Das Leben ist mehr als nur ein Attentat - Simon Radowitzky

“Ich bringe hier für Simón dieses Bündel Blumen aus dem Garten der Schmerzen. der Seele und des Herzens: ich bringe für jenen mutigen und entschlossenen Mann dieses Bündel, gemacht mit den Fasern der Seele , in einem ruhelosen Moment, des überzeugten Rebellen”

Die soziale Tragödie...

Der 1. Mai 1909 in Buenos Aires war wohl ein kalter, wenn auch sonniger Tag. Am Nachmittag begann sich die Plaza Lorea mit immer mehr Menschen zu füllen, aufgerufen von der anarchosyndikalistischen „Federacion Obrera Regional Argentina“ (FORA), so wie an diesem Tag in der ganzen Welt dazu aufgerufen wurde, den „Märtyrern von Chicago“ zu gedenken, zu fordern und nicht mehr zu bitten. Auf der Avenida de Mayo überwachte eine berittene Polizeisperre den Aufmarsch, flankiert von einem einzelnen Auto. Darin der Polizeichef von Buenos Aires, Ramón L. Falcón. Als Leutnant hatte er gegen aufständische Indigene gekämpft, auch den Arbeiter*innen auf der Plaza Lorea war er kein Unbekannter – 1906 hatte er auf Menschen bei einem Hungermarsch schießen lassen, es gab Tote und Verletzte. Nun flogen einige Steine in seine Richtung. Fast schon provozierend ruhig stieg Falcón aus und mit den Worten, dass nun endlich mit allen Anarchisten in Buenos Aires Schluss sein muss, gab er den Befehl zum Angriff. Fast unmittelbar darauf preschten die Pferde nach vorn, die Polizisten schossen in die Menge der Demonstranten. 11 Tote und 40Verletzte, dabei viele Kinder blieben zurück. Ein Zeuge, der Sozialist Dardo Cuneo, wenige Blocks entfernt, berichtete später: „Unter denen, die von der Plaza Lorea mit der Nachricht über das Morden ankamen, war auch ein Mann, der in seiner Hand einen blutbefleckten Schal trug. Dies sei das Blut seiner Brüder und Schwestern, die heute getötet wurden, sagte er mit einem ausländischen Akzent. Später entdeckte ich sein Foto in einer Zeitung wieder – er hieß Simon Radowitzky“.

Szymon Radowicki (besser bekannt als Simon Radowitzky) wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 1891 in eine Arbeiterfamilie der jüdischen Gemeinde des kleinen ukrainischen Dorfs Stepanice (Wolhynien) geboren. Zu Beginn des 19.Jh. lebten fast 400 000 Menschen jüdischer Herkunft in der Ukraine, vor allem in Galizien oder wie hier in Wolhynien, wo sich in dieser Zeit der Chassidismus stark entwickelte.

Die Familie zog bald darauf nach Jekaterinoslaw (heute: Dnipropetrowsk) ins Zentrum der Ukraine. Die Stadt erlebte in dieser Zeit vor allem durch den Bau der Eisenbahn Richtung Krim ein schnelles Wachstum der Industrie und versprach Hoffnung auf eine bessere Zukunft und eine gute Ausbildung für die Kinder. Szymon lernte dort zumindest die elementaren Kenntnisse des Lesens, Schreibens und der Mathematik, musste aber dann schon mit 10 Jahren die Schule abbrechen. Die wachsende Armut seiner Familie zwang ihn in die Lehre einer Schmiede, wo er auch der Zeit entsprechend wohnte. Dort arbeitete er von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. Schlafen musste er unter dem Esstisch seines Meisters und hier hörte er in den Gesprächen mit der Tochter der Familie zum ersten Mal von sozialrevolutionären Ideen.

1904, Szymon hatte gerade die Arbeit in einem Eisenwerk angenommen, streikten die Arbeiter für eine Arbeitszeitverkürzung auf 10(!) Stunden. Ohne sich dafür die Genehmigung der Behörden zu holen versammelten sie sich auf dem zentralen Platz von Jekaterinoslaw. Die Kosaken (da schon in die russische Armee integriert) umstellten den Platz, schnell kam es zu heftigen Zusammenstössen mit den Streikenden. Dabei wurde Szymon durch einen Säbel so schwer verletzt, dass er sechs Monate lang im Bett bleiben musste. In dieser Zeit wurde er Anarchist.

