Alan MacSimóin - Ricardo Flores Magón. Leben und Wirken eines mexikanischen Anarchisten

Innerhalb des modernen Mexiko ist der Name von Ricardo Flores Magón recht bekannt. Doch außerhalb von Mexiko haben nur wenige Menschen etwas von ihm gehört. In eine arme Familie im Jahre 1873 geboren, wurde er, nachdem er die Schule beendet hatte, Journalist bei der Oppositionszeitung „El Demócrata“. 1900 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Jesús „Regeneración“, eine radikale Zeitung, die sich gegen die Diktatur von Porfirio Diaz wandte.

Nach seiner Entlassung nach einem zweiten Gefängnisurteil, das aus seinem kampagnenhaften Journalismus hervorgegangen war, emigrierte er über die Grenze in die USA. Trotz kontinuierlicher Verfolgung und Inhaftierung durch die US-Autoritäten (auf Betreiben der mexikanischen Diktatur, die einen Preis von 20.000 Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt hatte, nachdem er nicht mit dem Angebot eines Platzes in der Regierung abgefunden werden konnte) wurde er nicht zum Schweigen gebracht.

1905 gründete Magón die Mexikanische Liberale Partei (PLM), eine reformistische Organisation, die sich gegen die Exzesse des Regimes stellte und zwei erfolglose Aufstände gegen Diaz in den Jahren 1906 und 1908 organisierte. Während seiner frühen Jahre des Exils lernte er die legendäre Anarchistin Emma Goldman kennen, und es war zum Teil durch sie begründet, dass er sich vom Reformismus abwandte und Anarchist wurde.

Seit dem Ausbruch der Revolution von 1910, der er und die PLM mehr als irgendeine Gruppe oder Person den Weg gebahnt hatten, widmete er den Rest seines Lebens der anarchistischen „Sache“. Durch den Einfluss seiner Ideen wurden große Landstücke durch Bäuerinnen und Bauern enteignet und unter dem Banner von „Land und Freiheit“, dem Motto der PLM, gemeinschaftlich bearbeitet. Dieses Motto wurde später von Emiliano Zapata übernommen, dessen Vermächtnis heute die EZLN-RebellInnen in Südmexiko inspiriert. Als die Revolution am 20. November 1910 begann, fasste Magón die Ziele der PLM zusammen:

„Die Liberale Partei arbeitet für das Wohl der armen Klassen des mexikanischen Volkes. Sie drängt ihm keinen Kandidat auf (bei der Präsidentschaftswahl), weil sie sich dem Willen des Volkes verpflichtet fühlt, die Frage zu klären: Will das Volk einen Herrscher? Nun, lasst sie jemanden wählen. Alles, was die Liberale Partei wünscht, ist, eine Veränderung des Geistes der gequälten Menschen zu bewirken, so dass jeder Mann und jede Frau weiß, dass niemand das Recht hat, irgend jemanden auszubeuten.“

Vierzehn Tage später erklärte er den Unterschied zwischen der PLM und den anderen oppositionellen Bewegungen: „Regierungen müssen das Recht des Eigentums über allen anderen Rechten schützen. Erwartet also nicht, dass Madero [liberaler Reformist, Anm. d. Ü.] das Eigentumsrecht zugunsten der ArbeiterInnenklasse attackieren wird. Öffnet Eure Augen. Merkt Euch eine Redewendung, so einfach und wahr, und auch wie die Wahrheit unzerstörbar: Die Emanzipation der ArbeiterInnen muss das Werk der ArbeiterInnen selbst sein.“

Im Januar kämpften PLM-Kräfte in sechs Staaten von Mexiko. Größere Städte wie auch ländliche Areale wurden durch die AnarchistInnen befreit. Im März erhob sich eine Bauernarmee, geführt von Zapata und beeinflusst durch die Magónistas in Morelos. Zu diesem Zeitpunkt wandte die nationale Opposition von Madero die Gewehre von Diaz ́ Truppen ab und begann, die AnarchistInnen der PLM anzugreifen. Im April publizierte die PLM ein Manifest „an die Mitglieder der Partei, an die AnarchistInnen der Welt und an die ArbeiterInnen generell“.

Gewaltige Mengen wurden in Spanisch und Englisch produziert, um ihre Haltung zur Revolution zu erklären. „Die Mexikanische Liberale Partei kämpft nicht dafür, die Diktatur Porfirio Diaz’ zu zerstören, um dann an seine Stelle einen neuen Tyrannen zu setzen. Die PLM nimmt an dem wirklichen Aufstand teil, mit der wohlüberlegten und festen Absicht, das Land und die Produktionsmittel zu enteignen und dem Volk auszuhändigen, welches jeder einzelne Einwohner von Mexiko ist, ohne eine Unterscheidung des Geschlechts. Diesen Akt sehen wir als unentbehrlich an, um die Tore für eine wirkungsvolle Emanzipation des mexikanischen Volkes zu öffnen.“

Im massiv analphabetischen Mexiko, wo viele Dörfer nur über eine Handvoll von Menschen verfügten, die lesen konnten, erreichte die Zirkulation von „Regeneración“ 27.000 Stück pro Woche. Als Tijuana im Mai befreit wurde, kam ein Großteil von Baja California [nördlicher mexikanischer Bundesstaat] unter PLM-Einfluss. Sie veröffentlichten ein Manifest: „Nehmt Besitz von dem Land ... lebt ein freies und glückliches Leben ohne Herren oder Tyrannen.“

In diesem Monat unterzeichnete Madero ein Friedensabkommen mit Diaz und übernahm die Macht als Präsident von Mexiko. Militärische Attacken auf die PLM nahmen zu und Städte wurden von Regierungstruppen zurückerobert. Gefangene wurden vom neuen Regime ermordet, manchmal, nachdem sie dazu angehalten worden waren, ihre eigenen Gräber auszuheben. Auf einem Treffen in Los Angeles wurde Magón gefragt, ob er den Vertrag anerkenne, er antwortete jedoch: „ ...bis das Land an die Bäuerinnen und Bauern verteilt wurde und die Instrumente der Produktion in den Händen der ArbeiterInnen liegen, werden die Liberalen niemals ihre Waffen niederlegen.“

Gemeinsam mit vielen führenden PLM-OrganisatorInnen wurde Magón (erneut) von den US-Autoritäten festgenommen. Die Aufständischen wurden als „Banditen“ verleumdet und die Repression erreichte neue Höhepunkte, sowohl in Mexiko als auch den USA. Trotz der Rückschläge, verursacht durch ihre relativ kleine Größe in einem gigantischen Land, trotz der Angriffe, die sie durch die Armeen zweier Länder erlitten und trotz der fürchterlichen Rache der Reichen und ihrer Agenten brachen neue Aufstände in Senora, Durango und Coahuila aus.

Die Unterstützung ihrer Ideen war so groß, dass sich sogar der konservative britische TUC [britischer Gewerkschaftsverband, Anm.d.Ü.] verpflichtet fühlte, Honore Jaxon, den Schatzmeister und europäischen Repräsentanten der PLM, 1911 zu seiner Konferenz einzuladen. Eine besonders erwähnenswerte Solidaritätsaktion stellte der 24-Stunden-Streik zweier Armee-Einheiten in Portugal dar, die gegen die Festnahme von PLM-Militanten durch die US-Regierung protestierten.

Ein neues Manifest, das den Anarchismus der PLM betonte, wurde im September publiziert: „Dieselbe Anstrengung und dieselben Opfer, die notwendig sind, um einen neuen Herrscher — einen Tyrann — aufzurichten, werden die Enteignung des Wohlstands, den die Reichen Euch vorenthalten, erfordern. Es liegt dann an Euch, zu wählen. Entweder ein neuer Herrscher — also ein neues Joch — oder Leben, das die Enteignung durchsetzt und die Abschaffung aller Ausnutzung — religiös, politisch, oder jeder anderen Art — erfüllt.“ Die Rebellionen der PLM und der Zapatistas dauerten noch bis 1919 an, doch ihre Anzahl und die unangemessene Bewaffnung reichten nicht aus, um die staatlichen Kräfte zu besiegen.

Wie auch immer, es war nicht alles vergeblich. 1922 wurde in Mexiko-Stadt die anarchistische Gewerkschaft CGT gegründet, und heute kann der Aufstand im Staat Chiapas — zumindest teilweise — als eine Fortführung von Magóns Kampf betrachtet werden.

Während der folgenden Jahre kämpfte Magón gegen sogenannte „revolutionäre Regime“, wobei er sowohl gegen die alten als auch die neuen Diktaturen mit derselben Energie Widerstand leistete. Nachdem er von den US-Autoritäten 1905, 1907 und 1912 festgenommen worden war, wurde er 1918 aufgrund des Spionagegesetzes schließlich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb, nachdem er offensichtlich an mehreren Schlägen gelitten hatte, am 22. November 1922 im Leavenworth-Gefängnis in Kansas, USA. Als sein Leichnam zurück über die Grenze gebracht wurde, war jede Stadt, in der der Leichenzug stoppte, mit den roten und schwarzen Fahnen des Anarchismus geschmückt. In Mexiko-Stadt eskortierten 10.000 ArbeiterInnen seinen Leichnam nach Panteon Frances, wo er begraben liegt.

Alan MacSimóin

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Die heutige Relevanz des Magonismus. Interview mit Carlos Beas, UCIZONI (Union der Indigenen Gemeinden der Nordzone des Isthmus), Oaxaca, Mexiko

Warum ist Ricardo Flores Magón eine bedeutende Persönlichkeit der Geschichte?

