Max Baginski - Über die amerikanische Arbeiterbewegung (1924)

Von der Redaktion der „Internationale" wurde ich aufgefordert, einen Bericht über „die revolutionäre Arbeiterbewegung Amerikas in der Nachkriegszeit" zu schreiben. Ich möchte dem Wunsche gerne nachkommen, aber schon der vorgeschlagene Titel setzt mich der Versuchung aus, „über Dinge zu schreiben, die nicht sind", ein Wort, mit welchem vor zwei Jahrhunderten der englische Satyriker Dean Swift die Zeitungsschreiberei charakterisierte.

Der Genosse Redakteur muß mich entschuldigen, wenn in diesem Bericht vielleicht mehr von den Gründen die Rede ist, welche eine revolutionäre Arbeiterbewegung hier so schwer aufkommen lassen, als von den Prinzipien und Aktionen einer bestehenden Bewegung. Besonders von der Zeit nach dem Kriege wird nicht viel zu berichten sein. Die amerikanische Nation — eine Völkermischung so ziemlich aller Rassen der Erde — entdeckte plötzlich gleich im Beginn ihres Eintritts in den Krieg, daß sie ein hochentwickeltes, einheitliches Nationalgefühl habe. Diese Entdeckung führte zu einem heftigen Ausbruch von patriotischer Wildheit. Sie stürzte sich auf alle irgendwie greifbaren, bloß eingebildeten, oder von Regierungsbeamten und Polizeispitzeln eigenhändig fabrizierten Ansätze zu einer revolutionären Bewegung, um sie ein für allemal auszustampfen.

Die Ereignisse nach dem großen Weltschlachten haben ja überhaupt so manches ironische Beispiel dafür geliefert, daß die bequeme Ansicht, von der Sozialdemokratie weit verbreitet, die kapitalistisch höchst entwickelten Länder hätten auch die stärkste proletarisch - revolutionäre Bewegung, ein theoretischer Kurzschluß ist.

Das kapitalistische Regime hat die Zahl der Proletarier ungeheuer vermehrt, sie zu Massen zusammengeballt, ob es sie der Initiative, Willensenergie, dem Denken und Gefühl nach der Revolution näher gebracht hat, das läßt sich nicht ohne weiteres mit ja beantworten. Die kapitalistische Arbeitsweise hat die Wirkung, das individuelle Element im Menschen zu verkrüppeln, das Monotone, Typische mehr hervortreten zu lassen. Teilarbeit und Maschine zwingen den Arbeiter in einen fürchterlichen Kreis von tödlich stumpfer Gewohnheitsverrichtung hinein. Intensivste Anspannung, Ausnützung der physischen Kräfte, berauben ihn der frischen, spontanen Gedanken- und Gefühlsenergie, durch welche sich der Revolutionär von dem gleichgültig ins Blaue hineinlebenden Daseinskaffer unterscheidet. Eins ist sicher, es hat in Amerika nie an kapitalistischer Hochentwicklung gefehlt, dafür fehlt sehr viel, beinahe alles, in Bezug auf eine revolutionäre Bewegung des amerikanischen Proletariats.

In Berlin sah der Schreiber vor ein paar Jahren Arbeiter - Demonstrationen von ein paar hunderttausend Teilnehmern. Das war nicht bloß der dumpfe Schritt der Arbeiterbataillone, von welchem Lassalle drohend gesprochen hatte, es waren ganze Armeekorps auf dem Marsch, nur war ihre Haltung, geistiges Gepräge, mehr automatisch, soldatisch als selbstbewußt und revolutionär.

Sie gingen wie sie kamen, dem Kommando ihrer gewerkschaftlichen und parteipolitischen Drillmeister gehorchend. Ähnliches kann dei Beobachter hier jedes Jahr im September, am Labor Day — gesetzlich patentierter Feiertag der amerikanischen Arbeiter — mit ansehen. Ansehnliche Massen marschieren. Es dauert in New York mehrere Stunden, bis der Zug der Proletarier an einem bestimmten Punkt der Fünften Avenue vorbeigezogen ist. Aber wenn die Laternenpfähle marschierten und die Proletarier ständen als Zuschauer auf dem Trottoir, das Kadaverhafte, die Bedeutungslosigkeit des Vorganges könnten nicht markanter hervortreten.

Die Zusammenpferchung von Arbeitermassen in den großen Industriebetrieben macht es den Gewerkschaften und politischen Arbeiterparteien verhältnismäßig leicht, die Arbeiter zu organisieren, die daraus sich ergebenden Verbände sind jedoch keine Organisationen von Individuen, die in frei gewählter Solidarität zusammen lernen, wirken und kämpfen wollen. Es sind von Führern und Beamten bürokratisierte Organisationen, die manche Charakterzüge mit dem Maschinen- und Kasernenbetrieb gemeinsam haben.

Es ist der Plutokratenherrschaft wohl nicht gelungen, sich die Arbeiter zu Freunden zu machen, aber gleichgültige, sich anpassende Untertanen sind Millionen von ihnen unter dem Druck dieser Herrschaft geworden. In Amerika kommt noch dazu, daß die Möglichkeit eines Aufschwingens in die Kleinbesitzerklasse mit traditioneller Zähigkeit überall propagiert wird. Die Zeitungen sind voll mit solchen Berichten und Geschichten von „Glückszufallen". Die Unzahl von Banken und besonders von tausenden kleinen Geld- und Kleinbesitz-Spekulanten, Schwindel-Aktienhändlern usw., sorgt durch eine Flut von verlogenen Inseraten dafür, daß die ersparten Arbeitergroschen wieder in die Truhen der größeren und kleineren Schieber zurückfließen. Sie scheinen alle von der fundamentalen kapitalistischen Ansicht auszugehen, es sei ein schreiendes Unrecht gegen den Kapitalismus, daß hier und da Arbeiter, kleine Leute, manchmal etwas mehr Einkommen haben, als sie zur Fristung ihrer mageren Existenz brauchen. Um dieses Mißverhältnis auszugleichen, das Geld wieder in die richtigen Hände zu bringen, es den sparenden Hamstern abzunehmen, werden eine Menge Pläne geschmiedet, papierene Unternehmungen gegründet, auf welche die kleinen Leute immer wieder aufs neue hineinfallen. Die Rockefellers, Carnegies, der Automobil - Ford, haben auch von ganz klein angefangen und sieh nur, wie sie jetzt dastehen!

Solche spießerhafte Stimmung ist unter den amerikanischen Arbeitern viel weiter verbreitet als unter den europäischen. Das amerikanische Proletariat fühlt sich nicht als Proletariat, obwohl sein Dasein unter der harten Faust der modernen feudalen Industrieherren im ganzen oft unerträglicher ist, wie das des europäischen Arbeitskollegen. Die Portionen sind wohl größer, die Behausungen in den größeren Städten im ganzen geräumiger. Unternehmungen von größerem Umfang haben oft ihre Fabriken außerhalb der Städte, wo Arbeitslöhne niedriger sind und eventuell zum Betrieb die Wasserkraft ganz oder teilweise gestohlen werden kann. Da sieht man denn oft schmutzige, verrauchte Holzhütten, die als Arbeiterwohnungen dienen. Nur die allergewöhnlichsten Nahrungsmittel, meistens schlechtester Qualität, sind an solchen Orten zu haben, die Arbeiter sind den Kompagnien verschuldet und vollends in sozialer und geistiger Beziehung ist das Leben da eine veritable Wüstenei.

Einen noch besseren Erfolg wie mit der Erziehung der Arbeiter zum stumpfen Nurdasein hat der amerikanische Kapitalismus in der Trainierung der Arbeiterführer aufzuweisen. Sie haben es sich unter seinen Fittichen recht bequem gemacht. Als eine professionelle Vermittlerkaste stellen sie sich dar, deren gesellschaftliche und ökonomische Erhöhung über die Arbeiterklasse sie zu einem Teil der herrschenden Schicht stempelt. Sie sind ihrer ganzen Lage nach vorbereitet, Stützen der regierenden Gewalt zu werden. Es fällt ihnen die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, daß unruhige rebellische Teile der Arbeiterschaft in ihren Kämpfen. Streikaktionen, nicht über den Bannkreis der Bourgeois-Gesellschaft hinausschreiten.

Für diese Dienste werden die Führer von den Arbeitern noch dazu in sehr generöser Weise bezahlt. Beamte von größeren Gewerkschaften erhalten 10.000, 8.000, 6.000 Dollar Jahresgehalt und was gelegentlich bei den Verhandlungen, Kompromissen, Ausverkauf von Streiks an die Unternehmer herausspringt, ist auch nicht unbeträchtlich.

Derart sieht das Ding ungefähr aus, das als amerikanische Arbeiterbewegung gilt und in der American Federation of Labor (Amerikanische Föderation der Arbeit) eingesargt ist. Wollte man deren Führerschaft mit den Obereunuchen der englischen, deutschen, französischen Gewerkschafts-Verbände vergleichen, es geschähe den letzteren damit ein Unrecht.

Für Samuel Gompers und seine Generalstäbler in der American Federation of Labor wäre selbst die Bezeichnung Verräter an der Arbeiterschaft ein allzuhoch gegriffenes Wort. Sie haben weder ein besseres Wissen aus „praktischen Gründen" preiszugeben, noch ein im tiefsten Herzensgrunde verstecktes Prinzip oder Ideal zu verraten. Sie sind in solcher Hinsicht vollständig unschuldig und geben sich deswegen ganz offen, banal, ohne Scham, als Zuhälter des amerikanischen Imperialismus her. Sie fühlten sich nicht im geringsten einem fatalen Dilemma gegenüber, als die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten. Die Idee, daß sie die Arbeiter gegen den Krieg aufrufen und beeinflussen könnten, war ihnen nie in den Kopf gekommen, ebensowenig wie die andere, daß das Ziel der modernen Arbeiterbewegung die Beseitigung von Kapitalismus, Lohnarbeit und Staat sei.

Europäische Arbeiterführer haben auf Kongressen, in Zeitungen und Publikationen immerhin einige Jahrzehnte vor dem Krieg die große internationale Geste gemacht. In der Literatur der europäischen Arbeiterbewegung war der Internationalismus des Proletariats wenigstens theoretisch ein Palladium der Bewegung. Darum waren diese Führer gezwungen, nach faulen Ausreden zu suchen, um ihre kompromittierende Stellungnahme zu rechtfertigen. Das hatten die amerikanischen Gewerkschaftsleiter nicht nötig. Sie hatten den Massen niemals den Internationalismus nahe gebracht und aus diesen Massen klang auch keine helle Stimme heraus, um sie für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen. Sie konnten sich sofort auf die Seite der großen Finanziers, der Munitionsfabrikanten und Lieferungs-Konzerne schlagen, welche kolossale Profite witterten, worin sie auch wahrlich nicht enttäuscht worden sind.

Daß die Könige der Großindustrie und der Hochfinanz weder großen Respekt noch Furcht einer solchen Arbeiterbewegung entgegenbringen, ist begreiflich. In den Lohnkämpfen und in solchen um das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren, wie sie nach dem Krieg stattgefunden haben, wurde die Sache der Arbeiter gerade in den wichtigsten und größten Aktionen geschlagen. Der Stahltrust hat in seinen riesigen Werken nie eine Arbeiterorganisation anerkannt. Es arbeiten da mehrere hunderttausend Lohnknechte, die sich selbst nur untereinander zu verständigen brauchten, um eine gewaltige, unbesiegbare Organisation zu haben. Sie hätten es gar nicht nötig, sich einer leblosen Zentralbürokratie, einer schlecht oder gar nicht funktionierenden Gewerkschafts-Maschinerie tributpflichtig zu machen. In diesen Werken begann ein Streik für das Recht auf Organisation und Herabsetzung der Arbeitszeit. Ein Arbeitstag von 12 Stunden, mit sieben Tagen die Woche, war die Regel. Der Trust beantwortete die Streikerklärung mit einem ausgedehnten Lockout (Aussperrung) und der Streik ging verloren.

Für das feudale, patriarchalische Regime, wie es sich in der amerikanischen Industrie zur Herrschaft über die Arbeiter aufgeschwungen hat, ist ein Nachspiel charakteristisch. Der Streik fand in der Presse viel Beachtung. Es fanden sich einige Philantropen, Geistliche, Wohlmeinende, welche in einer Adresse an die Leitung des Stahltrusts diese höflichst und submissiv aufforderten, doch den Zwölfstundentag aufzugeben. Selbst Präsident Harding ließ eine Ermahnung in diesem Sinne vom Stapel. Die Erwiderung des Trusts war kühl und von oben herab gehalten. Der Betrieb stelle seine eigenen strikten Anforderungen, die sich nicht durch die Einmischung sentimentaler Leute umgehen ließen. Man werde aber eine fachmännische Untersuchung beginnen und wenn sie zu dem Ergebnis kommen sollte, daß ein Aufgeben des Zwölfstundentages keine Schädigung der Interessen des riesigen Unternehmens herbeiführen würde, so möchte vielleicht die Frage der Verkürzung der Arbeitszeit des weiteren erörtert werden. Es scheint nun fast wirklich so, als ob diese bourgeoisen Fürbitten zugunsten der hilflosen Trustsklaven eine Besserung bewirkt hätten. Dieser Tage las man in den Blättern, der Stahltrust habe versuchsweise die Arbeitszeit verkürzt, sogar den Achtstundentag in Betracht gezogen, was sich soweit im ganzen bewährt habe.

