"Boxcar Bertha" - Rebel Girls, Hobos und der "New deal"

Zur Information: Einige der im Text eingebauten Zitate stammen aus der "Autobiografie" von "Boxcar" Bertha Thomson, aufgezeichnet von Ben Reitman, dem zeitweiligen Gefährten von Emma Goldman. Sehr wahrscheinlich ist, dass "Boxcar Bertha" die literarische Figur für die von Reitman interviewten "Sisters of the Road" ist – ähnlich wie "Adelita" stellvertretend für die Soldaderas der mexikanischen Revolution.

Anarchistische Bewegungen in den USA der 20er und 30er Jahre

"Wer kann denn da ruhig und friedlich bleiben und sich damit zufrieden geben, nur bei den Wahlen eine Stimme zu haben. Selbst heute, in diesen mörderischen Zeiten der Wirtschaftskrise führt all das Chaos zu nichts anderem als das die Reichen noch reicher werden und mächtiger und rücksichtsloser und die Masse der Armen wird unterwürfiger und findet sich der Not gehorchend mit einem immer ärmlicher werdenden Leben ab."

Diese ach so vertrauten Worte – sie finden sich in dem vor fünfzehn Jahren (1996) erschienenen Aufzeichnungen von "Boxcar" Bertha Thomson , die zwischen dem ersten Weltkrieg und den dreißiger Jahren ein anderes (Nord)-Amerika beschreiben – ein Amerika voller Revolten und Rebellionen, aber auch der Angst davor und den brutalen Antworten darauf.

"Berthas" Großvater, Moses Thomson, kämpfte mit John Brown in der Sklavenbefreiung, ihre Mutter – Anarchistin, die entlang der Eisenbahnlinien in Baustellencamps als Köchin arbeitete. Güterwagons – "Boxcars" – waren Berthas erste Spielplätze. "Die Kinder nannten mich Boxcar Bertha und dabei ist es geblieben."

"Bertha" war 11, als 1917 die USA in den 1.Weltkrieg eintrat. Die anarchistischen Kreise ihrer Mutter organisierten Friedenskundgebungen. "Bertha" zieht mit ihrer Mutter währenddessen in eine Kooperative.

Der Anarchismus in den USA war in dieser Zeit zum einen der "Individualanarchismus" eines Henry David Thoreau oder Benjamin Tucker, aber auch der Anarchokommunismus eines Johann Most oder Emma Goldmann, wobei die Übergänge in die direkten Aktionen durch "Propaganda der Tat" da oft fließend waren.

Hier kann auch Luigi Galleani genannt werden, der die Broschüre "Subversive Chronik" herausgab. Acht Seiten Religions-und Kapitalismuskritik , aber auch Anleitung zur Herstellung von Bomben. Eine Gruppe mit Namen "Freunde Galleanis" – die so genannten Galleanisten – wurden dann auch verdächtigt, 1920 einen Bombenanschlag in der Wallstreet durchgeführt zu haben.

"Berthas" Kreise waren kleine, locker miteinander in Verbindung stehende temporäre autonome Zonen, Kooperativen und Landkommunen. Hier lernte "Bertha" Steno und Schreibmaschine mit 61 anderen Kindern. In einer alten Scheune lesen sie Werke von William Morris und Oscar Wilde, hören von der Ausbeutung im Kapitalismus.

"Berthas" Neugierde und Unruhe aber treibt sie auf die Wanderschaft. Sie wird eine Hobo, eine "Schwester der Strasse".

"Wir alle reisten natürlich, ohne was zu bezahlen. Die Eisenbahn bestahl die Arbeiter, also bestahlen wir die Eisenbahn."

Eine große Rolle dabei spielten die besitzlosen Wanderarbeiter, die Millionen von Heimatlosen, die in den Güterzügen von einer Industriestadt in die andere zogen. Die meisten von ihnen Männer, die sich in Bergwerken, Holzfällerlagern oder Gemüsefeldern verkauften. Sie bauten Eisenbahnen, brachen Mineralien aus den Bergen oder pflügten die Felder.

Organisiert waren die meisten von ihnen in der "Industrial Workers of the World" (IWW), die ihnen Schutz und Solidarität ermöglichte. Durch diese Organisation gelang es vielen Hobos, gefahrlos durch das Land zu fahren. Nach einigen "klaren" Worten wurde der Mitgliedsausweis der IWW als "Fahrkarte" akzeptiert.

Die IWW repräsentierte einen eigenständigen Weg in der Geschichte der nordamerikanischen Arbeiterbewegung und blickt auf eine lange, lebendige Geschichte zurück. Gegründet 1905, spielte sie bis 1923 die entscheidende Rolle bei zahllosen spektakulären Streiks.

Sie sah und sieht sich als die "One Big Union" und hatte immer Elemente des Anarchismus und des revolutionären Syndikalismus.

