Haymarket 1886 - Die Jahre nach dem Justizmord

Johann Most: »Anfang April 1886 kam August Spies nach New York, um seine Verwandten im benachbarten Brooklyn zu besuchen, und er beriet sich damals mit mir über das, was die Achtstundenbewegung bringen könne und welchen Anteil die Anarchisten an den betreffenden Kämpfen zu nehmen hätten. Er war sehr enthusiastisch gestimmt und meinte, daß namentlich im Osten ein sehr revolutionäres Vorgehen zu erwarten sei. Ich, der ich meine Pappenheimer genau kannte, sagte ihm in der Hauptsache folgendes: Mein lieber August, hier liegt die Sache so: Am 1. Mai ziehen die vertrottelten, verritterten, unionisierten Organisationsfritzen mit Pauken und Trompeten nach dem Union Square, dort wird eine von jenen Resolutionen gefaßt, welche keinen Protzen erschrecken und keinen Sklaven begeistern können, und dann legt man sich schlafen. Ja, erwiderte er, wenn das so ist, dann können wir doch auch im Westen nichts ausrichten.

Ganz richtig, bemerkte ich, und ihr - ich meinte speziell die aktiven Anarchisten - wäret Esel, wenn ihr für die Strohfeuerleute, die euch doch nur im Stich lassen und noch obendrein darob verlachen würden, die Kastanien aus dem Feuer holen wolltet.

Heute wird niemand mehr behaupten, daß ich unrecht gehabt hätte. Nun gut, ohne mich hier in Weiteres einlassen zu wollen, kann ich mit Fug und Recht behaupten, daß wir keinen 11. November zu betrauern hätten, wenn es auf mich angekommen wäre.«

Während in New York in der Nacht vor dem 11. November 1887 5.000 Arbeiter gegen die Hinrichtung der Chicagoer Anarchisten demonstrieren und Johann Most erneut zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt wird, weil er ihre Richter in aller Öffentlichkeit Mörder nennt, sind die Unternehmer des Landes damit beschäftigt, die Restposten der Achtstundenbewegung fortzuräumen, wobei ihnen die Haymarket-Bombe als Vorwand dient.

Aber nicht nur die Unternehmerverbände, auch die amerikanischen Gewerkschaften steuern von nun an einen reaktionären Kurs und säubern ihre eigenen Reihen von linksmilitanten Mitgliedern. »Die Knights of Labor respektieren das Gesetz. Ich hasse Anarchie, und ich hasse die Anarchisten.« Es ist vor allem Powderly, der oberste Arbeitsritter, der sich mit seinen Anhängern sofort nach der Heumarktbombe dem Staat als Hilfspolizei angebiedert hatte:

»Das schändliche Schauspiel von Blutvergießen und Unordnung, das in Chicago stattgefunden hat, verdient die strengste Verurteilung und Verfolgung. Ehrliche Arbeiter befinden sich nicht in den Reihen jener, die unter der roten Fahne der Anarchie, dem Symbol für Blut und Zerstörung, marschieren. Es gibt keine Gewerkschaft in Amerika, die diese Männer von Chicago unterstützen wird, die sich an der Vernichtung von Leben und Eigentum beteiligt haben. Die anarchistische Idee ist unamerikanisch und kann keinerlei Rechte in diesem Lande beanspruchen.«

1888/89 werden im amerikanischen Repräsentantenhaus zwei Gesetzentwürfe vorgebracht, die ein Einreiseverbot und die Deportation von Anarchisten und gefährlichen Ausländern vorsehen. [1] Ihres linken Flügels beraubt, sind die amerikanischen Gewerkschaften ihrer eigenen Politik und Säuberungswelle zum Opfer gefallen und zu bloßen Interessenverbänden ohne Bedeutung heruntergekommen.

Ein Mitglied der »Knights of Labor« beschreibt die Agonie seiner Organisation nach den Maiereignissen von 1886: »Ein Asyl für Schnorrer und heruntergekommene Typen, ein Sprungbrett für politische Karrieren. Jeder, der heute noch zur Organisation gehört und dabei nicht für seinen eigenen finanziellen Vorteil arbeitet, wird schlimmer ausgenutzt und ausgebeutet als je von einem Kapitalisten, von seinem schlimmsten Gegner also.«

Von den Kapitalisten sind in Chicago der Polizei bis 1891 jährlich zwischen 50.000 und 140.000 Dollar zugeflossen, damit sie die letzten Reste von Anarchismus in der Stadt tilgen soll. Auf der anderen Seite haben die Arbeiter Cent auf Cent zusammengetragen und ihren ermordeten Wortführern auf dem Waldheim Friedhof ein Denkmal errichtet, das noch heute steht und bei dessen Einweihung am 25. Juni 1893 sich achttausend Teilnehmer versammelt hatten. Nur einen Tag darauf öffneten sich für die am Leben gebliebenen Justizopfer die Zuchthaustore, nachdem ein Komitee im Namen von 100.000 Arbeitern und Bürgern ihre Amnestie gefordert hatte.

1892 war John Peter Altgeld zum neuen Gouverneur von Illinois gewählt worden. Der schwerreiche Geschäftsmann und Demokrat löst sofort sein Wahlversprechen ein und studiert 18 Monate lang die Prozeßakten, bevor er am 26. Juni 1893 Samuel Fielden, Oskar Neebe und Michael Schwab auf freien Fuß setzt und die fünf Toten zu Opfern eines Justizmords erklärt. Seine berühmt gewordene »Pardon Message« ist von den Gewerkschaften in 50.000 Exemplaren verteilt worden.

Für John Peter Altgeld jedoch bedeutete sein Eintreten für Gerechtigkeit neben seinem politischen Selbstmord auch noch öffentliche Diffamierung und gesellschaftliche Ächtung. Nachdem er in der nächsten Wahl durchgefallen war, wurde er von der Chicagoer Geschäftswelt in den finanziellen Ruin getrieben und lebte bis zu seinem Tode 1902 zurückgezogen und in fast ärmlichen Verhältnissen.

Fußnoten:
[1] Die Anarchisten, und besonders die eingewanderten, sind in den Vereinigten Staaten immer wieder epidemischen Verfolgungen ausgesetzt. Das trifft im verstärkten Maß für die folgenden Jahre zu: 1892, nach dem Attentatsversuch des Exilrussen Alexander Berkman auf den Aufsichtsratsvorsitzenden eines bestreikten Stahlwerkes; 1901, nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten McKinley durch den Ungarn Czolgosz; für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als Tausende von Einwanderern wegen ihrer bloßen Neigung zum Anarchismus in die Gefängnisse geworfen und die Italiener Sacco und Vanzetti 1921 wegen Anarchismus zum Tode verurteilt und sechs Jahre später hingerichtet wurden. In den dreißiger und den frühen vierziger Jahren waren insbesondere die Kommunisten schweren Verfolgungen ausgesetzt, und seit Ende der vierziger Jahre werden alle Einwanderer danach ausgefragt, ob sie jemals Anarchisten oder Kommunisten gewesen seien. Unter McCarthy wurden dann von 1950 an auch noch Liberale wegen »unamerikanischen Verhaltens« verfolgt.

Originaltext: Karasek, Horst: Haymartket! 1886 – Die deutschen Anarchisten von Chicago. Reden und Lebensläufe. Wagenbachs Taschenbücherei 11, Verlag Klaus Wagenbach 1975. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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