„Im Grunde wusste ich wenig von den verschiedenen revolutionären Theorien innerhalb der Arbeiterbewegung. Eher intuitiv entschied ich mich für die radikalsten der Kameraden. Bei ihnen fand ich Verständnis für meine Sehnsucht für soziale Veränderungen zu kämpfen. Sie, die Anarchisten, kamen zu jedem von uns, redeten von der eigenen Freiheit und dem gemeinsamen Handeln für die allgemeine Emanzipation. Eine solche Lehre stimmte mit meinem Temperament überein und überzeugte mich voll. Mit Gefühl und Überzeugung wurde ich nun ein Enthusiast der Freiheit und hatte eigentlich schon instinktiv immer zur anarchistischen Bewegung gehört, ohne von seiner Existenz vorher gewusst zu haben. Meine Teilnahme an den sozialen Kämpfen war völlig spontan, aus meiner Liebe zur Freiheit und dem Drang zu revolutionären Tätigkeiten inspiriert.“

Für das Verteilen von Flugblättern wird er festgenommen und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Hier lernt er den Anarchisten Zuberov Fedosey kennen. Als Zuberov später erneut verhaftet wurde und ihm die Verbannung nach Sibirien drohte, wählte er den Freitod. Lieber sterben als ein Sklave werden, diese Worte seines Freundes begleiteten Szymon ein Leben lang.

1905, inmitten der revolutionären Ereignisse, wird er mit 15 Jahren zum zweiten Sekretär eines Fabrikrates gewählt. In der anschließenden Repression, die diesen revolutionären Ereignissen folgte, blieb Szymon erst einmal unbehelligt. Doch die für ihn unerträgliche Arroganz und Willkür des Militärs ließ ihn nicht ruhen. Als ein Soldat mittags auf einem öffentlichen Platz anfing, Umstehende zu beleidigen und einzuschüchtern, nahm ihm Szymon Pistole und Schwert ab und versteckte die Waffen in der Fabrik. Er wurde einige Tage später denunziert und zu drei Jahren Deportation verurteilt. Dank seines Alters, er war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt, blieb er nur sechs Monate im Gefängnis von Jekaterinoslaw.

Der Terror der Repression hatte auch in Jekaterinoslaw viele Arbeiter paralysiert, ihnen die Fähigkeit genommen zu kämpfen. Doch Syzmon hatte das Wort Angst lange schon aus seinem Sprachgebrauch gestrichen. Auch unter dem Eindruck des „Blutsonntags“ vom Januar letzten Jahres in St.Petersburg drängte sein ganzes Wesen nach einer gemeinsamen Aktion, um `den Despoten zu zeigen, wozu die Menschen fähig sind, wenn sie sich nach echter Freiheit sehnen´.

„Meine Gedanken waren nur auf ein Ziel ausgerichtet: die Arbeiter zu einem Protest gegen die Brutalität des Regimes zu versammeln. Ich fühlte mich stark genug, um schnell zu entscheiden. Ich holte eine Pistole aus der Fabrik, betrat den Heizungsraum und zwang den Feuerwehrmann die Sirene zu betätigen. Das war das verabredete Zeichen, um einen Streik zu beginnen. Meine Hoffnungen erfüllten sich: viele Arbeiter, die das Signal erwartet hatten, verließen das Werk und begannen eine Demonstration, der sich mehr und mehr Arbeiter anschlossen. Es wurde ein Generalstreik ausgerufen. Es war genial. Nun brachten auch die Arbeiter von Jekaterinoslaw endlich ihren Protest gegen die Tötung ihrer Brüder und Schwestern in Petersburg zum Ausdruck.“

Die Polizei begann die Suche nach den Initiatoren des Streiks und stieß schnell auf Szymon. Nun drohte die Deportation nach Sibirien. Freunde halfen ihm mit gefälschten Dokumenten und auf einem Dampfer fuhr er von Riga aus ins Exil nach Argentinien.

Hinter ihm ein Land in Ketten, die Mehrheit unterdrückt und ausgebeutet die Arbeiter*innen und Bauern. Vor ihm ein unbekanntes Land, hoch gepriesen mit seinen Freiheiten und unbegrenzten Möglichkeiten.

Im März 1908 kommt er nach Argentinien und findet Arbeit in Campana (75 km von Buenos Aires) als Mechaniker bei der Eisenbahn. Er liest die anarchistische Presse, vor allem „La Protesta“, die Zeitung der anarchosyndikalistischen FORA, trifft sich mit anderen Exilanarchisten, wohnt mit ihnen später in Buenos Aires zusammen.

Am 1. Mai 1909 begibt sich Simon Radowitzky zum Plaza Lorea im Stadtteil Balvanera von Buenos Aires, um an der Demonstration der „FORA“ teilzunehmen.

...und die individuelle Aktion

Am 14.November 1909 verlässt Oberst Ramon Falcon mittags den Nordfriedhof im Stadtteil Recoleta von Buenos Aires, dem Stadtviertel der Oberschicht. wo er an einem Begräbnis des Direktors des Staatsgefängnisses Antonio Balivé teilgenommen hatte. Es ist der Oberst Ramon Falcon, der am 1.Mai auf die Menge der Demonstranten schießen ließ wie auch drei Tage später bei einem Begräbnis der Opfer die Polizisten auf die Trauernden hetzt. Viele wurden dabei verletzt, hunderte verhaftet.

Falcon begibt sich mit einem Assistenten in die Avenida Callao, wo er seine Pferdekutsche abgestellt hatte. An einer Kreuzung zur Avenida Quintana wartet Simon Radowitzky mit einem Päckchen in der Hand. Das Päckchen enthält eine Bombe, die er selbst in der Fabrik hergestellt hatte – die anschließende Explosion trifft den Oberst und seinen Assistenten gleichermaßen. Beide sterben noch am gleichen Tag.

Simon wird beim Versuch zu flüchten festgenommen. Ein Suizidversuch scheitert, die Kugel, die er sich selber zugedacht hat, trifft ihn unterhalb der rechten Brustwarze. „Es lebe die Anarchie. Ich bin ein Nichts, aber ich habe für jeden von euch eine Bombe.“

Bei der Gerichtsverhandlung erklärte er, dass er allein gehandelt habe, keine(r) davon wusste und er bereit sei, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

„Ich tötete, weil Oberst Falcon, der Chef der argentinischen Kosaken, bei der 1. Mai Demonstration das Massaker gegen die Arbeiter befahl. Ich bin ein Sohn der arbeitenden Bevölkerung, Bruder der im Kampf gegen die Bourgeoisie Getöteten und wie viele andere litt auch ich an der Qual derjenigen, die an diesem Nachmittag starben.“

Wenn das kollektive Denken versagt, muss das individuelle Gewissen reden, fügte er später bei einem Gespräch mit Augustin Souchy hinzu. Dieser schreibt in seinem Nachruf „Ein Leben für ein Ideal“ 1956: „Gewalt war für ihn nicht Selbstzweck… Er hatte geistig nichts zu tun mit den fanatischen Attentätern unserer Tage, die bei der Verfolgung ihrer Ziele das Leben Unschuldiger nicht schonen. Sein einmaliger Vergeltungsakt war die Bestrafung eines unter dem Schutz der Staatsgewalt stehenden Schuldigen. Von Attentätern seines Schlages hat kein Volk etwas zu befürchten, das die Freiheit und den Frieden liebt“

Simon Radowitzky entgeht dem Erschiessungskommando, weil er zum Zeitpunkt der Tat 18 Jahre jung ist. Stattdessen verschwindet er zwei Jahre im „rattenverseuchten Labyrinth aus Eisenbeton“ des Staatsgefängnisses. Eines Nachts wird er mit anderen Gefangenen mit einem Frachter nach Ushuaia gebracht, in den Süden Patagoniens. Zum Tierra del Fuego – dem Ende der Welt.

Das verdammte Gefängnis

1902 wird der Grundstein für das Gefängnis in Ushuaia gelegt. Anderthalb Meter Raum für jeden Gefangenen, oft für zwei. Keine Belüftung und permanente Feuchtigkeit korrespondieren mit der grausamen Brutalität durch die Gefängniswärter. Schläge waren an der Tagesordnung, oft mussten sich die Gefangenen nackt ausziehen, wurden mit Eimern eisigen Wassers gequält. Eine Besonderheit war für die Wärter ein makabres Wettrennen der Gefangenen. Dabei wurde am Ende einer Strecke eine Fahne gesteckt und zwei Gefangene durch Peitschenhiebe gezwungen, gegeneinander zu laufen. Für die Gefangenen war Ushuaia der Ort wo der „Tod im Leben der schlimmste Tod ist“

Sein Aufenthalt im Gefängnis von Ushuaia ertrug Simon mit einer Mischung aus Stoizismus und Mut. Selbst die Einzelhaft, wo er in engen Zellen nur knien oder hocken konnte, entlockte ihm ein Lächeln, was die anderen Gefangenen anrührte und die Gefängnisverwaltung in einen mörderischen Hass trieb. Diese Stärke und Würde, mit der er alle Brutalitäten annahm, beeinflusste viele der Gefangenen, oft Diebe und Mörder, er wird so etwas wie ein Lehrer, organisiert Hungerstreiks und erzählt von den sozialen Kämpfen draußen Eine Fotografie aus dieser Zeit gibt etwas von dieser Stärke wieder. 155 ist seine Gefangenennummer.

„Seit insgesamt 11 Jahre bin ich nun im Gefängnis. Ich kann Ihnen versichern, dass ich bisher keinerlei Reue verspüre. Niemals habe ich hier einem anderen Unrecht getan, sondern immer auf die Würde geachtet und die daraus erwachsenden Möglichkeiten mit den anderen Gefangenen, dessen sich ein Anarchist niemals schämen muss.“

Der Hass der Administration entlädt sich. 1918 wird er zuerst von dem stellvertretenden Gouverneur, anschließend von drei Wächtern vergewaltigt. Anschließend schlagen sie auf seinen Kopf, zerfetzen mit Messern und Peitschenhieben seinen Rücken. Seine Freunde in Buenos Aires erfahren davon und veröffentlichen den Vorfall unter dem Titel „La Sodomia Fueguina“. Längst ist Simon als Märtyrer gefeiert, auf den Mauern der Hauptstadt wird die Freiheit für Simon Radowitzky gefordert.

Zeit, dies in die Tat umzusetzen. Die anschließende Befreiungsaktion wird sehr schön und ausführlich in dem Buch von Horst Stowasser „Leben ohne Staat und Chef“ beschrieben, so dass wir uns hier darauf beschränken können, dass sie letzten Endes dann doch scheitert. Bis 1930 bleibt Simon Radowitzky in Ushuaia.

Er kommt im Rahmen einer Amnestie frei, wird aber nach Uruguay abgeschoben. wo er wieder als Mechaniker arbeitete. Doch 1934 wird Gabriel Terra Präsident und unterwirft das Land einer Diktatur. Die sozialen Reformen werden zurückgenommen, politische Gegner inhaftiert, „unerwünschte Ausländer“ verfolgt, drangsaliert und abgeschoben.

Simon wird auf die Isla de Flores im Rio de la Plata deportiert, auch dort unter katastrophalen Bedingungen. Zwei Jahre später entscheidet er sich freiwillig für die Ausreise, geht nach Spanien an die Aragonfront, kämpft dort mit dem Anarchosyndikalisten Gregorio Jover Cortés, den er später in Mexiko wieder treffen wird und Antonio Casanova, Mitbegründer der „Federacion Anarco Comunista Argentina (FACA)“ gegen die Faschisten.

Mit dem Sieg Francos muss er, da schon sichtbar u.a. durch Tuberkulose geschwächt, mit vielen anderen nach Frankreich flüchten („La Retirada“), wird im KZ St. Cyprien interniert. Dort musste er wie alle anderen auf dem blanken Erdboden schlafen. Viele kamen später in die Internierungslager Gurs oder wurden nach Auschwitz verschleppt. Einem Arzt gelingt es, Simon über Montpellier und Belgien schließlich mit kubanischen Papieren nach Mexiko zu bringen.

Von 1940 an lebte er dort als Raúl Goméz, wo er in einer Fabrik für Kinderspielzeug arbeitete und anarchistische Zeitungen herausgab. 1956 stirbt Simon Radowitzky in Mexiko D.F.

„Die Anarchisten, die wirklichen Anarchisten, sind Menschen, die heute leben aber schon die Menschen von morgen verkörpern. Von diesen Anarchisten, den wirklichen Anarchisten, gibt es nicht viele, aber es gab sie und wird sie geben... Simon war dieser, mit Körper und Seele, in der Realität wie im Traum: ein Anarchist.“ (Federica Montseny)

Eine Gedenktafel an der Avenida Quintana erinnert an den Oberst Ramon Falcon, eine weitere am Ende der Allee, Strassen wurden nach ihm benannt. Bis 2011 trug das Bildungsinstitut der argentinischen Nationpolizei seinen Namen. Ramon Falcon geboren in einem Palast, geschaukelt in einer weißen Wiege, ein guter Soldat, ein Professor des Krieges, Oberst der Nation, ein Leben nur für die Lawinen des Todes. Irgendeine(r) hat auf das Podest der Statue geschrieben: „Es lebe Simon“

Simon Radowitzky, geboren in einem Slum in irgendeinem Ort irgendeines Kontinents. Ohne Nation dafür die Heimat einer universellen Familie ohne Sklaven ohne Herren frei von Gesetz frei von Eigentum

Ein Leben mehr als nur ein Attentat.

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2012/06/24/das-leben-ist-mehr-als-nur-ein-attentat-simon-radowitzky/


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