Neben Mother Jones und "Big" Bill Haywood wurde vor allem Joe Hill bekannt, ein Agitator und Volkssänger, der 1915 in Salt Lake City durch ein konstruiertes Justizurteil vom Staat hingerichtet wurde. Von ihm stammen viele der Folksongs, die im Songbook der IWW zusammengefasst sind. Weitere bekannte Mitglieder Emma Goldmann und Sam Dolgoff, den wir unter anderem als Autor des Buches "Leuchtfeuer in der Karibik – Libertäre Betrachtungen der kubanischen Revolution" kennen.

Die IWW setzte sich im Gegensatz zu den anderen Gewerkschaften auch für Immigranten ein. Zeitschriften in den verschiedensten Sprachen wurden herausgegeben. Auch bei den schwarzen Arbeiter*innen war die IWW aktiv.

Mit dem Slogan "No race, no creed, no color" wurde bis in den tiefsten Süden hinein propagiert.

Die weit verbreitete Ansicht der größeren Gewerkschaftsverbände, Frauen ließen sich nicht organisieren und streiken nicht, widerlegten die Frauen selber auf vielfältige und eindrückliche Weise. War schon in den Jahren zuvor die gefährlichste Frau Amerikas, Mother Jones, mehrmals festgenommen und wochenlang inhaftiert worden, so waren es nun die Frauen, die "Rebel Girls", wie Queen Silver oder Elisabeth Gurley Flynn, die Ortsgruppen leiteten und Kampagnen iniierten.

Boxcar "Bertha" beschreibt in ihren Aufzeichnungen eine Begegnung mit Lucy Parsons, Anarchokommunistin und Witwe von Albert Parsons, der 1887 mit sieben anderen Anarchisten gehängt worden war. "Ihre Haut war olivenfarben wie bei einer Mexikanerin. Später erfuhr ich, dass ihr Vater reinrassiger Indianer gewesen war. Das war ungeheuer aufregend für mich, wenn sie Reden verlas. Reden, die die Anarchisten von Chicago damals vor Gericht gehalten hatten."

Diese Treffen fand oft in den so genannten "Hobo-Universitäten" statt. In gemieteten alten Ställen sprachen Professoren und Arbeiterführer*innen . Radikale Denker diskutierten, Schauspieler traten auf, Schriftsteller lasen aus ihren Werken.

Die Geschichte von Boxcar "Bertha" ist vor allem eine Geschichte von Frauen – Frauen von unten, in das Elend gezwungen und Frauen, die sich weigerten, ein bürgerliches Leben zu führen. "Ich stellte fest, dass eine ganze Armee von Frauen auf die Reise gegangen war. Junge Frauen, Größenteils zu unruhig und zu neugierig als dass sie lange an einem Ort bleiben konnten. Für mich ein Sinnbild der Freiheit. Bücher, Reisen und freie Wahl der Partner und Hass auf den Kapitalismus."

Das Jahr 1919 gehört zu den Militantesten in der Geschichte der amerikanischen Arbeiter*innenbewegung. Über 4 Millionen befanden sich in über 3000 Streiks das ganze Jahr über in Aufruhr. Die Lebenshaltungskosten waren in den letzten Jahren um 112 % gestiegen und konnten durch die immer geringer werdenden Löhne nicht mehr aufgefangen werden. Am schlimmsten traf es die schwarzen Arbeiter. Waren sie die ersten, die entlassen wurden, wurden sie dazu noch in überfüllten, elendigen Unterkünften zusammengepfercht, für die sie auch noch viel zahlen mussten. Brachen sie aus, versuchten sie, ihr Leben zu verändern, wurden sie regelmäßig Opfer von Angriffen durch Straßenterror oder Lynchjustiz des Klan.

Von Mai bis September gab es verschärft rassistische Krawalle und Morde. Aber nun wehrten sich die Überfallenen zum ersten Mal, schlugen zurück. "Zusammen stehen wir dem mörderischen feigen Pack gegenüber, gedrückt zur Wand, sterbend zwar, aber zurückschlagend." (Claude McKay)

Am 29.Oktober 1929 brach der Aktienmarkt zusammen. Fast 6000 Banken waren zahlungsunfähig. Massenentlassungen, Lohnkürzungen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von drei Millionen im Jahre 1930 auf 15 Millionen 1933.

Die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich vor allem für die Frauen, erkämpfte Verbesserungen wurden von den Unternehmern offen missachtet, vor allem Arbeiterinnen mexikanischer Herkunft und schwarze Frauen arbeiteten von 5 Uhr morgens bis abends um 17.30 Uhr, um 5 Cent zu verdienen, die Körper vom Hunger ausgehöhlt – es ist, wie der Dichter Langston Hughes sagt: "Die Depression holt alle ein oder zwei Sprossen von der Leiter runter und wir Schwarze hatten vorher nur eine oder zwei geschafft."

