Vor 80 Jahren - Grubenunglück in Hausdorf

Im schlesischen Eulengebirge befindet sich ein kleiner, unscheinbarer Ort – Hausdorf (heute Jugow – in der Nähe von Walbrzych/Polen). Die industrielle Revolution führte im 19. Jahrhundert auch hier zum Niedergang des Handwerks der Weberei – Hausdorf beteiligte sich am schlesischen Weberaufstand von 1844. Mit der Industrialisierung wuchs in der Region jedoch die Bedeutung des Bergbaus.

In Hausdorf entwickelte sich das seit 1771 betriebene Steinkohlebergwerk „Wenzeslausgrube“ zum Hauptarbeitgeber der Region. Im Neuroder Bergbaurevier, zu welchem Hausdorf gehörte, herrschten damals furchtbare Zustände. Der Zwang zur Akkordarbeit führte zur Vernachlässigung des Arbeitsschutzes – und so kam es auf der Wenzeslausgrube häufig zu Katastrophen mit tödlichem Ausgang.

Nach der Revolution von 1918 – und erheblichem Aufruhr unter den Bergarbeitern – kam es auch in Hausdorf zur Gründung einer syndikalistischen Bewegung. Eine Ortsgruppe der Freien Arbeiter-Union Deutschlands bestand hier bis Anfang der dreißiger Jahre. Die meisten Syndikalisten aus den Ortsgruppen rund um Hausdorf arbeiteten in der Wenzeslausgrube. Da die Grubenleitung wenig Interesse am Schicksal der Bergarbeiter hatte – liess sie in der Grube den Einsatz von Schrämmaschinen zu. Diese erhöhten die Fördermenge der Kohle, aber auch die Gefahr von Kohlensäureausbrüchen.

So verlor auch die FAUD einige ihrer besten Genossen in der „Todeszeche“ – darunter Josef Porscha, den stellvertretenden Vorsitzenden der Freien Arbeiter-Union Ludwigsdorf, der am 7. Juli 1926 in der Wenzeslausgrube ums Leben kam.

Am 9. Juli 1930 kam es dann zum absehbaren Ende: 151 Bergarbeiter erstickten in Folge eines Kohlensäureausbruchs im Hausdorfer Kurtschacht.

Während sich Regierung und Grubenleitung gemeinsam im Vergiessen von Krokodilstränen übten, gründeten Bergarbeiter aus Eigeninitiative eine Betriebsgemeinschaft zur genossenschaftlichen Verwaltung der Grube. Monatelang hielten sie die Grube unentgeltlich in Stand. Doch der Versuch der Selbstverwaltung scheiterte. Der Unterhalt der Grube wurde von Regierungsseite abgelehnt, die Grube geschlossen. Die Hausdorfer Syndikalisten wurden durchweg arbeitslos – und konnten sich nur noch in geringem Masse an der organisierten gewerkschaftlichen Tätigkeit beteiligen.

Das heute vor 80 Jahren geschehene Unglück wurde seinerzeit breit diskutiert. 1930 schuf Phil Jutzi den Stummfilm „Die Todeszeche“. Und sogar der erste Arbeiterfilm der DEFA „Grube Morgenrot“ griff das Ereignis wieder auf, verlegte die Handlung jedoch nach Sachsen. Der Film, welcher im Rückblick die wechselvolle Geschichte des wohl einzigen Versuchs ein Bergwerk kollektiv zu betreiben behandelt, wurde am 9. Juli 1948 im Berliner Filmtheater Babylon uraufgeführt. Hier schließt sich der Kreis.

Heute findet im Babylon ein langwieriger Arbeitskampf der Belegschaft gegen die Profitgier der Geschäftsleitung statt. Syndikalisten arbeiten wieder an ihrem Werk.

Valentin T.


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Es folgt die Dokumentation eines Artikels aus „Der Syndikalist“ Nr. 30 vom 26.07.1930. Der Autor – Franz Nowak („Zigeuner“) wurde am 30.08.1883 in Kravarn geboren und hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der syndikalistischen Bewegung in Schlesien. Im Januar 1945 wurde er im KZ Groß Rosen ermordet.

