Die anarchistische Gruppe in Wien

Im folgenden zwei Beiträge aus einer anarchistischen Zeitschrift Anfang der 80er-Jahre. Die anarchistischen Projekte dieser Generation bestanden teilweise bis nach dem Jahr 2000. Der Verlag "Monte Verita" besteht weiterhin als Kleinverlag und bringt regelmäßig Neuerscheinungen heraus.

Die anarchistische Gruppe in Wien

Im Laufe ihres dreijährigen Bestehens vermochte die Wiener anarchistische Gruppe mittlerweile in ihren Aktivitäten ein Niveau zu erreichen, das dem Anarchismus in theoretischer wie in pragmatischer Hinsicht vielfältige Impulse gibt. Entscheidend für diese Fortschritte ist zum einen das tiefe freiheitliche Bewusstsein der Genossen und zum anderen die konsequente Umsetzung ihrer Ideen in konstruktive, gesellschaftliche Projekte, die sich als völlig unterschiedlichen Richtungen dem anarchistischen Ideal anzunähern versuchen.

Im Mittelpunkt ihrer Propagandatätigkeit steht das "Anarchistische Magazin - LIBERTE", in dem die Wiener Anarchisten nicht nur zu aktuellen politischen Fragen Stellung nehmen, sondern auch die Erfahrungen ihrer Projekte im freiheitlichen Sinne zur Diskussion stellen. Nachdem es jedoch der LIBERTE in ihren letzten beiden Ausgaben an einer klaren Orientierung mangelte, wurde eine Überarbeitung ihres Redaktionskonzeptes unumgänglich, so dass ihr elftes Heft erst Anfang 1983 erscheinen wird. Als weiteres Propagandamittel setzen die Genossen in Wien ihre Telefonzeitung nach Schweizer Vorbild als alternativen Nachrichtendienst ein. Nachdem sie nach halbjährigem Betrieb von der Post im Juni eingestellt wurde, wird sie jetzt auf privater Basis von einer Gruppe von 10 bis 15 Leuten mit täglich wechselnden Ansagen betrieben.

Von Zeit zu Zeit veranstalten die Wiener Anarchisten Gesprächsabende über Themen zur Theorie und Praxis des Anarchismus, so vor eineinhalb- Jahren mit Augustin Souchy, den allein 300 Personen besuchten. Derzeit führen sie in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule eine Vortragsreihe zur Geschichte des Anarchismus durch. Da jedoch derartige Veranstaltungen zu selten stattfinden, kommt ihnen noch ein gewisser Räritätseffekt zugute. Auf wesentlich pragmatischer Ebene verlaufen die vor eineinhalb Jahren begonnenen Arbeiten an der KOOPERATIVE SELBSTVERWALTETER BETRIEBE, die momentan eine Phase erreicht haben, die allen mitarbeitenden Genossen einen wesentlich größeren Spielraum für zukünftige Planungen geschaffen hat. Trotz gewisser Anlaufschwierigkeiten nimmt dieses Projekt zusehends modellhafte Züge einer echten Gegenökonomie an.

Am weitesten fortgeschritten und auf einer ausgeglichenen personellen wie wirtschaftlichen Basis stehend sind dabei die beiden MONTE VERITA - Buch-/Teehandlungen im 3. und 7. Wiener Gemeindebezirk, in denen neben Anarchistika auch Bücher über Themen wie Dritte Welt, Ökologie, Frieden, Mystik, Grenzwissenschaften, etc. zu finden sind. Hier versammeln sich auch die Wiener Anarchisten zu ihren wöchentlichen Organisations- und Diskussionstreffen.

Als Einstieg in ihr Projekt einer Gegenökonomie begannen die Genossen in Frühjahr mit der Marktfahrerei, die sich nach der Überwindung der allzumenschlichen Trägheit zu einem echten Aktivposten entwickelt hat. So wird auf den verschiedenen Wochenmärkten und Volksfesten alles verkauft, was ein Alternativer zum Alternativsein braucht, wie Bücher, Tee, Müsli, Buttons, Kleider und Ähnliches. Um diese Stütze der Kooperative weiter ausbauen zu können, sollen bis zum Frühjahr ein eigener Lieferwagen und ein wetterfester Marktstand angeschafft werden. Da die Kooperative jedoch nicht nur auf das Handeln - beschränkt bleiben soll, sind die Genossen derzeit ernsthaft auf der Suche nach einem geeigneten Bauernhof im Waldviertel nahe Wiens, um dort auch die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion aufnehmen zu können. Diese Arbeit soll sich weitestgehend nach den Erfahrungen und Fähigkeiten der mitarbeitenden Leute richten und die Grundlage für einen direkten Austausch zwischen Produzenten und Konsumenten darstellen.

