Haymarket 1886 - Das Begräbnis der Ermordeten

Aus den Berichten der »New-Yorker Volkszeitung«

Hatten sich die Arbeitermassen von Chicago zur Zeit des Verbrechens stumpf und apathisch gezeigt, so schien jetzt, nachdem der schändliche Justizmord verübt worden war, der Bann gebrochen. Das Begräbnis der Anarchisten wurde zu einer überwältigenden Demonstration, so daß die Polizei, die hatte eingreifen wollen, stumm und scheu vor der gewaltigen Menschenmenge zurückwich, die sich durch die Straßen wälzte. Es waren nicht die Anarchisten, nicht die Sozialisten, nicht die »Knights of Labor« oder andere Gewerkschaften, sondern es war das Volk von Chicago, das die Straßen füllte.

Die feierliche Stille, der Ernst und die Trauer auf hunderttausend Gesichtern; Straßen, die aneinandergereiht eine Strecke von sechs Meilen ausmachten, verstopft von einer dichtgedrängten Menschenmenge, so daß der Verkehr total zusammenbrach; Tausende auf den Dächern und an den Fenstern; die Telegrafenmasten und Bäume von hinaufgekletterten Männern besetzt - das war nur ein Teil von dem, was der Tag noch bringen sollte.

Im Nordwesten der Stadt, wo die arbeitenden Massen, die starken Arme und die schwieligen Hände zu Hause sind, war in der vorangegangenen Nacht kaum an Schlaf gedacht worden. Männer, Frauen und Kinder zogen mit Blumen und Kränzen in endlosen Scharen von einem Trauerhaus zum andern. Das Komitee für die Begräbnisfeierlichkeiten hatte mit 30.000 Menschen gerechnet, aber es waren über 150.000 Personen, die sich an dem Trauerzug beteiligten. Als der Morgen hell und licht anbrach und ein frischer, aber nicht kalter Wind vom See aufkam, veranstalteten Hunderttausende zu Ehren der gesetzlich Gerichteten eine Demonstration, wie sie größer und aufrichtiger noch keinem vom Volk dargebracht worden war.

In das Haus der Familie Spies war kein Vertreter der Presse zugelassen worden. Nachdem die Freunde und Verwandten einen letzten Blick auf den Leichnam geworfen hatten, hielt Rechtsanwalt Captain Black eine kurze Gedächtnisrede auf den Verstorbenen. Er sprach von der Aufopferung und von der Standhaftigkeit des Toten. Es war gegen Mittag, als die Musikkapelle vor dem Haus einen Totenmarsch anstimmte. Der mit schwarzem Tuch beschlagene Sarg ist mit Blumen bedeckt, und mächtige Kränze, Kissen und Triumphbogen mit Inschriften werden ihm hinterhergetragen und auf den Leichenwagen gelegt. Hunderte von Reportern suchen sich vorzudrängen, um die Inschriften zu notieren, aber die Menge umsteht den Wagen so dicht und fest, daß niemand hindurch kann. Und kein Polizist wagt es diesmal, Hand an die roten Fahnen zu legen, die trotz Verbotes durch die Behörden über dem Leichenwagen flattern.

Langsam setzt sich der Leichenzug in Bewegung. In der ersten Kutsche sitzen zwei schwarzgekleidete Frauen: die grauhaarige Mutter von Spies, gebeugt und in den letzten Tagen um zehn Jahre gealtert, und die junge, totenbleiche Nina van Zandt, die den verurteilten Mann erst als Gefangenen kennen und lieben gelernt hatte und in der Öffentlichkeit deshalb verhöhnt und verspottet worden war. Es folgen die Kutschen mit den Verwandten, Freunden und Anhängern des Verstorbenen, insgesamt etwa 500 Fahrzeuge. Dahinter hat sich ein Trauerzug gebildet, der bald zu einem gewaltigen Strom anwächst, der die Straße von einer Seite zur andern füllt und alles mit sich fortreißt. Vorne mühen sich fünf Polizisten, Todesangst im Gesicht, den Weg freizuhalten. Mit niedergeschlagenen Augen ziehen sie an der auf den Trottoirs stehenden Menge vorbei, um die roten Bänder und Blumen nicht zu sehen, die in jedem Knopfloch stecken.

