Was bedeutet die Flucht aus Málaga

Die Flucht der gesamten Bevölkerung aus Malaga vor dem Einzug der Faschisten hat im Ausland ungeheures Aufsehen erregt. Tatsächlich lässt sich diese Flucht von 150.000 Menschen, Männern, Frauen, Kindern und Greisen, nur mit dem Auszug der Bevölkerung ganzer Gebiete vor den Scharen Attilas oder den Horden des Dschingis-Kahn vergleichen. Für die spanische Bevölkerung bedeutet der Einbruch der internationalen faschistischen Horden tatsächlich dasselbe; nur so lässt sich überhaupt die Massenflucht aus Malaga erklären.

In Radio und Presse behaupten die Rebellen, die Bevölkerung Spaniens stehe zu ihnen; die unter republikanischer Herrschaft Lebenden sehnten ihre Befreiung durch die Faschisten herbei. Aber bereits der Fall von Toledo zeigte, dass die Dinge in Wahrheit ganz anders liegen. Die Einwohner Toledos und seiner nördlichen Umgebung flüchteten nach Madrid, in Toledo selbst blieben nur einige Tausend zurück, die Dörfer leerten sich mit dem Herannahen der Faschisten. Und niemand hat je Lust verspürt, nach Toledo zurückzukehren...

In Irún und in San Sebastian geschah dasselbe. Aus Irún floh die Bevölkerung nach Frankreich. Die Einwohner von San Sebastian begaben sich nach Bilbao; beide Städte sind heute noch fast leer. Die Flucht aus Malaga hat aber die grösste Bedeutung. Malaga, die fünftgrösste Stadt Spaniens, zählte im vergangenen Juli 180.000 Einwohner. Bis zum Februar verliessen viele die Stadt wegen der fortgesetzten Bombardements und liessen sich in den östlichen Küstenprovinzen nieder. Kurz vor dem Fall von Malaga mögen noch etwa 150.000 Menschen dort gewesen sein. Und nach dem Fall sind ebensoviele nach Almeria geflüchtet.

Ist in Malaga niemand geblieben? Doch. Nicht alle Flüchtlinge, die nach Almeria kamen, stammen aus Malaga. Viele kamen aus Coin, Marbella, Torrox, Salobreria, Motril und den kleinen Gebirgsdörfern. Es mögen dies insgesamt etwa 30.000 gewesen sein. Dann bleibt immer noch die Tatsache bestehen, dass von je 15 Einwohnern von Malaga zwölf vor dem Herannahen der internationalen Faschistenhorden die Flucht ergriffen.

Warum flohen die Bewohner Malagas? Aus Angst? Viele von den Flüchtlingen sind unpolitisch, haben sich überhaupt nicht politisch betätigt. Trotzdem haben sie es vorgezogen, ihre Häuser zu verlassen, ihre Möbel, Kleider, Wertgegenstände, ihr ganzes Heim im Stich zu lassen, die Arbeitsstätte aufzugeben; sie haben eher alles zurückgelassen, als sich unter das Joch der Deutschen, Italiener, Marokkaner und Fremden-Legionäre, unter das Joch der Carlisten und Falangisten zu begeben.

Kann es einen besseren Beweis dafür geben, dass die Bewohner von Malaga den Sieg Francos und des deutschen Generals Faupel als eine Katastrophe ansahen?

Wenn es wahr wäre, dass die Mehrheit des spanischen Volkes den Sieg der sogenannten "Nationalisten" wünschte, — warum sind dann die Bewohner Malagas nicht in ihrer Stadt geblieben? Ein kleiner Teil, politisch kompromittiert, hätte flüchten müssen; die andern aber, die grosse Mehrheit, wäre dort geblieben und hätte die Sieger mit Jubel begrüsst.

Aber gerade das Gegenteil hat sich ereignet. In Autos, Wagen, zu Fuss hauptsachlich sind die Bewohner Malagas zu Zehntausenden über die Küstenstrasse nach Almeria, ins Gebiet der Republik geflohen. Frauen und Kinder, Säuglinge und Halbwüchsige, Männer und Greise und Jünglinge, alles floh vor den internationalen Faschistenhorden, vor den "Rettern der Nation", vor dem drohenden Joch des "nationalen Spanien".

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 7-8, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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