Das Verbindungsglied zwischen diesen Projekten ist die KOOPERATIVE SELBSTVERWALTETER BETRIEBE, die natürlich vorerst nicht umhin kommen kann, in gewissem Maß kapitalistische Methoden zu übernehmen, doch je größer die Projekte, desto geringer wird auch ihre Abhängigkeit vom herrschenden kapitalistischen System werden. Dennoch sollen sie von Anfang an zur Weiterentwicklung der anarchistischen Perspektive dadurch beitragen, dass in allen Belangen versucht wird, freiheitliche Prinzipien zu verwirklichen: so werden alle, die Kooperative betreffenden grundsätzlichen Fragen von allen Mitarbeitern gemeinsam entschieden, ohne dabei jedoch die Selbständigkeit der einzelnen Projekte anzutasten; zwischen den Projekten werden Waren und Leistungen nur mehr im direkten Tausch oder auf der Basis von Arbeitseinheiten miteinander verrechnet.

Mit all diesen Aktivitäten vermochte die anarchistische Gruppe in Wien den ausgeprägten Individualismus unter ihren Sympathisanten zumindest derart zu verdrängen, dass jetzt die allgemeinen freiheitlichen Strömungen im langsamen Wachsen der anarchistischen Bewegung vorwiegend in Wien zum Tragen kommen.

Aus: Trafik Nr.8, Winter 82/83


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Internationales Anarchistisches Adressbuch

Ebenfalls aus Wien kommt ein für die internationale anarchistische Bewegung wohl einmaliges Buch; das INTERNATIONALE ANARCHISTISCHE ADRESSBUCH.

Es beruht auf der Idee, die recht losen Bande zwischen den einzelnen Gruppen in den verschiedenen Ländern etwas enger zu knüpfen, und die Probleme und Möglichkeiten, vor denen jede Gruppe steht, begreiflich zu machen. Darum besteht dieses Buch nicht nur aus einer reinen Aneinanderreihung von Adressen, sondern auch aus zahlreichen Selbstdarstellungen, die einen lebendigen Überblick über die Vielfalt der internationalen anarchistischen Bewegung geben. Das INTERNATIONALE ANARCHISTISCHE ADRESSBUCH enthält auf 180 Seiten 460 Adressen und 140 Selbstdarstellungen aus 24 Ländern und allen sechs Kontinenten.

Angesichts einer derartigen Umfanges versteht es sich von selbst, dass es nur durch die beispielhafte Mitarbeit und internationale Zusammenarbeit vieler Genossen Zustande kommen konnte. Zwar mögen manche Gruppen (Gruppierungen) nicht unbedingt als anarchistisch zu bezeichnen sein, da als einziger Bewertungsmaßstab die jeweilige Selbsteinschätzung maßgeblich war, doch ist die Gliederung des Adressenmaterials nach den verschiedenen anarchistischen Strömungen innerhalb der Länder als durchaus gelungen zu bezeichnen. Die Richtigkeit der Adressen hat sich zumindest nach einem sorgfältigen Vergleich mit unserer Anschriftenkartei bislang nicht widerlegen lassen, obwohl ja gerade die Kurzlebigkeit in der anarchistischen Bewegung in dieser Hinsicht immer wieder große Schwierigkeiten bereitet.

Deshalb ist auch geplant, dieses Buch jährlich neu erscheinen zu lassen und damit zu gewährleisten, dass die Adressen jeweils auf dem aktuellen Stand allen interessierten Genossen zur Verfügung stehen. Daher werden alle Leser und Gruppen, die das Adressbuch gebrauchen, gebeten, Änderungen ihrer Adressen oder Aktivitätsbereiche an folgende Adresse bekannt zu geben: LIBERTE, Postfach 86, A-1033 Wien. Alle aus dem Verkauf eingenommenen Gelder werden für die nächstjährige Auflage verwendet. Das Buch kostet 18 DM und ist zu beziehen bei: MONTE VERITA, Neustiftgasse 33, A-1070 Wien

Aus: Trafik Nr.8, Winter 82/83

Originaltexte:
http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a59.html


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