Rudolf Rocker - 14. Kongress der deutschen Anarchosyndikalisten (1922)

In Erfurt fand vom 19. bis 24. November 1922 der 14. Kongress der Gewerkschaft Freie Arbeiter Union statt. Es kamen ungefähr 180 Delegierte, die über 550 Städte in Deutschland vertraten. Auf dem Podium des Kongresslokals, dort wo die deutschen Sozialdemokraten vor 31 Jahren das „Erfurter Programm“ beschlossen hatten, stehen die Büsten von Bakunin und Kropotkin. Nach den Berichten der Geschäftskommission wird der Kongress die folgenden Punkte behandeln:

1.) das Prinzip des Föderalismus und des Zentralismus,
2.) die Methoden der direkten Aktion im revolutionären Klassenkampf;
3.) der internationale Kongress der revolutionären Syndikalisten,
4.) die anarchosyndikalistische Jugendbewegung,
5.) verschiedenes.

Der diesjährige Kongress hat eine besondere Bedeutung, da sich in den letzten 18 Monaten verschiedene Strömungen in der deutschen syndikalistischen Bewegung herausgebildet haben, die für ihre Weiterentwicklung eine tödliche Gefahr darstellen. Dass die Bewegung deshalb eine kritische Periode durchlebt, daran besteht kein Zweifel. Noch vor dem Krieg war die Bewegung sehr klein, aber nach dem Ausbruch der Revolution hat sie einen starken Aufschwung erlebt.Viele tausende Arbeiter, die mit den Zentralgewerkschaften und mit der Taktik der Sozialdemokratie während des Krieges unzufrieden waren, schlossen sich der syndikalistischen Bewegung an. Es versteht sich von selbst, dass nicht jeder von ihnen zu einem überzeugtem Syndikalisten und Anarchisten wurde. Viele von ihnen waren bloß unzufrieden, doch die meisten von ihnen hatten die ehrliche Absicht, sich mit den neuen Ideen und Methoden unserer Bewegung vertraut zu machen. Es hat eine Menge Arbeit gekostet die Massen planmäßig im Geist des Anarchosyndikalismus zu erziehen, doch die Arbeit wurde getan und so hat die anarchosyndikalistische Bewegung heute in allen Städten einen Kern an hingebungsvollen Kameraden, die ganz genau wissen was sie wollen und dafür Sorge tragen, dass die Bewegung den eingeschlagenen Weg nicht verlässt und stattdessen rein gewerkschaftliche Reformen anstrebt.

Die syndikalistische Bewegung nahm in den vergangenen drei Jahren aktiven Anteil an allen großen Kämpfen gegen die Reaktion. Dutzende unserer besten Genossen haben mit ihrem Leben bezahlt und tausende ihr Freiheit geopfert. Die Bewegung wurde dadurch nicht geschwächt, im Gegenteil, sie wurde von Tag zu Tag stärker, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten, die ihr im Weg standen. Doch innerhalb der letzten 18 Monaten hat sich eine innere Krise gebildet, welche die Bewegung bereits auf dem letzten Kongress in Düsseldorf beschäftigte und so jetzt auch in Erfurt. Die jetzige Krise wurde von der Art und Weise der Anarchisten ausgelöst, oder bessert gesagt, von einem Teil der Anarchisten, die sich nicht an die Administration, die regelmäßigen Kongresse sowie bestimmte Beschlüsse einer großen Bewegung gewöhnen können.

Die anarchistische Bewegung bei uns in Deutschland hat sich leider unter sehr ungünstigen Bedingungen entwickelt. Der Einfluss der Sozialdemokratie auf die allgemeine Arbeiterbewegung war so stark, dass die Anarchisten trotz all ihrer Tätigkeiten und Opfer, die sie im Verlauf der letzten 50 Jahre brachten, nie richtigen Boden unter die Füße bekamen. In der Folge waren die Kameraden stets nur in kleinen Gruppen aktiv, die verstreut über das ganze Land verteilt waren, ohne Einfluss auf die Arbeiterbewegung. Die Bewegung war in allen Richtungen verstreut. Die Mehrheit der Kameraden waren Anhänger des kommunistischen Anarchismus, andere waren vollständig von den Ideen Stirners und Nietzsches beeinflusst, andere wiederum hingen dem sogenannten Experimental-Sozialismus nach. Es versteht sich von selbst, dass jede Gruppe davon überzeugt war, dass ihre Ideen und Methoden die besten sind. Leider ist der Geist der Intoleranz nirgendwo so verbreitet wie in Deutschland, mit Ausnahme von Russland, so dass eine Reihe persönlicher Streitigkeiten entstanden, die niemandem nutzte, aber jedem schadete. In einer kleinen Bewegung, deren Tätigkeiten ganz auf verschiedene kleine Gruppen verteilt sind, ist dies leider unvermeidlich. Die Energie des Einzelnen, die sich nicht im Rahmen einer großen Bewegung entfalten kann, wird dann für persönliche Angelegenheiten eingesetzt, die dann zu Streitereien führen. Das war in Deutschland leider sehr häufig der Fall.

Als sich die syndikalistische Bewegung zu entwickeln begann, fanden die aktivesten Kameraden aus der anarchistischen Bewegung ein breites Betätigungsfeld und die meisten von ihnen haben sich voller Energie an die Arbeit gemacht und nutzten jede Gelegenheit. Dank der Tätigkeit dieser Genossen, nahm die syndikalistsche Bewegung in Deutschland einen rein anarchistischen Charakter an, und hat sich auf den Boden einer Prinzipienerklärung gestellt, welche den kommunistischen Anarchismus zum Endziel ihrer Bestrebungen erklärt.

Nur ein Teil der anarchistischen Kameraden war mit dieser Entscheidung zufrieden. Die reinen Individualisten sind bald aus der syndikalistische Bewegung ausgetreten, denn sie betrachteten sie als eine Gefahr für die „individuelle Freiheit“ und als neue Form der „Zentralisation“. Die Richtung des Hamburger „Alarm“, man findet nichts dergleichen in der übrigen anarchistischen Bewegung, verwirft prinzipiell jede Form der Organisation. Darin sieht sie das eigentliche Wesen des Anarchismus. Die Genossen der „Anarchistischen Föderation“ erkennen die Notwendigkeit einer Organisation an und sind auch in der syndikalistischen Bewegung aktiv. Aber leider sind die Beziehungen zwischen einigen älteren anarchistischen Genossen und manche der ehemaligen „Lokalisten“, welche die eigentlichen Gründer der heutigen syndikalistischen Bewegung sind, noch immer nicht so wie sie sein sollten. Die Kämpfe zwischen den beiden Richtungen haben noch heute einen gewissen Einfluss, obwohl sie eigentlich überholt sind.

Die wichtigste Frage, welche die Genossen der syndikalistischen Bewegung in den letzten achtzehn Monaten beschäftigte, war die Entwicklung der Organisationsform. Alle Strömungen innerhalb der deutschen syndikalistischen Bewegung sind prinzipiell Anhänger des Föderalismus, doch ihre Auffassung von Föderalismus unterscheidet sich sehr. Manche der Kameraden, welche die besten Absichten haben, machten aus dem Föderalismus eine Karikatur. In einem Land wie Deutschland muss man sich darüber nicht wundern. Deutschland ist ein klassisches Land der Zentralisation. Unter dem allmächtigen Einfluss der marxistischen Sozialdemokratie und der zentralistischen Gewerkschaftsverbände wurde jede eigene Initiative der Arbeiter erstickt. Die ganze Arbeiterbewegung wurde nach einer bestimmten Schablone organisiert, die keine andere Auffassung erlaubte. Und als sich nach der Revolution ein Teil der deutschen Arbeiter von dem zentralistischen Zwang befreit hatte, der in Deutschland bereits zur Tradition geworden war, ist die Angst vor einer zentralistische Form der Bewegung so groß geworden, dass die Genossen vor dem eigenen Fluch erschraken und Gespenster am hellen Tag erblickten.

Diese Tendenz machte sich schon beim Düsseldorfer Kongress bemerkbar, denn als die sogenannte „Opposition“ nicht in der Lage war einen praktischen Vorschlag zur Organisation zu machen, entstanden endlose Debatten, die zu keinem vernünftigen Resultat führen konnten. In Erfurt war die Situation klarer, insofern die Opposition wenigstens den Versuch gemacht hat, ihre Forderungen in bestimmten Punkten zu formulieren. Die wichtigsten dieser Punkte waren: 1) dass der „Syndikalist“ der momentan in einer Auflage von 80.000 Stück pro Woche erscheint, nur einmal im Monat in Form eines Journals erscheinen soll, 2) anstelle des Verlages „Syndikalist, der heute alle Broschüren und Bücher herausgibt, soll der Kongress beschließen, dass von jetzt an jedes Jahr ein anderer Agitations-Distrikt die Veröffentlichung von Literatur übernimmt. Die ausschließlich aus Berlin und Düsseldorf stammenden Anhänger der Opposition glauben dadurch verhindern zu können, dass die Presse zum Monopol in der Hand einer kleinen Gruppe von Menschen wird und sich die Herausgabe von Literatur auf eine Minderheit konzentriert. Andere gehen noch weiter und wollen jede Prinzipienerklärung hinter sich lassen, da sie darin ein bestimmtes Programm und die Ordnung einer politischen Parteienbewegung sehen usw.

All diese Forderungen nennt man föderalistische Prinzipien, obwohl sie in keiner Beziehung zu der eigentlichen Frage stehen. Der Fakt ist, dass es neben dem „Syndikalist“ nur in einem einzigem Distrikt besondere Zeitungen und Berufsorgane bestehen. Es stört niemanden, wenn ein Distrikt es für nötig hält eine eigene Zeitung herauszugeben. Es hat niemand etwas dagegen, wenn eine bestimmte Ortsgruppe Literatur herausgeben will, doch das gefährliche Experiment die Verantwortung für einen Verlag, der hundert tausende von Broschüren und Büchern herausgibt, jedes Jahr einer anderen Gruppe zu übergeben, ist nicht nur absurd, sondern es schadet allen Unternehmungen auf diesem Gebiet.

Die ganzen unklaren Begriffe und Vorstellungen über das Wesen des Föderalismus und die Organisation überhaupt, gehörten zu den Gründen, warum die Geschäftskommission diesen Punkt an die erste Stelle des diesjährigen Kongresses gesetzt hat. Der Genosse Rocker übernahm das Referat über „Föderalismus und Zentralismus“ und hat in einem über zwei Stunden dauernden Vortrag die Grundlinien, die Bedeutung für die Arbeiterbewegung und die historische Entwicklung beider Prinzipien analysiert. Der Redner kam zu dem Schluss, dass, wenn auch der Föderalismus kein absolut vollkommene Organisationsform darstellt, so ist er doch die beste Form, welche die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Leben bis jetzt herausgefunden haben. Auch ist die äußerliche Form einer Organisation nicht das wichtigste, sondern deren Geist, der ihre Mitglieder beeinflusst. Technische Formen ersetzten nicht das eigentliche Wesen der Organisation.

Quelle: Rudolf Rocker. 14ter kongres fun deytshe anarkho-sindikalisten, in: Fraye arbeter shtime. Vol. 1190 (22.12.1922), New York: The Free Voice of Labour. Aus dem Jiddischen von RockerRevisited

Originaltext: http://rockerrevisited.blogspot.de/2013/11/14-kongress-der-deutschen.html


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