Im Februar berichtete ich an dieser Stelle über eine Auseinandersetzung in einem Mayr Melnhof-Werk in England. Die Unternehmensleitung sperrte damals nach einem 24stündigen Streik die ArbeiterInnen aus - die erste Aussperrung in der Branche seit 1958. Inzwischen hat die Konzernleitung die Schließung der Fabrik beschlossen, was die ArbeiterInnen nicht hinnehmen wollen...

Ein zweiter interessanter Streik fand in Deutschland Anfang April statt. Dort legten ArbeiterInnen des Fahrradproduzenten MIFA in einem wilden Streik spontan die Arbeit nieder und setzten so um 150.- Euro / Monat höhere Löhne durch. Die Auseinandersetzung entzündete sich hier daran, dass polnischen LeiharbeiterInnen bessere Löhne gezahlt wurden (ca. 1.400.- Brutto) - was so einiges an Rückschlüssen zum Lohnniveau der Stammbelegschaft im Werk zulässt. Die spärlichen Zeitungsinformationen würden deshalb auch eine nationalistische Interpretation zu diesem wilden Streik zulassen, wobei zu Bedenken ist, dass es offenbar nicht um die Ersetzung "polnischer" Leiharbeitskräfte durch "deutsche" ging, sondern einzig um Lohnverbesserungen für die Stammbelegschaft. Spannend an diesem Streik ist auch die Nichtpräsenz der IG Metall - die Belegschaft hatte wohl selbst die Initiative ergriffen und war damit erfolgreich. Direct Action gets the goods!



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Arbeiter_innen besetzen erneut Mayr Melnhof-Werk

Der österreichische Kartonhersteller Mayr Melnhof hat am Donnerstag angekündigt, eines seiner beiden britischen Faltschachtelwerke zu schliessen. Als Grund führte der börsenotierte Branchenprimus die “wirtschaftlichen Gegebenheiten, die jüngsten Marktentwicklungen und Veränderungen bei den Kunden” an.

Nun heißt es bei der Drucker- und Papiergewerkschaft Unite, dass die Arbeiter des betroffenen Werks bei Liverpool vor Ort zu verhindern versuchen werden, dass die Maschinen abmontiert und abtransportiert werden – sie fördern eine höhere Abfindung als das gesetzliche Minimum.

Wie das WirtschaftsBlatt bereits berichtete, sind die 149 Arbeiter im Februar mehrmals in den Streik getreten, ehe sie am 18. Februar vom Gelände gesperrt wurden – seitdem stehen Streikposten 24 Stunden am Tag vor der Werkseinfahrt in Bootle. Streikgrund war der geplante Stellenabbau und die von der Unternehmensleitung in Aussicht gestellten Abfindungen – sie sollen wesentlich niedriger sein als jene bei Kündigungsrunden in 2010. Vor zwei Wochen wurden dann 48 der 149 Arbeiter gekündigt, vier weitere entlassen.

Protest vor der Botschaft

Am Freitag hielten 25 Arbeiter einen Protest vor der österreichischen Botschaft in London ab. Unite-Vertreter Phil Morgan: “Der Grund für die Werksschließung sind der Streik und die Aktionen der Gewerkschaft und nicht die wirtschaftliche Lage. Wir fordern die Unternehmensleitung auf, zum Verhandlungstisch zurückzukehren und die Abfindungen an das Niveau von 2010 anzuheben.” Die letzten Verhandlungen gab es im Februar, sagt Morgan.

Der Grund für den geplanten Stellenabbau bei Mayr Melnhof Packaging in Bootle soll der Verlust eines Teilauftrags von Kellogg’s zu Jahresbeginn gewesen sein. Durch den Streik und den Produktionsstopp soll es bei Kellogg’s im März zu Lieferschwierigkeiten gekommen sein. Kellogg’s soll dann von Mayr Melnhof via Deutschland beliefert worden sein. Eine Anfrage diesbezüglich ließ Kellogg’s unbeantwortet.

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2012/04/04/arbeiter_innen-besetzen-erneut-mayr-melnhof-werk/

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Wilder Streik im Mansfelder Land erfolgreich

Belegschaft der Fahrradfabrik Mifa erkämpft 150,- EUR mehr pro Monat. Wie die Mitteldeutsche Zeitung in ihrer Online-Ausgabe vom 4. April 2012 vermeldet, hat die Belegschaft der börsennotierten Mitteldeutsche Fahrradwerke AG (MIFA) in Sangerhausen Mitte März 2012 in einer spontanen Streikaktion höhere Löhne durchgesetzt.

Zuletzt machte der “größte deutsche Fahrrad Produzent” durch eine hohe Kapital-Beteiligung des Carsten Maschmeyer von sich reden, sowie durch einen unrühmlichen Beitrag zum legendären “Strike Bike” von 2008 in Nordhausen.

“Wie erst jetzt bekannt wurde, standen nach MZ-Informationen in einer Nachtschicht Mitte März für zwei Stunden die Montagebänder still. Erst nach einer Zusage, 150 Euro mehr Bruttolohn zu erhalten, hätten die Beschäftigten die Arbeit wieder aufgenommen, wurde der MZ mitgeteilt. [...] Jetzt bekommen wir 150 Euro mehr. Ein Anfang ist gemacht und wir werden auf jeden Fall weiter kämpfen”, so ein Beschäftigter gegenüber der MZ, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben will. So sei der Stammbelegschaft aufgestoßen, dass die befristet eingestellten polnischen Beschäftigten 1 400 Euro und damit deutlich mehr Lohn bekämen. Das Geld sei bar ausgezahlt worden. Angesichts der finanziellen Differenzen sei es zu der spontanen Arbeitsniederlegung gekommen. Mifa-Vertreter hätten daraufhin erklärt, dass die Mehrzahlungen an die Polen für Unterkunft und Transport zwischen Vatterode und Sangerhausen gezahlt würden.”

Bemerkenswert scheint, dass in Teilen Ostdeutschlands das Lohnniveau inzwischen so verheerend ist, dass offenbar Leiharbeiter bzw. Werkvertragsarbeiter aus dem benachbarten Ausland mehr erhalten als Festangestellte. Bemerkenswert auch – glaubt man der Presse – die Nichtpräsenz der IG Metall, die in dem Konflikt anscheinend keine Geige gespielt hat. Die Mifa scheint zu den zahlreichen Betrieben zu gehören, die durch Tarifflucht Lohndumping und Gewerkschaftsfreiheit erreichen wollten und konnten. Die MIZ schreibt weiter: “Die IG Metall hält sich indes deutlich zurück und bot den Beschäftigten Beratungen im Servicebüro in Sangerhausen an. Almut Kapper-Leibe, 2. Bevollmächtigte der Industriegewerkschaft im Bezirk Halle, verwies darauf, dass die Mifa nicht tarifgebunden sei. “Sollten die Angaben der Mitarbeiter stimmen, so würde dies auch den von den Gewerkschaften geforderten gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro massiv unterschreiten”, sagte die Gewerkschaftsvertreterin. “Die Schilderungen passen ins Bild der prekären Arbeitsverhältnisse und decken sich mit unseren Erfahrungen von Beschäftigten der Mifa aus der Vergangenheit”, so Kapper-Leibe.”

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2012/04/05/wilder-streik-im-mansfelder-land-erfolgreich/


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