Hausdorf

Unser Mitarbeiter Zigeuner, der unmittelbar nach dem Unglück im schlesischen Bergbaurevier dort weilte, schreibt uns einen erschütternden Bericht, dem wir folgendes entnehmen:

151 Tote, 40 Verletzte! Über 100 der ermordeten Bergknappen stammten allein aus dem kleinen Hausdorf. Fast in jedem Hause ist ein Mann zu beklagen. In einem sind es neun! Eine Familie verlor an die kapitalistische Profitwirtschaft allein drei Angehörige mit einem Schlage. Das ganze Dorf war tage- und nächtelang ein fürchterliches Jammertal, während profitgierige Filmmenschen nach Kräften ihr Kapital aus der Katastrophe zu schlagen suchten. Regierer und Minister sandten Beileidstelegramme an den Landrat von Neurode und die Grubenverwaltung. An die Grubenverwaltung, also an die Schuldigen des Mordes! Und der Landrat – hat er eine Ahnung vom Los der Bergkumpels? Oder etwa der Regierungspräsident in Breslau, 100 Kilometer vom Unglücksort entfernt, der von Hindenburg selber ein Beileidstelegramm erhielt?

Vor zwei Jahren kamen im Unglücksschacht erst acht Bergknappen um, und vor vier Jahren schon einmal vier – durch Kohlensäure. Acht Tage vor der letzten schauerlichen Katastrophe wurden in der 17. Abteilung bei einem Gasausbruch vier Bergleute verletzt. Dieselben Kreise, die nichts dagegen haben, daß die Bergarbeiter von Neurode entsetzliche Hungerlöhne beziehen, heulen heute vor Beileid. Niederträchtiger Schwindel! Am Ende der Inflationszeit nahmen die Bergarbeiter in einer gewaltigen Versammlung Stellung gegen das unerträgliche Elend, das über sie kam. Es kam zu Auseinandersetzungen mit Steigern, und 34 Bergarbeiterkameraden wurden wegen Landfriedensbruch zu langmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Klassenjustiz kannte keine Milde. Hauptsächlich unsere syndikalistischen Kameraden wurden getroffen. Damals fuhren die Kumpels mit trockenen Kartoffeln in die Grube! – Eine andere Inflationstragödie: Als bei Hungerkrawallen der damalige SPD-Landrat von den Arbeitern etwas unsanft angefasst wurde, streckten die Staatsbüttel 14 Arbeiter mit blauen Bohnen nieder. Danach hat kein Hahn gekräht. An den Gräbern spielten sich, als am 13. Juli der größere Teil der Opfer verscharrt wurde, furchtbare Szenen ab. Ein starkes Aufgebot von Gummiknüppelschwingern hielt auswärtige Arbeiterdelegationen von den Gräbern zurück. An einem Sarge sah ich eine fassungslose Frau, die sieben Kinder bei sich hatte. Das älteste zählte 16 Jahre. Ein Mann in Frack und Zylinder trat an sie heran, drückte einem dieser Kinder ein Heiligenbild in die Hand und „tröstete“ die Frau mit ein paar Jenseitsphrasen. Ich konnte mich nicht halten und sagte dem Heuchler Bescheid…

In Massengräbern liegen die bis jetzt geborgenen Kumpels. Auch unsere syndikalistischen Kameraden dabei…

Eine Etappe im Kampfe! Das Kapital hat gerade jetzt einen Generalangriff begonnen. Arbeiten wir an unserem Werke!

Quellen:

  • Arbeiter Illustrierte Zeitung Jahrgang XI., Nr. 30 / 1930
  • Der Syndikalist, Nr. 29 vom 17.07.1926
  • Der Syndikalist, Nr. 30 vom 26.07.1930
  • http://www.anarchismus.at/txt5/nellesinternationalismus.htm
  • Archiv V.T.


Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2010/07/09/vor-80-jahren-grubenungluck-in-hausdorf/


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