"Ich bin eine schwarze Arbeiterin, die schon alle Arbeiten gemacht hat – die schmutzigsten und schwersten. Nun sagt der Boss, ich kann gehen – weiße Frauen machen nun die Arbeit."

1932 erhielt nur ein Viertel der Erwerbslosen irgendeine Form von Unterstützung. Nun taten sich schwarze und weiße Erwerbslose zusammen und organisierten sich in "Arbeitslosenräten". Mit der Losung "Verhungern oder kämpfen" wurde am 6. März 1930 zum ersten Mal zu einem Hungermarsch aufgerufen.

"Ich kam auf die Michiganavenue und geriet in einen Hungermarsch. Was für ein Anblick! Meilen und Abermeilen von Menschen 20 – 25 nebeneinander. Sie trugen Spruchbänder, ließen ihre Forderungen in Sprechchören laut werden. Sie sangen und marschierten vorbei mit einem fest entschlossenen Gesicht. Die zerschlissenen Kleider hingen wie Lumpen an ihnen. Es waren Frauen darunter, mehr als die Hälfte waren Frauen. Alte, Junge, Kräftige und solche, die nur noch krochen – sie zogen in einem endlosen Strom vorüber, ein düster-grauer Streifen – auf den Bürgersteigen, auf der Strasse – ich mittendrin. Wir marschierten und marschierten, bis ich überwältigt war von einem unbestimmten, aber unmissverständlichen und erregenden Gefühl der eigenen Macht."

Doch die Regierung reagierte sofort. Demonstranten und Unbeteiligte wurden von berittenen Polizisten geschlagen und gestoßen, niedergeknüppelt oder zu Boden geworfen. Frauen mit Totschlägern ins Gesicht geschlagen. Als sie am Boden lagen, wurden sie getreten, als sie versuchten, sich aufzurichten, bespuckt und als `kommunistische Hure´ angeschrieen, verprügelt.

Weitere Hungermärsche fanden im Dezember 1931 und 1932 statt.

Nach der Wahl von Roosevelt zum Präsidenten versuchte das Konjunkturprogramm "New Deal" einen Umbruch in der (nord)amerikanischen Wirtschaft. Dieses massive Eingreifen des Staates in die Wirtschaft wird z.Zt. wieder von vielen gefordert – damals gab es jedoch ziemlich schnell Stimmen, die von einem "Shit Deal" redeten. Die gesetzlich verankerten Regelungen mussten immer wieder aufs Neue gegen die Unternehmer und die von ihnen beeinflussten Gerichte verteidigt werden. So wurde das "NIRA" , das "Nationale Gesetz zum industriellen Aufschwung" , sozusagen das Konjunkturprogramm, zum einen im Wesentlichen durch den Obersten Gerichtshof als"verfassungswidrig" eingeschätzt, zum anderen zwang es die Arbeiter*innen in unternehmerfreundliche Gewerkschaften, wie z.B. in die AFL, deren Aufgabe es war, eine wirkliche, revolutionäre Arbeiterbewegung zu verhindern.

Die Streiks in dieser Zeit führten jedoch zu einer Reihe von quantitativen und qualitativen Veränderungen. 1934 nahm die Streikwelle und deren Militanz zu. Die größte Aktion war der Streik von 450.000 Textilarbeiter*innen, in dessen Verlauf 16 Streikposten getötet wurden.

In den nächsten vier Jahren wurden bei weiteren Auseinandersetzungen etwa 100 Arbeiter*innen umgebracht.

Insgesamt 15 Jahre reiste Boxcar Bertha in den Güterwaggons kreuz und quer. Eine von 300 000 Frauen. Danach erarbeitete sie mit Gleichgesinnten bei einem Hobotreffen bessere Lebensbedingungen für eben diese Frauen aus.

"Jedes Rathaus sollte für die reisenden Frauen Räumlichkeiten bereithalten Es sollte eine Küche geben und auch eine Bibliothek mit Büchern und Zeitschriften, spezielle für Frauen. Es sollte eine Beraterin geben in Fragen der Geldnot, der Liebe und der Schwangerschaft."

Boxcar Bertha stand dabei stellvertretend vor allem für die radikalen Frauen, die nicht nur von einer besseren Welt träumten:

"Zum Teufel mit dieser Gesellschaft. Wir müssen sie irgendwie zerstören, wenn wir Diebe, Huren und Sklavinnen werden müssen nur um zu überleben. Die einzige Hoffnung, die wir noch sehen, liegt darin, dass wir uns alle weigern, dieses Los zu akzeptieren."

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2011/11/16/rebel-girls-hobos-und-der-new-deal/


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS