Sozialistische Ordnung

Wenn der von der CNT-FAI begonnene Weg logisch und gegen alle Hindernisse fortgesetzt wird, dann kann in Zukunft nur der seinen rechten Platz finden und sich voll auswirken, der einer Gruppe, einem Syndikat oder einer Komune angehört und von ihrem Vertrauen und ihrer Kraft getragen wird.

Der Gesichtkreis unter dem bisher die sozialen Veränderungen vor sich gingen, ist noch immer ein sehr enger geblieben. Alle Anstürme gegen ökonomische oder politische Regeln, so gewichtig sie oft in ihrer Bedeutung sind, so gross die darum ausgefochtenen Kämpfe jedesmal waren, vermochten doch nicht, eine wirklich neue Grundlage zu schaffen, die geeignet gewesen wäre, daran dann später alle zweitrangigen Dinge zu orientieren. Weil noch kein neuer Ausgangspunkt des Lebens, keine neuen Organe des öffentlichen Lebens bestehen oder allgemein erstrebt werden, steht die sozialistische Bewegung noch in so vieler Hinsicht der Desorientierung, der Zerrissenheit und dem Opportunismus gegenüber.

Der anarchistische Sozialismus hatte allerdings für diese Fragen schon immer ein offenes Ohr. Alle anarchistischen Denker haben sich um alle konstruktiven Fragen des Sozialismus aufs eifrigste bemüht. Weit entfernt davon, sich mit der Humanisierung ausbeuterisch bleibender Methoden zu begnügen, ging all ihre geistige Kraft an die Auffindung und Herausstellung eines wirklich sinnvollen Neuaufbaus. Wieviel Kritik haben sie aufgebracht gegen die Öde und die Bedeutungslosigkeit des kleinlichen Reformismus und die verschleierte Beibehaltung des kapitalistischen Systems im halb oder ganz verwirklichten Staatssozialismus. Gerade in dieser entscheidenden Frage bringt uns die spanische Revolution, in der wir leben, so weitgehend Neues. Manche können es nicht sehen oder verdecken ihre Augen. Andere tun alles, um den Vormarsch des Begonnenen zu verhindern, denn sie wissen dass dies der Weg ist, der jeden Einzelnen früher oder später zwingt sich zu entscheiden und umzustellen.

Aber wer es sehen will, kann es sehen. Die anarchistischen Gruppen der FAI waren es, die in hervorragender Weise an dem Widerstand gegen die sich erhebenden Militärs beteiligt waren, die ihre Kraft gaben, um die Sicherung der Bewegung die Fortführung der Revolution und den Aufbau des Lebens mit ihrem Geiste zu durchtränken. Die Syndikate waren es, die vom ersten Tage an die Übernahme der Produktionsmittel, den Fortgang der Arbeit, die Sicherung der Ernährung leiteten und die jetzt trotz den Schwierigkeiten des Krieges immerweitergehende Anstrengungen machen, die Ökonomie des Landes sozialistisch aufzubauen und ihr einen wirklich durchgreifenden Impuls zu geben. Die Komunen der kleinen Dörfer und Städte, die Stadtviertel in Barcelona sind es, die heute schon zum Teil und in immer wachsenden Masse, sowohl Lebensmittel und Güter verteilen, als auch kulturelle Fragen übernehmen.

Die spanische Revolution hat dem Sozialismus in den Gruppen, den Syndikaten und den Komunen die Instrumente gegeben, die dem Sozialismus überhaupt erst seine Kraft verleihen. Es ist uns vollkommen sicher, dass entweder die Bindungen und Vereinigungen in den untersten Bezirken des Lebens, unter gleichberechtigter Anteilnahme eines Jeden zu ihren Triumpf kommen oder es gibt keinen Sozialismus.

Das mag für manche vielleicht so aussehen, als würde er dann seine persönliche Freiheit verlieren, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Kapitalismus und die zu ihm gehörige Staatsdespotie gerade haben sie den Menschen genommen. Ohne die sinnvolle Vereinigung des Menschen unter Gleichen, gemäss den jeweligen Lebensgebieten, ist er ein Haltloser und jedem Angriff eines Stärkeren ausgesetzt, sodass er sich nur dann sicher fühlen kann, wenn er es versteht, das Prinzip der Brutalität erfolgreich zu dem seinen zu machen. Je stärker die neuen Organe, je sinnvoller und geregelter das öffentliche Interesse behandelt wird, um so mehr kann jeder Einzelne erwarten, dass sein Leben den Stempel seiner Individualität trägt. Je bündischer das Leben ist, um so kraftvoller ist es auch. Gustav Landauer bezeichnete den Sozialismus als einen Bund von Bünden.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 4, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS