Anarchosyndikalistischer Widerstand - Düsseldorf

Die illegalen syndikalistischen Gruppen in Düsseldorf

Die Repressionswelle gegen die linken Arbeiterorganisationen nach dem Reichstagsbrand machte auch vor der Düsseldorfer Ortsbörse der FAUD nicht halt. Hausdurchsuchungen und Verhaftungen ließen eine Weiterarbeit in der bisherigen Form nicht mehr zu. Die Ortsgruppe in Düsseldorf sowie die bestehenden Gruppen in den verschiedenen Vororten- insbesondere Derendorf und Gerresheim - lösten sich offiziell auf.

Doch schon kurz nach der Machtergreifung trafen sich in der Wohnung des Drehers Gerhard Lasarzick einige Mitglieder der FAUD zu einer Besprechung. Es wurde beschlossen, die zuverlässigsten Syndikalisten in Düsseldorf für den Aufbau illegaler Ortsgruppen zu gewinnen. Als Hauptaufgabe der künftigen FAUD-Düsseldorf sah man die Beschaffung und Verbreitung illegalen antifaschistischen Materials, sowie die Unterstützung politischer Gefangener und Flüchtlinge. Das für diesen Zweck notwendige Geld sollte durch die Erhebung von Beiträgen gesammelt werden.

Gerhard Lasarzick, der schon vor der Auflösung der legalen FAUD in Düsseldorf die Kassierung der Mitgliedsbeiträge vorgenommen hatte und von daher die meisten Düsseldorfer Syndikalisten persönlich kannte, erklärte sich bereit, die nötigen Kontakte zu knüpfen. Zusammen mit dem Maurer Johann Nattermann und dem Dachdecker Michael Zech besuchte er die ihm bekannten Syndikalisten im Raume Düsseldorf, und man besprach mit ihnen die Notwendigkeit eines illegalen Widerstandsnetzes. Schon bald bildeten sich in der Innenstadt und im Arbeitervorort Gerresheim erneut syndikalistische Gruppen. Auch in den anderen Vierteln fanden sich kleinere Gruppen oder Einzelpersonen zu einer Mitarbeit bereit.

Mit dem zur Verfügung stehenden Geld ging man nun wie geplant an die Beschaffung antifaschistischen Propagandamaterials. Dies lieferte in der ersten Zeit der Anarchist Anton Rosinke, der gemeinsam mit dem Syndikalisten Paul Hellberg in dessen Druckerei Flugblätter und ein Mitteilungsblatt zur illegalen Verbreitung herstellte. Später wurde dieses Mitteilungsblatt in Belgien gedruckt und kam zusammen mit anderen Schriften über Aachen nach Düsseldorf, wo Rosinke und Lasarzick die weitere Verteilung übernahmen.

Eine weitere Quelle illegalen Materials tat sich den Düsseldorfer Anarcho-Syndikalisten auf, als Mitte 1933 Julius Nolden aus Duisburg den Lasarzick besuchte. Nolden erzählte ihm von seinen Kontakten zur illegalen Geschäftskommission in Erfurt und der Möglichkeit, Broschüren und Flugblätter über Holland nach Duisburg einzuschleusen. Er schlug die Bildung eines "Lesekreises" vor. Lasarzick sagte zu und unterrichtete Nolden über den bereits vollzogenen Aufbau der Düsseldorfer Gruppe.

Von nun an hätte ein aufmerksamer Beobachter feststellen können, daß Duisburg zu einem viel besuchten Reiseziel Düsseldorfer Syndikalisten wurde. Lasarzick selber war in der Zeit von 1933 bis Ende 1934 mindestens dreimal in Duisburg. Auch Julius Nolden kam noch des öfteren nach Düsseldorf und brachte bei dieser Gelegenheit ausländische, in Deutschland verbotene Zeitschriften mit; darunter die INTERNATIONALE und den PRESSEDIENST der IAA, sowie auch verschiedene sozialdemokratische Zeitungen und Broschüren.
NS-Urteil Düsseldorf FAUD

Die Verteilung der illegalen Schriften lief in Düsseldorf regelmäßig nach dem gleichen Schema ab: Das Material wurde von einem oder zwei Genossen in Empfang genommen und dann an die bestehenden Gruppen weitergegeben. Nachdem sie dort gelesen waren, wurde das Material entweder aus Sicherheitsgründen vernichtet, oder aber, wenn es sich um größere Mengen handelte, mit äußerster Vorsicht in den Briefkästen der Arbeiterviertel verteilt.

