Blogarchiv Anarchismus

Blogarchiv von www.anarchismus.at - Beiträge zum Thema Anarchismus


 

Vom 17. - 22. Juni 2013 gab es hier wieder ein großes Textupdate. Über 200 neue Texte sind online, darunter auch wieder viele neu digitalisierte - viel Spaß beim Stöbern!

Gespräch mit Lucio Urtubia in der Tageszeitung "Junge Welt". Über gerechte Verteilung von Reichtum, die wahren Banditen der Gesellschaft und Arbeit als Wert an sich. Interview: Gitta Düperthal in Paris / Buchtipp: Lucio Urtubia - Baustelle Revolution

Lucio Urtubia (geb. 1931) wuchs in Navarra auf. Er desertierte aus dem spanischen Militär der Franco-Diktatur 1954 nach Paris und lernte dort Aktivisten der anarchistischen Gewerkschaft CNT kennen. Urtubia war an Banküberfällen beteiligt, fälschte Ausweise für spanische Flüchtlinge und druckte für revolutionäre Bewegungen in Europa, Lateinamerika und den USA Schecks und Papiere. Tagsüber arbeitete er als Maurer. Heute lebt er in Paris, in einer Wohnung über dem von ihm gegründeten Kulturzentrum, das er nach Louise Michel, der großen Anarchistin der Pariser Kommune von 1871 benannt hat.


Man sagt, Sie sind ein Sozialrebell, ein moderner Robin Hood und ein Bandit. Sie waren im Widerstand gegen die Franco-Diktatur und haben einst Traveller-Schecks für die anarchistische Bewegung derart gut gefälscht, daß die Chefs der Citibank sich gezwungen sahen, mit Ihnen zu verhandeln. Wie kamen Sie zu all dem?

Ich sage immer, mein Reichtum war meine Armut. Ich bin in der baskischen Region Navarra in Spanien aufgewachsen; hatte kein Brot, keine Schuhe, es fehlte am Nötigsten. Die Nonnen haben mir Geschichten vom Teufel, der Hölle und dem Paradies erzählt und wollten mir Almosen geben. Aber mir hat der Respekt vor der Kirche gefehlt, vor dem Eigentum und vor staatlichen Autoritäten. Ich besaß nichts, warum sollte ich ihnen glauben? Ich habe von klein auf diese Achtung verloren, und das ist notwendig, um widerständig zu sein. Auf eine Gesellschaft, die derart ungerecht ist, kann man nur so Einfluß nehmen. Damals gab es viele Millionen arme, besitzlose Landarbeiter und Tagelöhner in der Region, die ständig schuften mußten. Diese Leute waren einzig daran interessiert, Freiheit zu gewinnen. Sie hatten das dringende Bedürfnis, die Dinge zu verändern. Wie die Widerstandskämpfer in Barcelona oder Madrid hatten auch die Leute auf dem Land unter Franco Schlimmes zu befürchten, ihnen drohte Gefängnis oder gar die Exekution. Die katholische Kirche hat bei all dem mitgespielt. Wir konnten also nur gewinnen, deshalb mußten wir die Regierung und die Kirche bekämpfen. Es war keine Frage, ob man will, sondern eine Notwendigkeit. Heute ist es immer noch nötig, für eine radikale Umverteilung einzutreten. Nicht nur die Armen und Arbeiter in Fabriken und auf dem Bau, Pflegekräfte etc., sondern alle, die produktiv für diese Gesellschaft arbeiten, müssen sich engagieren, auch Ärzte, Architekten und Journalisten. Sie haben keine andere Wahl.




Anlässlich des nunmehr 10-jährigen Bestehens der Anarchistischen Gruppe Mannheim und mit rechtzeitigem Erscheinen zur Buchmesse haben wir uns entschieden, eine Broschürenreihe mit vorerst vier Ausgaben herauszugeben.

