Manifest an das arbeitende Volk von Wien (1911)

Teuerungsrevolte Wien 1917

Am 17. September 1911 kam es in Wien zu einer Teuerungsrevolte, in deren Verlauf das eingesetzte Militär 4 Arbeiter tötete, hunderte verwundete und fast 500 Personen festnahm. Es war das erste mal seit der Revolution von 1848, dass das Militär das Feuer eröffnete. Ausgangspunkt der Revolte, in deren Verlauf das Militär regelrecht in Ottakring einrückte, war eine Demonstration der Sozialdemokratie mit 100.000 TeilnehmerInnen. Der Sozialdemokrat Otto Bauer kommentierte die Ereignisse so: "In dem Proletarierviertel Ottakring wurden Schulgebäude und Straßenbahnwagen in Brand gesetzt. Barrikaden wurden gebaut, die Truppen schossen auf das Volk, und im Rücken der wild erregten Menge plünderte das Lumpenpoletariat die Geschäftsläden." Der folgende Aufruf erschien in den Tagen nach der Revolte und macht den Standpunkt der AnarchistInnen nochmals deutlich. An Stelle der parlamentarischen Schwätzerei der Sozialdemokratie und dem Vertrauen in ihre Führer forderten sie bereits Wochen vor der Revolte die Direkte Aktion in Form eines Mietstreiks.

Der 17. September wird in der Geschichte der österreichischen Arbeiterschaft stets verzeichnet sein als ein Tag des Mordes, der Gewalt und Unterdrückung. An diesem Tage zeigte sich wieder einmal in lebendiger drastischer Form, was der Militarismus ist.

Blut ist geflossen, und es war Arbeiterblut, das vergossen wurde. Soldaten, unsere Arbeitsbrüder in der Livree des Militarismus sind es gewesen, die mit gefälltem Bajonett auf jene ihrer Arbeitsbrüder in der Armee der Lohnsklaverei einstürmten, die in friedlicher Massendemonstration sich flehend an die Herrschenden und Gewaltigen wandten, ihr Los des Elends, verursacht durch die zur Verzweiflung treibende Teuerung, zu erleichtern, zu mildern.

Ach, wie lächerlich, wie absurd-kleinlich war die Forderung, um die sich die ganze, von der Sozialdemokratie eingeleitete und inszenierte, dabei zwecklose Demonstration drehte. Einführung des argentinischen Fleisches verlangen die soz.-dem. Führer, obgleich sie wohl wissen müssen, daß dieses Fleisch die allgemeine Teuerung nicht beheben, ja nicht einmal verringern kann; daß der Arbeiter mit seinem Durchschnittslohn nicht einmal dieses Fleisch zu kaufen im Stande ist.

Es ist traurig, daß die Arbeiterschaft Wiens sich noch gebrauchen läßt zu solchen Luftballonforderungen, die von den Politikern der Sozialdemokratie absichtlich deshalb aufgestellt werden, um ihre Tatlosigkeit zu verdecken, damit die Massen nicht einsehen sollen, daß all die während der Wahl gegebenen Versprechungen der Politiker aller Parteien eitel Lug und Trug sind. Deshalb opfert die Sozialdemokratie aus niedrigsten Mandatsdiäteninteressen, ihre prinzipiellen sozialistischen Forderungen, ihre gewerkschaftliche Kraft und Möglichkeit, sich gegen die Teuerung zu stemmen — und fordert die Arbeiter auf, zu „demonstrieren".

Wofür? Eine Demonstration muß, um zu wirken, die Androhung mit dieser oder jener Aktion sein. Die Sozialdemokratie verschweigt aber geflissentlich jede wirtschaftlich einschneidende Aktion wirtschaftlicher Natur gegen die Teuerung, weil dies die Massen dazu brächte, zu erkennen, daß sie keine politischen und zentralisierten Bürokratenführer brauchen, sondern selbst imstande sind, sich sozial zu heben und die Teuerung niederzuringen.

Wofür demonstrierten die Sozialdemokraten, wenn ihre Hauptanführer in der letztwöchentlichen Obmännerkonferenz im Parlament selbst erklärt haben, sie tun ihr Möglichstes, um die Massen von jeder Aktion zurückzuhalten?!

Jede solche Demonstration soll eben nur eine politische Staffage für die Herren Führer bilden. Sonst ist sie ganz zwecklos — nur unendlich gefährlich. Sie stellt dem bis an die Zähne bewaffneten Militarismus geschlossene Menschenmassen entgegen, die, ganz abgesehen davon, daß sie unbewaffnet sind, dem Militarismus die strategisch beste Angriffsfläche darbieten, der gegenüber er allmächtig ist.

Woher nehmen die sozialdemokratischen Führer das Verantwortlichkeitsgefühl, riesige, unbewaffnete Massen dem bewaffneten Militarismus entgegen zu stellen? Sie rühmen sich immer ihrer „Verantwortung" für das arbeitende Volk. Wo bleibt ihr Verantwortungsgefühl in solchen Situationen, in denen, wie am 17. September, der geringste Anlaß genügt, um einen Zusammenstoß zwischen Militär und Polizei einerseits, dem Volk anderseits herbeizuführen ?

Arbeiter Wiens, wir warnen euch davor, euch als politisches Schwungbrett für einige Führer gebrauchen zu lassen, die euch weder im Parlament noch außerhalb helfen können noch werden. Laßt euch nicht in Straßentumulte, in Radaumachereien, in sinnlose — wenn auch aus eurer Not erklärliche und wohl entschuldbare - Handlungen hineinhetzen. Gebraucht euren gesunden revolutionären Geist, zu sozialwirtschaftlichen Massenaktionen euerer Gewerkschaften, die nichts mit Gewalt zu tun haben, sondern die Gewalt der Herrschenden euch gegenüber zum Stillstand bringen, sie paralisieren und euere soziale Lage raschest verbessern werden.

Warum ist der Verzweiflungsausbruch des Wiener Volkes vom 17. September erfolgt? Weil die Sozialdemokratie euch lehrt, gegen die Teuerung könne euch nur das Parlament helfen, und wenn es euch nicht helfe, dann bleibt euch eigentlich nichts anderes übrig als der Weg roher, blindlings wütender Gewalt.

Diese vergiftende, geistig verblödende Theorie ist es, die euch am 17. September dem Militarismus und der Polizei — für dieses Gewaltwerkzeug der Regierung tritt die Wiener „Arbeiterzeitung" immer warm ein! — zum Opfer brachte. Kein Parlament der Welt kann der Teuerung abhelfen, denn das Parlament ist ein Schwatzklub von der Regierung hochbezahlter Schwätzer, und die Regierung ist finanziell und materiell die wahre Urheberin der Teuerung; sie umfaßt den agrarischen wie den industriellen Kapitalismus und wird deshalb der Teuerung niemals abhelfen.

Wenn ihr die Teuerung bekämpfen wollt, habt ihr keine Gewalt nötig, sondern die geeinte Solidarität eures wirtschaftlichen Willens! Wo sind jetzt eure Gewerkschaften, an die ihr so hohe Beiträge bezahlt? Was bieten sie euch jetzt? Was tun sie jetzt für euch? Nicht das Geringste, denn ihre Führer sind auch politische Streber, ja meistenteils dieselben, die euch als Abgeordnete mit dem Schwindel des Parlamentarismus narren.

Seht nach Frankreich! Dort hat die revolutionäre Gewerkschaftskonföderation auf eigene Faust die Aktion gegen die Teuerung unternommen. Und ohne Parlament, ohne Vertreter im Parlament haben die revolutionären Gewerkschaftler die Regierung gezwungen, nachzugeben und eine Ermäßigung der Preise für die Lebensmittel wurde durchgesetzt. Statt Demonstrationen ohne Ziel, haben die französischen Arbeiter in Dutzenden von Orten den Generalstreik für höheren Lohn erklärt.

Ist eine solche Aktion des wirtschaftlichen Kampfes nicht zweckmäßiger als leere Demonstrationsspaziergänge mit nachfolgender Niedersäbelung, Niedermetzelung, Niederschießung durch die bewaffnete Gewaltsmacht des Staates: den Militarismus?!

Was gedenkt ihr zu tun zu Ehren des am 17. September gefallenen, irregeleiteten, aber wackeren Proleten, eures Bruders, der erschossen oder von Bajonetten erdolcht wurde, zur Ehre des gesamten Österreichichischen Proletariats? Ihr wollt Interpellationen einbringen lassen? Welche Selbstverhöhnung! Ihr liefert damit der Regierung nur das Papier zu — hinterlistigen Zwecken...

Wir haben euch einen anderen Vorschlag zu machen. Ihr Arbeiter Wiens seid an die Hunderttausend stark gewerkschaftlich organisiert. Wofür zahlt ihr an die Gewerkschaften eure Beiträge, wenn diese eure Lebenslage nicht verbessern können? Fordert nun, daß die Gewerkschaftsbewegung Wiens, von ganz Österreich, die Idee des Mieterzinsstreikes propagiere und durch geschlossene Einheit zur Durchführung bringe.

Nicht mit Gewalt und Straßentumultszenen werdet ihr eure Lage verbessern. Nur dadurch: daß ihr beweist, daß ihr, angesichts der herrschenden Teuerung, die enormen Mietzinse in ihrer Steigerung nicht mehr bezahlen wollt noch könnt. Solange ihr sie bezahlt, könnt ihr sie bezahlen; solange ihr sie bezahlen wollt, werdet ihr sie bezahlen. Aber erst dann, wenn ihr sie nicht länger bezahlt, dann erst könnt ihr wirklich sie nicht länger bezahlen! Der Mieterzinsstreik ist das einzige, momentan der Arbeiterschaft gegebene Mittel, durch das sie die Lebensmittelteuerung bekämpfen kann.

Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter Wiens, arbeitendes Volk — verlangt von euren Organisationsfunktionären, daß sie sofort eine Generalversammlung aller Arbeiterorganisationen Wiens einberufen, in der die Kampfaktion des Mieterstreikes, dieser proletarischen direkten Aktion, erörtert und organisiert wird.

Wenn eure Führer die „Verantwortung" dafür übernehmen können, daß ihr in nutzlosen Demonstrationen wehr- und waffenlos erschossen werdet — dann müssen sie die Verantwortung übernehmen wollen für eine wirtschaftliche Kampfesaktion der Arbeiterklasse zur sofortigen Bekämpfung der Teuerung! Fragt sie selbst, ob sie euch andere Mittel angeben können. Sie können es nicht, denn das einzige, schon von einigen Tausenden von Familien — Mann und Frau sind hier gleichberechtigte Kämpfer! — durchzuführende Mittel ist und bleibt der Mieterzinsstreik.

Arbeiter, bewahrt Besonnenheit, Kaltblütigkeit und eure Entschlossenheit. Laßt euch nicht zu zwecklosem Theaterdonner
— denn das sind Demonstrationen ohne Ziel! — mißbrauchen; haltet fest zusammen und baut einzig und allein auf eure Solidarität in kraftvoller Kampfesaktion, in Angriff genommen durch eure Gewerkschaften.
 
Der 17. September lehrt euch die unbedingte Wichtigkeit der Propaganda des zielbewußten Antimilitarismus, die die Sozialdemokratie vollständig unterläßt.

Der 17. September soll euch lehren, welchen Weg des Kampfes ihr zu betreten habt:

Hinweg mit dem Schwindel des Parlamentarismus! Es lebe der Generalstreik !
Hinweg mit dem Schwindel von Demonstrationen, die nichts anderes demonstrieren sollen als saft- und kraftlose Resolutionen!
Beginnet die direkte Aktion des Mieterzinsstreikes!

Allgemeine Gewerkschaftsföderation von Wien

Aus: "Wohlstand für Alle", 4. Jahrgang, Nr. 18 (1911). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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