesamten Wirtschaftslebens der Erde. Die Zurückführung des Wirtschaftslebens auf die Zusammengehörigkeit der Menschen/Völker und Länder, aber auch die Zurückführung auf die Zusammengehörigkeit der Produktion und des Verbrauches. Durch diese Vereinheitlichung des Wirtschaftslebens wird der Kapitalismus mit seinen letzten Versuchen allmählich von der Bildfläche verschwinden, und die historische Rolle der ökonomischen Revolution wird beendet. Aber bis wir zu diesem Stadium kommen - werden denn die noch immer mächtigen Streitelemente des Kapitalismus nicht alles aufbieten, um ihre Herrschaft aufrecht halten zu können?

Gewiss! Es ist kein automatischer Weg, keine selbsttätige Entwicklung, jener Weg von der letzten Phase des Zusammenbruches des Privatkapitalismus bis zur sozialen Weltwirtschaft der Gerechtigkeit und Vernunft, es gehört ein ungeheurer Aufwand von politischer Tüchtigkeit, Rührigkeit und moralischer Kraft seitens der Arbeitenden und Schaffenden der ganzen Welt dazu, und wenn wir symbolisch die Form jener Revolutionspolitik geben wollten, die das Menschentum von der Zusammenbruchsökonomie zum wirklichen Übergang zur sozialen Vernunftwirtschaft geben wollten, so wollen wir es mit drei Wörtern kennzeichnen: Schöpfung, Intellekt und Moral.

In einer späteren kleineren Schrift über die Weltföderation des Syndikalismus hoffen wir diese Form näher erkenntlich machen zu können.

Wien, Ende Mai 1920

Verlag „Der Syndikalist", Fritz Kater

Fußnoten:
[1] Aufklärungsdetachements Detachement (franz.) veraltet für: abkommandierte Truppe
[2] Merkantilismus: Volkwirtschaftslehre des Absolutismus

Originaltext: Erschienen als Nr. 195 der anarchosyndikalistischen Flugschriftenreihe. Neue Rechtschreibung von ASFR


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