01 - Ist der Anarchismus (noch) links? (PDF)
02 - Anarchismus und Gewalt (PDF)
03 - Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (PDF)
04 - Wieso soll ich sexistisch sein? Ich bin Anarchist! (PDF)




Das ist der Titel einer kleinen Broschüre, in der wir euch unsere Ideen und unsere Arbeit näher bringen wollen. Ihr findet dort alle relevanten Infos zur FdA gebündelt auf einen Blick: Die wichtigsten Teile des FAQs, unsere Prinzipien, sowie Infos zur Gǎi Dào, der Internationalen der Anarchistischen Föderationen und natürlich unserer Mitglieder.

Die Broschüre soll kurz, einfach und allgemein erläutern was die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen ist und warum wir uns in dieser Form organisieren. Um den Rahmen nicht gänzlich zu sprengen haben wir uns dafür entschieden, auf eine Erklärung was denn Anarchismus überhaupt ist und will, zu verzichten. Dazu verweisen wir aber gerne auf die “Anarchismus – Eine Einleitung” Broschüre des Anarchistischen Netzwerks Südwest*.

Hier könnt ihr die Broschüre als PDF downloaden...




Nice day for a revolutionDer folgende Text von Theodor Webin kritisiert von einer anarcho-syndikalistischen Perspektive aus die Militarisierung von Teilen der anarchistischen Bewegung und die Überhöhung von Gewalt als Mittel der Politik. Dabei bezieht sich Webin hauptsächlich auf das Manifest "Der kommende Aufstand". Eine Schwäche seines Textes, da sich aktuelle insurrektionalistische Debatten - gerade in Griechenland, Italien oder Spanien - auf eine Vielzahl von Texten und Pamphleten beziehen, die bei einer Kritik des Insurrektionalismus eher diskutiert werden sollten, wie der im deutschsprachigen Raum medial gehypte "kommende Aufstand".

Weitere Texte zur Gewaltdebatte:
Communiqué for Anarchist Actions in Barcelona and Response to the Nihilist Comrades / Aus Wenigem kann Vieles folgen. Zur Gewaltfrage

Theodor Webin - Die Militarisierung der Revolte

Zur Kritik des Insurrektionalismus: Der Trend zu "aufständischen" Theorien ist kein Zeichen einer Renaissance des Anarchismus, sondern Symbol seiner aktuellen Schwäche

Anarchismus - und mit ihm auch der Anarchosyndikalismus - wird auch heute noch gerne mit Gewaltbereitschaft, Chaos und Terror gleichgesetzt. Das ist leider nicht nur eine Macke der "bürgerlichen" Medien, das Klischee hat sich auch z.T. in die anarchistischen Identitäten eingeprägt. In den sich als anarchistisch verstehenden Subkulturen spielt Gewalt z.T. durchaus eine Rolle, obwohl dies auch in zeitgenössischen anarchistischen Texten kaum der Fall ist – oder zumindest bis vor kurzem nicht war. Denn neuere Texterzeugnisse, wie das vieldebattierte französische Schriftstück Der kommende Aufstand scheinen der Gewalt teilweise durchaus das Wort zu reden.

Parallel dazu eskaliert die Gewalt offenbar auch auf der Straße, im Alltag, in Demonstrationen: Riots in Griechenland während der Generalstreiks sind ein Aspekt davon, die Riots in den französischen Banlieues 2005 (die auch der Anlass für Der kommende Aufstand waren) und in England 2011 zeigen einen anderen Aspekt. Und in Deutschland finden wir eine Anschlagswelle auf Autos in Berlin und nicht zuletzt die Eskalation bei der M31-Demonstration am 31. März 2012 in Frankfurt am Main, die auch innerhalb der FAU kontroverse Debatten ausgelöst hat.




Zum sechsten Mal erscheint nun unser "Dokument A – Berliner anarchistisches Jahrbuch" (PDF), mit dem wir euch die anarchistischen Aktivitäten im Berlin des Jahres 2012 präsentieren.

Nachdem sich im August diesen Jahres, in St. Imier, Anarchist*innen aus der ganzen Welt versammelten, um zu debattieren und sich auszutauschen, und dieses Treffen auch in den Medien vielfach Beachtung erhielt, rückte der Anarchismus auch in diesem Jahr wieder in den Blickpunkt, nicht nur bei Menschen, die mit der Thematik vertraut sind, sondern auch viel mehr in der allgemeinen Öffentlichkeit.

Aber nicht nur das Anarchistische Welttreffen erregte Aufmerksamkeit. Die Krise der EU und des Kapitalismus setzte sich weiter fort. Besonders in Südeuropa, wo die Krise die Bevölkerung besonders stark traf, gab es einen Auftrieb anarchistischer Strömungen, welcher dann auch bei uns Einzug hielt, nicht zuletzt durch den Zuzug von arbeitssuchenden Genoss*innen aus Spanien und Griechenland.




Vor 61 Jahren starb der Anarchist Willy Jelinek am 24.3.1952 im Zuchthaus Bautzen der DDR unter "ungeklärten Umständen". Er kam über die Zeitung "Proletarischer Zeitgeist" (entstanden aus der Allgemeinen Arbeiterunion - Einheitsorganisation (AAU-E)) zum Anarchismus und Anarchosyndikalismus. Bereits 1933 in "Schutzhaft" der NationalsozialistInnen gelandet, erging es dem Metallarbeiter im "Arbeiter- und Bauernstaat" nicht besser.

Jelinek und andere hatten das regierungskritische "Rundschreiben Zwickau" herausgegeben. Sie organisierten eine gesamtdeutsche Informationsstelle Anarchismus in Zwickau und luden 1948 zu einer geheimen anarchistischen Konferenz nach Leipzig. Diese Konferenz wurde am 10.11.1948 von der Volkspolizei sowie der sowjetischen Geheimpolizei gesprengt und alle Anwesenden verhaftet. Zuerst im "Speziallager Sachsenhausen" interniert, das nun von den KommunistInnen teilweise auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers betrieben wurde, wurde Willy Jelinek anschließend nach Bautzen gebracht. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn am 26. Februar 1949 wegen „antisowjetischer Agitation“ und „illegaler Gruppenbildung“ zu einer Freiheitsstrafe von 25 Jahren.




Martin Baxmeyers Dissertation über die anarchistische Literatur des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939)

"Wenn das Wort Nationalsozialismus nicht die schlimme Bedeutung bekommen hätte", schrieb Helmut Rüdiger im Juli 1936 an Rudolf Rocker, "würde ich sagen, dass die CNT eine nationale sozialistische Bewegung darstellt; ihre Bindung an den internationalen Anarchosyndikalismus ist rein formal."

Was Rüdiger und mit ihm viele andere ausländische Anarchisten beklagten, den Nationalismus der spanischen Genossen, findet in der Arbeit von Martin Baxmeyer eine Bestätigung auf der Ebene der literarischen Produktion.

"Die anarchistische Bürgerkriegsliteratur war nicht die Verwirklichung der kulturellen Utopie der Anarchisten im Sinne einer neuartigen, freien und kollektiven Praxis, die anarchistische Ideologeme aktualisierte und verbreiten half. (...) Inhaltlich und formal (...) entfernte sich die libertäre Bürgerkriegsliteratur in signifikanter Weise von ihren ideologischen 'Wurzeln'. Sie näherte sich statt dessen der profranquistischen Bürgerkriegsliteratur an, aktualisierte nationalistische, kolonialistische und sogar rassistische Theoreme und schuf ihren eigenen Spanienmythos" (S. 30).




Der folgende von Indymedia Barcelona übersetzte und auf Anarchist News veröffentlichte Text enthält in Antwort auf die Aktionen nihilistischer Gruppen einige lesenswerte inhaltliche Standpunkte. FOR ANARCHY AND ALL THE TASKS OF THE STRUGGLE!

