Die Geburtswehen des Sozialismus

Der schöpferischen Kraft des Anarchismus und Anarchosyndikalismus war es zu verdanken, dass dem barbarischen Vormarsch des internationalen Faschismus (am 19. Juli 36) ein Damm gesetzt wurde. In all den Jahrzehnten ihres heroischen Kampfes gegen Staat und Kapitalismus hatten die CNT-FAI keine Konzessionen gemacht. Keine Bonzen, keine Literaturgrössen, keine "Säulenheiligen" wie Lenin, Marx oder Stalin waren notwendig gewesen, um das spanische Volk zu begeistern gegen seine Unterjocher, gegen die Drohnen der menschlichen Gesellschaft zu kämpfen und zu gleicher Zeit die konstruktiven Garantien herauszubilden, um eine freie, klassenlose GesellschaftsOrdnung aufbauen zu können.

Verleumdet und unverstanden vom grössten Teile des kämpfenden Weltproletariats, wuchs und blühte in Spanien eine föderalistische Arbeiterbewegung im Schatten ihrer Verleumder und Demagogen. Sowohl im Generalrat der Internationalen Arbeiterassociation des vergangenen Jahrhunderts, wie durch die 2. und 3. Internationale wurde diese aufstrebende Bewegung immer wieder verlacht, verleumdet oder totgeschwiegen. Heute sind diese Reformisten im Schlepptau der direkten Aktion des 19. Juli. Dank der Aktion des föderiert kämpfenden spanischen Proletariats hat die Komintern ihre Parole "Diktatur um jeden Preis, Diktatur als Übergang zum Sozialismus" fallen gelassen, wenn auch vorläufig vorwiegend aus aussenpolitischen Gründen.

Hatte die Komintern früher die "Diktatur des Proletariats" gefordert, so lehnt sie es angesichts Spaniens ab, auch nur für eine Revolution einzutreten. Versuche zur Strangulierung der spanischen Revolution durch die Marxisten setzten bereits nach dem 19. Juli ein. Damals wurde schon in Paris durch die Reformisten erklärt, dass nach einer Niederschlagung des Faschismus die Anarchisten an der Reihe seien, an die Wand gestellt zu werden. An den Fronten, wo unsere Milizionare kämpften, wurde die Zusendung des Kriegsmaterials sabotiert. Wir können viele Details dieser Sabotage anführen, auch im Auslande wird geheime Sabotage gegen die spanische Revolution getrieben. Auch werden die Boykottmassnahmen der demokratischen Regierungen gegen das für seinen Bestand freie kämpfende Spanien fleissig unterstützt. Es wird die Politik der Doppelzüngigkeit getrieben. Dem Proleten erklärt man, dass Spanien unterstützt werden müsse, und in der Regierung erkennt man den Boykott an.

Mit diesen Tendenzen hatte und hat die CNT-FAI zu rechnen. Sie wusste, dass diejenigen, die 1920 das Bielefelder Abkommen geschlossen hatten, 1923 den Hamburger Aufstand liquidierten und am 1. Mai 1933 mit Hitler marschierten, auch der spanischen Revolution in den Rücken fallen würden. Um diese reformistischen Elemente zum aktiven Kampfe gegen den Faschismus zu gewinnen, musste die CNT Konzessionen machen. Aus innerer Stärke konnte sie diese Konzessionen an ihre reformistischen, antifaschistischen Partner machen. Aus Verantwortungsgefühl für die Soziale Revolution und für die entgültige Niederschlagung des Faschismus wurden diese Zugeständnisse gemacht. Denn die Massen des spanischen Volkes kämpfen nicht für die Erhaltung der Republik, sondern sie kämpfen im Glauben an die Soziale Revolution. Sie kämpfen gegen den Faschismus und für die Ziele der CNT-FAI, den sozialen Wohlstand aller; sie kämpfen jenen Kampf weiter, den die CNT-FAI am 19. Juli eingeleitet hat.

Die Faschisten haben dank der reformistischen, politischen Parteierziehung des Proletariats leicht ihre politischen Revolution machen können. In Spanien aber bissen sie auf Granit. Spanien bewies dem Weltproletariat den Wert der direkten Aktion, Spanien bewies dem sozialistischen Weltproletariat den Wert der ökonomischen Revolution. Mit ihnen werden die reformistischen Richtungen verschwinden, weil das Weltproletariat einsehen wird, dass sie die hauptsächlichen Hindernisfaktoren auf dem Wege zum Sozialismus bilden. Heute versuchen die Reformisten sich mit dem absterbenden Bürgertum zu verbünden.

Langsam, aber ständig und energisch erzieht die CNT-FAI die politischen Sozialisten zur Wahrheit. Die Politik verdirbt den Menschen; dem freiheitlichen, ökonomischen Sozialismus liegt es ob, die menschliche Gesellschaft natürlich zu gestalten. Mögen die Reformisten in Valencia oder in Paris davon maulen, dass nach der Überwindung des Faschismus mit den Anarchisten aufgeräumt werden müsse, mögen sie die schönsten Pläne hierzu machen und ausarbeiten: Der Sozialismus und unsere Revolution marschieren.

In den Jahrzehnten ihrer Existenz haben die marxistischen Parteien das Proletariat von Niederlage zu Niederlage geführt, bis der Faschismus ihnen ein Ende machte. Jetzt, wo das spanische Volk der Welt zeigte, wie man mittels ökonomischer Organisationen und direkter Aktion das Kapital und den Faschismus zu besiegen habe, wollen sie das spanische Volk lehren und es wieder in eine neue Reaktion hineinpressen. Aber die Kraft unserer Revolution ist stärker als ihre Wünsche. Sie hat sich ihr eigenes Ziel gestellt, und diesem strebt sie zu.

Unsere Revolution braucht keine Dirigenten, weil sie durch das Volk selbst gemacht wird. Sie benötigt sie nicht, weil sie eine Revolution der Völker ist. Wohl ist ihr Schritt langsam, wohl werden noch viele Fehler gemacht, aber sie strebt ständig und sicher ihrem Ziele zu. Trotz des fürchterlichen Krieges gegen die modernsten Heere Europas, den ein durch und durch antimilitaristisches Volk führt, haben wir im Inneren Spaniens schon eine soziale Freiheit, die kein Land Europas aufweisen kann. Trotz des Krieges ist der Lebensmittelmangel bei uns nicht so stark wie der, der augenblicklich bereits in Deutschland herrscht.

Unsere Revolution hat Jahrhunderte an staatlichkapitalistisch-kirchlicher Erziehung zu überwinden. Sie will den Wohlstand für alle organisieren, sie will dem Arbeitenden die Verantwortung für die ökonomische und soziale Struktur der Gesellschaft übertragen. Dieser kulturelle Prozess arbeitet langsam. Die psychischen Energien des Menschen wirken wie das Wasser, das im Laufe von Jahrhunderten erst den Felsen unterwühlt und ihn zu Fall bringt. Die CNT-FAI waren die verantwortungsvollsten Faktoren der Revolution; sie werden heute durch die konterrevolutionären, andererseits durch die reformistischen Kräfte gehindert der Revolution sofort ihr eigenes Gepräge zu geben. Durch den Krieg und eine Reihe von Konzessionen kann sich der Revolutionsprozess nur langsam durchwinden. Die Kultur der Revolution, das geistige Niveau gibt dem spanischen Leben sein Gepräge. Das spanische Volk schreitet trotz aller Widerstände seinem sozialrevolutionärem Ziele zu.

In Spanien wird keine Affekthascherei getrieben, in Spanien wird ernsthaft an der Verwirklichung der sozialen Probleme gearbeitet. Gewerkschaften und Schulen arbeiten an diesem Ziele und festigen die erreichten Positionen. Nur der sozialrevolutionäre Gedanke erhält dem spanischen Volke in diesem Kampfe die Kraft. Trotz des Ansturms militärischer Banditen, trotz des verbrecherischen Reformismus in diesen schweren Tagen des Kampfes wird das spanische Volk, im Geiste der CNT-FAI organisiert und geführt, die Hoffnung des Weltproletariats, die klassenlose Gesellschaft, den Sozialismus, zu erfüllen wissen.

Das spanische Volk ist zäh. Es wird den Faschismus genau wie den Reformismus zu besiegen wissen. Trotz aller entstellten Nachrichten im Auslande über die spanischen Verhältnisse, trotz aller Lügen, die die Reformisten verbreiten, die Revolution, unsere Revolution, marschiert und sie wird den Sozialismus, trotz aller Widerstände, aufzubauen wissen.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 12, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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