Das Leben von Louis Lingg

Zimmermann, im Alter von 22 Jahren zum Tod verurteilt

Ich erblickte das Licht der Welt am 9. September 1864 in Mannheim im Großherzogtum Baden. Im Mittelalter war Mannheim eine Festung, aber die Anlagen wurden nach der dritten Eroberung durch die Franzosen im Jahre 1678 geschleift. Heute ist Mannheim wegen seiner hervorragenden Lage ein Zentrum des Schiffs- und Eisenbahnverkehrs und eine aufstrebende Stadt mit 65.000 Einwohnern. Der Rhein verbindet Mannheim mit der Nordsee, während der berühmte St. Gotthardtunnel eine direkte Eisenbahnverbindung mit der Schweiz und Italien herstellt.

Mein Vater, Friedrich Lingg, arbeitete in einer Holzfabrik. Meine Mutter führte eine Wäscherei. So waren sie in der Lage, ihren bescheidenen Bedürfnissen nachzukommen und ihren beiden Kindern - mir und meiner um sechs Jahre jüngeren Schwester - eine Ausbildung zu geben. Im Alter von 5 Jahren besuchte ich die sogenannte Stadt- oder Grundschule, und später - nach der Beendigung des deutsch-französischen Krieges, der Einigung Deutschlands und der allgemeinen Reform des Schulwesens - die sogenannte Volksschule. Sie trug diesen Namen, weil Kinder aller Konfessionen dort zugelassen waren.

Da meine Eltern ausreichend für mich sorgten, verlebte ich eine unbeschwerte und glückliche Kindheit, bis unsere Situation sich durch einen schweren Unfall meines Vaters so sehr verschlechterte, daß nur die unermüdlichen Bemühungen meiner Mutter verhinderten, daß der Hunger bei uns ein- und ausging. Bei seinen Anstrengungen, den Reichtum seines Unternehmers, eines Holzhändlers, zu vermehren, hatte mein Vater eine Aufgabe übernommen, die alle seine Mitsklaven nicht erledigen wollten. Er hatte versucht, einen Eichenstamm an Land zu ziehen, der von der Böschung auf den zugefrorenen Neckar gerutscht war. In seinem Eifer bemerkte er zu spät, daß die trügerische Eisdecke nachgab, und konnte erst nach sorgfältiger Suche und mit größter Anstrengung geborgen werden. Dieser Unglücksfall schwächte ihn so sehr, daß er seine Arbeitskraft fast völlig einbüßte. Nach einer Weile wurde mein Vater von jenem Holzhändler mit der fadenscheinigen Begründung entlassen, daß das Geschäft zurückgegangen sei und einige Arbeitskräfte eingespart werden müßten.

Nun ja, einige Zeit später erhielt mein Vater bei der Stadtverwaltung eine Anstellung, die ihn nicht überforderte, aber die Bezahlung war so gering, daß er kaum seinen eigenen Lebensunterhalt davon bestreiten konnte. Drei Jahre nach dem traurigen Vorfall starb mein Vater. Er hatte die letzten Jahre seines Lebens in einem Zustand geistiger Verwirrung verbracht. Auf Wunsch meiner Mutter wurde eine Autopsie vorgenommen, und die Ärzte kamen zu dem Schluß, daß seine geistige Umnachtung von diesem Unfall herrührte.

Das geschah 1877. Ich war damals 13 und meine Schwester 7 Jahre alt. Aus dieser Zeit rühren meine ersten Eindrücke von der Ungerechtigkeit der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, d.h. von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Am wesentlichsten beeinflußten mich die familiären Verhältnisse. Es entging meiner Aufmerksamkeit nicht, daß der ehemalige Chef meines Vaters trotz seines aufwendigen Lebensstils ständig reicher wurde, während mein Vater, der einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen hatte, den Reichtum seines Unternehmers zu mehren, wie ein abgenutztes Werkzeug, das seine Funktion erfüllt hat und nicht mehr gebraucht wird, weggeworfen wurde.

Kurz gesagt, dieses Ereignis ließ in meinem Bewußtsein einen erbitterten Haß auf die bestehende Gesellschaft entstehen. Dieses Gefühl verstärkte sich noch mit meinem Eintritt in den Arbeitsprozeß und hat mir den Anstoß gegeben, in späteren Jahren gegen die kapitalistische Gesellschaft mit ihren barbarischen und unmenschlichen Auswirkungen zu agitieren. Die Lebensbedingungen nach dem Tode meines Vaters waren ein weiteres Moment, um meinen Haß und meine Verbitterung zu verstärken.