Die Person und das Denken von Ricardo Flores Magón wurden über viele Jahre von den machthabenden Gruppen, die die sogenannte offizielle Geschichte geschrieben haben, versteckt und verzerrt. Die Regierung von Diktator Diaz verbreitete 1911 beispielsweise die Information, dass es eine Pirateninvasion in Baja California gegeben habe, um die Guerilla- Offensive der Magonistas, Indígenas und Internationalistas der IWW (Industrial Workers of the World) zu delegitimieren.

Mehr als 70 Jahre lang benutzte die PRI-Regierung die Figur von Ricardo — wie die von Zapata und Villa —, um sich selbst eine historische Stütze zu verleihen. Über viele Jahre hinweg haben sich einige kleine Gruppen von Rebellen, Indígena-, Campesino- und unabhängigen Gewerkschaftsorganisationen zum Denken von Ricardo bekannt, und retteten so wichtige Magonistas wie Praxedis G. Guerrero und Librado Rivera vor dem Vergessen.

Mit Beginn der 68er-Bewegung wurde Ricardo als Beispiel für einen nicht korrumpierbaren sozialen Kämpfer wiederentdeckt.

In jenen Jahren wurde die Zeitschrift „Regeneración“ in ihrer dritte Phase von ProfessorInnen, Studierenden und einigen alten Gewerkschaftern herausgegeben. Diese Gruppe arbeitete viele Jahre hindurch und verbreitete den libertären Flores Magón. Zu dieser Zeit begann auch die Arbeit der Herausgebergruppe „Antorcha“ [die Fackel], die die gesamte Arbeit von Flores Magón und den übrigen Magonistas publizierte. Diese Arbeit gewann das wahre magonistische Denken zurück — das radikale und antiautoritäre. Ricardo Flores Magón und die magonistischen Aktivisten BANDA MAGONISTA koordinierten ein großes Kollektiv von Agitatoren, das es in Zeiten höchster Repression geschafft hat, große Streiks und indigene und bäuerliche Aufstände zu fördern sowie eine Zeitung herauszugeben, die eine große Verbreitung fand.

Die Mexikanische Revolution hat eine große Bedeutung in der Geschichte von Mexiko, und in ihr drückt sich ein sozialer und radikaler Aspekt aus, für den Villa, Zapata und Flores Magón stehen. Und Ricardo hat zu dieser Bewegung eine radikale und libertäre Vision beigetragen.


Welche Aspekte des magonistischen Denkens sind wichtig und nützlich für die sozialen Bewegungen von heute?

Es gibt viele libertäre DenkerInnen, die große theoretische Beiträge geleistet haben. Nichtsdestotrotz hat Ricardo Flores Magón ein hohes Maß an Ethik zur Politik beigetragen, und wir sprechen dabei von einer libertären Ethik, davon, sich gemäß seiner Ideen zu verhalten und weder Geld noch Macht zu akzeptieren, trotz der vielen Jahre im Gefängnis und seiner Krankheit.

Es gibt viele Gruppen, die sich als Libertäre oder Magonistas bezeichnen, aber die den Blick dafür verlieren, dass jenseits des radikalen Diskurses oder der Praxis die ethische Kongruenz des Magonismus liegt.

Die sozialen Bewegungen von heute sollten den ethischen Aspekt und die humanistische Seite des Kampfes zurückgewinnen — die Aspekte, die dem Magonismus einen so großen Wert gegeben haben. Rebell oder Rebellin sein heißt, im alltäglichen Leben in Übereinstimmung mit den Ideen leben, „mit dem Ideal“, wie es die alten Anarchisten sagten.


Wäre eine magonistische Gesellschaft möglich?

Eine Gesellschaft mit hohen Werten ist möglich, vorausgesetzt, dass ihre Angehörigen Teil einer Gemeinschaft sind, in der das Allgemeinwohl nicht die Initiative und Identität des Individuums erdrosselt und wo das Individuelle in Übereinstimmung mit dem Allgemeinen ist. Kommunal orientierte Gesellschaften haben existiert und können in der Zukunft auch existieren. Es sind Gesellschaften mit Gerechtigkeit, in denen regiert werden kann. Gesellschaften dieser Art können und müssen eine Alternative zu den barbarischen Gesellschaften sein, die von Macht, Geld und patriarchalem Autoritarismus beherrscht sind.

Quelle Text: Workers Solidarity No. 53, Januar 1998. Übersetzung aus dem Englischen: Gruppe B.A.S.T.A.

Quelle Interview: http://www.direkteaktion.org/174/da_174.pdf --- Seite 12

Originaltext: Anarchosyndikalistische Flugschriftenreihe, Heft Nr. 369 (PDF). Bearbeitet von www.anarchismus.at


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