Aus den Reden der verurteilten Anarchisten vor Gericht

Aus Spies Rede

Euer Ehren! Indem ich vor diesem Gerichtshof das Wort ergreife, spreche ich als der Vertreter einer Klasse zu dem einer anderen.

Ich beginne mit den Worten, mit denen vor 500 Jahren Venedigs Doge Marino Falieri vor seine Henker trat: «Meine Herren, meine Verteidigung ist eure Anklage! Die Ursache meines angeblichen Verbrechens: eure Geschichte!»

Ich wurde des Mordes angeklagt — als Helfershelfer oder Teilnehmer. Auf diese Anklage hin hat man mich verurteilt ... Beweise für meine Schuld hat «der Staat» nicht erbracht. Aus den vorgebrachten Zeugenaussagen geht nicht hervor, daß ich irgend etwas mit dem Bombenwurf zu tun hatte, noch daß ich weiß, wer das Geschoß warf — es sei denn, daß sie die Aussagen der Spießgesellen des Staatsanwaltes und Bonfield, die Aussagen von Thompson und Gilmer nach dem Preis wägen, der dafür bezahlt wurde. Wenn nun keine Beweise vorhanden sind, welche dartun, daß ich gesetzlich verantwortlich bin für jene Tat, dann ist eine Verurteilung oder die Vollziehung des Urteils nichts Geringeres als vorbedachter, boshafter und kaltblütiger Mord ... Justizmorde sind in vielen Fällen begangen worden, wo die Vertreter des Staates in dem guten Glauben handelten, daß ihre Opfer schuldig seien des Verbrechens, dessen man sie anklagt. In dem vorliegenden Fall jedoch können sich die Vertreter des Staates mit dieser Ausrede nicht entschuldigen, und zwar deshalb nicht, weil sie selbst jene Zeugenaussagen fabriziert haben, welche als Vorwand für unsere Verurteilung benützt wurden — als Vorwand von einer Jury, die auserlesen wurde, uns zu verurteilen ...

Grinell hat uns zu verstehen gegeben, daß hier der Anarchismus prozessiert werde. Die Theorie des Anarchismus gehört in den Bereich der spekulativen Philosophie. In der Heumarktversammlung wurde keine Silbe über Anarchismus gesprochen. In jener Versammlung wurde das sehr populäre Thema der Verkürzung der Arbeitszeit besprochen. Aber: — «Der Anarchismus wird prozessiert!» schäumt Mr. Grinell. Falls das der Fall ist, euer Ehren, sehr wohl, dann mögen sie mich verurteilen, denn ich bin ein Anarchist. Ich glaube mit Buckle, mit Paine, mit Jefferson, Emerson, Spencer und vielen anderen großen Denkern dieses Jahrhunderts, daß der Staat der Kasten und Klassen, daß der Staat, in welchem eine Klasse die andere beherrscht und von deren Arbeit lebt, und wo man dieses Ordnung nennt — ja, ich glaube, daß diese barbarische Form sozialer Organisation mit ihrem durch Gesetze geheiligten System dem Tode geweiht ist und einer freien Gesellschaft, einer freiwilligen Assoziation Platz machen muß. Sie mögen mir das Todesurteil verkünden, aber lassen sie die Welt erfahren, daß im Jahre des Herrn 1887 im Staate Illinois Menschen zum Tode verurteilt wurden, weil sie den Glauben an eine bessere Zukunft und den endlichen Sieg von Freiheit und Gerechtigkeit nicht verloren! ...

Ich habe nicht die geringste Idee, wer die Bombe auf dem Heumarkt geworfen hat und hatte keine Kenntnis von einer Verschwörung zum Zwecke der Gewaltanwendung in jener oder einer anderen Nacht.

Dies ist alles, was ich zu sagen habe.

Aus Georg Engel's Rede

... Ich kam zu der Ansicht, daß der Arbeiter, so lange er ökonomisch unfrei, auch politisch nicht frei zu sein vermag. Es wurde mir klar, daß es dem Arbeiter mittels des Stimmkastens nie gelingen würde, solche gesellschaftliche Zustände zu schaffen, die ihm und den Seinen, Arbeit, Brot, ein glückliches Dasein garantieren. Ehe ich meinen Glauben an den Stimmkasten verlor, ereignete sich folgender Vorfall, der mir bewies, daß die Politik hier zu Lande durch und durch korrumpiert ist. Als in der 14. Ward, in welcher ich wohnte und das Recht zum Stimmen besaß, die sozialdemokratische Partei so wuchs, daß sie für die demokratische und republikanische Partei (1)gefährlich zu werden drohte, vereinigten sich die beiden letztgenannten Parteien sofort, um gegen die Sozialdemokratie Stellung zu nehmen. Dies war auch ganz natürlich, haben doch beide die gleichen Interessen. Und als trotzdem die Sozialdemokraten siegreich waren und ihren Kandidaten erwählten, da wurden sie durch die korruptesten Mittel seitens der alten Parteien um die Früchte ihres Sieges betrogen. Die Stimmenkästen wurden gestohlen und das Votum so «korrigiert», daß es der Opposition möglich wurde, ihre Kandidaten als erwählt zu proklamieren. Die Arbeiter versuchten dann mittels der Gerichte Gerechtigkeit zu erlangen, aber es war Alles umsonst. Der Prozeß kam sie auf 1500 Dollars zu stehen, aber ihr gutes Recht bekommen sie doch nicht. Gar bald fand ich aus, daß die politische Korruption auch die Reihen der Sozialdemokraten zu durchfressen begann, und ich verließ die Partei und schloß mich der «Internationalen Arbeiterassoziation» an, die damals gerade reorganisiert wurde ...