Wir waren in hohem Maße der Willkür unserer reichen Kunden ausgeliefert, die in großem Stil lebten und überall Schulden machten. Manchmal, wenn wir dringend Geld brauchten, schickte mich meine Mutter zu den Kunden, um Geld einzutreiben, aber ich kehrte oft, mit leeren Händen und dem Weinen nahe, mit dem Bescheid zurück, Herr A. oder B. hätte Besuch und wäre nicht zu sprechen. Unter solchen Bedingungen wagte ich meiner Mutter nicht zu sagen, daß ich neue Kleidung oder Schulbücher brauchte. Auch bestrafte mich meine Mutter immer sehr hart, wenn ich materiellen Schaden angerichtet hatte. Die natürliche Folge war, daß ich meine Mutter, anstatt sie aufrichtig zu lieben, bis zu einem gewissen Grad fürchtete. Genauso wurde ich allen Menschen gegenüber, mit denen ich in Berührung kam, verbittert und zurückweisend. Dieser Umstand hat sich auch während der Zeit meiner Berufsausbildung nicht eben vorteilhaft ausgewirkt, als ich bei einem Tischler eine Lehre begann. 1882 hatte ich meine 3jährige Lehre beendet. Mein Meister hatte die ganze Zeit mehr Wert darauf gelegt, an mir zu verdienen, als mich in meinem Handwerk gründlich auszubilden. Ich packte meine sieben Sachen, um mir die Welt anzusehen, meine handwerklichen Fähigkeiten woanders zu vervollkommnen und um andere Menschen kennenzulernen.

Zuerst habe ich kurze Zeit in Straßburg im Elsaß gearbeitet, danach in Freiburg in Baden. Hier schloß ich mich dem Arbeiterbildungsverein an. Diese Organisation war ein Überbleibsel des »Allgemeinen Deutschen Arbeiter Vereins«, der von dem bekannten sozialistischen Agitator Lassalle gegründet worden war. Einige Zweige dieser Organisation bestehen noch heute - in der Hauptsache aber in Süddeutschland. In diesem Club bekam ich die ersten wirklichen Informationen über die Lehren des Sozialismus und Kommunismus, soweit das unter dem abscheulichen Sozialistengesetz von 1878 überhaupt möglich war. Ich habe an diesen Orten auch viel darüber gelernt, wie der Kommunismus in die Praxis umzusetzen sei, auch wenn es nur im bescheidenen Rahmen der Konsumgenossenschaften geschah.

Im Frühjahr 1883 ging ich in die Schweiz. Ich wollte die Naturschönheiten und die freiheitlichen Institutionen dieses Landes, das ich sehr bewunderte, kennenlernen. Ich habe den größten Teil der Schweiz zu Fuß bereist und hatte deshalb Gelegenheit, nicht nur die wundervolle Landschaft zu genießen, sondern darüber hinaus die Lebensgewohnheiten, Eigenarten und Sitten der Bevölkerung kennenzulernen. Aber glauben Sie bitte nicht, daß die Schweiz Not und Elend nicht kennt, nur weil sie ein schönes und romantisches Land ist.

Am meisten enttäuscht war ich über den Mangel an ökonomischer und politischer Freiheit in diesem Land. Die erste Stadt, wo es mir gelang, Arbeit zu finden, war Bern. Hier wurde ich Mitglied des »Allgemeinen Arbeiter Vereins«, einer Organisation mit sozialistischen Tendenzen, die über die ganze Schweiz verzweigt war. Bald nach meinem Eintreffen in Bern spaltete sich die Organisation in zwei Fraktionen, eine sozialdemokratische und eine anarchistische. Weil ich zur damaligen Zeit mit den Lehren des Sozialismus noch nicht in dem Maße wie heute vertraut war, wußte ich nicht, welchen Kurs ich einschlagen sollte - deshalb war meine Mitarbeit in der Arbeiterbewegung recht bescheiden. In Luzern, der nächsten Stadt, in der ich Arbeit fand, lagen die Dinge etwas anders. Auseinandersetzungen zwischen den anarchistischen und sozialdemokratischen Fraktionen waren auch hier an der Tagesordnung, und anfangs tendierte ich weder zu der einen noch zu der anderen Seite. Doch in Anbetracht dessen, daß in Deutschland (das wirkliche Schlachtfeld der Sozialisten war die Schweiz) die Sozialistengesetze eine friedliche, d.h. gesetzmäßige Agitation unmöglich machten; in Anbetracht dessen, daß in der Schweiz (dem Land, das seinen Bürgern die größten Freiheiten zugestand) eine gesellschaftliche Entwicklung auf friedlichem Wege durch die ökonomischen Zwänge nicht möglich war und viele Leute (wie in den USA) in der Illusion lebten, wirklich frei zu sein; in Anbetracht all dieser Umstände wurde ich Sozialrevolutionär und unterstützte das Vorgehen der Anarchisten. Ich billigte die »Propaganda der Tat«, die damals unter anderem von Stellmacher und Kammerer [1] vertreten wurde, die ich persönlich als aufrichtige Arbeiter kannte. Das Ziel der sozialistischen Bewegung war für mich damals noch die Errichtung eines sozial-kommunistischen Staates.

Inzwischen schrieb man das Jahr 1884, und ich konnte mich wegen meiner Einberufung in das deutsche Militär unmöglich länger in der Schweiz aufhalten. Ich hatte keine Lust, drei Jahre meiner Jugend mit der Verteidigung von Thron, Altar und Geldsack zu verbringen und den Launen irgendeines gekrönten Schwachkopfes nachzukommen, der unnütze Schlächtereien, gemeinhin Kriege genannt, inszenierte. Von der vielgepriesenen Freiheit in der Schweiz war mittlerweile nicht einmal mehr soviel übriggeblieben, daß seine Regierung einem Deutschen, der den Kriegsdienst verweigert hatte, gestattete, sich innerhalb der Landesgrenzen aufzuhalten - und so wurde ich zunächst aus dem Kanton Luzern ausgewiesen. Das konnte mich jedoch keineswegs dazu bringen, nach Deutschland zurückzukehren, oder, was auf dasselbe herauskommen würde, mich in eine Kaserne stecken zu lassen. So versuchte ich, mich ohne polizeiliche Genehmigung durchzuschlagen.

Anonym besuchte ich Bern, Biel, Neuchätel, La-Chaux-de-Fonds, Zürich, Aargau, Winterthur, St. Gallen usw. und blieb jeweils nur solange, bis die Polizei meine Identität entdeckte. Meine Situation erlaubte es kaum, daß ich mich mit der Aktivität an der Arbeiterbewegung beteiligte, wie ich es vorgehabt hatte. Andererseits wurde mein Haß auf die kapitalistische Gesellschaft, ob republikanisch oder monarchisch regiert, nur noch verstärkt. Schließlich gelang es mir, mich ein Jahr lang unentdeckt in Zürich aufzuhalten; einmal war Zürich eine relativ große Stadt, zum anderen verhielt ich mich so unauffällig wie möglich. In dieser Zeit machte ich innerhalb der Parteien Erfahrungen, die mich zu dem Schluß kommen ließen, daß in einer zentralistisch aufgebauten Organisation alle Macht in wenigen Händen liegt und die Gefahr der Korruption und Herrschsucht sehr groß ist, während die breiten Massen dazu neigen, gleichgültig zu werden und abzustumpfen.

Im Frühjahr 1885 war ich gezwungen, mein Zimmer zu räumen, als die Polizei durch einen Zufall darauf kam, daß mein Hausverwalter mich nicht angemeldet hatte. Man befahl mir, das Land zu verlassen; die Polizei wies mich darauf hin, daß ich mich gefälligst beeilen sollte, wenn ich von den Gendarmen nicht über die Grenze abgeschoben werden wollte. Glücklicherweise hatte ich kurz zuvor einen Brief meiner Mutter erhalten, in dem sie mir mitteilte, daß sie meinen Stiefvater - sie hatte 1885 wieder geheiratet - dazu überredet hätte, mir das notwendige Geld vorzustrecken, damit ich nach Amerika auswandern könne. An einem strahlenden Julimorgen des Jahres 1885 landete ich in New York. Von dort aus ging es direkt nach Chicago. Ich trat sofort der »Internationalen Zimmermanns- und Schreinergewerkschaft« bei. Um eine Anstellung zu finden, sah ich mich nach Häusern um, die im Bau waren. Dort versuchte ich eine Anstellung als Zimmermann zu bekommen. Als ich nun eines Morgens an meinem neuen Arbeitsplatz erschien, wunderte sich der Meister sehr, daß ich kein Werkzeug mitbrachte. Ich durfte jedoch mit der Arbeit beginnen, da mir der Meister angeboten hatte, mir für 75 Cents Lohnabzug pro Tag das Handwerkszeug zu beschaffen. Als die Arbeit danach beendet war, durfte ich die Sachen - eine Axt und eine Säge - behalten. Das war sehr großzügig von meinem Meister, denn sicherlich hatte er bei diesem Geschäft einen enormen Gewinn für sich eingestrichen!

Ich vervollständigte meine Arbeitsausrüstung und hatte das Glück, in einer Fabrik eine Anstellung als Zimmermann zu finden, wo ich bis zum Thanksgiving Day desselben Jahres arbeitete. An diesem Tag wurde ich zusammen mit einigen anderen Gewerkschaftsmitgliedern entlassen, weil wir uns geweigert hatten, die Arbeit von Leuten zu übernehmen, die für höhere Löhne in den Streik getreten waren. Sie konnten ihre Forderungen später durchsetzen. Mittlerweile war ich innerhalb der Gewerkschaft ziemlich bekannt geworden und hatte viele Freunde gewonnen. Unter ihnen befand sich auch Seliger - der falsche Zeuge im Prozeß gegen den Anarchismus -, der mir die Anstellung in der Fabrik verschafft hatte und mich auch überredete, bei ihm als Kostgänger zu wohnen. Aber nachdem es schließlich mit dieser Arbeit vorbei war, hatte ich den ganzen Winter über reichlich Zeit, mir einen Begriff von den freiheitlichen Institutionen dieses ruhmvollen Landes zu machen, das seine Arbeiter zum Nichtstun verdammt und sie frische Luft schnappen läßt, bis irgendein Unternehmer wieder ihrer bedarf.

Meine Gewerkschaft hatte mich in dieser Zeit zum Delegierten für die »Central Labor Union« gewählt, und da ich meiner unfreiwilligen Ruhepause überdrüssig war, widmete ich meine ganze freie Zeit dieser Organisation. Ich vertrat schon seit langem den Standpunkt, daß die Arbeiterklasse beim heutigen Stand der gesellschaftlichen Bedingungen mit den Mitteln und dem Vorgehen der Gewerkschaften niemals ihre Situation würde verbessern können. Trotzdem habe ich Gewerkschaftsarbeit betrieben, denn ich war davon überzeugt, daß die Arbeiter aus ihren früheren und zukünftigen Kämpfen lernen und den revolutionären Weg gehen würden. Aus diesem Grund hatte ich auch die Aufgabe übernommen, die Internationale Zimmermanns- und Schreinergewerkschaft zu organisieren; und ich kann mit Stolz behaupten, daß diese Gewerkschaft heute - trotz des allgemeinen Rückschlags in der Gewerkschaftsbewegung - stärker geworden ist, als zu der Zeit, als sie in die Kämpfe für den Achtstundentag eingriff. Dem liegt die Erkenntnis ihrer Mitglieder zugrunde, daß die Gewerkschaftsbewegung nur das Mittel zur Förderung ihrer Absichten, nicht aber der Zweck ihrer Bemühungen ist. [2]

Den Anteil, den ich an der Organisierung der Arbeiter hatte, und meine Überzeugung, daß man den Kräften, die den Arbeiter unterjochen, nur mit Gewalt begegnen kann, war den Verteidigern dieses Systems der Ausbeutung, Gary, Grinnell & Co., Grund genug, um mich als gefährlichen Feind der Gesellschaft zu brandmarken, der gehängt werden müsse. Es hieße Worte verschwenden und wäre ebenso unnütz, als wenn man Wasser zum Meer tragen würde, wenn ich jetzt darüber berichteten würde, wie offensichtlich der Haß und die Intrigen gegen uns gewesen sind. Bezüglich meiner angeblichen „moralischen Schuld“, die Richter Gary im Auftrag der Geldaristokratie verkündigte, möchte ich an den Leser zwei Fragen stellen. Wenn die Polizei auf dem Heumarkt nicht ungesetzlich gegen die Leute vorgegangen wäre, wäre dann die Bombe geworfen worden? Wenn das Vorgehen der Polizei nicht das Recht auf Versammlungsfreiheit verletzt hätte, so hätte der Unbekannte kaum das Recht und den Wunsch gehabt, die Bombe zu werfen - so wahr ich lebe!

Fußnoten:
[1] Stellmacher und Kammerer, deutsch/österreichische Anarchisten, deren blutige Einzelaktionen, wie die Erschießung des Wiener Polizeikommissars Hlubek in Wien, ungeheures Aufsehen erregten. Die beiden wurden 1884 hingerichtet. Ihre Gewaltakte, bei denen auch Unschuldige ums Leben kamen, wurden nicht von allen Anarchisten gutgeheißen.
[2] Diese Aussage stimmt mit der von Louis Adamic überein, der in seiner Geschichte des Arbeiterkampfes in den USA schreibt, daß die Arbeiter dieser Gewerkschaft noch lange nach Linggs Tod anarchistisch waren und ihn als Helden verehrten.

Originaltext: Karasek, Horst: Haymartket! 1886 – Die deutschen Anarchisten von Chicago. Reden und Lebensläufe. Wagenbachs Taschenbücherei 11, Verlag Klaus Wagenbach 1975. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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