Vom Standpunkt eines etwas höher entwickelten proletarischen Bewußtseins sind die großen jüdischen Arbeiterverbände der Kleiderindustrie in New York und anderen Großstädten vielleicht als die relativ kampffähigsten Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten zu bezeichnen, obgleich der Geist in ihnen nicht mehr derselbe ist, wie in der ersten Zeit ihres Bestehens.

Infolge von Führer- und Cliquenwesen, Kompromissen und Schiebereien mit dem Unternehmertum ist das Niveau der Organisationen gesunken. Doch ein aktives, eigenes Element, das keine völlige Stagnation aufkommen läßt, ist in den Mitgliedschaften vorhanden. Außer dem Streik in den Stahltrust-Werken gingen auch nach dem Kriege der Eisenbahnerstreik und der Streik der Arbeiter in den Kohlenbergwerken verloren. Regierungseingriffe, in Verbindung mit der bedientenhaften Haltung der Arbeiterführer gegenüber dem Staat und der Plutokratie, führten den Fehlschlag herbei. Die meisten anderen größeren Arbeitseinstellungen hatten dasselbe Schicksal.

An dieser Stelle sei bemerkt, daß Schießereien und gewaltsame Zusammenstöße bei größeren Streiks nicht selten sind. Es wäre jedoch verfehlt, wollte man daraus den Schluß ziehen, die Arbeiterschaft sei revolutionär oder auch nur allgemein radikal gesinnt. In den meisten Fällen werden solche Schießereien von den angestellten Bütteln der Unternehmer provoziert durch tückische, brutale Angriffe auf die Streikenden. Die Staatsbehörden lassen es hier zu, daß die Unternehmer gegen die Arbeiter regelrechte Banden von angeworbenen Landsknechten ins Feld führen. Mit verschränkten Armen sehen sie und meistens auch die Gerichte zu, wie diese Banden unter den Streikenden den weißen Schrecken aufrichten. Zur Verteidigung greifen dann hin und wieder die Arbeiter zu den Waffen. Dabei gehen sie von keiner revolutionären Idee aus, die sich etwa gegen den ganzen Apparat des Gewalt- und Ausbeutungs-Staates, wie ihn die Kapitalisten brauchen, richten würde.

Wollte ein zweiter Alexander Berkman solchen Arbeitern mit einer Tat gegen ihre Bedrücker zu Hilfe eilen, seine Solidarität an den Tag legen, sie würden ihn auch jetzt wieder nicht verstehen und sehr wahrscheinlich der Obrigkeit helfen, ihn ins Netz zu bekommen. Ausnahmen mag es geben, aber seltene. Die engste Verbindung, die es bisher zwischen dem revolutionären Geist und der amerikanischen Arbeiterschaft gegeben hat, fällt wohl in die Periode der Kämpfe um den Achtstundentag um die Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ansehnliche Arbeitermassen hörten damals den Reden von Albert Parsons, August Spies, Samuel Fielden zu und nahmen in ihren Kämpfen den Rat dieser Männer an.

Es kommt hierbei in Betracht, daß zu jener Zeit das eingewanderte Element hier noch freier atmen durfte. Jetzt, seit dem Kriege, hängt ein Gewitter über ihm. Die Deportation von „unerwünschten" Eingewanderten, die mit der Fahrt des Dampfers „Buford" am 21. Dezember 1919 begann, hat seitdem nie ganz aufgehört und mag in der Zukunft sogar in verstärktem Maße wieder einsetzen.

Auf dem „Buford" befanden sich unter den 249 Deportierten, wovon 51 in der offiziellen Liste als Anarchisten eingetragen waren, Emma Goldman und Alexander Berkman. Von Washington aus wiederholen sich immer aufs neue Anzeichen und Berichte, daß Schritte vorbereitet werden, eine allgemeine Auslese großen Stils unter den „Fremdgeborenen" vorzunehmen. Eine Auslese in dem Sinne, daß nur solche Eingewanderte im Lande weiter geduldet werden, von welchen sich die Behörden überzeugt haben, daß sie dem Staat und dem Kapitalismus gute, folgsame Untertanen sein werden. Eine dahinzielende Gesetzesvorlage wurde schon dem vorigen Kongreß (Bundeslegislatur) unterbreitet. Sie verlangte Registrierung aller Fremden, was deren Stellung unter Polizeiaufsicht gleichgekommen wäre. Das Melde- und Abmeldewesen, wie es in Deutschland besteht, ist hier nie eingeführt gewesen, aber die Behörden dieser Republik sagen sich, daß es ein gutes System ist, unter dem es leicht wäre, jeden Augenblick die Hand auf mißliebige Personen zu legen. Der berüchtigte Detektiv - Häuptling William Burns, zur Zeit als diese Gesetzesvorlage diskutiert wurde, Chef des Geheimdienstes der Regierung, ließ sich die Äußerung entschlüpfen: „Wenn diese Vorlage im Kongreß angenommen wird, werden wir im Hafen von New York nicht Schiffe genug haben, um alle die Roten und andere unerwünschte Fremde zu deportieren."

Die Vorlage wurde nicht angenommen, das heißt, soweit sie die Registrierung der Fremden betraf, wurde sie noch einmal zurückgestellt, womöglich aus Rücksicht auf die Wahlen, die im November stattfanden. Daß der Plan aber durchaus nicht aufgegeben ist, beweisen neuerliche Äußerungen des Arbeitsministers, der es sich zur besonderen Aufgabe gemacht zu haben scheint, die Fremden unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen.

Einen Anlauf zur Schaffung einer revolutionären Bewegung unter den amerikanischen Arbeiternunternahm vor länger als zwanzig Jahren die Organisation der Industrial Workers of the World (I.W.W.). Die Bewegung war technisch, organisatorisch mehr zentralistisch wie föderalistisch, ihr Geist aber das erste Jahrzehnt und auch noch später ein ausgesprochen robust proletarischer. Die Mitgliedschaft bestand hauptsächlich aus „ungelernten" Arbeitern und Wanderarbeitern, deren rauhe Existenz eine starke Sprache und Propaganda verlangte. Syndikalistische Kampfmittel, Sabotage, „go canny" kamen zur Anwendung. Die Besitzenden zögerten nicht lange, die Gesetzgebenden dagegen mobil zu machen. Ein Gesetz gegen den „kriminellen Syndikalismus" wurde schnell angenommen mit monströs hohen Strafmaßen. Urteile von zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren Zuchthaus waren keine große Seltenheit.

Der Krieg brachte dann die Gelegenheit, eine Zerstörungs - Kampagne gegen die I.W.W. zu inszenieren. Es konnte ihnen zwar nicht nachgewiesen werden, daß sie aktive Eingriffe gegen die Kriegsvorbereitungen begangen hatten, doch das galt den Gerichten wenig. Genug, daß das Programm der Organisation sich gegen Kapitalismus, Zwangsstaat und Militarismus wandte, um Urteile gegen Angeklagte auszusprechen, die in Fällen, wo es sich nicht um jüngere Leute handelte, voraussichtlich lebenslängliche Gefangenschaft bedeuteten. Manche sind in der Gefangenschaft gestorben, andere haben sich Krankheit und Siechtum darin zugezogen. Schließlich wurden nach und nach die Gefangenen freigesetzt, oft erst nach- dem sie eine Art Versprechen auf gutes Betragen abgegeben hatten.

Die Nichtamerikaner darunter wurden nach der Entlassung meistens deportiert. Die Organisation selbst war beinahe zertrümmert, die Mitglieder unter der brutalen Verfolgung in alle Winde zerstreut, einige der Führer auch ins Ausland geflüchtet, um der langen Einkerkerung zu entgehen.

Die I.W.W.-Organisation scheint von kleinem Cliquenwesen zerrissen zu sein, und es ist nach den schweren Verfolgungen kaum zu erwarten, daß sie sich zu der früheren Höhe zurück fühlen wird. Die Verfolgung würde dann übrigens sofort wieder neu einsetzen. Die I.W.W.- Bewegung ist ein Stück amerikanischer Arbeiterbewegung von revolutionärem Charakter.

In Amerika machen Behörden und Gerichte kaum einen Unterschied zwischen revolutionärer Theorie, Weltanschauung und revolutionärer Tat. Jede Anschauung, die sich kritisch gegen das Bestehende wendet, wird eigentlich schon als verbrecherische Aktivität betrachtet und bei Gelegenheit werden ihre Vertreter demgemäß drakonisch mißhandelt.

Ein besonderes Faschisten-Regime ins Leben zu rufen, das haben die Bank- und Trust-Präsidenten in Amerika gar nicht nötig. Der Praxis nach besteht es schon. Ich wollte in diesem Beitrag besonders die typisch amerikanische Arbeiterbewegung ihrem Wesen nach schildern, weil ich beim Lesen von europäischen Arbeiterblättern oft den Eindruck hatte, daß man dieses Wesen drüben noch wenig versteht.

Aus: "Die Internationale" Nr. 4, 1. Jahrgang (1925). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS