Fritz Oerter - Was wollen die Syndikalisten? (1920)

Einleitung

Wie, schon wieder eine neue Partei? So werden viele fragen, die von den "Syndikalisten" noch nichts Bestimmtes wissen. Gemach, Freunde, urteilt nicht vorschnell! Der Syndikalismus hat mit dem politischen Parteigetriebe nichts zu tun. Er ist eine wirtschaftliche Kultur- und Klassenbewegung, die allen schaffenden Menschen wirtschaftliche Gleichberechtigung und ein menschenwürdiges Dasein erkämpfen will. Bevor ihr daher urteilt, hört, was die Syndikalisten euch zu sagen haben und wie sie sich zu den großen Problemen der Zeit verhalten! Dann erst werdet ihr entscheiden können, ob sie recht oder unrecht haben, ob ihr in ihre Reihen treten wollt oder nicht.

Der Krieg hat die Welt moralisch, geistig und wirtschaftlich verwüstet. Es ist, wie wenn zwischen das Räderwerk eines komplizierten Mechanismus ein mächtiges Eisenstück geworfen worden wäre. Räder, die vorher hübsch ineinandergriffen, sind beschädigt, größere Teile wurden dabei vernichtet und zermalmt, kurz: die Maschinerie funktioniert nicht mehr. Die Syndikalisten haben in Übereinstimmung mit vielen ändern Kennern der kapitalistischen Wirtschaftsweise schon vor dem Kriege auf ihre Konstruktionsfehler hingewiesen, die über kurz oder lang den Mechanismus hätten lahmlegen müssen. Jetzt aber, nachdem der Krieg in so fürchterlich gewaltsamer Art dazwischengegriffen hat, müssen selbst dem eifrigsten Befürworter des kapitalistischen Wirtschaftsgetriebes Bedenken aufsteigen, ob es noch möglich sein wird, dasselbe wiederherzustellen. Versuche in dieser Richtung sind nicht danach ausgefallen, um die Hoffnungen der Kapitalisten zu beleben. Trotz aller Bemühungen will das alte Uhrwerk nicht mehr recht in Gang kommen. Und gelänge es dennoch, dasselbe in Bewegung zu setzen, dann geht es unregelmäßig und stockt nach immer kürzeren Zwischenräumen. Der kapitalistische Staat war eben niemals etwas anderes als ein toter, seelenloser Mechanismus, der sich rasch abnützte und durch den Krieg völlig ruiniert wurde. Wenn die arbeitende Menschheit nicht mit in den Wirrwarr der Vernichtung hineingerissen werden will, dann muß sie es aufgeben, die Maschinerie des Kapitalismus reparieren zu wollen, sie muß sich vielmehr an Stelle jenes überaus komplizierten und künstlichen Mechanismus einen lebensvollen, natürlichen Wirtschaftsorganismus schaffen, wie er vom Syndikalismus erstrebt wird.

Die gegenwärtig noch bestehende Gesellschaft, deren geistigen und wirtschaftlichen Zerfall der Krieg mit seinen Folgen so beschleunigte, hat seinerzeit den Feudalstaat abgelöst und damit den Kreis der bevorrechteten Menschen erweitert, indem nun auch das Bürgertum an der Macht des Staates teilnahm. Durch verschiedene Umstände, besonders aber durch die technische Entwicklung begünstigt, konnte die kapitalistische Gesellschaft ihre beiden Machtpositionen, den Nationalstaat und das wirtschaftliche Übergewicht, das ihr der Besitz verlieh, in der raffiniertesten Weise ausbauen. Alle Maßnahmen innerhalb der Gesellschaft liefen darauf hinaus, ihre Machtstellung zu verstärken und ihre Herrschaft dauernd zu gestalten. Selbst die soziale Gesetzgebung diente diesem Zweck. Weit entfernt, dem System der Ausbeutung Eintrag zu tun, befestigte dieselbe den Kapitalismus dadurch, daß sie ihm (wie G. Landauer trefflich sagt) die schärfsten Ecken und Kanten abschliff. Die sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftszentralen haben es längst aufgegeben, die bestehende Wirtschaftsmethode in ihrem Wesen umzugestalten. Sie paktieren mit ihr politisch im Parlament und kompromisseln mit ihr auch auf wirtschaftlichem Gebiete. Ihr ganzen Streben erschöpft sich darin, kleinliche Vorteile für die Arbeiterschaft innerhalb des Kapitalismus zu erzielen. In dumpfer Resignation verzichteten sie darauf, die politische und wirtschaftliche Machtstellung desselben zu durchbrechen. Wenn die kapitalistische Gesellschaft nunmehr im tiefsten Grunde erschüttert worden ist, so können in keinem Falle die sozialdemokratischen Gewerkschaften und Parteien ein Verdienst an dieser Wandlung beanspruchen. Der Wagen, an dem sie während des Krieges (viele von ihnen auch noch nachher) kräftig mitgeschoben haben, sprang aus dem Geleise. Diese Entgleisung rührt jedoch daher, daß der kapitalistischen Wirtschaftsmethode von Anfang her ein zersetzender Keim innewohnte, der mit der steigenden Entwicklung des Kapitallismus logischerweise immer mehr anschwellen mußte, bis er schließlich den Weltkrieg auslöste und das ganze trügerische Gebäude zersprengte. Die treibende Kraft in der kapitalistischen Welt ist: der Eigennutz, die Profitgier und der Kampf aller gegen alle. Auf solche Triebkräfte läßt sich nichts Dauerndes begründen. Aber dieser Geist der Selbstsucht vertilgte allmählich die letzten Spuren edlen, überlieferten Gemeinsinns, der noch im Volke vorhanden war und erreichte im Kriege und nachher seine häßlichste Auswirkung. Wollen die Menschen je wieder auf einen grünen Zweig kommen, dann ist die erste Voraussetzung hierzu die, daß sie das Wohl der Gemeinschaft über das der eigenen Person stellen und in treuer Solidarität die Schwierigkeiten und Nöte des gegenwärtigen Lebens zu überwinden trachten. Der Syndikalismus zeigt den Weg hierzu.

Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, Vorrechte für einen vielleicht abermals erweiterten Kreis von Menschen zu schaffen, sondern jetzt dreht es sich um das gleiche Recht für alle, für das gesamte schaffende Proletariat der Welt, den Träger allen Fortschritts und aller Kultur. Der ohnedies bereits brüchig gewordene Ring der kapitalistischen Nationalstaaten und ihrer wirtschaftlichen Monopolstellungen muß vollends durchbrochen werden, damit alle Schaffenden an den Tisch des Lebens herantreten und Platz finden können. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn die Arbeiter aller Länder in wachsendem Maße den Geist der Gemeinschaft pflegen und sich in unverbrüchlicher Solidarität und Kampfesfreudigkeit gegenseitig helfen und unterstützen. Das Werk der Befreiung kann nur von jenen ausgehen, die frei sein wollen und sich mit Gleichgesinnten zusammenscharen. Nie werden die Arbeiter frei werden, wenn sie die Hände in den Schoß legen und auf Befreier harren, die niemals kommen. Darum hört, was die Syndikalisten lehren und wie sie kämpfen!

In den ersten drei Absätzen der Prinzipienerklärung des Syndikalismus wird das Wesen der heutigen Gesellschaftsordnung wie folgt dargestellt:

"Die heutige Gesellschaftsordnung, die auch die kapitalistische genannt wird, gründet sich auf die wirtschaftliche, politische und soziale Versklavung des werktätigen Volkes und findet einerseits im sogenannten "Eigentumsrecht", d.h. im Monopol des Besitzes, andererseits im Staat, d.h. im Monopol der Macht, ihren wesentlichen Ausdruck.

Durch die Monopolisierung des Bodens und der übrigen Produktionsmittel in der Hand kleiner privilegierter Gesellschaftsgruppen sind die produzierenden Klassen gezwungen, ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten den Eigentümern zu verkaufen, um ihr Leben fristen zu können, und müssen infolgedessen einen erheblichen Teil ihres Arbeitsertrages an die Monopolisten abtreten. Auf diese Weise in die Stellung rechtloser Lohnsklaven gedrängt, haben sie keinerlei Einfluß auf den Gang und die Gestaltung der Produktion, die ganz und gar dem Selbstbestimmungsrecht der Kapitalisten überlassen ist. Es ist daher auch ganz natürlich, daß bei einem solchen Zustand der Dinge die Grundlage der heutigen Gütererzeugung nicht durch die Bedürfnisse der Menschen, sondern in erster Linie durch die Voraussetzung des Gewinnes für den Unternehmer bestimmt wird.

Da aber dasselbe System auch dem Austausch und der Verteilung der Produkte zugrunde liegt, so sind die Folgen auch auf diesem Gebiete dieselben und finden in der rücksichtslosen Ausbeutung der breiten Massen zugunsten einer kleinen Minderheit Besitzender ihren Ausdruck. Ist die Beraubung des Produzenten der mehr oder weniger verschleierte Zweck der kapitalistischen Produktion, so ist der Betrug an den Konsumenten der eigentliche Zweck des kapitalistischen Handels."

Eine Volksgenossenschaft, die wie die heutige in zwei ungleiche Hälften geteilt ist, und deren größerer Teil in ständiger Abhängigkeit von dem kleineren gehalten wird, beruht nicht auf Gerechtigkeit. Wo der Besitz von Geld und Waffengewalt oder, deutlicher gesagt, von wirtschaftlicher und politischer Macht einer Minderheit privilegierter Personen und Gruppen die Herrschaft verleiht über die großen Massen schaffender und arbeitsamer Menschen, da können Glück und Freiheit nicht gedeihen. Wenn aber die Kultur- und Menschheitsentwicklung überhaupt einen Sinn haben soll, so kann dieser nur darin gipfeln, allen geistig und körperlich arbeitenden Menschen ein würdiges Dasein zu schaffen und ihnen gleiche Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern. Wir Syndikalisten lehnen es daher im Gegensatz zu den marxistischen Parteien und Gewerkschaften ab, irgendwelche wirtschaftliche oder politische Bedrückungsinstitutionen dadurch anzuerkennen, indem wir uns daran beteiligen, sondern wir werden sie stets mit größter Entschiedenheit bekämpfen. Das Parasiten- und Schmarotzertum, das uns der Früchte unserer Arbeit beraubt, so daß ständiger Mangel unser Los ist, muß beseitigt werden. Die Profitwirtschaft des Kapitalismus hat schon vor dem Kriege zu schwierigen Krisen geführt. Sie jetzt unverändert weiterführen zu wollen, heißt: dem Verderben entgegenrennen.

Die Prinzipienerklärung fährt fort: "Unter dem System des Kapitalismus werden alte Errungenschaften der Wissenschaft und des geistigen Fortschritts den Monopolisten untertan gemacht. Jede neue Entwicklung auf dem Gebiete der Technik, der Chemie usw. trägt dazu bei, die Reichtümer der besitzenden Klassen ins Ungemessene zu steigern, im schauerlichen Gegensatz zu dem sozialen Elend breiter Gesellschaftsschichten und zu der andauernden wirtschaftlichen Unsicherheit der produzierenden Klassen."

Es ist eine beklagenswerte Sache, daß selbst die geistigen Mächte: Wissenschaft, Kunst und Ethik sich den Ansprüchen der herrschenden Klassen unterordnen mußten und daß die letzteren aus diesem Verhältnis ungeheuren Nutzen und Gewinn ziehen. Das Empörendste aber im gegenwärtigen Leben ist die Tatsache, daß unendliche Möglichkeiten für eine allgemeine kulturelle Erhebung der gesamten Menschheit vorhanden gewesen sind, die nun zum Teil durch den Krieg auf lange Zeit hinaus zerstört wurden, teils jedoch auch aus Selbstsucht und Machtprotzerei der Allgemeinheit immer noch vorenthalten werden.

Wir hören dann weiter: "Durch den ununterbrochenen Kampf der verschiedenen nationalen kapitalistischen Gruppen um die Beherrschung der Märkte wird eine ständige Ursache innerer und äußerer Krisen geschaffen, die periodisch in verheerenden Kriegen zur Entladung kommen, unter deren schrecklichen Folgen wiederum die unteren Schichten der Gesellschaft fast ausschließlich zu leiden haben. Die gesellschaftliche Klassenteilung und der brutale Kampf "aller gegen alle", diese charakteristischen Merkmale der kapitalistischen Ordnung, wirkten in derselben Zeit auch degenerierend und verhängnisvoll auf den Charakter und das Moralempfinden des Menschen, indem sie die unschätzbaren Eigenschaften der gegenseitigen Hilfe und des solidarischen Zusammengehörigkeitsgefühls, jene kostbare Erbschaft, welche die Menschheit aus den früheren Perioden ihrer Entwicklung übernommen hat, in den Hintergrund drängen und durch krankhafte antisoziale Züge und Gewohnheiten ersetzen, die im Verbrechen, in der Prostitution und in allen anderen Erscheinungen der gesellschaftlichen Fäulnis ihren Ausdruck finden."

Unersättliche Gier nach Besitz und Macht ist das hervorstechendste Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaften und Staaten. Der Krieg von 1866 machte Preußen zur Vormacht der deutschsprechenden Völker. Der Krieg 1870/71 erhob Preußen-Deutschland zum ersten Militärstaat Europas, und der Krieg von 1914 sollte ihm das Imperium, d.h. die Vorherrschaft über die ganze Welt verschaffen. Maßlose Gier und Selbstüberhebung haben das kapitalistische Deutschland ins Unglück gestürzt. Sein Untergang wird auch die anderen kriegführenden Kapitalistenstaaten in den Strudel hinabziehen. Die moralische Verkommenheit ist furchtbar und allgemein. Dennoch müssen Mittel und Wege gefunden werden, den Geist der Gemeinschaft und Solidarität wiederzuerwecken; denn ohne ihn ist der Neuaufbau einer freien und gerechten Gesellschaft undenkbar. Schon sind Anzeichen dafür vorhanden, daß in dieser Beziehung eine Besserung zu verzeichnen ist.

Die nächsten vier Abschnitte der Prinzipienerklärung des Syndikalismus befassen sich mit dem Staat und dem Zentralisationssystem, das hier zur höchsten Blüte gediehen ist. Sie lauten: 

"Mit der Entwicklung des Privatbesitzes und der damit verbundenen Klassengegensätze entstand für die besitzenden Klassen die Notwendigkeit einer mit allen technischen Gewaltmitteln ausgerüsteten politischen Organisation zum Schutze ihrer Privilegien und zur Niederhaltung der breiten Massen - der Staat. Ist der Staat somit in erster Linie ein Produkt des Privatmonopols und der Klassenteilung, so wirkt er, einmal in Existenz, mit allen Mitteln der List und Gewalt für die Aufrechterhaltung des Monopols und der Klassenunterschiede, folglich für die Verewigung der wirtschaftlichen und sozialen Versklavung der breiten Massen des Volkes und hat sich im Laufe seiner Entwicklung zur gewaltigsten Ausbeutungsinstitution der zivilisierten Menschheit emporgeschwungen.

Die äußerliche Form des Staates ändert an dieser geschichtlichen Tatsache nichts. Monarchie oder Republik, Despotie oder Demokratie - sie alle stellen nur verschiedene politische Ausdrucksformen des jeweiligen wirtschaftlichen Ausbeutungssystems vor, die sich zwar in ihrer äußerlichen Gestaltung, nie aber in ihrem innerlichen Wesen voneinander unterscheiden und in allen ihren Formen nur eine Verkörperung der organisierten Gewalt der besitzenden Klassen sind.

Mit der Entstehung des Staates beginnt die Ära der Zentralisation, der künstlichen Organisation von oben nach unten. Kirche und Staat waren die ersten Vertreter dieses Systems und sind bis heute seine vornehmsten Träger geblieben. Und da es im Wesen des Staates liegt, alle Zweige des menschlichen Lebens seiner Autorität unterzuordnen, so mußte die Methode der Zentralisierung desto verhängnisvollere Folgen haben, je mehr der Staat den Kreis seiner Funktionen erweitern und ausbauen konnte. Ist doch der Zentralismus die extremste Verkörperung jenes Systems, das die Regelung der Angelegenheit Aller einzelnen Personen in Bausch und Bogen überträgt.

Dadurch wird der einzelne zur Marionette, die von oben her gelenkt und geleitet wird, ein totes Rad in einem ungeheuren Mechanismus. Die Interessen der Allgemeinheit müssen den Privilegien einer Minderheit das Feld räumen, die persönliche Initiative dem Befehl von oben, die Verschiedenartigkeit der Uniformität, die innere Verantwortlichkeit einer toten Disziplin, die Erziehung der Persönlichkeit einer geistlosen Dressur - Und das alles zu dem Zwecke, loyale Untertanen heranzubilden, die an dem Fundament des Bestehenden nicht zu rütteln wagen, willige Ausbeutungsobjekte für den kapitalistischen Arbeitsmarkt. So wird der Staat zum mächtigsten Hemmnis jedes Fortschritts und jeder kulturellen Entwicklung, zum festesten Bollwerk der besitzenden Klassen gegen die Befreiungsbestrebungen des arbeitenden Volkes."

Noch nie, seit überhaupt von einem Staate gesprochen werden kann, hat derselbe eine solche unentrinnbare Form, ein solch herrschsüchtiges Wesen angenommen und sich eine so auf alle Lebensfunktionen des einzelnen erstreckende Bevormundung angemaßt, als in der Zeit vor, während und nach dem Kriege. Es gibt nichts, worin sich der Staat nicht mischt, es gibt nichts, was er nicht "gesetzlich" regelt, es gibt nichts, dem er nicht seinen Stempel aufdrückt. Wenngleich der Schutz der Privilegierten und ihres Privateigentums nach wie vor seine Hauptaufgabe ist, so war und ist er doch bestrebt, seine Gewalt immer weiter auf alle Gebiete auszudehnen und die materielle und geistige Abhängigkeit und Versklavung des Volkes zu vervollständigen. Die Ausübung der Zwangswirtschaft leistet diesem Bestreben den größten Vorschub. Der Zweck der Staatlichen Beeinflussung ist nicht die Vervollkommnung des Menschen, sondern seine Beherrschung, die Erziehung zum unterwürfigen Staatsbürger und Untertan.

Das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft ist zentralistisch und autokratisch. Alle wirtschaftliche, militärische, politische und geistige Macht vereinigt sich in den Händen einzelner. So selbstherrlich und individualistisch der einzelne Unternehmer innerhalb seines wirtschaftlichen Machtbereichs auch handelt, sein gieriges Profitinteresse zieht ihn doch unwiderstehlich zu immer höheren kapitalistischen Gruppen und Vereinigungen hin, um einerseits gegen seine in- und ausländischen Konkurrenten, andererseits gegen die aufstrebende Arbeiterschaft gesichert zu sein. Als die höchste derartiger kapitalistischer Vereinigungen ist der Staat anzusehen. Aber dem Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts genügte der einfache Nationalstaat schon nicht mehr. Man schloß Staatenbündnisse, und die größeren kapitalistischen Staaten wetteiferten bereits, einander wirtschaftlich und politisch unterzukriegen und das Imperium, d.h. die Vormachtstellung in der Welt, an sich zu reißen. Das führte zum Weltkrieg, zum fürchterlichsten Zusammenprall der Staatengruppen, der sich je ereignet hat. Infolge des Zusammenstoßes sind einige der überheizten Staatslokomotiven bereits umgestürzt. Automatisch strampeln zwar die Räder und Kolben noch weiter; aber es ist zwecklos, sinnlos und lächerlich. Sie kommen nicht mehr vom Fleck. Wahrscheinlich werden auch die anderen Staatsmaschinen, die glimpflicher davonkamen, dadurch zum Sturz gebracht werden.

Das hauptsächlichste Unterdrückungsmittel des Staates bestand und besteht in der vielgepriesenen, unbedingten Unterordnung des jeweils Niederen gegen den Höherstehenden: in der Disziplin. Das Wort Disziplin riecht nach Kasernenhof und Zuchthaus. Wir kennen es nicht. Was uns Syndikalisten einigt und zusammenhält, das ist das Gemeinschaftsgefühl, das ist Solidarität.

Dem zusammenraffenden System und Magnetismus des Geldes mochte das kapitalistische Staatssystem mit seinen ebenfalls zentralistisch eingerichteten Organen: Schule, Erziehung, Kirche, Polizei, Rechtspflege, Presse usw. wohl entsprechen. Für das schaffende Volk, für die aufstrebende Arbeiterschaft hat der Zentralismus keinen Sinn. Hier steht der Syndikalismus im schärfsten Gegensatz zu dem Zentralismus der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften. Von oben kann nur Bedrückung und Bevormundung, nie aber die Freiheit kommen. Aller Anstoß, alle Initiative zum Fortschritt der Menschheit ist, solange die Welt besteht, von unten, von den Massen ausgegangen, und dies wird immer so sein. Zentralisation bedeutet geistige Trägheit.- Der Führer denkt für alle. Die Organisationsform des arbeitenden Proletariats muß föderativ sein. Das gibt ihr geistige Beweglichkeit und fördert das selbständige Denken der einzelnen Mitglieder. Sie werden mit unabhängigem Geiste erfüllt, der allein eine freie Entwicklung verbürgt.

In Konsequenz des Vorangegangenen fährt die Prinzipienerklärung fort: "Die Syndikalisten, in klarer Erkenntnis der oben festgestellten Tatsachen, sind prinzipielle Gegner jeder Monopolwirtschaft. Sie erstreben die Vergesellschaftung des Bodens, der Arbeitsinstrumente, der Rohstoffe und aller sozialen Reichtümer; die Reorganisation des gesamten Wirtschaftslebens auf der Basis des freien, d.h. des staatenlosen Kommunismus, der in der Devise: "Jeder nach, seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" seinen Ausdruck findet.

Ausgehend von der Erkenntnis, daß der Sozialismus letzten Endes eine Kulturfrage ist und als solche nur von unten nach oben durch die schöpferische Tätigkeit des Volkes gelöst werden kann, verwerfen die Syndikalisten jedes Mittel einer sogenannten Verstaatlichung, das nur zur schlimmsten Form der Ausbeutung, zum Staatskapitalismus, nie aber zum Sozialismus führen kann.

Die Syndikalisten sind der Überzeugung, daß die Organisation einer sozialistischen Wirtschaftsordnung nicht durch Regierungsbeschlüsse und Staatsdekrete geregelt werden kann, sondern nur durch den Zusammenschluß aller Kopf- und Handarbeiter, in jedem besonderen Produktionszweige; durch die Übernahme der Verwaltung jedes einzelnen Betriebes durch die Produzenten selbst und zwar in der Form, daß die einzelnen Gruppen, Betriebe und Produktionszweige selbständige Glieder des allgemeinen Wirtschaftsorganismus sind, die auf Grund gegenseitiger und freier Vereinbarungen die Gesamtproduktion und die allgemeine Verteilung planmäßig gestalten im Interesse der Allgemeinheit."

Alles was an Werten und Schätzen materieller und geistiger Art vorhanden ist, kann als das Produkt der gemeinsamen Arbeit aller Menschen und aller Zeiten bezeichnet werden. Nach natürlichem Recht hätte daher auch jeder einzelne Mensch den gleichen Anteil daran zu beanspruchen. Aber wir haben gesehen, daß der großen Masse des Volkes sowohl die geistigen als auch die materiellen Güter vorenthalten wurden. Durch den Krieg sind in der unverantwortlichsten Weise unendlich große materielle und ethische Werte verschleudert und vernichtet worden. Wenn die gegenwärtige Gesellschaft wirklich soziales Empfinden in sich trüge, dann hätte sie peinlich darauf achten müssen, daß wenigstens das Nochvorhandene und Übriggebliebene streng gerecht verteilt worden wäre. Aber das Gegenteil ist zur Wirklichkeit geworden. Das Schieber- und Wuchertum verbreitete sich wie die Pest. Und welch einen entsetzlichen Tiefstand die Moral des Volkes erreicht hat, das zeigen uns die unzähligen widerlichen Akte der Habgier, der Roheit und blutigen Gewalt, denen wir überall begegnen. Nur die Ausbreitung und sorgfältigste Pflege des Gemeinschaftsgeistes, des herrschaftslosen Kommunismus kann jenem zersetzenden Einfluß des Eigennutzes und der Roheit Einhalt tun.

Wir haben schon eingangs unserer Darlegung den Syndikalismus als eine Kulturbewegung bezeichnet. Es werden jedoch vielfach die Begriffe "Technik" und "Kultur" verwechselt. Die Technik ist nur ein untergeordneter Bestandteil der Kultur. Wir fassen unter "Kultur" alle in der Vergangenheit und Gegenwart gemachten geistigen und physischen (d.h. körperlichen) Anstrengungen zusammen, die den Zweck haben, der Natur eine sich stetig mehrende Summe materieller und geistiger Werte abzuringen, damit diese jetzt und künftig der Gesamtheit zugute kommen. Nicht das bloße etwaige Vorhandensein einer Fülle von Möglichkeit gilt uns als Gradmesser für die Höhe der Kultur, sondern das Maß und das Verhältnis, in dem alle einzelnen an den Errungenschaften teil haben, zeigt uns den Stand der jeweiligen Kulturhöhe an. Uns genügt nicht schon die Tatsache, daß ideelle und materielle Besitzstände vorhanden sind, sondern uns interessiert es vor allem, wie das gesamte geistige und wirtschaftliche Vermögen unter den Menschen verteilt ist. In dieser Hinsicht sind für uns Gerechtigkeit, Kultur und Kommunismus gleichbedeutend.

Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß die Triebfeder der kapitalistischen Gesellschaft die Macht- und Habgier ist. Unbekümmert um die Bedürfnisse und Ansprüche der Allgemeinheit lassen die kapitalistischen Unternehmer nur das herstellen und handeln die kapitalistischen Kaufleute nur mit dem, was ihnen jeweils den größtmöglichsten Gewinn bei geringstem Risiko und wenigster Mühe verspricht. Demgegenüber will der Syndikalismus die Produktion und die Verteilung so gestalten, daß in jedem Falle dem Interesse der Allgemeinheit Gerechtigkeit widerfährt:

"Die Syndikalisten sind der Meinung, daß politische Parteien, welchem Ideenkreise sie auch angehören, niemals imstande sind, den sozialistischen Aufbau durchführen zu können, sondern daß diese Arbeit nur von den wirtschaftlichen Kampforganisationen der Arbeiter geleistet werden kann. Aus diesem Grunde erblicken sie in der Gewerkschaft keineswegs ein vorübergehendes Produkt der kapitalistischen Gesellschaft, sondern die Keimzelle der zukünftigen sozialistischen Wirtschaftsorganisation. In diesem Sinne erstreben die Syndikalisten schon heute eine Form der Organisation, die sie befähigen soll, ihrer großen historischen Mission und in derselben Zeit dem Kampfe für die täglichen Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse gerecht zu werden."

Es ist im Verlauf der Revolution so oft und so laut der Ruf nach einer "sozialistischen Republik" oder auch nach der "Räterepublik" laut geworden, aber was wollen solche Worte, wie "sozialistische Republik" oder "Räterepublik" bedeuten, solange nicht die wirtschaftlichen Vorausbedingungen erfüllt sind, solange die kapitalistischen Wirtschaftsformen beibehalten werden wie bisher! Gar nichts! Der Sozialismus kann nun einmal von oben her nicht dekretiert werden. Mit der Übernahme der Staatsregierung durch eine weniger oder mehr radikalsozialistische Partei ist dem Sozialismus nicht gedient. Nur durch die tiefste und gründlichste Revolutionierung und Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaftsmethode, nur durch die Durchdringung aller wirtschaftlichen Formen und Organisationen mit dem Geiste der Gemeinschaft, der den kapitalistischen Geist immer mehr ausschalten wird, kann der Sozialismus begründet werden. So sollen die syndikalistischen Organisationen nicht nur dazu dienen, die heutige kapitalistische Welt umzuwandeln, sie sollen zugleich die Grund- und Eckpfeiler jener freien kommunistischen Gesellschaft bilden, die den Kapitalismus ablösen wird.

Vier weitere Absätze der Prinzipienerklärung geben Aufschluß über den Aufbau der syndikalistischen Gewerkschaften. Dieser wird hier so klar dargestellt, daß es weiterer Ausführungen nicht bedarf:

"An jedem Orte schließen sich die Arbeiter der revolutionären Gewerkschaft ihrer resp. Berufe an, die keiner Zentrale unterstellt ist, ihre eigenen Gelder verwaltet und über vollständige Selbstbestimmung verfügt. Die Gewerkschaften der verschiedenen Berufe vereinigen sich an jedem Orte in der Arbeiterbörse, dem Mittelpunkt der lokalen gewerkschaftlichen Tätigkeit und der revolutionären Propaganda. Sämtliche Arbeiterbörsen des Landes vereinigen sich in der Allgemeinen Föderation der Arbeiterbörsen, um ihre Kräfte in allgemeinen Unternehmungen zusammenfassen zu können.

Außerdem ist jede Gewerkschaft noch föderativ verbunden mit sämtlichen Gewerkschaften desselben Berufes im ganzen Lande und diese wieder mit den verwandten Berufen, die sich zu großen allgemeinen Industrieverbänden zusammenschließen. Auf diese Weise bilden die Föderation der Arbeiterbörsen und die Föderation der Industrieverbände die beiden Pole, um die sich das ganze gewerkschaftliche Leben dreht.

Würden nun bei einer siegreichen Revolution die Arbeiter vor das Problem des sozialistischen Aufbaues gestellt, so würde sich jede Arbeiterbörse in eine Art lokales statistisches Büro verwandeln, und sämtliche Häuser, Lebensmittel, Kleider usw. unter ihre Verwaltung nehmen. Die Arbeiterbörse hätte die Aufgäbe, den Konsum zu organisieren und durch die Allgemeine Föderation der Arbeiterbörsen wäre man dann leicht imstande, den Gesamtverbrauch des Landes berechnen und auf die einfachste Art organisieren zu können.

Die Industrieverbände ihrerseits hätten die Aufgabe, durch ihre lokalen Organe und mit der Hilfe der Betriebsräte sämtliche vorhandenen Produktionsmittel, Rohstoffe usw. unter ihre Verwaltung zu nehmen und die einzelnen Produktionsgruppen und Betriebe mit allem Notwendigen zu versorgen. Mit einem Worte: Organisation der Betriebe und Werkstätten durch die Betriebsräte; Organisation der allgemeinen Produktion durch die industriellen und landwirtschaftlichen Verbände; Organisation des Konsums durch die Arbeiterbörsen." 

Weiter ins Einzelne gehende Ausführungen über den organischen Aufbau, die Gliederung, die Geschäftskommission der syndikalistischen Gewerkschaften usw. findet der Leser in "Programmatische Grundlage der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)", die weiter unten zum Abdruck gebracht ist.

In der Prinzipienerklärung des Syndikalismus heißt es weiter:

"Als Gegner jeder staatlichen Organisation verwerfen die Syndikalisten die sogenannte Eroberung der politischen Macht und sehen vielmehr in der radikalen Beseitigung jeder politischen Macht die erste Vorbedingung zu einer wahrhaft sozialistischen Gesellschaftsordnung. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist aufs engste verknüpft mit der Beherrschung des Menschen durch den Menschen, so daß das Verschwinden der einen notwendigerweise zum Verschwinden der andern führen muß."

Eine jahrzehntelange Verbildung und Irreführung der Proletariermassen seitens ihrer politischen und gewerkschaftlichen Führer hat den Wahn genährt und gezeitigt, daß alles Heil von der "Eroberung der politischen Macht" abhängig sei. Statt nach dem 9. November 1918 sich vor allem eine starke wirtschaftliche Position zu verschaffen, was damals vielleicht nicht allzu schwierig gewesen wäre, verlegte das Proletariat unter dem Einfluß der politischen Parteien den Hauptnachdruck von Anfang an auf die "Eroberung der politischen Macht". Solange jedoch politische Machtzentralen bestehen, werden diejenigen, die sich an der Spitze befinden, über eine Unzahl von Menschen Macht und Gewalt ausüben. Das führt ganz von selbst zu Mißbrauch und Herrschsucht einerseits und zu Abhängigkeit und Unterdrückung andererseits. Wer sich die politische Macht im Staate erobern und sie behaupten will, wird, ob freiwillig oder nicht freiwillig, unter allen Umständen auf die Bahn des Terrors gedrängt. Auch von diesem Standpunkt aus erklärt es sich, weshalb der Syndikalismus so entschieden gegen die Eroberung der politischen Macht Stellung nimmt. Hier sieht man auch, was ihn am schärfsten von den sozialistischen Parteien der drei Richtungen und deren Gewerkschaften trennt. Diese wollen an Stelle des jetzigen Staates nur einen anderen Staat. Sie halten auch am Zentralismus und der damit verbundenen, stufenförmigen Schichtung - Unterführer, Oberführer, höhere und allerhöchste Führer - fest. Desgleichen sind sie Gegner der Autonomie, d.h. der größtmöglichsten geistigen Selbständigkeit des einzelnen. Sie wollen infolgedessen auch nicht die Abschaffung der politischen Macht und jeder Herrschaft, nicht die Beseitigung des Zwangs und der drückenden Gesetze, nicht die Auflösung der Gewaltinstitution des Militarismus, sondern sie wollen nur eine andere Herrschaft, andere Gesetze und eine andere Form des Militarismus, während der Syndikalismus alle politischen Machtinstitutionen, ganz gleich, ob an ihrer Spitze absolute oder konstitutionelle Fürsten, kapitalistische oder sozialistische Präsidenten und Diktatoren stehen, grundsätzlich verwirft. Daraus ergibt sich, daß wir auch Gegner jeder politischen Diktatur sind:

"Die Syndikalisten verwerfen prinzipiell jede Form der parlamentarischen Betätigung, jede Mitarbeit in den gesetzgebenden Körperschaften, ausgehend von der Erkenntnis, daß auch das freieste Wahlrecht die klaffenden Gegensätze innerhalb der heutigen Gesellschaft nicht mildern kann und daß das ganze parlamentarische Regime nur den Zweck verfolgt, dem System der Lüge und der sozialen Ungerechtigkeit den Schein des legalen Rechts zu verleihen - den Sklaven zu veranlassen, seiner eigenen Sklaverei den Stempel des Gesetzes aufzudrücken."

Dieser Absatz der Prinzipienerklärung rüttelt an einem alten Aberglauben der sozialistisch gesinnten Arbeiterschaft, der noch sehr tief sitzt. Er steht in Übereinstimmung mit den Hoffnungen, die man an den Besitz und an die Eroberung der politischen Macht geknüpft hat und ist genau so illusorisch und trügerisch wie diese. Durch Parlamentsbeschlüsse sind dem Proletariat noch nie wesentliche Erleichterungen zuteil geworden, wohl aber legte ihm das Parlament oft schwere Fesseln und Bedrückungen auf. Es ist ein tragisches Verhängnis, daß die Arbeitermassen immer noch so tief in bürgerlichen Anschauungen stecken und nicht begreifen wollen, daß ein anderes Ziel, ein anderer Weg auch andere Mittel bedingen. Es liegt eine Verkehrtheit sondergleichen darin, daß die sozialistischen Parteien, selbst solche, die angeblich ihr Heil von der Räterepublik erhoffen, noch so viel Kraft, Geld und Anstrengung vergeuden, um an sogenannten "demokratischen" Gemeinde-, Land- und Reichstagswahlen teilzunehmen. In einer revolutionären Epoche, wo die Stimmungen des Volkes fortwährend schwanken, Vertreter in eine Körperschaft zu senden, die morgen vielleicht schon von denen mit faulen Äpfeln beworfen werden, die sie gestern gewählt haben - das ist doch horrender Blödsinn! Ganz abgesehen davon, daß bei den Wahlen stets diejenigen Parteien den größten Erfolg aufweisen werden, welche sich für die Propaganda den größten Kostenaufwand leisten können! Wie kläglich und ohnmächtig sich übrigens die deutschen Parlamente während des Krieges und während der Revolution gegenüber den herrschenden kapitalistischen und militärischen Gewalthabern verhalten haben und wie jämmerlich sie dastehen gegenüber den sich auftürmenden Schwierigkeiten des gegenwärtigen Wirtschaftslebens, das hat man ja gesehen und sieht es noch. Wir haben auch den Eindruck, als ob das Volk nun doch bereits in wachsendem Maße erkannt habe, wie töricht es ist, vom Parlamentarismus irgendeine erlösende Tat zu erwarten.

"Die Syndikalisten verwerfen alle willkürlich gezogenen politischen und nationalen Grenzen; sie erblicken im Nationalismus lediglich die Religion des modernen Staates und verwerfen prinzipiell alle Bestrebungen zur Erzielung einer sogenannten nationalen Einheit, hinter der sich doch nur die Herrschaft der besitzenden Klassen verbirgt. Sie anerkennen nur Unterschiede regionaler Natur und fordern für jede Volksgruppe das Recht, ihre Angelegenheiten und ihre besonderen Kulturbedürfnisse gemäß ihrer eigenen Art und Veranlagung erledigen zu können im solidarischen Einverständnis mit anderen Gruppen und Volksverbänden."

Mit diesem Teil der Prinzipienerklärung stellt sich der Syndikalismus auf den Boden des Internationalismus. Welche entsetzliche Verbrechen sind in den letzten Jahren im Namen des Vaterlandes und des Nationalismus verübt worden! Es wird eine Zeit kommen, wo man mit demselben Grausen auf unsere Tage zurückblicken wird, wie auf die Zeiten der Inquisition und Hexenverfolgungen. Die Arbeitsbrüder und -Schwestern jenseits der Grenzen, die unter demselben kapitalistischen Fluche seufzen und leiden wie wir, bezeichnete man als unsere Feinde, und wie wir wurden sie von einer gleichen kapitalistischen Meute gegen uns gehetzt. Es floß viel Blut auf allen Seiten. Möge es das letzte gewesen sein, das um eines so furchtbaren Wahnes willen geflossen ist! Mögen die schaffenden Menschen in allen Ländern endlich erkennen, daß alle Schranken, die zurzeit noch arbeitende Völker voneinander trennen, fallen müssen. Ein Vaterland: die Erde, eine Nation: die werktätige Menschheit! so soll es künftig heißen.

"Die Syndikalisten stehen auf dem Boden der direkten Aktion und unterstützen alle Bestrebungen und Kämpfe des Volkes, die mit ihren Zielen - der Abschaffung der Wirtschaftsmonopole und der Gewaltherrschaft des Staates - nicht im Widerspruch stehen. Ihre Aufgabe ist es, die Massen geistig zu erziehen und in den wirtschaftlichen Kampforganisationen zu vereinigen, um dieselben durch die direkte wirtschaftliche Aktion, die im sozialen Generalstreik ihren höchsten Ausdruck findet, der Befreiung vom Joche der Lohnsklaverei und des modernen Klassenstaates entgegenzuführen."

Dieser Schlußpassus der Prinzipienerklärung weist noch einmal auf das Hauptziel der syndikalistischen Bewegung hin: auf die Abschaffung des Wirtschaftsmonopols und der Gewaltherrschaft des Staates. Als die stärksten Waffen des Syndikalismus werden die Mittel der direkten Aktion, insbesondere der soziale Generalstreik empfohlen. Ein Hauptnachdruck muß jedoch auch, wie bereits angedeutet, auf die geistige Erziehung der Massen gelegt werden.

Hier fehlt es nämlich am meisten. Wir stehen vor der furchtbaren und tragischen Tatsache: In dem Augenblick, wo der Krieg der Kapitalisten so selbstmörderisch und wahnwitzig durchgeführt wurde, daß das Gebäude des Kapitalismus ins Wanken geriet, in dem Augenblick, wo die allgemeinen Vorbedingungen für den Sozialismus günstiger denn je sind, ja, wo der Sozialismus direkt eine ökonomische, wirtschaftliche Notwendigkeit des gesellschaftlichen Weiterlebens geworden ist, mußten wir sehen, daß es den großen Massen des arbeitenden Volkes noch am Geiste des Sozialismus fehlt! Täuschen wir uns darüber nicht: Die Not und die Bedrückung, die wir von den militärischen und später von dem "demokratischen" Machthabern erdulden mußten, die Not, die uns hätte zusammenschweißen sollen zu einer unwiderstehlichen Kämpferschar, sie hat sehr oft konträr gewirkt, hat sehr oft Charaktere verdorben und aus früheren Gesinnungs- und Weggenossen selbstsüchtige und eigennützige Streber gemacht. Es wäre trostlos, wenn nicht andererseits doch auch erfreulichere Feststellungen gemacht und ein beträchtliches Anwachsen der syndikalistischen Kämpferschar konstatiert werden könnte. Dennoch haben wir in bezug auf Aufklärung noch eine Riesenarbeit zu bewältigen.

Bei der Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaftsform in eine sozialistische, herrschaftslose, handelt es sich ja vor allem um den geistigen Umschwung. Die Absurdität und Unerträglichkeit des Bestehenden muß erkannt werden und die revolutionären Massen müssen sich bereits eine möglichst klare Vorstellung von der besseren Welt, welche die alte ersetzen soll, machen können. Von diesen beiden geistigen Voraussetzungen ist aber bei den bisherigen Trägem der Revolution noch herzlich wenig zu bemerken. Die Erbpächter des Sozialismus, die Vertreter der drei verschiedenen sozialistischen Parteien, von denen jede glaubt, allein den echten Ring des Sozialismus von Marx übernommen zu haben, sowie die nicht minder "klugen und weisen" Führer der Zentralgewerkschaften haben, was sozialistische Aufklärung anbelangt, so gut wie alles versäumt. So haben sich die Proletariermassen von den alten Vorurteilen der kapitalistischen Gedankenwelt und ihres Vorstellungskreises noch immer nicht befreien können. Sie messen alle Vorgänge und Erscheinungen immer noch mit denselben Maßen, wie sie dort gemessen werden und scheinen immer noch dem Glauben zu huldigen, es bedürfe nur der Übernahme der Regierung durch energische Sozialisten oder "Kommunisten", um ihnen die Freiheit als reife Frucht in den Schoß fallen zu lassen. Daß eine unterdrückte Klasse noch niemals ihre Ketten gesprengt hat, es sei denn nach opferreichen Kämpfen und furchtbaren Anstrengungen, das haben sie vergessen. Dank einer seit fast hundert Jahren betriebenen, einseitigen, materialistischen Aufklärung haben die meisten Menschen, die sich mit dem Sozialismus oder Kommunismus befassen, nur die Vorstellung davon, daß er ihnen eine größere Befriedigung ihrer gröbsten materiellen Bedürfnisse gewährleisten soll.

Wir wünschen und gönnen jedem Armen von Herzen gern eine materielle Besserstellung, und gewiß muß der Syndikalismus auch nach dieser Richtung hin alle gerechten Ansprüche erfüllen. Armut, Elend und Hunger, die Ursachen so vieler Übel, müssen verschwinden. Aber im Kampfe gegen die materielle Not kann unmöglich allein die Mission des Syndikalismus liegen; denn vor allem fordert man vom Syndikalisten Solidarität und Gemeinschaftssinn. Wer es treu und ehrlich meint, der muß sein Ziel um jeden Preis, auch um den Preis von noch größeren Entbehrungen, von Verfolgungen, ja selbst um den Preis seines Lebens zu erreichen suchen.

So brüchig und fragwürdig der Kapitalismus und der Staat aus dem Kriege hervorgegangen sind, sie können ihr Dasein noch lange hinfristen, wenn nicht die Arbeitermassen gewandelten Sinnes und entschlossenen Schrittes sich davon abwenden, indem sie ihnen mehr und mehr ihre Hilfe und Arbeit entziehen und eine neue Gesellschaft ohne Ausbeutung und Wucher begründen. Die Prinzipienerklärung des Syndikalismus zeigt uns den Weg hierzu. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird auf die militärischs-politische Katastrophe von 1918 in nicht allzu ferner Zeit eine ungeheure wirtschaftliche Katastrophe von unabsehbaren Konsequenzen folgen. Je weiter die Vorarbeiten für die Selbstbefreiung der Arbeiterschaft bis dahin gediehen sind und je tiefer der sozialistische Geist inzwischen in den Herzen und Hirnen der Schaffenden verankert ist, desto leichter und siegreicher wird das Proletariat die noch zu erwartenden Kämpfe und Stürme überstehen, und desto zielsicherer und bewußter wird es an Stelle des untergehenden Kapitalismus die staatenlose, kommunistische Wirtschaftsweise errichten können.

Der Syndikalismus verspricht im letzten Absatz seiner Prinzipienerklärung, alle Bestrebungen und Kämpfe des Volkes, die mit seinen Zielen nicht in Widerspruch stehen, zu unterstützen. Das Versprechen haben die Syndikalisten bisher auch jederzeit redlich gehalten. Von diesem Standpunkt aus haben sie sich auch stets bemüht, die wirtschaftliche Bedeutung des Rätesystems hervorzukehren und ihm durch Schaffung syndikalistischer Organisationen einen revolutionären Untergrund zu geben. Wesentlich anders dagegen ist das Verhältnis des Syndikalismus zu den sogenannten "freien Gewerkschaften", d.h. den Zentralverbänden.

Wenn wir auch von der sozialimperialistischen, einseitig nationalen Haltung der Zentralgewerkschaften während des Krieges absehen wollen, die für revolutionär empfindende Menschen einfach unfaßbar war, so bleiben doch noch sehr viele andere scharfe Gegensätze bestehen. In den Zentralverbänden ist einerseits die Selbständigkeit der örtlichen Fachgruppen und einzelnen Mitglieder völlig untergraben und jede Initiative von unten ausgeschaltet, andererseits die Autorität und Herrschaft der Führer mächtig angeschwollen. Daß aber Selbständigkeit und Freiheit des einzelnen und der Gruppen für den revolutionären Geist in einer Arbeitervereinigung von weittragendster Bedeutung sind und den Nerv der Widerstandskraft bilden, dürfte jedem Einsichtigen einleuchten. Ein weiterer Kardinalfehler ist das von den Zentralorganisationen seit langem eingeführte Unterstützungswesen, wodurch die Gewerkschaften ihres Kampfcharakters fast völlig entkleidet wurden. Damit haben sie wohl viele Mitglieder angelockt, aber keine neuen Kämpfer gewonnen. Der Gedanke, daß die Opfer der brutalen, privatkapitalistischen Wirtschaftsmethode selbst für die Schäden, die ihnen diese zufügt, aufkommen sollen, ist so absurd, daß er keiner Widerlegung bedarf. Wir können den Ausbau des Unterstützungswesens in den Zentralgewerkschaften nur als Resignation, als ein Eingeständnis ihrer Ohnmacht ansehen. Man war entweder zu bequem oder man fühlte sich zu schwach und hoffte auch niemals, stark genug zu werden, um die Ursachen der Arbeitslosigkeit, der frühen Invalidität usw. zu beseitigen und für bessere Arbeitsverhältnisse zu sorgen. Da gab man denn den Kampf auf, der ohnedies immer lauer geführt wurde, und träufelte ein wenig Balsam auf die Wunden. Es braucht wohl kaum wiederholt zu werden, daß die auf föderativer Grundlage beruhenden Kampforganisationen der Syndikalisten derartige trügerische Manöver, die dem Arbeiter auch noch die Kriegskosten des wirtschaftlichen Kampfes aufbürden, verschmähen. Daß der Kapitalismus durch diese Unterstützungen nicht beeinträchtigt, wohl aber der Widerstand der Arbeiter und ihre revolutionäre Tatkraft gelähmt wird, das versteht sich von selbst. Die syndikalistischen Organisationen treten nur für Streik- und Gemaßregeltenunterstützung ein.

Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß sich die Zentralgewerkschaften längst mit dem Bestehen und der Fortdauer des kapitalistischen Systems abgefunden haben und höchstens noch für kleinliche Reformen innerhalb der bestehenden Gesellschaft eintreten. Darüber hinaus geht das Bestreben der Zentralverbände heutzutage nicht mehr. Die Syndikalisten werden zwar jede Bewegung und jeden Kampf, der auf eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse abzielt, solidarisch unterstützen, aber sie werden dabei stets eingedenk sein, daß ihr Hauptziel die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft ist.

Die Syndikalisten sind auch Gegner der Tarifpolitik der Gewerkschaften, weil sie das Ergebnis eines unwürdigen Kompromisses mit dem Unternehmertum ist, einen faulen Frieden zwischen Kapital und Arbeit vortäuscht, und weil Tarife stets eine Fessel für die Arbeiterschaft bedeuten. Und gar in einer Zeit, wo alles Feste ins Wanken gerät, wo hinter allem, was scheinbar noch feststeht, ein Fragezeichen zu setzen ist, wo kein Tag dem anderen ähnlich sieht, wo Löhne und Preise in immer krasserem Widerspruch stehen, noch an befristeten Tarifen festzuhalten, das erscheint äußerst gefährlich. Hier müßte sich doch die Arbeiterschaft unter allen Umständen jederzeit die Initiative für Angriff oder Abwehr vorbehalten. Lächerlich aber ist es geradezu, wenn, wie es seitens der Generalkommission der Gewerkschaften geschah, eine sogenannte "Arbeitsgemeinschaft" mit dem Unternehmertum gebildet wird. Was kann, was soll bei einem solchen Bündnis zwischen Fuchs und Huhn herauskommen? Das Huhn wird stets gerupft werden! Auf die anderen Gegensätze, die uns von den Zentralgewerkschaften trennen, ist schon während der Besprechung der Prinzipienerklärung eingegangen worden.

Um dem Leser ein Bild zu geben, wie der Aufbau der syndikalistischen Organisationen beschaffen ist, bringen wir die folgende Darstellung:

Programmatische Grundlagen der "Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)"

Organischer Aufbau

Die F.A.U.D. setzt sich zusammen aus Industrie-Föderationen (Gewerkschaftsbünden) und solchen Organisationen (Orts- und Betriebsvereinen, welch letztere sich zu Ortsvereinen zusammenzuschließen haben), für die eine Föderation noch nicht besteht, soweit diese sowohl den auf Verbesserung der Lebenshaltung und Arbeitsbedingungen gerichteten Tageskampf führen wollen und die Bestrebungen sich zu eigen machen, die in der Prinzipienerklärung ihren Ausdruck finden.
 
Zur F.A.U.D. können nicht gehören solche Gewerkschaften, die den Klassenkampf verleugnen und statt der Gegensätzlichkeit eine Gemeinschaft der Interessen zwischen Unternehmer- und Arbeiterklasse anerkennen und erstreben.

Gliederung

1. Die Organisationen in jedem Ort sind möglichst nach Berufen und Industrien bzw. in Großbetrieben nach dem Berufe der überwiegend Beschäftigten aufzubauen. In kleineren Orten und überall dort, wo vorerst nur wenige Personen desselben Berufes vorhanden sind, wird empfohlen, zunächst "Vereinigungen für alle Berufe" zu bilden. In diesen "Freien Vereinigungen aller Berufe" sind alle diejenigen Berufsangehörigen zusammenzufassen, für die eine besondere Berufsorganisation am Orte nicht besteht. Wenn aber in diesen Sammelstätten eine größere Zahl von Genossen desselben Berufes beisammen ist, werden diese zu einer selbständigen Organisation für den betreffenden Beruf oder die Industrie herausgebildet. Ist die Zahl der Angehörigen eines besonderen Berufs auf 25 Personen angewachsen, so haben diese in dem Verein eine Sektion zu bilden und diese der bestehenden Föderation anzuschließen.
 
2. Bestehen in einem Orte oder engeren Bezirk mehrere Ortsvereine, die der F.A.U.D. angehören, so haben sich diese zu einer Arbeiterbörs (Gewerkschaftskartell) zusammenzuschließen, deren Aufgabe es ist, die örtlichen Interessen aller ihr angeschlossenen Organisationen und Mitglieder jederzeit zu beraten und für dieselben gemeinsam einzutreten. An jedem Orte darf nur eine Arbeiterbörse bestehen.
 
Die Arbeiterbörsen (deren Aufgaben in der Prinzipienerklärung umschrieben sind) schließen sich für größere Landesteile, z.B. einer Provinz usw., zu Agitationsbezirken zusammen und ernennen auf eigens zu diesem Zweck einberufenen Konferenzen eine Agitationskommission.
 
Der Verkehr aller zu einem Agitationsbezirk zusammengeschlossenen Arbeiterbörsen mit der Geschäftskommission in Frage der Agitation erfolgt durch die betreffende Agitationskommission.
 
3. Alle Vereinigungen desselben Berufes oder derselben Industrie im Reiche bilden eine Berufs- oder Industrie-Föderation. Ausführendes Organ der Föderation ist die auf der Berufskonferenz gewählte Geschäftsleitung. Diese Föderation regelt in erster Linie mit Hilfe ihrer Geschäftsleitung die beruflichen Fragen, die Unterstützung bei Streiks und Aussperrungen.
 
Jede Landesföderation und jeder Ortsverein haben ihr vollkommenes Selbstbestimmungsrecht und ihre eigenen, den örtlichen wie wirtschaftlichen und beruflichen Verhältnissen entsprechenden Satzungen, welche den Grundsätzen der F.A.U.D. nicht widersprechen dürfen.
 
Unter allen Umständen ist jede Gewerkschaft verpflichtet, mindestens 1 Proz. des verdienten Wochenlohnes als Wochenbeitrag von ihren Mitgliedern das ganze Jahr hindurch zu erheben. Bei Saisonarbeitern kann die Zahl der Beitragswochen beschränkt und in die Zeit der Arbeitsmöglichkeit verlegt werden. Auf alle Fälle muß im Jahre in allen Organisationen an ordentlichen Beiträgen mindestens ein halber Wochenlohn erhoben werden.

Geschäftskommission  

Die Geschäftskommission ist die oberste ausführende Instanz der F.A.U.D. Diese hat die Pflicht, die Ideen des Syndikalismus in Wort und Schrift zu verbreiten und zu vertiefen; den organisatorischen Zusammenhalt der Vereine zu pflegen; bei Streiks und Aussperrungen das solidarische Zusammenwirken aller der F.A.U.D. angeschlossenen Organisationen untereinander zweckdienlich zu vermitteln und im Bedarfsfalle die hierfür notwendigen Unterstützungssummen von den Gewerkschaften einzufordem und den streikenden Genossen zuzustellen.
 
Jede der F.A.U.D. angeschlossene Industrie-Föderation hat durch ihre Geschäftsleitung an die Geschäftskommission zwecks Finanzierung ihrer Aufgaben für jedes Mitglied der Gesamtföderation pro Vierteljahr 50 Pf., jeder nichtföderierte Verein für jedes Mitglied und Monat 50 Pf. zu zahlen.
 
Die Geschäftskommission besteht aus neun Personen, und zwar einem Vorsitzenden, einem Kassierer, einem Schriftführer und sechs Beisitzern. Die Wahl derselben erfolgt durch den Kongreß mittels Stimmzettel in einem Wahlgange und nach absoluter Mehrheit. Hat ein Kandidat die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen nicht erhalten, so findet Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten statt, auf welche die meisten Stimmen entfallen sind. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los.
 
Die Höhe der Entlohnung der freigestellten Funktionäre der Geschäftskommission setzt die Kontroll- und Beschwerdekommission mit der Geschäftskommission gemeinsam fest.
 
Die Geschäftskommission ist ein nichteingetragener Verein gemäß § 54 B.G.B. unter dem Namen: "Geschäftskommission der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)".
 
Die Geschäftskommission hat im Interesse der F.A.U.D. über die bei ihr eingehenden Gelder zu verfügen; sie ist berechtigt, ihr zustehende Forderungen im eigenen Namen gerichtlich geltend zu machen.
 
Scheidet ein Mitglied der Geschäftskommission vor dem nächsten Kongreß aus, so ist Ersatzwahl durch eine Delegiertenversammlung der Arbeiterbörse des Ortes vorzunehmen, an dem die Geschäftskommission ihren Sitz hat.

Revisoren

Zur Kontrollierung der Kassen- und Buchführung des Kassierers der Geschäftskommission sowie als Beschwerdekommission in diesen Angelegenheiten werden drei Revisoren gewählt. Hiervon wählt der Kongreß den Obmann. Die Wahl der weiteren zwei Revisoren hat die Delegiertenversammlung der Arbeiterbörse am Sitze der Geschäftskommission zu vollziehen.

Organ

der F.A.U.D. ist "Der Syndikalist". Dasselbe wird von der Geschäftskommission herausgegeben.

Alle Bekanntmachungen, die Gesamtbewegung betreffend, werden in demselben erlassen und zur Kenntnis der Gewerkschaften gebracht. Der "Syndikalist", dessen Preis von der Kontroll- und Beschwerdekommission gemeinsam mit der Geschäftskommission festgesetzt wird, ist in allen der F.A.U.D. angeschlossenen Organisationen obligatorisch einzuführen.

Industrieföderationen, die ein eigenes Organ besitzen, haben die Pflicht, ihre Mitglieder zum Abonnement des "Syndikalist" anzuhalten.

Der Verlag des "Syndikalist" sowie die Buchhandlung ist ein selbständiges persönliches Unternehmen der Geschäftskommission. Sie verpflichtet sich aber, etwaige Überschüsse aus den Unternehmungen im Interesse der F.A.U.D. zu verwenden.

Preßkommission

Die Preßkommission, deren Obmann vom Kongreß gewählt wird, besteht aus fünf Personen. Die Wahl der vier weiteren Preßkommissionsmitglieder vollzieht die Delegiertenversammlung der Arbeiterbörse am Sitze der Geschäftskommission.

Der Preßkommission liegt es ob, über die prinzipielle Haltung des "Syndikalist" sowie darüber zu wachen, daß das Blatt nicht zum Austrag von persönlichen Polemiken, Streitigkeiten und Zänkereien sowie Beleidigungen innerhalb der eigenen Bewegung benutzt wird, ferner Beschwerden entgegenzunehmen, sie auf ihre Berechtigung hin zu prüfen und gegebenenfalls mittels Einspruch und Verhandlung mit der Stelle, gegen die sich die Beschwerde usw. richtet, die Mängel abstellen zu suchen.

Gelingt ihr das nicht, so hat sie der Kontroll- und Beschwerdekommission den Tatbestand zwecks weiterer Behandlung zu unterbreiten.

Die Adresse des Obmannes der Preßkommission ist allen der F.A.U.D. angeschlossenen Organisationen und im "Syndikalist" bekanntzugeben.

Kontroll- und Beschwerdekommission 

Der Kongreß wählt eine Kontroll- und Beschwerdekommission aus sieben Personen. Diese Kameraden müssen mindestens zwei Jahre Mitglied eines Ortsvereins sein, der ebensolange der F.A.U.D. angeschlossen ist. Sie dürfen nicht im Bereich der Arbeiterbörse des Ortes wohnen, an dem die Geschäftskommission ihren Sitz hat. Auch dürfen sie in ihrem Ortsverein oder ihrer Föderation keinerlei besoldeten Posten bekleiden.

Die Kontrolle und Beschwerdekommission gibt sich ihre Geschäftsordnung und wählt sich ihren Obmann selbst. Dessen Adresse ist mindestens zwei Wochen nach Beendigung des Kongresses im Organ "Der Syndikalist" bekanntzugeben. Die Kommission ist bei Anwesenheit von fünf Mitgliedern beschlußfähig.

Zu den Hauptaufgaben dieser Kommission gehören, außer den schon in vorhergehenden Ressorts bezeichneten:

  1. die Kontrollierung der Geschäftskommission auf allen ihren Tätigkeitsgebieten.
  2. Entgegennahme und Erledigung von Beschwerden über die Geschäftskommission resp. deren ausführende Organe, soweit sie nicht von den Revisoren oder der Preßkommission beigelegt werden können. Ebenso aber hat sie auch Beschwerden der Geschäftskommission zu behandeln, die diese über Ortsvereine, Föderationen und in diesen tätige Personen zu erheben hat.
  3. Beschwerden und sonstige Mängel, welche die Kontroll- und Beschwerdekommission trotz aller Bemühungen nicht erledigen kann, hat sie dem nächsten Kongreß vorzutragen. Dieser entscheidet als oberste Instanz endgültig.
  4. Alle Angelegenheiten, welche nur durch die Kontroll- und Beschwerdekommission erledigt werden können, sind dem Obmann derselben zu melden.

Streikresolution

Jede der F.A.U.D. angeschlossene Organisation ist verpflichtet, um zu eventuellen Lohnkämpfen gerüstet zu sein, von ihren Mitgliedern einen Beitrag von mindestens 1 Proz. des verdienten Lohnes wöchentlich zu erheben, der nach dem Verdienst bei regulärer Arbeitszeit und nach voller Wochenarbeit zu berechnen ist. Die Streikunterstützung darf den fünffachen Wochenbeitrag pro Tag nicht übersteigen und richtet sich nach dem Beitrag, der mindestens drei Monate vor Beginn des Streiks gezahlt wurde. Durch eine nachträgliche Erhöhung des Beitages darf kein Anspruch auf Erhöhung der Tagesunterstützung hergeleitet werden. Jeder Ortsverein hat, soweit er einer Industrie-Föderation nicht angeschlossen ist, wenn er in einen Angriffs- oder Abwehrstreik treten will oder ausgesperrt werden soll, dieses der Geschäftskommission sofort zu melden und einen von dieser ausgegebenen Fragebogen beantwortet einzusenden.

Ortsvereine, die einer Industrie-Föderation angehören, verkehren in dieser Frage nur mit ihrer Geschäftsleitung nach den für die zuständige Föderation in dieser Angelegenheit geltenden Konferenzbeschlüssen. Im Bedarfsfall handeln auf Antrag die Geschäftsleitungen der Föderation mit der Geschäftskommission gemeinsam.

Grundsätzlich wird von jeder Gewerkschaft erwartet, daß sie alles aufbietet, ihre Kämpfe selbst unterstützen zu können. Reichen hierzu die unter 1. bezeichneten Beiträge nicht aus, so hat die Gewerkschaft vorher Extrabeiträge zu heben und solche auch während des Kampfes von etwa in Arbeit Stehenden zahlen zu lassen.

In den Organisationen der F.A.U.D. dürfen die Unterstützungssätze für Streiks und Aussperrungen nicht in den Statuten festgelegt, sondern es muß dafür durch Generalversammlungs- oder Konferenzbeschluß ein besonderes Streikreglement geschaffen werden, in welchem der Passus enthalten ist, daß die Unterstützungssätze, wenn die zwingende Notwendigkeit es erfordert, auch geändert werden können. Grundsätzlich soll eine Karenzzeit von mindestens drei Tagen festgesetzt werden, bevor die finanzielle Unterstützung der Streikenden in Kraft tritt (d.h. der vierte Streiktag gilt als erster Unterstützungstag). Zwei Wochen hat die im Kampf stehende Ortsgruppe für die finanzielle Unterstützung ihrer streikenden Mitglieder selbst zu sorgen. Von dieser Bestimmung kann nur dann abgegangen werden, wenn die betreffende Ortsgruppe kurz vorher ihre Gelder für Kampfzwecke solidarisch zur Verfügung gestellt hat und deshalb ihre Verpflichtungen nicht erfüllen kann. Sind von der Allgemeinheit der am Streik Beteiligten weitergehende Fristen als drei Tage festgesetzt, so haben sich unsere Organisationen danach zu richten. Streikunterstützung aus Organisationsmitteln darf nur an Mitglieder gezahlt werden, welche der Organisation mindestens drei Monate (13 Wochen) angehören und ihre Verpflichtungen erfüllt haben. An ausgesperrte Mitglieder wird die Unterstützung nur bis zu dem Tage gezahlt, an dem die amtliche Erwerbslosenunterstützung in Kraft tritt.

Bei Massen- und Generalstreiks aus wirtschaftlichen oder politischen Ursachen wird Unterstützung nicht gezahlt. Die Unterstützungen müssen staffelweise bis zu der in dieser Resolution festgesetzten Höchstgrenze festgesetzt werden.

Sind vorstehende Bedingungen erfüllt und ist der Ortsverein oder seine Föderation nicht mehr in der Lage, den Kampf durchzuführen, indem alle Hilfsmittel erschöpft sind, so sind alle der F.A.U.D. angeschlossenen Organisationen verpflichtet, zur Unterstützung des Kampfes durch die Geschäftskommission beizutragen.

Jeder selbständige Ortsverein ist verpflichtet, sich einen Solidaritätsfonds zu schaffen, durch welchen es möglich ist, der Geschäftsleitung der zuständigen Föderation bzw. der Geschäftskommission, wenn diese zur Solidarität aufrufen, sofort das nötige Geld, mindestens aber 1 Mk. pro Mitglied, zur Verfügung stellen zu können. Die Geschäftskommission ist nur Vermittlerin und hat gegebenenfalls durch Aufruf unter Klarlegung der Sachlage die der F.A.U.D. angeschlossenen Organisationen zur Betätigung der Solidarität aufzurufen. Alle hierzu bestimmten Gelder sind dann an den Kassierer der Geschäftskommission zu senden und von diesem an die benötigte Ortsgruppe oder Föderationsleitung abzuführen.

Jede sich im Kampf befindliche Ortsvereinigung, soweit sie einer Industrieföderation nicht angehört, hat allwöchentlich die Geschäftskommission, im anderen Falle ihre Föderationsgeschäftsleitung über den Stand der Bewegung zu unterrichten, und diese sind gehalten, den unterstützungsleistenden Organisationen über den Gang und Stand der Dinge auf Wunsch Auskunft zu geben.

Ortsvereine und Föderationen, welche sich an der Unterstützung der Kämpfe trotz finanzieller Möglichkeit ihrerseits nicht beteiligen, haben kein Recht, die Solidarität anderer Organisationen in Anspruch zu nehmen und können eventuell durch Kongreßbeschluß aus der F.A.U.D. ausgeschlossen werden.

Um mit der streikenden Gewerkschaft in engster Fühlung zu sein und allen etwa von außen an sie ergehenden Anfragen genügen zu können, soll die Geschäftsleitung der betreffenden Föderation bzw. die Geschäftskommission oder deren Vertreter zu den Sitzungen der streikenden Ortsvereinigung zugezogen werden. Diese haben aber nur beratende Stimme und können für die Beschlüsse dieser Sitzung nicht verantwortlich gemacht werden.

Schlußwort

Wir glauben, in obigem allen, die danach streben, aus der grauenvollen Misere des gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Chaos herauszukommen, ein ziemlich vollkommenes Bild der syndikalistischen Bewegung gegeben zu haben, so daß sie sich danach orientieren können. Wir konnten dabei nicht achtlos an den durch den Krieg gezeitigten Verhältnissen, Konsequenzen und Möglichkeiten vorübergehen. Was uns dabei besonders peinlich auffiel, das war die furchtbare Unklarheit und Verwirrung in der einseitig politisch und zentralistisch geschulten Arbeiterschaft. Ebenso beklagenswert ist der immer noch herrschende große Mangel an sozialistischem Geist, der Mangel an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Hier wird vor allem der Hebel der Aufklärung einsetzen müssen.

Noch scheinen große Kreise tätiger und schaffender Menschen kein Gefühl für die unwürdige Lage und die Abhängigkeit zu haben, in die sie durch den Kapitalismus geraten sind. Sie glauben, der Menschheit, der Gesellschaft zu dienen und dienen - genau betrachtet - doch nur den Interessen einzelner Privatkapitalisten oder - wenn es hoch kommt - den Interessen des kapitalistischen Staates. Aber wir sehen die Zeit auch kommen, wo die Fortexistenz der Profitwirtschaft zur Unmöglichkeit wird und die Binde auch denjenigen von den Augen fällt, die noch am Alten kleben und den Sinn des neuen Lebens nicht begreifen wollen. Dann werden wir es erleben, daß auch Lehrer und Erzieher, Kopfarbeiter und Ärzte, Schriftsteller, Ethiker, Künstler und Wissenschaftler sich gleich den Handarbeitern in syndikalistischen Fach- und Berufsorganisationen zusammenschließen und mit jenen gemeinsam in den örtlichen Arbeiterbörsen das Wohl der Gesamtheit mit fördern helfen.

Je rascher die Aufklärung und die Ausbreitung des sozialistischen Gemeinschaftsgeistes fortschreitet, desto weniger wird das Volk bei den noch bevorstehenden, schwierigen Konflikten und Umformungen leiden müssen, desto glatter wird sich der Aufbau der neuen Gesellschaft vollziehen, die weder Mord noch Krieg, weder Ausbeutung noch Wucher, weder Herrscher noch Unterdrückte kennt.

Eins der besten und gewaltigsten Mittel zur Befreiung der Arbeiterschaft wird stets der Generalstreik sein. Er ist auch ein ethisches Mittel, weil er an das Beste im Menschen, an seinen Gemeinschaftssinn, an sein Solidaritätsgefühl appelliert. Wie verächtlich hat man früher von der Propaganda des Generalstreiks gesprochen, namentlich in sozialdemokratischen Kreisen. Wer jetzt noch, wie es früher geschehen ist, vom Generalstreik als einen Generalblödsinn sprechen würde, würde sich in der Arbeiterbewegung unmöglich machen. Allmählich, nachdem man in der Verzweiflung - der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb - einmal selbst danach greifen mußte, erkennt man sogar in den dunkelsten sozialdemokratischen Kreisen, wie wirksam, ja wie unwiderstehlich er ist. Dabei war die Parole, die man ausgab, noch eine rein politische, und galt seine Wucht der Wiedereinsetzung eines Regierungssystems, das sich in den weitesten Arbeiterkreisen wahrlich keiner Sympathie erfreute. Welch eine flammende Begeisterung aber, welch eine ungeheure Wirkung wird erst der nicht von oben angeordnete, sondern der impulsiv von den Massen gewollte Generalstreik auslösen, wenn er ein hohes wirtschaftliches Ziel hat, wenn seine Devise lautet: Los vom Kapitalismus! Hoch der herrschaftslose Sozialismus!

Wie eingangs erwähnt, ist der Syndikalismus eine wirtschaftliche Kultur- und Klassenbewegung, die allen schaffenden Menschen wirtschaftliche Gleichberechtigung und ein menschenwürdiges Dasein erkämpfen will. Im Ausland, namentlich im romanischen, entfaltet die syndikalistische Bewegung seit langem eine stolze und große Kraft. Einer Bewegung, über die man noch nicht recht unterrichtet ist, bringt man gemeinhin Mißtrauen entgegen, besonders bei uns in Deutschland. Deshalb haben wir die Gedanken und Absichten des Syndikalismus klargelegt und hoffen nun, nachdem das Dunkel, das sich noch darüber breitete, zerstreut ist, daß uns viele tüchtige Mitstreiter erwachsen mögen.

April 1920, Fritz Oerter

Originaltext: Fritz Oerter - Was wollen die Syndikalisten? Verlag "Der Syndikalist", Fritz Kater, Berlin 1920. Digitalisiert von www.anarchismus.at an Hand eines PDF der Originalbroschüre (bearbeitet - Ue zu Ü usw.)


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