Communiqué for Anarchist Actions in Barcelona and Response to the Nihilist Comrades

With this communiqué, we wish to claim the following actions, as part of a struggle for the destruction of the State, Capital, patriarchy, and any system of domination, a struggle for the free creation of voluntary and solidaristic relations at the global and local level; in other words, a struggle for anarchy.
 

  • May 5, at night, we told a child the story of the maquis and the anarchist struggle against Franco and against democracy.
  • May 13, we cooked a healthy meal for a comrade who has a chronic illness.
  • May 17, we wrote a letter to a comrade imprisoned for participating in a riot.
  • June 12, we took care of the infant of some friends who suffer economic precarity and the imposed obligation of wage labor.
  • June 16, we spoke publically with our neighbors about the need to burn the banks and attack the police in order to realize our dreams.
  • June 19, we told some leftist activists that the masked-ones were not police infiltrators but ourselves, and that it was necessary and good to mask up and take the streets with force.
  • June 20, we gifted vegetables from our garden to friends and neighbors, without money or exchange.


Why do we claim these actions? In the last months, we have also barricaded roads with dumpsters, burned banks, injured journalists, smashed shop windows, and attacked cops.

For us, the attacks against the system are essential to our struggle. But we've fooled ourselves. A struggle does not consist only in attacks. The attacks are NOT more important than the need to care for ourselves, to preserve and spread our collective history, to create relations based in the gift, solidarity, and reciprocity, to imagine new worlds and new struggles, to confront our isolation and establish subversive and honest relationships with people outside of the categoric and political ghetto in which the Spectacle hides us.




In Ägypten kommt es seit dem 25. Jänner zu einer neuen Welle an Demonstrationen, Protesten und Aufständen, bei denen bislang dutzende Menschen getötet wurden - mehrfach schoss die Polizei in die Menge, so etwa in Port Said.

Bei diesen Protesten tauchte auch ein für den arabischen Raum neues Phänomen auf: AktivistInnen traten als Black Bloc (Teil 1) in Erscheinung, attackierten schwarz vermummt die Polizei und Einrichtungen der regierenden Muslimbruderschaft. Die größtenteils jungen und männlichen Aktivisten beziehen sich dabei auf Protestformen, die bislang hauptsächlich aus "dem Westen" bekannt waren und nutzen soziale Medien wie Facebook und Twitter für die Koordinierung ihrer Aktionen. Auf Youtube finden sich neben Statements und Videos von Gruppen wie "Black Bloc Cairo" auch arabisch untertitelte Videos über Black-Bloc-Taktiken aus Europa oder den USA, die so quasi als "Schulungsmaterial" dienen. Auch erste Musikstücke mit Bezug auf den Black Bloc kursieren im Netz.

Inzwischen wurden die Black Bloc-Taktiken auch von Gruppen übernommen, die der Militärregierung nahestehen und ursprüngliche Black Bloc-Aktivisten distanzieren sich davon (Interview November 2013).

"We are Black Bloc - We are here to fight the Muslims Brotherhood"

Der Black Bloc versteht sich als ein militanter Flügel der ägyptischen Protestbewegungen. Das teilweise martialische Auftreten wird in Videobotschaften u.a. mit der Bereitschaft begründet, Versammlungen der Opposition vor Angriffen durch die Polizei oder von Schlägertrupps zu schützen. So wird die Polizei etwa offen davor gewarnt, die Proteste am Tahrir-Platz in Kairo oder anderswo anzugreifen. Gegründet worden sei die lose organisierte Gruppe in Reaktion auf Zusammenstöße im Dezember 2012, als eine Sitzblockade beim Präsidentenpalast von Schlägern attackiert wurde - bei den folgenden Straßenschlachten kamen mehrere Personen ums Leben.




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