Über meine Verurteilung, welche durch kapitalistischen Einfluß herbeigeführt wurde, habe ich kein Wort zu sagen.

Aus Albert R. Parsons Rede

... Bei ihren Bemühungen, unsere Ansichten der Verwünschung durch alle Welt preiszugeben, haben die öffentlichen Ankläger die Mordanklage völlig aus dem Auge verloren. Unsere Ergebenheit an die arbeitende Klasse, unser Ruf nach Zivilisation ist in ihren Augen ein weit größeres Verbrechen als Mord. Anarchismus, so wie ihn der Staatsanwalt Grinell schildert, ist einfach ein Gemisch von Raub, Brandstiftung und  Mord. Jawohl, Euer Ehren, das ist die offizielle Behauptung des Herrn Grinell, und gegen diese Definition des Anarchismus möchte ich gerne einmal den Lexikographen Herrn Webster zitieren. Was ist also Anarchismus? Was ist die Natur dieses schrecklichen Dinges, für das wir den Tod erleiden sollen, weil wir daran glauben? In den Schlußstunden dieses Prozesses, ja seit fünf Tagen schon, suchen die Vertreter einer bevorzugten, herrschenden Klasse, der verkörperten Despoten, die Lehre, an die ich glaube, zu fälschen, zu entstellen, anzuschwärzen. Darum, Euer Ehren, lassen sie mich einen Augenblick darüber sprechen. Was ist Anarchismus? Was bedeutet er? Was besagen seine Lehren, für welche ich zum Tod verurteilt bin?

Zunächst und zuoberst ist es unsere Ansicht, ist es die Ansicht eines Anarchisten überhaupt, daß Herrschaft Despotie, eine Unterdrückungsmaßregel ist, daß das Gesetz ihr Mittel ist. Anarchismus bedeutet Antistaatlichkeit, Diktatorenfeinde, Herrschaftsfeinde und Leithammelfeinde. Anarchismus ist eine Verneinung aller Gewalt und eine Ausmerzung aller Autorität in sozialen Angelegenheiten, das Leugnen des Herrschaftsrechtes eines Menschen über den andern ...

Sozialismus ist ein Ausdruck, der das ganze System menschlichen Fortschrittes und Vorschreitens deckt. Webster definiert auch den Sozialismus. Ich denke, ich habe ein Recht, von diesen Sachen zu reden, weil ich hier auch als Sozialist prozessiert werde. Ich wurde verurteilt als Sozialist und auch der Sozialismus ist es, von dem mein Freund Grinell und seine Leute so viel zu erzählen haben. Deswegen halte ich es für Recht, vor dem ganzen Lande davon zu reden und wenigstens was mich angeht, mich darüber hören zu lassen. Wenn sie mich zum Tode führen, soll das Volk wenigstens wissen, warum. Sozialismus also wird von Webster definiert als eine gesellschaftliche Theorie, welche eine harmonischere, ordnungsmäßigere und gerechtere Gestaltung der menschlichen Verhältnisse anstrebt, als zuvor. Daher ist alles, was die Zivilisation in der Tat fördert, sozialistisch.

Es gibt zwei verschiedene Phasen des Sozialismus heutzutage in der Arbeiterbewegung der ganzen Welt. Die eine ist bekannt als Anarchismus, d.h. ohne politische Regierung oder Autorität; die andere ist bekannt als Staatssozialismus — die Sozialdemokratie — oder Paternalismus im Sinne allseitiger Regierungskontrolle. Der Staatssozialist sieht das Los der Lohnsklaven durch die Mittel des Gesetzes, durch legislative Maßregeln zu verbessern und zu erleichtern. Die Anarchisten suchen dieselben Zwecke durch Beseitigung aller Autorität, indem sie es dann dem Volke überlassen, sich zu vereinigen oder nicht, indem sie niemand zwingen oder mit Gewalt »führen«, d.h. leithammeln wollen.

In diesem Bestreben, Euer Ehren, werden wir von einem hochberühmten Manne unterstützt, von keinem Geringeren in der Tat, als Buckle, dem Verfasser der »Geschichte der Zivilisation«. An einer Stelle konstatiert er, daß sich dem Fortschritt menschlicher Zivilisation zwei feindliche Elemente entgegenstellen. Eines davon ist die Kirche: die Kirche, welche befiehlt, was ein Mensch glauben soll. Und das andere ist der Staat, welcher befiehlt, was man tun soll. Buckle sagt ferner, daß die einzigen guten Gesetze, die in den letzten 300 — 400 Jahren Gesetze wurden, diejenigen waren, welche andere Gesetze beseitigen.

Genau dieselbe Ansicht haben die Anarchisten. Unsere Ansicht ist die, daß alle Gesetze aufgehoben werden sollen, da dieses die einzige, nützliche Legislatur ist, die Platz hat ... Doch wohlgemerkt: wir sind nur den von Menschen gemachten Gesetzen, nicht aber den Naturgesetzen feind ...

Anmerkungen:
(1) Die zwei größten bürgerlich-kapitalistischen Parteien in Amerika.

Aus: Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 22 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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