So rückt der Zug dem Haus näher, wo die Leiche von Adolph Fischer liegt. Hier hatte das Komitee der Schriftsetzer-Union die Arrangements übernommen. Frau Fischer war schon längst bis zum Tode erschöpft, und Frau Schwab suchte sie einigermaßen zu trösten. Die kleinen Kinder waren von Freunden übernommen worden, und das Komitee sorgte dafür, daß keine Neugierigen oder Fremden in die Wohnung gelangten. Auch vor diesem Haus hatte sich eine dichte Menschenmenge versammelt, und der Leichenzug setzte sich langsam in Richtung Milwaukee Avenue in Bewegung, wo er sich dem von August Spies anschloß.

Daß es trotz des kolossalen Andranges nicht zum Chaos kam, war nicht der Polizei, sondern den Komitees der Arbeiterorganisationen zu verdanken, unter ihnen auch der »Assembly 1307, Knights of Labor«, der Albert R. Parsons angehört hatte. Als der gewaltige Zug sich dem Haus näherte, in dem seine Leiche lag, wurde Frau Parsons dort sehr aufgeregt und fiel mehrere Male in Ohnmacht. Hier war es wohl, wo die Menschenmenge am größten war; und fünf Häuserblocks weiter unten, in derselben Straße, warteten noch die beiden Särge mit Georg Engel und Louis Lingg. Um das gewaltige Schauspiel aufnehmen zu können, hatten viele Fotografen ihre provisorischen Ateliers auf den Dächern einrichten müssen.

Etwa 30.000 Menschen, zum größten Teil Deutsche, hatten sich vor dem kleinen Spielwarenladen in der Milwaukee Avenue eingefunden, wo die Familie von Georg Engel wohnte. Im Laden lag auch der Leichnam von Louis Lingg, den unteren Teil des Gesichtes mit einem weißen Tuch bedeckt. Neben den Särgen weinten Frau Engel mit ihrer 19jährigen Tochter Mary und Edna Müller, die Braut von Louis Lingg. Über den Särgen lag die verbotene rote Fahne, bedeckt mit reichen Blumenspenden, die zahlreiche deutsche und polnische Arbeitervereine geschickt hatten.

Da es geheißen hatte, die Anarchisten würden sich speziell an dem Begräbnis von Louis Lingg beteiligen, hatte sich die Polizei vor dem Laden in großer Stärke eingefunden. Auch hier war das Tragen von roten Abzeichen und das Absingen der Arbeitermarseillaise verboten worden. Als die beiden Särge zu den Leichenwagen getragen wurden, erklang plötzlich aus 20.000 Kehlen die Marseillaise, das Sterbelied dieser Männer. Und als sich die Leichenwagen mit Parsons, Spies und Fischer näherten, spielte die Musikkapelle das Lied von »Annie Laurie«, das Parsons kurz vor seinem Tod gesungen hatte. Danach trat der Zug den Weg nach dem Waldheim-Friedhof an.

Der Waldheim-Friedhof liegt auf einem grünen Fleckchen Erde in der Nähe der Wisconsin Zentralbahn, ungefähr 18 Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Ein Zug mit 50 Waggons, vollgestopft mit Menschen, erreichte auf dieser Bahn den Friedhof. Da die Waggons nicht ausreichten, mußten noch einmal 35 eingesetzt werden. Am Bahnhof war der Verkehr durch die Menge zum Erliegen gekommen. Um den Bahnhof stand eine doppelte Polizeikette. Aber die Polizisten verhielten sich zurückhaltend. Diese gigantische Demonstration hatten sie nicht erwartet. Die lächerlichen Lügen der kapitalistischen Presse waren hier mit einem Schlag zunichte geworden. Es war klar: Die große Mehrheit der Bewohner von Chicago sympathisierte mit den Ermordeten.

August Spies hatte sich mit seinen letzten Worten als Prophet erwiesen: »Der Tag wird kommen, an dem unser Schweigen mächtiger sein wird als die Stimmen, die Ihr heute erdrosselt.«

Jetzt sahen die Kapitalisten, daß sie mit der Hinrichtung der Anarchisten einen gefährlichen Fehler begangen hatten. Die grauenhaften Szenen unter dem Galgen hatten die Arbeiter bis ins Herz getroffen, und das Volk fühlte instinktiv, daß die Hinrichtung ein Racheakt der herrschenden Klasse gewesen war. Und jetzt waren die Arbeiter auf die Straße gegangen, um ihre ungeheure Macht zu demonstrieren. Noch nie waren einem Arbeitersarg soviele Leidtragende gefolgt.

Originaltext: Karasek, Horst: Haymartket! 1886 – Die deutschen Anarchisten von Chicago. Reden und Lebensläufe. Wagenbachs Taschenbücherei 11, Verlag Klaus Wagenbach 1975. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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