Später, als sich das illegale Netz der Syndikalisten auch auf andere Städte im Rheinland ausgedehnt hatte, übernahmen die Düsseldorfer in Absprache mit der Duisburger Gruppe die Belieferung der Ortsbörse Wuppertal. Von Wuppertal aus gelangten die Schriften per Bote wieder zurück zur Verteilerstelle in Düsseldorf und wurden von dort weitergegeben an den Anarcho-Syndikalisten Michael Delissen, der sie in Mönchen-Gladbach verbreitete.

Doch die Arbeit der Anarcho-Syndikalisten in Düsseldorf beschränkte sich nicht allein auf die Beschaffung und Weiterleitung illegaler Schriften. Aufgrund der regelmäßigen Einziehungen von Beiträgen hatten die Gruppen eine relativ gute finanzielle Basis. Dies erlaubte ihnen, eine Gefangenenhilfe aufzubauen. Insbesondere unterstützten sie das Ehepaar Paul und Gees Hellberg, deren Druckerei von der Gestapo in Düsseldorf ausgehoben worden war (1). Aber auch syndikalistischen Gefangenen in anderen Städten wurde die Hilfe aus Düsseldorf zuteil; darunter den in Schutzhaft sitzenden Gebrüdern Benner aus Wuppertal, wie auch dem zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilten 65-jährigen Johann Steinacker und seinem gerade zwanzigjährigen Genossen Hans Saure aus Elberfeld.

Neben dieser Gefangenenhilfe wurde auch ein Plan für die Unterstützung polizeilich gesuchter, flüchtiger Genossen entwickelt. Zimmer wurden in Düsseldorf zur Verfügung gestellt, die die Gesuchten solange aufnahmen, bis sie mit Hilfe Aachener Syndikalisten über die Grenze nach Belgien gebracht werden konnten. Auch erhielten die Flüchtlinge kleinere Geldbeträge, damit sie im Ausland nicht völlig mittellos nur auf die Hilfe der dortigen Genossen angewiesen waren. Als die Unterbringung von Flüchtlingen in Düsseldorf aufgrund ständiger Hausdurchsuchungen zu gefährlich wurde, brachte man die eintreffenden Emigranten - meistens per Fahrrad - direkt zu den Grenzanlaufstellen in Aachen und Dülken. Von dort wurden sie entweder nach Belgien oder in die Niederlande begleitet.

Im Jahre 1936 erhielt der Widerstand der Linken in Deutschland einen erneuten Auftrieb: Der Spanische Bürgerkrieg war ausgebrochen. Sozialisten und Syndikalisten aus Deutschland kämpften in den Internationalen Brigaden auf Seiten der spanischen Republikaner. In mehreren Zusammenkünften beschlossendie Syndikalisten in Düsseldorf, Geldsammlungen für "Rotspanien" zu veranstalten. Das von den spanischen Anarcho-Syndikalisten herausgegebene Propagandamaterial wurde in deutscher Sprache vermehrt unter den im Widerstand aktiven Genossen verteilt und von ihnen mit gespannter Aufmerksamkeit gelesen. Viele Syndikalisten - auch aus Düsseldorf - machten sich nach Spanien auf, um an den Kämpfen gegen den Franco-Faschismus teilzunehmen.

Die Düsseldorfer Gruppe blieb nahezu vier Jahre im Widerstand aktiv. Selbst 1935, als das anarcho-syndikalistische Widerstandsnetz in Rheinland-Westfalen auseinanderzufallen drohte, arbeitete man in Düsseldorf unvermindert weiter. Obgleich illegale Tätigkeiten von Jahr zu Jahr gefährlicher wurden, - Hausdurchsuchungen, zeitweilige Verhaftungen und Spitzel machten den Militanten das Leben schwer - gelang es der Gestapo, die sogar eine Leitstelle in Düsseldorf hatte, endgültig erst im Januar 1937 die Gruppe aufzurollen. Vierundzwanzig der aktivsten Düsseldorfer Anarcho-Syndikalisten wurden festgenommen. Im darauffolgenden Ermittlungsverfahren wurde dem Gerhard Lasarzick von der Gestapo die Rolle des "Führers der illegalen syndikalistischen Gruppen" in Düsseldorf zuerkannt. Das brachte ihm sechs Jahre Zuchthaus. Die übrigen erhielten Gefängnis- und Zuchthausstrafen zwischen 9 Monaten (Käthe Windhoff) und viereinhalb Jahren (Michael Zech). Der Schmied Anton Rosinke wurde im Düsseldorfer Polizeipräsidium zu Tode "verhört".

Fußnoten:
1.) Ihnen gelang später die Flucht nach Spanien.

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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